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Wandel der Beschäftigungsstruktur in der Bundesrepublik Deutschland von 1960 bis 1970 - von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft?

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 23 Pages
Author: Sebastian Baltz
Subject: History - Newer History, European Unification

Details

Event: Die Sixties – kultureller und gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Wandel im internationalen Vergleich
Institution/College: University of Flensburg (Institut für Geschichte und ihre Didaktik)
Tags: Wandel, Beschäftigungsstruktur, Bundesrepublik, Deutschland, Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Sixties, Wandel, Vergleich
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 23
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 23  Entries
Language: German
Archive No.: V62448
ISBN (E-book): 978-3-638-55687-3
ISBN (Book): 978-3-638-66807-1
File size: 298 KB
Notes :
Diese Arbeit beinhaltet viele sozilogische Aspekte, ist also durchaus auch für Soziologie-Studenten geeignet. Neben dem "Drei-Sektoren-Modell" von J. Fourastié werden weitere Indikatoren wie BIP und Beschäftigungsstruktur behandelt.


Abstract

Aktuell wird kontrovers diskutiert, ob Deutschland auf dem Weg ist, eine Wissensgesellschaft bzw. Informationsgesellschaft zu werden, oder ob wir uns nicht schon in einer Solchen befinden. In ihrer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos weist die Bundeskanzlerin Angela Merkel darauf hin, „dass wir heute in einer Zeit leben, in der sich die Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft wandelt,“ und „dass dieser Wandel schon weit fortgeschritten ist“. Auch BGA-Präsident Anton F. Börner sieht einen „Strukturwandel in Deutschland hin zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft“. Einer der sogenannten Wirtschaftsweisen, Peter Bofinger, sieht Deutschland noch mitten im „Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft“. Norbert Lossau, Ressortleiter Wissenschaft bei der Berliner Morgenpost, vertritt wiederum die Auffassung, dass „Deutschland seinen Wohlstand keinesfalls als Dienstleistungsgesellschaft wird halten können“ und impliziert damit eine anstehende Ablösung der Dienstleistungsgesellschaft. Noch weiter geht der Soziologe Ulrich Beck mit seiner Aussage von 1997, dass eine Weltordnung zusammengebrochen sei und wir in das Zeitalter einer "zweiten Moderne" eingetreten wären. Den Beginn des Umbruchs zur „zweiten Moderne“ ordnet er in die 60er und 70er Jahre ein. Schon 1962 charakterisierte Ralf Dahrendorf die Bundesrepublik als „neue Gesellschaft“, die einen volkswirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel durchläuft. Zeitgenössische Auslegungen von Daniel Bell und Jean Fourastié sahen die Industriegesellschaft „auf dem Weg in die postindustrielle Gesellschaft“. Aus heutiger Perspektive sieht Axel Schildt den volkswirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel der 60er Jahre in „einer Entwicklungslinie, die durch das gesamte 20. Jahrhundert führt“, welche schließlich in den 70er Jahren in die Dienstleistungsgesellschaft mündete. Wolfgang Zapf schrieb 1978, dass die ersten Zechenstilllegungen und die zunehmende „Automation“ zu Beginn der Sechzigerjahre „einen tiefgreifenden Strukturwandel“ ankündigten.


Excerpt (computer-generated)

Universität Flensburg, Wintersemester 2005/2006
Institut für Geschichte und ihre Didaktik

Wandel der Beschäftigungsstruktur in der
Bundesrepublik Deutschland von 1960 bis 1970 – von
der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft?

von: Sebastian Baltz

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  1

1.1. Fragestellung und Zielsetzung  1
1.2. Aufbau der Arbeit  3

2. Die Entwicklung des gesellschaftlichen Strukturwandels  4

2.1. Die Drei-Sektoren-Theorie nach Fourastié  4
2.2. Charakterisierung der Industriegesellschaft  7
2.3. Charakterisierung der Dienstleistungsgesellschaft  8

3. Die BRD in den Sechzigerjahren – auf dem Weg zur Dienstleistungsgesellschaft?  9

3.1. Strukturwandel und Beschäftigungsstruktur  9
3.2. Die Erwerbsstruktur als Indikator  11
3.3. Das Bruttoinlandsprodukt als Indikator  14
3.4. Zusammenfassung  16

4. Interpretation und Fazit  17

5. Literatur  20

 


 

1. Einleitung

1.1. Fragestellung und Zielsetzung

Aktuell wird kontrovers diskutiert, ob Deutschland auf dem Weg ist, eine Wissensgesellschaft bzw. Informationsgesellschaft zu werden, oder ob wir uns nicht schon in einer Solchen befinden. In ihrer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos weist die Bundeskanzlerin Angela Merkel darauf hin, „dass wir heute in einer Zeit leben, in der sich die Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft wandelt,“ und „dass dieser Wandel schon weit fortgeschritten ist“1. Auch BGA-Präsident Anton F. Börner sieht einen „Strukturwandel in Deutschland hin zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft“2. Einer der sogenannten Wirtschaftsweisen, Peter Bofinger, sieht Deutschland noch mitten im „Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft“3. Norbert Lossau, Ressortleiter Wissenschaft bei der Berliner Morgenpost, vertritt wiederum die Auffassung, dass „Deutschland seinen Wohlstand keinesfalls als Dienstleistungsgesellschaft wird halten können“4 und impliziert damit eine anstehende Ablösung der Dienstleistungsgesellschaft. Noch weiter geht der Soziologe Ulrich Beck mit seiner Aussage von 1997, dass eine Weltordnung zusammengebrochen sei und wir in das Zeitalter einer "zweiten Moderne" eingetreten wären. Den Beginn des Umbruchs zur „zweiten Moderne“ ordnet er in die 60er und 70er Jahre ein5.

