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Scholary Paper (Seminar), 2003, 22 Pages
Author: Sabine Friedlein
Subject: German Studies - Comparative Literature
Details
Institution/College: University of Augsburg (Lehrstuhl für Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Tags: Walt, Whitmans, Amerikabild, Nationale, Selbst-, Fremdbilder
Year: 2003
Pages: 22
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 15 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-55715-3
File size: 210 KB
Schon vor der Unabhängigkeitserklärung 1776 hat die zur Abgrenzung und Identifizierung mit dem neuen Staat wichtige Polarisierung von altem Europa und neuem Amerika eine Rolle gespielt. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Fragen, inwieweit Walt Whitmans konstruiertes Amerikabild in Vers und Prosa von zeitgenössischen amerikanischen und europäischen Einflüssen geprägt wird und diese innovativ nutzt.
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Abstract
Schon vor der Unabhängigkeitserklärung 1776 hat diese zur Abgrenzung und Identifizierung mit dem neuen Staat wichtige Polarisierung von „altem“ Europa und „neuem“ Amerika eine Rolle gespielt. Im 19. Jahrhundert wird die Notwendigkeit einer kulturellen Identität Amerikas von Ralph Waldo Emersons klar formuliert. Seine berühmt gewordene Ansprache an Harvard The American Scholar (1837) bezeichnet O.W. Holmes als „our intellectual Declaration of Independence“. 1855 fasst Walt Whitman Emersons Lehre in die freien Verse der Leaves of Grass. Whitman entwirft darin und in seinem übrigen Werk ein umfassendes Autostereotyp von Amerika, indem er als typisch amerikanisch empfundene Strukturen wie Multinationalität, Demokratie, Reichtum an Natur und Natürlichkeit in die mystifizierende Lehre des Transzendentalismus bettet, sich dabei von europäischen Einflüssen löst. Es soll in dieser Seminararbeit ein allgemeiner Überblick über Whitmans Amerikabild gegeben werden, wobei aus Gründen der Stoffbegrenzung die Befassung mit Whitmans Sklaven, Frauen-, und Indianerbild ausgeklammert werden soll. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Fragen, wie Walt Whitmans Amerikabild von zeitgenössischen amerikanischen und europäischen Einflüssen geprägt wird, diese innovativ nutzt, und wie Rumsfelds Bemerkung vom „Alten Europa“ vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse zu bewerten ist.
Excerpt (computer-generated)
Universität Augsburg
Lehrstuhl für Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft
Proseminar: Nationale Selbst- und Fremdbilder
WS 2002/03
Walt Whitmans Amerikabild
von
Sabine Friedlein
1. Sem., M.A.
Komparatistik/ Anglistik/ Soziologie
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Europas Funktion bei der Entwicklung eines amerikanischen Selbstbildes 4
3. Vom Schmelztiegel zur neuen Nation und zum politischen Gegenentwurf zu Europa 6
4. Neue Ideale – die triadische Denkfigur des Transzendentalismus 10
4.1 Self: Amerika, Verkörperung von Unabhängigkeit und Individualität 10
4.2 Nature: Naturreichtum und Natürlichkeit 11
4.3 Over-Soul: Amerika als „ungereimte Poesie“
5. Demokratie als Whitmans und Amerikas neue Religion 15
5.2 Whitman als Prophet der Freiheit und Erlöser aus Fremdherrschaft 16
6. Schluss: Whitmans Amerikabild im historischen Kontext 20
7. Bibliographie 22
1. Einleitung
Auf die Weigerung Deutschlands und Frankreichs, sich an Amerikas militärischen Reaktionen auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 zu beteiligen, verkündet US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dies sei das „alte Europa“. „You’re thinking of Europe as Germany and France. I don’t. I think that’s old Europe.“1 Rumsfeld greift mit der Bezeichnung „altes Europa“ auf ein amerikanisches Europabild zurück, das sich aus der Invertierung des europäischen Amerikabildes von der „Neuen Welt“ herleitet.
