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Autor: Kai Olschewski
Fach: Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Details
Tags: Nachrichtenwerttheorie, Ereignis, Nachricht
Jahr: 2005
Seiten: 33
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 14 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 230 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-55412-1
Textauszug (computergeneriert)
Universität Hannover, Institut für Politische Wissenschaft
Seminar: Medienpolitik in Deutschland
WS 2005/ 2006, 10. Fachsemester
Die Nachrichtenwerttheorie – Wie ein Ereignis zur Nachricht wird
von: Kai Olschewski
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Geburtsstunde des Nachrichtenwertes in den USA 4
3. Einar Östgaard: Wegbereiter für Europa 6
4. Die erste Nachrichtenwerttheorie 9
4.1. Zwölf Nachrichtenfaktoren 10
4.2. Fünf Hypothesen 14
4.3. Diskussion und Kritik 15
5. Methodologische Kritik 16
6. Die Konstruktion von Realität in den Mediennachrichten 17
6.1. Überarbeitung des Nachrichtenfaktorenkataloges 18
6.2. Unterschiedliche Einflüsse der Nachrichtenfaktoren 19
7. Kausalmodell vs. Finalmodell 20
8. Der prognostische Gehalt der Nachrichtenwerttheorie 23
8.1. Reformulierung 23
8.2. Analysemodell 24
8.3. Diskussion und Kritik 26
9. Zusammenfassung und Ausblick 28
10. Abbildungsverzeichnis 31
11. Literaturverzeichnis 32
1. Einleitung
Die US-Tageszeitung „New York Times“ wirbt bereits seit über 100 Jahren mit dem Slogan „All the news that’s fit to print“ um ihre Leser. Was soviel bedeutet wie „Alle Neuigkeiten, die es wert sind gedruckt zu werden“. Bei genauerer Betrachtung ist dieser Spruch ebenso griffig wie nichts sagend. Denn wann wird ein Ereignis eigentlich zur Nachricht und wann ist sie es wert, gedruckt zu werden? Dies wiederum wirft die Fragen auf, nach welchen Kriterien Journalisten auswählen und welche Einflussfaktoren dabei eine Rolle spielen. Und letztendlich: Kann die Realität in der journalistischen Berichterstattung überhaupt angemessen wiedergegeben werden? Um diese Fragen zu beantworten, haben sich in der Medienwissenschaft drei Forschungsrichtungen etabliert.
Ein Ansatz ist die Gatekeeper-Theorie. Sie geht davon aus, dass Journalisten und Redakteure als „Torwächter“ eine Art Filterfunktion ausüben und aus einer Flut von Ereignissen einige wenige auswählen, welche dann veröffentlicht werden. Ausschlaggebend für die Selektionsentscheidung sind demnach subjektive Einstellungen der Journalisten. Dieser Forschungsansatz interessiert sich somit für die bewussten oder auch unbewussten Entscheidungsprozesse und impliziert, dass durch die vorangegangene Selektion der Journalisten nur noch eine sehr begrenzte Informationsmenge beim Medienkonsumenten ankommt.1
Der zweite Ansatz innerhalb der Medienwissenschaft ist die News-Bias-Forschung. Diese Forschungsrichtung konzentriert sich darauf, Unausgewogenheiten, Einseitigkeiten und politische Tendenzen in der Berichterstattung zu ermitteln und die Gründe dafür zu analysieren. Die Grundüberlegung lautet, dass Massenmedien keineswegs die Realität lediglich reflektieren, sondern dass die Nachrichtenauswahl der Journalisten vielmehr einseitig und politisch motiviert ist.
Die Nachrichtenwerttheorie stellt schließlich den dritten Ansatz dar. Sie geht davon aus, dass Ereignisse über klar bestimmbare Eigenschaften verfügen, die über die Publikationswürdigkeit eines Ereignisses entscheiden. Daraus werden Rückschlüsse über das Selektionsverhalten von Journalisten gezogen. Laut der Nachrichtenwerttheorie bestimmt demnach nicht die subjektive Auswahl des Journalisten, was in der Zeitung steht und was nicht. Vielmehr sind die quasi-objektiven Eigenschaften eines Ereignisses maßgeblich dafür verantwortlich. Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass sich die drei Forschungsrichtungen nicht immer klar voneinander trennen lassen. Häufig kommt es zu Überschneidungen und oftmals ergänzen sich die unterschiedlichen Ansätze. Im Mittelpunkt dieser Hausarbeit steht die Nachrichtenwerttheorie. Zunächst verschafft der vorliegende Text einen Überblick über deren Ursprung und historische Entwicklung. Anschließend werden grundlegende theoretische Modelle aufgezeigt. Im weiteren Verlauf werden dann neue Forschungsansätze vorgestellt. Neben einer Darstellung und Würdigung der theoretischen Konstrukte sollen zudem mögliche Schwachstellen analysiert und diskutiert werden. Am Ende steht ein Resümee über den aktuellen Stand der Nachrichtenwertforschung. Eine Diskussion über zukünftige Forschungsprojekte, die aufgrund neuer wissenschaftlicher Studien möglich werden, rundet diese Arbeit ab.
