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Scholary Paper (Seminar), 2004, 21 Pages
Author: Sabine Friedlein
Subject: German Studies - Comparative Literature
Details
Institution/College: University of Augsburg (Lehrstuhl für Französische Literaturwissenschaft)
Tags: Balzacs, Realismuskonzeption, Kontext, Père, Goriot, Proseminar, Roman, Französischen, Realismus
Year: 2004
Pages: 21
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 8 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-55779-5
File size: 180 KB
Balzac verankert seinen Realismus, den er als histoire des moeurs versteht, fest in der Wirklichkeit. All is true , proklamiert er in Père Goriot. Im Gegensatz zu Stendhal haben wir es bei Balzac dennoch nicht mit einer engen literarischen Spiegelung der Wirklichkeit zu tun, sondern einem Paralleluniversum und einem eigenen Stück Wirklichkeit.
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Abstract
Balzac wird kontrovers diskutiert. Wo ihn Barthes zu einem Legitimisten gegen eigenen Willen macht, einen „réaliste malgré lui“, macht ihn Engels zum marxistischen Sprachrohr und erklärt den „Triumph des Realismus durch Balzacs Werk“. Der Fehler beider Autoren liegt bereits in der Fragestellung. Balzac empfindet sich selbst nicht als rein politisch-soziologischen Schriftsteller, sondern zeigt sich in Père Goriot als mindestens ebenso von metaphysischen, spiritualistischen Faktoren beeinflusst und von seinen energiegeladenen Charakteren fasziniert. Meist gehen die Elemente fließend ineinander über. Das macht die Faszination seines Oeuvres aus, das ebenso wie die gesellschaftliche Wirklichkeit selbst ein Amalgam aus mehreren meist untrennbar miteinander verbundenen Faktoren darstellt. Friedrich bemerkt dazu: „Jenes Bild von Paris ist, wie die ganze „Comédie humaine“, eine infernalische Poesie, worin die Abschätzung des Soziologen, der die Schäden gewahrt, überströmt wird von der Freude des zugreifenden Künstlers.“ Der Künstler Balzac, der soziologisch-wissenschaftliche, empirische Erkenntnisse mit Mystik und Physiognomik mischt, genaue Beobachtungen mit Gemeinplätzen, genaue Charakterzeichnung mit kolportagenhaften Typen, moralisierende Kommentare mit Faszination für Unmoral, detaillierte Beschreibungen mit bis ins Groteske abdriftender Hyperbolik verschmilzt, ist als romantischer Realist nicht an soziologisch-historischer Wahrheit interessiert, sondern an einer ganz subjektiven Wahrhaftigkeit.
Excerpt (computer-generated)
Universität Augsburg
Lehrstuhl für Französische Literaturwissenschaften
Proseminar: Der Roman des Französischen Realismus
Balzacs Realismuskonzeption im Kontext von Père Goriot
Sabine Friedlein
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2. Gesellschaftsportrait und Charaktere in Père Goriot ... 5
2.1 Die Pension Vauquer als Symbol für die Gesellschaft in seiner „Artenvielfalt“ ... 5
2.2 Physiognomie als Hinweis auf den Charakter der Figur ... 8
2.3 Die gesellschaftliche Umgebung als „Espèce Sociale“ ... 9
3. Dynamik der Schichten und Figuren ... 12
3.1 Soziologische Dynamik in den Gesellschaftsschichten ... 12
3.2 Mystische Dynamik durch „Enérgie“ und „Hasard“ ... 13
4. Balzacs Autorenkonzept vom visionären Sekretär ... 16
4.1 Realistische Elemente „habitudes“ und der „m(?)urs“ ... 16
4.2 Der voyant und wertender secrétaire ... 18
5. Schluss: Père Goriot als ein Amalgam aus Soziologie und Mystik ... 20
6. Bibliografie ... 21
1. Einleitung
Der literarische französische Realismus unter Stendhal, Balzac und Flaubert versteht sich als „littérature du vrai“1. Diese Forderung des Realismus, die gesamte Wirklichkeit in all ihren Spielarten zu erfassen und darzustellen bildet das Gegenteil zu den romantischen Richtlinien.
Friedrich bezeichnet Balzac als den größten Gesellschaftsanalytiker der Restaurationszeit und der Julimonarchie2. Balzac fasst bezeichnenderweise seine Romane der Comédie Humaine unter dem Überbegriff Etudes sociales zusammen, der die Etudes de moeurs (zu deren Scènes de la vie privée Père Goriot gehört), die Etudes philosophiques und die Etudes analytiques einschließt. Figuren, Handlungen und Zustände werden in Père Goriot nicht nur durch Balzacs individuelle Biografie geprägt (Rastignacs Lebenslauf besitzt große Ähnlichkeit mit Balzacs3), sondern auch durch den engen Bezug zu zeitgenössischen herrschenden wirtschaftliche, politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich mit der Französischen Revolution 1789 entscheidend zugunsten des Bürgertums und zu Lasten des Adels gewandelt haben.
Der Dynamismus dieses gesellschaftlichen Wandlungsprozesses in der nachrevolutionären demokratischen Epoche und seine Auswirkungen übt nach Friedrich (83) einen großen Reiz auf die literarische Schaffenskraft eines Balzac aus.