Schon vor der Unabhängigkeitserklärung 1776 hat diese zur Abgrenzung und Identifizierung mit dem neuen Staat wichtige Polarisierung von „altem“ Europa und „neuem“ Amerika eine Rolle gespielt. Im 19. Jahrhundert wird die Notwendigkeit einer kulturellen Identität Amerikas von Ralph Waldo Emersons klar formuliert. Seine berühmt gewordene Ansprache an Harvard The American Scholar (1837) bezeichnet O.W. Holmes als „our intellectual Declaration of Independence“.2 1855 fasst Walt Whitman Emersons Lehre in die freien Verse der Leaves of Grass. Whitman entwirft darin und in seinem übrigen Werk ein umfassendes Autostereotyp von Amerika, indem er als typisch amerikanisch empfundene Strukturen wie Multinationalität, Demokratie, Reichtum an Natur und Natürlichkeit in die mystifizierende Lehre des Transzendentalismus bettet, sich dabei von europäischen Einflüssen löst.
Es soll in dieser Seminararbeit ein allgemeiner Überblick über Whitmans Amerikabild gegeben werden, wobei aus Gründen der Stoffbegrenzung die Befassung mit Whitmans Sklaven-, Frauen-, und Indianerbild ausgeklammert werden soll. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Fragen, wie Walt Whitmans Amerikabild von zeitgenössischen amerikanischen und europäischen Einflüssen geprägt wird, diese innovativ nutzt, und wie Rumsfelds Bemerkung vom „Alten Europa“ vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse zu bewerten ist.
2. Europas Funktion bei der Entwicklung eines amerikanischen Selbstbildes
Amerika wird seit den ersten Kolonisierungen vielfältig von Europa beeinflusst. Besonders Großbritannien als Mutterland der dreizehn Kolonialstaaten prägt bis ins 19. Jahrhundert hinein Amerikas politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Charakter. Die Amerika-Einwanderer kommen aus allen Teilen Europas, vornehmlich England, Spanien, den Niederlanden, Irland und Deutschland. Whitman selbst ordnet seinen Charakter neben dem Geburtsort Long Island seiner niederländischen und englischen Herkunft zu3, fühlt sich demnach maßgeblich von den entsprechenden zugeschriebenen Landescharakteristika geprägt.
Der den US-Amerikanern zugeschriebene Demokratie-Missionseifer findet seine Wurzeln unter anderem in den zahlreichen Flüchtlingen, die seit 1620 aus religiösen Gründen nach Amerika einwandern, um dort ihre Konfession frei auszuüben. Auch der Freiheitsgedanke und andere demokratischen Grundsätze der Declaration of Independence von 1776 stützen sich zum großen Teil auf europäisches Gedankengut der Aufklärung und angelsächsische Rechtstraditionen. Die philosophischliterarische Bewegung der Transzendentalisten wird geprägt durch die Transzendentalphilosophie des deutschen Idealismus Kants und Einflüsse der englischen Romantik.
Hegel bezeichnet 1837 Amerika als „Land der Zukunft“4, als Vorwegnahme der Zukunft Europas. Tatsächlich wird Amerika zum „Probierfeld europäischer Existenzentwürfe“5, auf das philosophische, politische, religiöse Modelle projiziert werden. Besonders das Ideal des „free country“, des freien Landes, einer reinen Demokratie der persönlichen, angeborenen Rechte des Individuums sieht man in Amerika verwirklicht.6
Ferdinand Kürnberger schreibt in seinem Roman Der Amerika-Müde (1855) über den ideologischen USA-Kult: „Der Liberalismus der Restaurationsepoche fand in Wort und Schrift über Amerika eines seiner wenigen erlaubten Ausdrucksmittel. Er benutzte es eifrig. Er feierte die Sternenbannerrepublik als die praktische Verwirklichung seines geächteten Ideals.“7
[....]
1 AM-Rumsfeld dismisses France and Germany as ‚old Europe’ . 23. Jan. 2003. 10. Sept. 2003.
<http://www.abc.net.au/am/s768388.htm>
2 Hubert Zapf (Hrsg.): Amerikanische Literaturgeschichte. Metzler 1996, S. 101.
3 Walt Whitman: „Specimen Days“ The Portable Whitman. Mark van Doren (Hrsg.). New York 1977, S. 405.
4 Peter Brenner: Reisen in die Neue Welt. Die Erfahrung Nordamerikas in deutschen Reise- und Answandererberichten des 19. Jahrhunderts. Tübingen 1991, S. 330.
5 Sigrid Bauschinger: Amerika in der deutschen Literatur. Stuttgart 1975, S. 97.
6 Nach Gottfried Berger: Amerika im XIX. Jahrhundert. Wien 1999, S. 85f.
7 Ferdinand Kürnberger: Der Amerika-Müde, Leipzig 1855, S. 85.
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