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Autor: Thorsten Lemmer
Fach: Pädagogik - Päd. Soziologie
Details
Institution/Hochschule: Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg (Soziologie)
Tags: Entstehung, Verlauf, Auswirkungen, Bildungsreform, Jahre, Grundlage, Helmut, Schelskys, Thesen, Erziehungssoziolgie
Jahr: 2002
Seiten: 60
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 50 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 353 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-13857-4
Textauszug (computergeneriert)
Hausarbeit im Hauptstudium zum Thema:
"Entstehung, Verlauf und Auswirkungen der Bildungsreform
der 70er Jahre auf der Grundlage von Helmut Schelsky′s Thesen"
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Helmut Schelsky′s These von der Schule als zentrale Dirigierungsstelle in
einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft
2.1. Nivellierte Mittelstandsgesellschaft oder antagonistische
Klassengesellschaft?
2.2. Die Schule als zentrale Dirigierungsstelle von Lebenschancen
2.2.1. Funktionen von Schule
2.2.2. Schule und Lebenschancen
3. Bildungskatastrophe und katholisches Arbeitermädchen vom Lande - Die
Bildungsexpansion der 60er und 70er Jahre
3.1. Ausgangslage und Motivation der Bildungsexpansion Ende der 60er Jahre
3.2. Die Folgen der Bildungsexpansion oder "Wem hat die Bildungsexpansion
genutzt?"
3.3. Ansätze zur Erklärung des Verlaufs und Endes der Bildungsexpansion
4. Konsequenzen der Bildungsexpansion (I): Ungleichheiten bestehen weiter
4.1. Familiale Sozialisation und schichtenspezifische Auslese
4.2. Versuch des Chancenausgleichs durch kompensatorische Erziehung und
Gesamtschule
5. Konsequenzen der Bildungsexpansion (II): Erhöhte Bildungsbeteiligung und
"Verwertungsprobleme"
6. Zusammenfassung
7. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Das Thema der vorliegenden Arbeit ist die Entstehung, der Verlauf und die Auswirkungen der in den 60er und 70er Jahren stattgefundenen Bildungsreform/Bildungsexpansion. Drei Fragestellungen waren für diese Arbeit forschungsleitend:
(1) Ist Schelsky heute noch aktuell?
(2) Was hat die Bildungsexpansion damit zu tun, was war sie überhaupt
und welche Folgen hatte sie und
(3) Was hat das Bildungssystem mit der Sozialstruktur zu tun oder welche
Auswirkungen gehen vom einen zum anderen aus. Diese sehr komplexen Zusammenhänge sollen im Folgenden versucht werden, etwas zu erhellen, in Beziehung zu setzen und auf einige Fragen nach Antworten gesucht werden.
Ausgegangen werden soll dabei von Helmut Schelskys These der Schule als zentraler Dirigierungsstelle für Lebenschancen, die in den 60er Jahren für viel Aufregung sorgte. Anhand dieser These sollen die Funktionen der Schule in unserer Gesellschaft verdeutlicht und das Konzept der Lebenschancen näher untersucht werden. Zuvor soll noch eine der wesentlichsten Grundvoraussetzungen der These Schelskys, die von ihm angenommene "nivellierte Mittelstands-Gesellschaft" kritisch beleuchtet werden.
Im Folgenden wird dann die sogenannte Bildungsexpansion näher untersucht und ihre Intention vor allem aus dem Blickwinkel gesellschaftlicher Ungleichheit betrachtet und nach Ungleichheiten im Zugang und Erfolg beim Besuch der Schule gefragt, da dieses Konzept der Idee Schelskys gleichsam gegenüber steht.
Die Folgen der Bildungsexpansion werden im Anschluss daran hinsichtlich der Bildungsgerechtigkeit und der Bildungsbeteiligung betrachtet und dann gelingen auch Antworten auf die These Schelskys und der Frage nach dem Erfolg der Bildungsexpansion.
