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Macht, Schein und Legitimität - Das Politische in Schillers Drama Maria Stuart

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 35 Pages
Author: Annika Weißsohn
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Hauptseminar "Schillers späte Dramen"
Institution/College: RWTH Aachen University (Germanistisches Institut)
Tags: Macht, Schein, Legitimität, Politische, Schillers, Drama, Maria, Stuart, Hauptseminar, Schillers, Dramen
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 35
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 25  Entries
Language: German
Archive No.: V63386
ISBN (E-book): 978-3-638-56450-2

File size: 256 KB


Excerpt (computer-generated)

Germanistisches Institut der RWTH Aachen
Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminar: „Schillers späte Dramen“
WS 2005/ 06

Macht, Schein und Legitimität –
Das Politische in Schillers Drama Maria Stuart

von: Annika Weißsohn

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung S. 3

2. Schein und Sein am königlichen Hofe S. 5

2.1 Leicester S. 6
2.2 Elisabeth S. 9

3. Politik in Maria Stuart S. 16

3.1 Justiz- und Rechtskritik S. 16
3.2 Staatsräson contra Privatinteresse S. 19
3.3 Die Legitimitätsfrage S. 27

4. Fazit S. 33

5. Literaturverzeichnis S. 34


 

 

1. Einleitung

Das Drama Maria Stuart hat in der Geschichte seines Bestehens schon viele Deutungen erfahren. Es wird der religiöse Horizont hervorgehoben, die Historizität des Stoffes, oder der Fokus wird auf den Aspekt der Frauenrolle gerichtet. Oft dient das Drama als Charakterstudie, viel zitiert wird Marias Übergang zur „erhabenen, schönen Seele“. Viele Deutungen des Dramas schieben den politischen Gesichtspunkt beiseite oder erwähnen ihn nur am Rande. Doch das Politische ist in Maria Stuart auf jeder Seite zugegen. Die Handlung des Dramas findet in einer politisch hochbrisanten Zeit statt, nämlich der Elisabethanischen Ära. Die agierenden Persönlichkeiten sind Königinnen und Staatsmänner; außen- und innenpolitische Themen, Fragen nach der Legitimität und Konfessionsstreitigkeiten bestimmen ihre Handlungen. Diese Aspekte in einer Deutung hervorzuheben, ist daher legitim.

Schiller hat für sein Drama die Geschichte Englands genau studiert. Sein Interesse für das Schicksal der schottischen Königin war schon lange vor der Entstehung des Stückes geweckt. Bereits im März 1783 schreibt er in einem Brief an Wilhelm Friedrich Hermann Reinwald: „Ich hab ihm [dem Leipziger Verleger Weyland] die Prosaische Erzählung abgesagt, dafür aber meine Maria Stuart versprochen. [...] Zu meiner Maria Stuart liebster Freund schiken Sie mir doch auch jezt Geschichten.“1 Seine Quellen sind u. a. William Camdens Annales rerum anglicarum et hibernicarum regnante Elisabehta und Robertsons Geschichte von Schottland.2 Die politischen Zustände der Zeit waren ihm also vertraut und er hat sie im Drama auf explizite Weise wiedergegeben.

Doch tritt hinter der reinen Genauigkeit, der unmittelbaren Darstellung der Gegebenheiten oftmals eine Kritik hervor, die sich durchaus auf das 18. Jahrhundert übertragen lassen kann. Je genauer man das Drama auf den politischen Aspekt hin untersucht, desto mehr stellt sich die Frage, inwieweit Schiller diesen zur (versteckten) Kritik an seinem Zeitalter werden lässt. Augenscheinlich wird bei der Bearbeitung auch, dass der Dichter in seinem Drama seine ästhetisch- theoretischen Schriften verarbeitet. Die Auffassung, dass nur derjenige moralisch gut ist, der selbstbestimmt handelt und zu seinen Taten mit allen Konsequenzen steht, wird überdeutlich. Schiller hat mit Maria Stuart ein sehr vielschichtiges Stück geschaffen, welches – wie oben erwähnt – eine große Anzahl an Deutungen zulässt. Das Poltische zum Fokus der Interpretation zu machen, ist daher nur eine Art, sich mit dem Drama auseinander zu setzen. Doch „[w]hen we look at Maria Stuart we realize that if Schiller had moved away from any feeling of being tied by the historical data, he had not moved away from his interest in the depiction of the world of politics.”3

Deshalb wird sich die vorliegende Hausarbeit mit diesem Themenbereich befassen. Zu Beginn wird dargestellt, dass Schiller eine augenscheinliche Kritik am Leben am Hof äußert, indem er das Thema der (höfischen) Verstellung, des Scheins und der Intrige in Maria Stuart ausbreitet. Diese Kritik wird an den beiden Charakteren Leicester und Elisabeth verdeutlicht. Weiterhin werden drei zentrale politische Themen in der Hausarbeit aufgegriffen. Es wird Schillers Kritik am Justiz- und Rechtswesen und am absolutistischen Herrschaftssystem dargestellt und die Legitimitätsfrage näher behandelt.

