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Subtitle: Analyse zur Hofkritik in Christian Gotthilf Salzmanns "Carl von Carlsberg, oder über das menschliche Elend" (1783-88)
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 23 Pages
Author: Dipl.-Volkswirt (BA) Oliver Heiden
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: http://www.uni-jena.de/ (Institut für Germanistische Literaturwissenschaft)
Tags: Volksaufklärer, Gesellschaft, Christian, Gotthilf, Salzmanns, Carlsberg”
Year: 2003
Pages: 23
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 7 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-56081-8
ISBN (Book): 978-3-638-66900-9
File size: 243 KB
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Abstract
Die Hofkritik steht in einem festen literarischen Traditionszusammenhang, ihr Prozess setzte – mit Rückgriff auf die Antike – im Mittelalter ein und reichte bis nach der Französische Revolution . Dass die Hofkritik auf eine so lange Tradition zurückblicken kann, wundert wohl kaum jemanden, wenn man annimmt, dass Hobbes recht hatte, als er die Kritik an der Obrigkeit als typisch menschlich determinierte. Die Kenntnis dieser hofkritischen Tradition ist gleichsam eine Voraussetzung für das Verständnis der Werke einzelner Autoren, also demnach auch dies Salzmanns. Wo ist aber Salzmanns Hofkritik im Roman Carl von Carlsberg oder über das menschliche Elend in dieser Tradition festzumachen? Aus hofkritischer Sicht ist es tatsächlich eines der fundamentalsten Merkmale, dass Salzmann die altbewährte Staatsform des aufgeklärten Absolutismus in einer Zeit verteidigt, für die ein grundsätzliches Misstrauen gegen die absolutistisch-höfische Herrschaftsform, und politischen Diskussionen typisch waren, in denen verfassungstheoretische Überlegungen und verfassungsrechtliche Forderungen immer mehr zum Ausdruck kamen. Wer würde meinen, dass Salzmanns zurückhaltende Hofkritik aus der Zeit von Lessings, Schillers, Mosers oder Schubarts Fürstenschelte stammt? Vorliegende Arbeit versucht zu verdeutlichen, dass das, was Salzmanns Hofkritik in allen ihrer Merkmale determiniert, seine unverhüllte Absicht ist, in Carl von Carlsberg Volksaufklärung zu vollführen. Die Verbindung von jener alten literarischen Tradition der Hofkritik mit der neuen Reformbewegung der Volksaufklärung, ergibt eine spezifische Form der Fürstenschelte, wie sie bei Salzmann aufzufinden ist.
Excerpt (computer-generated)
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Hauptseminar: Christian Gotthilf Salzmanns “Carl von Carlsberg”
Sommersemester 2002, 8. Fachsemester
Ein Volksaufklärer zur höfischen Gesellschaft, Analyse zur
Hofkritik in Christian Gotthilf Salzmanns Carl von Carlsberg
oder über das menschliche Elend (1783-88)
von: Oliver Heiden
Inhaltsangabe
1. Einleitung 3
2. Volksaufklärung und Hofkritik 5
2.1. Hof als Teil der Gesellschaft 5
2.2. Selektiver Umgang mit der hofkritischen Tradition 6
2.3. Die ‚verhältnismäßige‘ Aufklärung 6
3. Adelscharakterisierung und der Hof 8
3.1. Der Landadel 8
3.2. Der Hof 11
4. Debatte zur Staatsform und Fürstencharakterisierung 16
4.1. Herrschaftsverhältnisse 16
4.2. Der Fürst 19
5. Fazit 22
6. Literaturangaben: 23
Primärliteratur: 23
Sekundärliteratur 23
1. Einleitung
Die Hofkritik1 steht in einem festen literarischen Traditionszusammenhang, ihr Prozess setzte – mit Rückgriff auf die Antike – im Mittelalter ein und reichte bis nach der Französische Revolution2. So können wir es bei Kiesel lesen. Dass die Hofkritik auf eine so lange Tradition zurückblicken kann, wundert wohl kaum jemanden, wenn man annimmt, dass Hobbes recht hatte, als er die Kritik an der Obrigkeit als typisch menschlich determinierte. Und Kiesel fügt noch zu seiner eben genannten Behauptung hinzu, dass die Kenntnis dieser hofkritischen Tradition gleichsam eine Voraussetzung für das Verständnis der Werke einzelner Autoren, also demnach auch dies Salzmanns ist3.