Balzac verankert seinen Realismus, den er als eine histoire des moeurs versteht, fest in der Wirklichkeit. „All is true“4, proklamiert er in Père Goriot. Dass er sein Werk nicht als Fiktion verstanden wissen will „ce drame n’est ni une fiction, ni un roman“ (PG 22), zeigt deutlich sein Interesse an der Wahrhaftigkeit seiner Darstellungen. Père Goriot (1835) bildet eine eigenständige gesellschaftliche Wirklichkeit und stellt die zeitgenössische französische Gesellschaft besonders durch die vorkommenden Charaktere idealtypisch dar. Noch heute ist der Roman für Historiker und Soziologen interessant, als äußerst komplexes Amalgam aus einer detaillierten Beschreibung zeitgenössischer Lebensumstände und der Behandlung sozialer Problematiken.
Im Gegensatz zu Stendhal haben wir es bei Balzac nicht mit einer „engen“ literarischen Spiegelung der Wirklichkeit zu tun, sondern einem „Paralleluniversum“ und einem eigenen „Stück Wirklichkeit“5. Eine rein soziologische Lesart von Balzacs Père Goriot als bloße „Milieustudie“ schließt sich jedoch aus, wie im Folgenden aufgezeigt werden soll.
2. Gesellschaftsportrait und Charaktere in Père Goriot
Balzac zeigt seine Faszination für alle Formen des menschlichen Lebens in seinem Anspruch, die Gesellschaft in ihrem Ganzen darzustellen, „La réalite complète dans la complète fiction“6. Durch die Widmung des Père Goriot an Saint-Hilaire betont Balzac gerade diesen Anspruch auf eine universelle Erfassung der Gesellschaft, denn Saint- Hilaires Lehre von der „unité de composition“7 spricht von einer mystischen Ursubstanz, die sich in der gesamten Gesellschaft widerspiegelt. Dieser Ursubstanz nachzuspüren ist Balzacs erstes Ziel als Schriftsteller. Die Vorstellung von einer Urmaterie, durch die im Verlauf ihrer Bewegung das Produkt der Gesamtheit der Schöpfung entstanden ist, und auch die von Balzac favorisierte Lehre vom theosophischen Illuminismus, in der der Mensch als energiegeladene Figur dargestellt wird, widerspricht der christlichen Schöpfungslehre. Balzac als überzeugter Katholik vereinbart unvereinbare Glaubensrichtungen miteinander. So auch sein Realismus, der gleichermaßen von soziologischen, wissenschaftlichen, wie mystischen Vorstellungen beeinflusst wird (nach Heitmann 44).
2.1 Die Pension Vauquer als Symbol für die Gesellschaft in seiner „Artenvielfalt“
In Père Goriot symbolisiert die Pension Vauquer die gesellschaftliche „masse bourgeoise“, die durch Victorine Taillefer und Eugène de Rastignac mit der „masse aristocratique“ verbunden ist. Der Erzähler kommentiert es in Père Goriot folgendermaßen: „Une réunion semblable devait offrir et offrait en petit les élèments d’une société complète (PG 40)“. Diejenigen, die sie verlassen, sind gesellschaftlich entweder auf- oder abgestiegen. Gesellschaftlich in das höhere aristokratische Milieu aufgestiegen sind am Ende Victorine und Eugène de Rastignac, Absteiger, zumindest im gesellschaftlichen Ansehen, sind die Verräter Poiret und Michonneau. Vautrin nimmt als verratener Unhold eine Sonderstellung ein.
Die Individuen der Gesellschaft selbst untergliedert Balzac ähnlich der Tierwelt in typische Arten.
[...]
1 Klaus Heitmann: Der französische Realismus von Stendhal bis Flaubert. Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion 1979, S. 7. Das Werk wird im folgenden unter Heitmann zitiert.
2 Hugo Friedrich: Drei Klassiker des Französischen Romans. 5., verbesserte Auflage. Frankfurt: Klostermann 1973, 75. Das Werk wird im folgenden unter Friedrich zitiert.
3 Rastignac ist im gleichen Jahr wie Balzac geboren, sein Ankunftsjahr in Paris ist ebenfalls mit dem Balzacs identisch, beide brechen das angefangene Jurastudium ab, wollen in der Gesellschaft reüssieren und besitzen eine Schwester mit Namen Laure.
4 Honoré de Balzac: Le Père Goriot. Paris: Editions Gallimard 1971, 22. Das Werk wird im folgenden unter der Sigle PG zitiert.
5 Klaus Podak: „Glühendes Leben“. SZ vom 15.05.1999.
6 Wolfzettel, Friedrich (Hrsg.): 19. Jahrhundert: Roman. Tübingen: Stauffenburg 1999, 118. Das Werk wird im folgenden unter der Sigle WZ zitiert.
7 Honoré de Balzac: „Avant-Propos de ,La Comédie humaine‘“ in La Comédie humaine. Band 1. Paris: Éditions Gallimard 1976, 7. Das Werk wird im folgenden unter der Sigle AP zitiert.
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