Am Ende wird ein themenübergreifendes Fazit Schillers politische Sichtweise verdeutlichen.

2. Schein und Sein am königlichen Hofe

LEICESTER (ihn forschend ansehend).
Verdient Ihr, Ritter, dass man Euch vertraut?
MORTIMER (ebenso).
Die Frage tu ich Euch, Mylord von Leicester.
LEICESTER. Ihr hattet mir was in geheim zu sagen.
MORTIMER. Versichert mich erst, dass ich’ s wagen darf.
LEICESTER. Wer gibt mir die Versicherung für Euch?
- Lasst Euch mein Misstraun nicht beleidigen!
Ich seh Euch zweierlei Gesichter zeigen
An diesem Hofe – Eins darunter ist
Notwendig falsch, doch welches ist das wahre?
MORTIMER. Es geht mir ebenso mit Euch, Graf Leicester.
LEICESTER. Wer soll nun des Vertrauens Anfang machen?
MORTIMER. Wer das Geringere zu wagen hat. (1697 ff.)4

Dieser Dialog zwischen Mortimer und Leicester verdeutlicht, dass das Leben am Hofe von Misstrauen geprägt ist, welches von der allgemeinen Verstellung und der Wahrung des äußeren Scheins hervorgerufen wird. Weder der junge Mortimer, der noch wenig Erfahrungen mit den Vorgängen am Hof hat, noch der erprobte Leicester wagen, den ersten Schritt zur Ehrlichkeit zu machen. Wie Tiere, die sich erst einmal „beschnuppern“ müssen, schleichen sie umeinander, bis letztlich Mortimer das Risiko eingeht und Leicester sein Vertrauen schenkt (1718 ff.). Das Verhalten der beiden Männer ist prägnant, denn die „Welt des Dramas wird sich als doppelbödig erweisen, voller Verstellung, Schein und falschen Bildern voneinander.“5 Die Welt der Könige und Machthaber ist keine ehrliche, denn es geht einzig um die Wahrung des nach außen sichtbaren Bildes. Vertrauen ist dort fehl am Platz. Auch Paulet warnt seinen Neffen Mortimer vor der „Gefährlichkeit der höfischen Sphäre, die das bevorzugte Aktionsfeld intriganter Strategen darstellt“6:

PAULET (fixiert ihn mit ernstem Blick). Höre, Mortimer!
Es ist ein schlüpfrig glatter Grund, auf den
Du Dich begeben. Lockend ist die Gunst
Der Könige, nach Ehre geizt die Jugend.
- Lass dich den Ehrgeiz nicht verführen! (1663 ff.)

Schillers Kritik am Hofleben ist eindeutig. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ – der Dichter verdeutlicht an mehreren Figuren das falsche und verstellte Spiel von politischen Machthabern und deren Günstlingen.

3.1 Leicester

[...]


1 Lecke, Bodo (Hrsg.): Dichter über ihre Dichtungen. Friedrich Schiller. Von 1795- 1805. München 1970, S. 373.

2 Vgl. Vonhoff, Dr. Gert: Maria Stuart. Trauerspiel in fünf Aufzügen (1801). In: Luserke- Jaqui, Matthias (Hrsg.): Schiller Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart 2005, S. 154.

3 Sharpe, Lesley: Schiller and the Historical Character. Presentation and Interpretation in the Historiographical Works and in the Historical Dramas. New York 1982, S. 107. (Hervorhebung vom Autor)

4 Schiller, Friedrich: Maria Stuart. Ein Trauerspiel. Mit Anmerkungen von Christian Grawe und einem entstehungsgeschichtlichen Anhang von Dietrich Bode. Stuttgart 2001. (Alle weiteren Zitate aus dem Drama Maria Stuart sind dieser Ausgabe entnommen.)

5 Herrmann, Hans Peter u. Herrmann, Martina: Friedrich Schiller: Maria Stuart. Hrsg. v. Roloff, Hans-Gert. Ffm 1989, S. 51. (Im Folgenden in den Fußnoten abgekürzt als: Herrmann, Seitenangabe)

6 Neymeyr, Barbara: Macht, Recht und Schuld. Maria Stuart. In: Sasse, Günter (Hrsg.): Schiller.Werk- Interpretationen. Heidelberg 2005, S. 112. (Im Folgenden in den Fußnoten abgekürzt als: Neymeyr, Seitenangabe)


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