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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 23 Pages
Author: Nina Stein
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Trier (FB II: Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
Tags: Aurelie, Melancholikerin, Wilhelm, Meisters, Lehrjahren, Seminar, Goethes, Lehr-, Wanderjahre
Year: 2006
Pages: 23
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 18 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-56391-8
ISBN (Book): 978-3-638-67774-5
File size: 197 KB
Darstellung der Melancholie Aurelies in Goethes Roman: Leiden, Identifikation mit dem Theater und Therapieversuche
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Abstract
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Melancholie Aurelies. Diese Figur, die durchaus das vierte und fünfte Buch der ‚Lehrjahre’ prägt, ist in der Forschung bisher verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Ingrid Ladendorf macht treffende Beobachtungen, verwendet jedoch an keiner Stelle den Melancholiebegriff, der für die Interpretation Aurelies unumgänglich ist.3 Anders verfährt Monika Fick, die zwar hauptsächlich die Beziehungen Aurelies zu Lothario und Wilhelm untersucht, dabei jedoch auf die Krankheit Aurelies zurückgreift.4 Thorsten Valk5 und Franziska Schößler6 weisen nachdrücklich auf die Wichtigkeit der Melancholie und ihre Bedeutung im Zusammenhang mit Aurelie hin. Wie äußert sich die Melancholie Aurelies? Welche Faktoren tragen zur Linderung oder Forcierung bei? Wie ist Aurelies Scheitern trotz Therapieversuchen zu bewerten? Um diese Fragen zu beantworten, wird zu Beginn der Arbeit Aurelies Auftreten untersucht, an Hand dessen erste auffällige Melancholieverweise sichtbar werden. Ebenso soll der Auslöser ihrer Krankheit sowie deren Auswirkungen beleuchtet werden. Im Folgenden widmet sich die Arbeit Aurelies Liebeswunde und Todessehnsucht. Die Folgen der Beziehung zu Lothario und die nicht erwiderte Liebe sollen hierbei in Hinblick auf ihre Melancholie untersucht werden. Außerdem wird die Todessehnsucht als Krankheitssymptom des Melancholikers im Vergleich mit literarischen Leidensgenossen herausgestellt. Aurelies Schauspiel und insbesondere die Verkörperung Ophelias und Orsinas geben im zweiten Kapitel Aufschluss über ihr Selbstverständnis. Die Wirkung der Identifikation mit den von ihr gespielten Charakteren hinsichtlich ihrer Krankheit soll aufgezeigt und interpretiert werden. Das letzte Kapitel befasst sich mit den Therapieversuchen. Es stellt sich die Frage, inwieweit Wilhelm als Freund und Vertrauter Einfluss auf den Krankheitsverlauf Aurelies nehmen kann. Abschließend wird die vom Arzt empfohlene Bibliotherapie im Zusammenhang mit ihrem Tod diskutiert.
Excerpt (computer-generated)
Universität Trier, FB II: Neuere deutsche Literaturwissenschaft
Seminar: Goethes Lehr- und Wanderjahre
Wintersemester 2005/06
Aurelie als Melancholikerin in Wilhelm Meisters Lehrjahren
von: Nina Stein
Inhaltsverzeichnis
1 Melancholietradition und Melancholie in ‚Wilhelm Meisters Lehrjahren’ 3
2 Aurelie als Melancholikerin 5
2.1 Das Leiden Aurelies 5
2.2 Auftreten Aurelies und Auslöser der Melancholie 5
2.3 Liebeswunde und Todessehnsucht 7
3 Identifikation mit dem Theater 11
3.1 Ophelia 11
3.2 Orsina 12
4 Scheiternde Therapieversuche 15
4.1 Wilhelms Freundschaft 15
4.2 Bibliotherapie 17
5 Versöhnlicher Abschied aus den ‚Lehrjahren’ 20
6 Literaturverzeichnis
1 Melancholietradition und Melancholie in ‚Wilhelm Meisters Lehrjahren’
In ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre’ treten eine Vielzahl von Melancholikern auf, die an einer „pathologisch ausartenden Melancholie“1 leiden oder denen zumindest schwermütige und depressive Züge anhaften. Wilhelm, Mignon, der Harfner, Spereta, Laertes, Aurelie, der Graf und die Gräfin weisen mehr oder weniger ausgeprägte melancholische Verstimmungen auf. Goethe greift in seinen Werken, insbesondere in den ‚Lehrjahren’, auf die unterschiedlichsten Melancholiekonzepte zurück. Hippokrates und Theophrast liefern mit den Schriften ‚Corpus Hippocraticum’ und ‚Problemata’ die antiken Grundlagen für die Entwicklung der Melancholieauffassung in Mittelalter und Neuzeit. Die pseudoaristotelischen ‚Problemata’ gewinnen der Melancholie positive Züge ab, indem sie zwischen krankhafter und charakterbildender Melancholie unterscheiden. In der italienischen Renaissance dominiert diese Auffassung der Melancholie als Voraussetzung für Kreativität und Schöpfungskraft. Melancholie wird zunehmend als Seelenstimmung angenommen und im 18. Jahrhundert erreicht der empfindsame Melancholiekult, von der englischen Literatur ausgehend, Deutschland und Frankreich.2