Wo ist aber Salzmanns Hofkritik im Roman Carl von Carlsberg oder über das menschliche Elend in dieser Tradition festzumachen? Denn wüsste man nicht genau, dass das genannte Werk im Zeitraum von 1783 bis 1788 entstand, würde man anhand der darin enthalten Hofkritik wohl leichtfertig vermuten, es stammte etwa aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg oder noch vielmehr aus jener, die von den politischen Erfahrungen aus der Französischen Revolution geprägt war. Auf jeden Fall würde man die Entstehungszeit wohl eher in einem Zeitraum vermuten, der die unübersehbare Systemapologetik, verbunden mit dem Anspruch auf Frieden und Sicherheit, von seiner epochalen Gedankenwelt mehr gerechtfertigt. Denn aus hofkritischer Sicht ist es tatsächlich eines der fundamentalsten Merkmale, dass Salzmann die altbewährte Staatsform des aufgeklärten Absolutismus in einer Zeit verteidigt, für die ein grundsätzliches Misstrauen gegen die absolutistisch-höfische Herrschaftsform, und politischen Diskussionen typisch waren, in denen verfassungstheoretische Überlegungen und verfassungsrechtliche Forderungen immer mehr zum Ausdruck kamen4. So gesehen ist Selzers Verwunderung nachzuvollziehen, demnach “im ganzen Roman keine Fürstenfigur auftritt, die eindeutig negativ gekennzeichnet ist”. Oder anders gesagt: Wer würde meinen, dass Salzmanns zurückhaltende Hofkritik aus der Zeit von Lessings, Schillers, Mosers oder Schubarts Fürstenschelte stammt?
Um diesen Widerspruch sinngemäß aufzulösen, muss man sich von einigen weniger wahrscheinlichen Erklärungen abgrenzen. So ist es zum Beispiel nicht anzunehmen, dass Salzmann – was die Hofkritik angeht – im Spätbarock verhaftet blieb und für die Entwicklung seiner Epoche blind war, oder dass er gar seine Werke erst nach der Französischen Revolution verfasste und sie absichtlich vom Verlag zurückdatieren ließ, um so den Eindruck eines Vorsehers zu erwecken. Gleichsam – wenngleich weniger – fragwürdig ist es meines Erachtens, dass Salzmann allein auf Grund seiner persönlichen Abhängigkeit vom Herzog Ernst II. auf eine schärfere Kritik verzichtet hat5. Das heißt, dass ich Selzers Erklärungsansatz in dieser Hinsicht für unzureichend halte, weil sie außer Acht lässt, dass Salzmann durchaus nicht gezwungen war, Carl von Carlsberg zu schreiben. In Anbetracht der von Selzer unterstellten Unmöglichkeit einer offenherzigen Kritik der Obrigkeit, hätte er also vom Verfassen des Romans absehen müssen. Zugleich ist aber auch zu erwähnen, dass Pfeffel, ebenfalls Philanthrop und wohl gleichermaßen abhängig vom seinerseits Darmstädter Hof, vor einer radikalen und vorrevolutionären Fürstenkritik nicht zurückschreckte6. Ich versuche in vorliegender Arbeit zu verdeutlichen, dass das, was Salzmanns Hofkritik in allen ihrer Merkmale determiniert vielmehr seine unverhüllte Absicht ist, in Carl von Carlsberg Volksaufklärung zu vollführen. Ich bin der Überzeugung, dass die Verbindung von jener alten literarischen Tradition mit der neuen Reformbewegung der Volksaufklärung diese spezifische Form der Hofkritik ergibt, wie wir sie bei Salzmann auffinden können.