Nicht nur die Bildungsexpansion sondern das gesamte Bildungs- oder Erziehungssystem lässt sich unter verschiedenen Perspektiven betrachten: So die Beziehungen zum Wirtschaftssystem, zum politischen System oder zum System der gesellschaftlichen Gemeinschaft, dem sozialen System. Keiner der Bereiche ist natürlich vom anderen zu trennen und isoliert zu betrachten, aber hier interessiert die Beziehung vom Bildungssystem zum sozialen System in besonderer Weise und darüber hinaus die Frage, inwieweit eventuell feststellbare Ungleichheiten im sozialen System mit möglicherweise bestehenden Ungleichheiten im Bildungssystem korrespondieren. Schelskys These nimmt hier insofern eine besondere Stellung ein, als sie (historisch betrachtet) schon sehr früh eine sehr extreme Position bezogen hat, der hier auch andere "Pole" gegenübergestellt werden sollen.
In nur wenigen Bereichen unseres gesellschaftlichen Systems wurden verschiedene Ansätze, Probleme und Lösungen so intensiv und konträr diskutiert als im Bildungssystem. Die Vielfalt möglicher Meinungen, Ideen und Auffassungen ist, vor allem in der Rückschau auf die bewegten 60er und 70er Jahre, enorm und durch Literatur- und Quellenstudium wohl kaum angemessen aufzuarbeiten, zumal die meisten Lösungen auf Probleme und Antworten auf Fragen noch ausstehen. Die Dynamik des Themas ist immer noch hochaktuell ist und enthält weiterhin viel politischen Zündstoff.
2. Helmut Schelskys These von der Schule als zentraler Dirigierungsstelle in einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft
In kaum einem Buch, das sich mit erziehungssoziologischen Fragen, dem Verhältnis von Erziehungs- und Gesellschaftssystem oder der Beziehung zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem beschäftigt, fehlt diese These Schelskys zur "Rolle der Schule in unserer Gesellschaftsverfassung" .
Genaugenommen handelt es sich bei dieser These um zwei unterschiedliche Thesen, die auch zu verschiedenen Zeitpunkten veröffentlicht wurden: 1957 fasste Schelsky seine Gedanken zur Erziehungssoziologie und zum Bildungswesen in der Schrift "Soziologische Bemerkungen zur Rolle der Schule in unserer Gesellschaftsverfassung" zusammen, in der er die Schule als "primäre, entscheidende und nahezu einzige soziale Dirigierungsstelle für Rang, Stellung und Lebenschancen des einzelnen in unserer Gesellschaft" beschreibt. Dabei begreift er die Gesellschaft (1953 in "Die Bedeutung des Schichtungsbegriffs für die Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft" als eine nivellierte mittelständisch-kleinbürgerliche Gesellschaft, in der durch umfangreiche Aufstiegs- (der Industriearbeiter und Angestellten) und Abstiegsprozesse (des ehemaligen Besitz- und Bildungsbürgertums) Klassen- und Schichtengegensätze abgebaut wurden zu "einer sozialen Nivellierung in einer verhältnismäßig einheitlichen Gesellschaftsschicht" . Diese Nivellierung wird vor allem durch die starke Vereinheitlichung kultureller Lebensstile verursacht, die ihre Begründung in der Massenproduktion ehemaliger Luxus- und Oberschichtengüter findet. Im Gegensatz zu dieser faktischen Nivellierung diagnostiziert Schelsky nun ein Festhalten der Menschen an sozialen Leitbildern und Prestigeschichten der alten Klassengesellschaft, da die Menschen durch die Nivellierung entwurzelt und haltlos geworden seien und diesen Zustand in ihrem Bewusstsein nicht ertragen könnten.
Die Rolle der Schule in dieser entschichteten Gesellschaft macht Schelsky an einem (idealtypischen) Vergleich der Rolle der Schule in der Klassengesellschaft und der nivellierten Berufsgesellschaft deutlich:
In der (historischen) Klassengesellschaft erfolgte die Schulwahl der Schüler schichtkongruent, d.h. war in erster Linie vom sozialen Status der Eltern bestimmt und hatte, neben Ausbildungs- und Erziehungsaufgaben, nur die Funktion, diesen zu bestätigen. Bereits in der Klassengesellschaft auftretendes individuelles Aufstiegsstreben wurde überwiegend außerschulisch versucht, durchzusetzen.
Das Schulsystem war ein Abbild der bestehenden sozialen Schichten, die Herausbildung eines neuen industriell-bürokratischen Mittelstandes brachte auch die Entwicklung einer neuen Schule, der "Mittelschule" mit sich.
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