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Melancholie Aurelies. Diese Figur, die durchaus das vierte und fünfte Buch der ‚Lehrjahre’ prägt, ist in der Forschung bisher verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Ingrid Ladendorf macht treffende Beobachtungen, verwendet jedoch an keiner Stelle den Melancholiebegriff, der für die Interpretation Aurelies unumgänglich ist.3 Anders verfährt Monika Fick, die zwar hauptsächlich die Beziehungen Aurelies zu Lothario und Wilhelm untersucht, dabei jedoch auf die Krankheit Aurelies zurückgreift.4 Thorsten Valk5 und Franziska Schößler6 weisen nachdrücklich auf die Wichtigkeit der Melancholie und ihre Bedeutung im Zusammenhang mit Aurelie hin. Wie äußert sich die Melancholie Aurelies? Welche Faktoren tragen zur Linderung oder Forcierung bei? Wie ist Aurelies Scheitern trotz Therapieversuchen zu bewerten? Um diese Fragen zu beantworten, wird zu Beginn der Arbeit Aurelies Auftreten untersucht, an Hand dessen erste auffällige Melancholieverweise sichtbar werden. Ebenso soll der Auslöser ihrer Krankheit sowie deren Auswirkungen beleuchtet werden. Im Folgenden widmet sich die Arbeit Aurelies Liebeswunde und Todessehnsucht. Die Folgen der Beziehung zu Lothario und die nicht erwiderte Liebe sollen hierbei in Hinblick auf ihre Melancholie untersucht werden. Außerdem wird die Todessehnsucht als Krankheitssymptom des Melancholikers im Vergleich mit literarischen Leidensgenossen herausgestellt. Aurelies Schauspiel und insbesondere die Verkörperung Ophelias und Orsinas geben im zweiten Kapitel Aufschluss über ihr Selbstverständnis. Die Wirkung der Identifikation mit den von ihr gespielten Charakteren hinsichtlich ihrer Krankheit soll aufgezeigt und interpretiert werden. Das letzte Kapitel befasst sich mit den Therapieversuchen. Es stellt sich die Frage, inwieweit Wilhelm als Freund und Vertrauter Einfluss auf den Krankheitsverlauf Aurelies nehmen kann. Abschließend wird die vom Arzt empfohlene Bibliotherapie im Zusammenhang mit ihrem Tod diskutiert.
2 Aurelie als Melancholikerin
2.1 Das Leiden Aurelies
2.2 Auftreten Aurelies und Auslöser der Melancholie
Aurelie wird in ‚Wilhelm Meisters Lehrjahren’ bereits bei ihrem ersten Auftreten als leidende Figur eingeführt. Ihr „geistreiches Gesicht“ ist durch „einen entschiedenen Zug des Kummers“7 gezeichnet. Diese Tatsache nimmt Wilhelm bei der ersten Begegnung nicht wahr, während dem Leser hingegen die Anspielung auf vorangegangenes Leid nicht entgeht. Im weiteren Verlauf des vierten Buches scheint Aurelie teilnahmslos und in sich gekehrt und Valk weist auf eine Unterhaltung mit Wilhelm hin, bei der Aurelie „ans Fenster trat und den gestirnten Abendhimmel anschaute“ (Lj. 255).8 Er bringt diese Szene mit einem Traum Wilhelms in Verbindung, in dem dieser Aurelie vor sich sieht. Abgeschieden von den anderen Traumgestalten, die sich im Garten unterhalten, blickt Aurelie aus dem Fenster eines Gartenhauses (Lj. 444,445). Weiterhin deutet Valk diese Teilnahmslosigkeit als „Hinweis auf ihr distanziertes Weltverhältnis“ und ihre „seelische Isolation“9. Die Fensterscheibe trennt Aurelie symbolisch von der Außenwelt.10 Wilhelm kann Aurelie in seinem Traum weder ansprechen noch ihr Gesicht sehen. Sie bleibt abgewandt, wodurch der Eindruck entsteht, dass sie am wirklichen Leben nicht teilhaben will oder kann. Ihre Melancholie äußert sich somit in Abgeschiedenheit und Einsamkeit.11
[...]
1 Vgl. Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 167.
2 Vgl. Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 16-51, zur antiken Melancholieauffassung zusätzlich: Flashar: Melancholie und Melancholiker, S. 21-50, 60-73.
3 Ladendorf: Zwischen Tradition und Revolution, S.59-73.
4 Fick: Das Scheitern des Genius.
5 Valk: Melancholie im Werk Goethes.
6 Schößler: Goethes Lehr- und Wanderjahre.
7 Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Hrsg. v. Ehrhard Bahr. 3. Buch, S. 251 (Lj.251).
8 Vgl. Valk: Melancholie im Werk Goethes, S. 201f.
9 Ebd., S. 202.
10 Vgl. Ebd., S.202.
11 Vgl. Schings: Melancholie und Aufklärung. Einsamkeit als Erkennungszeichen der Melancholie: S. 45, 218.
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