2. Volksaufklärung und Hofkritik
Wie man bei Killy erfährt, erwuchs die Volksaufklärung aus einer Reform- oder Erziehungsbewegung im 18. und 19 Jh. Zunächst war diese aus lediglich ökonomischen Absichten bemüht die bäuerliche Bevölkerung mit den neuesten Erkenntnissen aufklärerischer Naturforschung bekannt zu machen, und somit den landwirtschaftlichen Nutzen zu erhöhen. Sie ergänzte sich aber spätestens seit den siebziger Jahren des 18. Jh. durch Konzepte und Strategien der sogenannten sittlich-moralischen, religiösen und politischen Erziehung7 und erweiterte somit auch ihren Adressatenkreis auf die gesamte Bevölkerung, die keine höhere Bildung erfahren hat, aus. Salzmann verbalisiert es im Brief an die Leser folgendermaßen: “Es ist keine geringe Beruhigung für mich, daß mein Buch stark gelesen wird, daß, so wie ich es wünsche, es nicht in dem Cirkel der eigentlichen Gelehrten bleibt, sondern sich aus diesem in den ungleich größeren Kreis derer verbreitet, die man zu den Ungelehrten rechnet” (V. S.1f), bzw. über Carl: “gehören denn die Werke Gottes allein dem Gelehrten, nicht auch dem Bauer und Handwerksmann zu? Hat Gott nicht seine Werke für alle zur Belehrung gemacht, die fünf Sinne und Verstand haben?” (III. S.352)8. Obgleich sich die Volksaufklärung noch immer hauptsächlich an die Bauern richtete, wandte sie sich also auch an andere städtische und ländliche Unterschichten, wie Dienstboten, Handwerker, Seeleute oder Soldaten. Ihr Hauptziel, das ohne Zweifel auch bei Salzmann wiederzufinden ist, sollte nunmehr nicht nur die praktische Lebenshilfe, sondern auch eine Veränderung der Mentalität ihrer Adressaten sein9: “Sobald aber der menschliche Verstand den Glauben, die feste Überzeugung, bekommt, daß gewisse Übel weggeschaft (sic!) werden können, so ist die Möglichkeit der Wegschaffung da. (...) Leuchtet dir die Möglichkeit einer weit größeren Erdenglückseligkeit in die Augen? Regt sich etwas in dir, das dich glauben macht, du könntest auch etwas dazu beitragen?” (Der Herausgeber an die Leser: II. S.10 u. 17) Allein aus der Tatsache, dass Salzmann Volksaufklärung betreibt, resultieren weitreichende Konsequenzen, sowohl was stilistische als auch was inhaltliche Fragen angeht. So verteidigt Häntzschel vehement in seinem Vorwort zu Carl von Carlsberg die Romanform und Salzmanns Leistung, “den herrschenden Geschmack getroffen, vertraute literarische Motive und Schemata benutzt und damit die Empfänglichkeit und Lesebereitschaft breiter Kreise gefunden zu haben”10. Zugleich ergeben sich aber aus dieser Reformbewegung auch im Zusammenhang mit der Hofkritik drei wichtige und unübersehbare Umstände, die Salzmanns Vorgehen verständlicher machen.
2.1. Hof als Teil der Gesellschaft
[...]
1 Unter ‚Hofkritik‘ verstehe ich durchgehend Hofkritik im weiterem Sinne, also sowohl Tadel am Fürsten, wie an seinen Höflingen, an Formen und Mechanismen höfischen Lebens, an höfischer und vor allem fürstlicher Politik.
2 vgl. Kiesel S.5
3 vgl. Kiesel S.19
4 vgl. Kiesel S.240
5 vgl. Selzer S.54
6 vgl. Mauser S.99
7 vgl. Killy Stichwort: Volksaufklärung S.458
8 Bei Verweisen auf Stellen im Primärtext: (Band in römischen Ziffern, Seitenzahl)!
9 vgl. Killy Stichwort: Volksaufklärung S.459
10 Häntzschel S.16
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