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Die Bedeutung des Opfers und des Sündenbockes in neueren ethisch-soziologischen Diskussionen

Termpaper, 2006, 22 Pages
Author: Henning Becker
Subject: Social Pedagogy / Social Work

Details

Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 22
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V63380
ISBN (E-book): 978-3-638-56444-1
ISBN (Book): 978-3-638-66927-6
File size: 195 KB
Notes :
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Opfertheorie des französischen Kulturanthropologen René Girard auseinander. Girard behauptet, das Opfer sei ein künstliches Produkt der Menschen, das in Krisenzeiten als Sündenbock herzuhalten habe. Vergleichend hierzu wird die ganz ähnliche soziologische Randgruppentheorie vorgestellt, um die Aktualität und Brisanz beider Theorie deutlich zu machen.


Abstract

Opfer ist ein Begriff, der in der heutigen Zeit überall bekannt ist und auch häufig – oft in sehr unterschiedlicher Absicht – verwendet wird. Doch was meint der Begriff des Opfers im Zusammenhang mit dem des Sündenbockes und dem von Gewalt? Auf diese Frage geht u.a. der französische Kulturanthropologe René Girard in zahlreichen ethisch-philosophischen Werken ein. Seine Antwort lautet: Das Opfer ist der Schlüssel jeder menschlichen Gemeinschaft und zugleich der aus ihr hervorgehenden Gewalt. Erst ein ausgewähltes Opfer dient in der Funktion eines willkürlich geschaffenen Sündenbockes der Schaffung bzw. in Krisenzeiten der Wiederherstellung menschlicher Ordnung. Das Opfer im Sinne eines Sündenbockes ist also nach Girard ein künstliches Produkt der Menschen, das für ihre selbst verursachten Missstände herzuhalten hat. Diese These ist innerhalb ethisch-philosophischer Ströme fraglos revolutionär. Und doch ist sie weder ganz neu noch unbegründet. Eine Disziplin, die sich ebenfalls mit der Problematik von gesellschaftlich Ausgestoßenen beschäftigt, ist die Soziologie. Sie versucht in diesem Zusammenhang vor allem die vielfach diskutierte Entstehung von Randgruppen als Opfer und Sündenböcke gesellschaftlich zu erklären. Kernaussage dieser Arbeit ist, dass die Opfertheorie des Kulturanthropologen Girard mit der Randgruppenerklärung der Soziologie eng verwandt ist und sich beide Ansätze wechselseitig begründen – und das wahrscheinlich, ohne dass sie gegenseitig allzu viel voneinander wahrgenommen haben, sondern eher eigenständig erarbeitet worden sind. Beiden Gedankenführungen ist daher auch höchste Aktualität zu bescheinigen. Um die Analogie und Brisanz beider Theorien zu vermitteln, muss zunächst der Ansatz Girards vom Opfer und Sündenbock erläutert werden. Anschließend ist unter soziologischen Gesichtspunkten auf die Randgruppenproblematik einzugehen. Hierbei soll an möglichst vielen Stellen bereits eine Brücke zu Girard geschlagen werden, um die Ausgewogenheit beider Argumentationswege näher zu beleuchten. Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, abschließend auf Opfer- und Sündenbocktheorien einzugehen, weder auf die von Girard noch die aus der Soziologie. Vielmehr geht es darum, einzelne besonders interessante Aspekte vergleichend zu erarbeiten. Durch die Betrachtung zweier verschiedener Ansätze sollte ein erster Einblick in mögliche und begründete Erklärungsmuster für Opfer als Sündenböcke geboten werden können.


Excerpt (computer-generated)

Evangelische Fachhochschule Berlin
Studiengang: Sozialarbeit / Sozialpädagogik
Seminar: Sozialethik (Religion und Gewalt)
SS 2006 – 6.Semester

Die Bedeutung des Opfers und des Sündenbockes in
neueren ethisch-soziologischen Diskussionen

von: Henning Becker

 


Inhaltsverzeichnis

1 Einführung 3

2 Die Opfer- und Sündenbocktheorie bei René Girard 5

2.1 Das biblisch-rituelle Opfer 5
2.2 Mimesis 6
2.3 Opfer und Sündenböcke in der heutigen Gesellschaft 8

3 Soziologische Ansätze für Randgruppen als Opfer  13

3.1 Randgruppen 13
3.2 Abweichendes Verhalten 15
3.3 Labeling Approach 16
3.4 Stigmatisierung und Diskriminierung 17

4 Opfer und Randgruppen – ein Kurzvergleich  19

5 Schlussbetrachtung  20

Literaturverzeichnis  21


 

 

1 Einführung

Opfer ist ein Begriff, der in der heutigen Zeit überall bekannt ist und auch häufig – oft in sehr unterschiedlicher Absicht – verwendet wird. Doch was meint der Begriff des Opfers im Zusammenhang mit dem des Sündenbockes und dem von Gewalt? Auf diese Frage geht u.a. der französische Kulturanthropologe René Girard in zahlreichen ethisch-philosophischen Werken ein. Seine Antwort lautet: Das Opfer ist der Schlüssel jeder menschlichen Gemeinschaft und zugleich der aus ihr hervorgehenden Gewalt. Erst ein ausgewähltes Opfer dient in der Funktion eines willkürlich geschaffenen Sündenbockes der Schaffung bzw. in Krisenzeiten der Wiederherstellung menschlicher Ordnung. Das Opfer im Sinne eines Sündenbockes ist also nach Girard ein künstliches Produkt der Menschen, das für ihre selbst verursachten Missstände herzuhalten hat.