Schon 1962 charakterisierte Ralf Dahrendorf die Bundesrepublik als „neue Gesellschaft“6, die einen volkswirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel durchläuft. Zeitgenössische Auslegungen von Daniel Bell und Jean Fourastié sahen die Industriegesellschaft „auf dem Weg in die postindustrielle Gesellschaft“7. Aus heutiger Perspektive sieht Axel Schildt den volkswirtschaftlichen und sozialen Strukturwandel der 60er Jahre in „einer Entwicklungslinie, die durch das gesamte 20. Jahrhundert führt“8, welche schließlich in den 70er Jahren in die Dienstleistungsgesellschaft mündete. Wolfgang Zapf schrieb 1978, dass die ersten Zechenstilllegungen und die zunehmende „Automation“9 zu Beginn der Sechzigerjahre „einen tiefgreifenden Strukturwandel“10 ankündigten.

Auffällig geworden ist, dass aktuell, während der Sechzigerjahre und im Rückblick auf diese, die Diskussionen über den strukturellen Wandel Deutschlands kongruent sind. Die oben erwähnte Aussage von Bofinger (2005), dass Deutschland einen „Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft“ durchläuft, scheint deckungsgleich mit der gleichbedeutenden Aussage von Daniel Bell aus dem Jahre 197311 zu sein. Dies hinterlässt als Erkenntnis, dass die aktuelle Debatte ihren Ursprung in wesentlich späterer Zeit haben muss, gleichermaßen bestätigt durch Dahrendorfs Postulat der „neuen Gesellschaft“ von 196312. Gegenteilig dazu ist die These von Peter F. Drucker in seinem Werk „The Age of Discontinuity“ von 1969. Er sieht die Sechzigerjahre noch im „Zeitalter der Kontinuität“, also in einem Zeitraum, der zwar ökonomische Veränderungen aufwies, jedoch keine entscheidenden Veränderungen in der Struktur erlebte13. Drucker sieht also, im Gegensatz zu Dahrendorf, mit den Sechzigerjahren keine „neue Gesellschaft“ herannahen. Für ihn beginnt erst Ende der Sechzigerjahre der entscheidende Umbruch vom „Zeitalter der Kontinuität“ zum „Zeitalter der Diskontinuität“, einem Zeitalter, in dem Wissen und Information zur wichtigsten Ressource werden14. Auch Adorno formulierte noch 1968, dass die „industrielle Arbeit überall [ist] und über alle Grenzen der politischen Systeme hinaus zum Muster der Gesellschaft geworden ist“15. Abschließend lässt sich schlussfolgern, dass der Strukturwandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft ein langanhaltender Prozess ist, dessen Ursprung partiell in den Sechzigerjahren verortet wird.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, ob die 1960er Jahre tatsächlich den Höhepunkt der Industriegesellschaft verkörperten, oder in wie weit schon ein Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft stattfand. Dazu versuche ich die Prozesse eines möglichen Strukturwandels in den Sechzigerjahren nachzuzeichnen um daran aufzuzeigen, in wie weit Deutschland im Begriff war, eine Dienstleistungsgesellschaft zu werden oder gegenteilig, ob Deutschland den Höhepunkt der Industriegesellschaft erreicht hat und der Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft erst in den 1970er Jahren einsetzt.

1.2. Aufbau der Arbeit

[...]


1 Weltwirtschaftsforum Davos: Die Rede der Bundeskanzlerin im Wortlaut, in: DIE WELT vom 26.01.2006

2 "Die Bilanz sieht sehr gut aus", Interview in: DIE WELT vom 02.05.2005

3 "Wir leben unter unseren Verhältnissen", Interview in: DIE WELT vom 11.01.2005

4 „Airbus“, Kommentar von N. Lossau in: DIE WELT vom 28.04.2005

5 Vgl. Rötzer, Florian: Im Gespräch mit dem Soziologen Ulrich Beck, Interview vom 14.01.1997, erschienen im Verlag Heinz Heise, Hannover 1997

6 Schildt, Axel: Rebellion und Reform – die Bundesrepublik der Sechzigerjahre, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005, S. 13

7 Ebd., S. 17

8 Ebd., S. 14

9 Zapf, Wolfgang: Lebensbedingungen in der Bundesrepublik: sozialer Wandel und Wohlfahrtsentwicklung, 2. Aufl., Campus Verlag, Frankfurt, New York 1978, S. 229

10 Ebd., S. 230

11 Daniel Bell postulierte in seiner Studie „Die nachindustrielle Gesellschaft“ von 1973 die Transformation der Industriegesellschaft in eine postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft sowie die Etablierung dieser Dienstleistungsgesellschaft als Wissensgesellschaft. In: Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft, Reinbek Verlag, Hamburg 1979, S. 19

12 siehe Schildt, Axel: Rebellion und Reform [...], S. 13

13 Drucker, Peter F.: Die Zukunft bewältigen. Aufgaben und Chancen im Zeitalter der Ungewissheit, Econ, Düsseldorf 1969, S. 9f

14 Ebd., S. 60

15 Zapf, Wolfagang (Hrsg.): Die Modernisierung moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 25. Deutschen Soziologentages in Frankfurt am Main 1990. Campus Verlag, Frankfurt New York 1991, S. 230


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