2. Geburtsstunde des Nachrichtenwerts in den USA
Das Buch „Public Opinion“ von Walter Lippmann (USA 1922, übersetzt ins Deutsche 1964: „Die öffentliche Meinung“) bildet die Grundlage der Nachrichtenwerttheorie. Lippmann geht davon aus, dass die Wirklichkeit nicht vollständig vom Menschen erfasst werden kann, da diese zu komplex ist. Die Realität wird daher auf Stereotypen reduziert wahrgenommen (vgl. Lippmann 1964: 61 ff.). Gleiches gilt laut Lippmann für die Medien:
„Selbst wenn alle Reporter der Welt Tag und Nacht arbeiteten, könnten sie nicht bei allen Ereignissen der Welt dabei sein. Es gibt auch nicht allzu viele Reporter. Und keiner von ihnen hat die Kraft, an mehr als einem Platz gleichzeitig zu sein. Reporter sind keine Hellseher, sie blicken in keine magische Kristallkugel, sie betrachten die Welt nicht nach Wunsch, keine Gedankenübertragung unterstützt sie. Und doch wäre der zahlenmäßige Umfang der Gegenstände, den diese verhältnismäßig wenigen Leute zu bearbeiten verstehen, wirklich ein Wunder, wäre es nicht standardisierte Routine.“ (Lippmann 1964: 230) Da es demnach unmöglich ist, das komplette Weltgeschehen vollständig zu erfassen, müssen Journalisten ständig selektieren. Unter enormen Zeitdruck prüfen sie die eingehenden Meldungen und entscheiden, aus welchen Ereignissen Nachrichten werden. Laut Lippmann geschieht dies aber nicht zufällig, sondern in einem standardisierten und routinierten Arbeitsprozess unter der Einhaltung von „Konventionen“ (vgl. Lippmann 1964: 241), von denen jeder Journalist eine ähnliche Vorstellung besitzt: „Jede Zeitung ist im Augenblick, wo sie den Leser erreicht, das Endergebnis einer ganzen Reihe von Auswahlvorgängen, die bestimmen, welche Artikel an welcher Stelle mit wie viel Raum und unter welchem Akzent erscheinen sollen. Dafür gibt es keine objektiven Regeln. Es gibt aber Konventionen.“ (Lippmann 1964: 241)
Das bedeutet, dass Nachrichten in keinem Fall die Realität widerspiegeln. Stattdessen sind sie, laut Lippmann, das Ergebnis von Selektionsentscheidungen. Dementsprechend vermitteln auch Nachrichten nur eine Reihe spezifischer und stereotypischer Realitätsausschnitte. In diesem Zusammenhang begründet Lippmann im Jahr 1922 eine Denkrichtung in der Publizistikwissenschaft, die sich später einmal zur Nachrichtenwerttheorie entwickeln sollte. Er führt erstmals den Begriff „News Value“, übersetzt „Nachrichtenwert“, ein (vgl. Lippmann 1964: 237) und meint damit die oben angesprochenen Konventionen. Lippmann sieht in dem jeweiligen Nachrichtenwert die Publikationswürdigkeit eines Ereignisses. Diese Publikationswürdigkeit steigt, je mehr Aspekte bei einem Ereignis zusammenkommen. Diese sollen beim Leser Interesse wecken und ihn emotional berühren. Zu diesen Aspekten gehören Eindeutigkeit des Geschehens, Überraschung, Konflikt, persönliche Betroffenheit und räumliche Nähe sowie zeitliche Begrenzung, Konsequenzen, Bezug zu bereits eingeführten Themen, Einfachheit und die Beteiligung einflussreicher und bekannter Personen (vgl. Lippmann 1964: 62 ff.).
Am Beispiel eines Streiks soll exemplarisch belegt werden, wie der Nachrichtenwert laut Lippmann ansteigt und welche Aspekte dazu beitragen. Schlechte Arbeitsbedingungen in einem Unternehmen sind demnach noch keine Nachricht. Erst wenn sich Arbeiter organisieren und ein Streik droht, steigt der Nachrichtenwert. Dann spielt der Aspekt „Konflikt“ eine wichtige Rolle. Zudem könnte ein „Bezug zu bereits eingeführten Themen“ entstehen, falls vor kurzem bereits ähnliche Aktionen gegeben hat. Auch die Beteiligung „einflussreicher und bekannter Personen“ ist nun gegeben, da plötzlich die prominente Arbeitgeberseite betroffen ist. Noch größer wird der Nachrichtenwert, wenn durch eine tatsächlich eingetretene Arbeitsniederlegung die Zeitungsleser direkt betroffen sind. Dann spielt auch die „persönliche Betroffenheit“ eine wichtige Rolle. Dies könnte bei einem öffentlichen Verkehrsunternehmen der Fall sein, wenn tausende Pendler nicht zur Arbeit kommen.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass Lippmann 1922 noch keine vollständige Theorie oder wissenschaftliche Hypothesen veröffentlicht hat. Mit seinen Gedanken und Überlegungen gilt er jedoch als Wegbereiter für die Nachrichtenwerttheorie, die sich ab 1965 in Europa etablieren sollte.
3. Einar Östgaard: Wegbereiter für Europa
[...]
1 Den Grundstein zur Gatekeeper-Theorie legte David Manning White 1950 mit seinem Aufsatz „The Gate Keeper: A Case Study in the Selection of News“. Dabei übertrug er das von Kurt Lewin entwickelte Konzept des „Gate-Keepers“ auf den Prozess der Nachrichtenauswahl. White beobachtete eine Woche lang die Arbeit eines Zeitungsredakteurs in einer amerikanischen Kleinstadt. Dieser war für die Auswahl, Bearbeitung und Weiterleitung von Agenturmeldungen zuständig. White wies mit seiner Studie erstmals subjektive Kriterien bei der Selektionsentscheidung von Journalisten nach (vgl. White 1950: 383 ff).
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