Diese These ist innerhalb ethisch-philosophischer Ströme fraglos revolutionär. Und doch ist sie weder ganz neu noch unbegründet. Eine Disziplin, die sich ebenfalls mit der Problematik von gesellschaftlich Ausgestoßenen beschäftigt, ist die Soziologie. Sie versucht in diesem Zusammenhang vor allem die vielfach diskutierte Entstehung von Randgruppen als Opfer und Sündenböcke gesellschaftlich zu erklären. Kernaussage dieser Arbeit ist, dass die Opfertheorie des Kulturanthropologen Girard mit der Randgruppenerklärung der Soziologie eng verwandt ist und sich beide Ansätze wechselseitig begründen – und das wahrscheinlich, ohne dass sie gegenseitig allzu viel voneinander wahrgenommen haben, sondern eher eigenständig erarbeitet worden sind. Beiden Gedankenführungen ist daher auch höchste Aktualität zu bescheinigen.

Um die Analogie und Brisanz beider Theorien zu vermitteln, muss zunächst der Ansatz Girards vom Opfer und Sündenbock erläutert werden. Anschließend ist unter soziologischen Gesichtspunkten auf die Randgruppenproblematik einzugehen. Hierbei soll an möglichst vielen Stellen bereits eine Brücke zu Girard geschlagen werden, um die Ausgewogenheit beider Argumentationswege näher zu beleuchten. Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, abschließend auf Opfer- und Sündenbocktheorien einzugehen, weder auf die von Girard noch die aus der Soziologie. Vielmehr geht es darum, einzelne besonders interessante Aspekte vergleichend zu erarbeiten. Durch die Betrachtung zweier verschiedener Ansätze sollte ein erster Einblick in mögliche und begründete Erklärungsmuster für Opfer als Sündenböcke geboten werden können.

2 Die Opfer- und Sündenbocktheorie bei René Girard

2.1 Das biblisch-rituelle Opfer

René Girard sieht im biblisch-rituellen Opfer einen zentralen Grund für die heutige Existenz gesellschaftlicher Opfer und Sündenböcke. Aber aus welchem Grund? Zunächst ist die Bibel, genauer das Alte Testament, heranzuziehen, das dem Opferritus unterschiedliche Funktionen zuspricht. Im Fall der „Beinahe-Opferung“ Isaaks durch Abraham bringt das Opfer bedingungslosen Gottesgehorsam zum Ausdruck. Girard erkennt daher im Opfer auch einen grundsätzlichen Vermittler zu Gott.1 Noch heute gibt es Kulturen, die rituelle Opfer zelebrieren, um so mit einer bestimmten Intention eine engere Verbindung zu einer Gottheit aufzunehmen. In der Regel sind dies Naturreligionen.

Ein weiterer Aspekt muss beachtet werden: Im Alten Testament sind es (fast) ausschließlich Tiere, die geopfert werden, keine Menschenopfer. Besonders deutlich wird dies noch einmal dadurch, dass auch bei der o.g. „Beinahe-Opferung“ letztlich ein Tier geopfert wird und nicht Isaak. Girard ordnet dem animalischen und rituellen Opfer daher auch eine stellvertretende Funktion zu. Folglich müsse die Bedeutung des rituellen Opfers, so Girard, noch weiter ausgelegt werden. Eben weil das (Tier-)Opfer nur als ein Ersatzopfer anzusehen sei, werde ersichtlich, dass es als ein „unschuldiges“ Wesen für einen „Schuldigen“ den „Kopf hinhalten“ müsse.2 Es stellt sich die Frage, weshalb aber die Menschen im Alten Testament oder später die (israelitische) Gemeinschaft immer wieder unschuldige Lebewesen als Opfertiere wählten. Dass es sich hierbei nur um bedingungslosen Gottesgehorsam handelt, kann nicht unterstellt werden. Girard interpretiert aufgrund der Stellvertreterfunktion des Opfers dessen zentrale Bedeutung darin, dass es in Zeiten, in denen Krisen vorherrschten, einerseits der Versöhnung mit Gott und dadurch andererseits der Überwindung dieser Krise diente. Die Krise sieht Girard v.a. in drohender Eskalation von Gewaltakten innerhalb der Gemeinschaft und in Plagen.3

[...]


1 vgl. Girard 1999. S.17.

2 vgl. Girard 1999. S.13.

3 vgl. Girard 1999. S.11ff.


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