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Neues Selbstbewußtsein - die erstarkende Ost-Identität und der Einheitsprozess

Seminararbeit, 2001, 23 Seiten
Autor: Daniel Körber
Fach: Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2001
Seiten: 23
Note: 3
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V6341
ISBN (E-Book): 978-3-638-13933-5

Dateigröße: 189 KB
Anmerkungen :
Aufgabe: Setzen Sie sich mit der Provokanten Aussage des Soziologen Heinz Bude auseinander: --Der erste und wichtigste Tatbestand, mit dem wir es in der neuen Bundesrepublik zu tun haben, scheint mir noch nicht richtig begriffen worden zu sein. Das ist die Wiedererstehung der DIFFERENZEN NACH DER EINHEIT. Die wechselseitigen Ethnisierungen von Ostlern und Westlern sind nach einem halben Jahrzeht nicht weicher und nachsichtiger, sondern härter und erbitterter geworden.-- (Heinz Bude, Die ironische Nation, Hamburg 1999, S.61)146 KB



Textauszug (computergeneriert)

Neues Selbstbewußtsein - die erstarkende Ost-Identität und der Einheitsprozess

von Daniel Körber

Inhalt

1. Bau auf, Bau auf! - Die Bildung einer neuen ostdeutschen Identität
vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Einheits-Streitigkeiten nach Bude Seite 3

2. Mögliche Gründe für eine Zunahme der Differenzen zwischen Ost und West Seite 6

2.1. Enttäuschungen - die Besinnung der Ostdeutschen auf ihre Vergangenheit Seite 7
2.2. Unsicherheit - von der westdeutschen Besitzstandswahrung Seite 8

3. Wie weiter? Bedingungen für eine Zu- oder Abnahme
der Differenzen im Zuge der dt. Einheit Seite 10

4. Mauer in den Köpfen? Portrait einer Wahlberlinerin Seite 14

Quellen- und Literaturverzeichnis Seite 18

1. Bau auf, Bau auf! - Die Bildung einer neuen ostdeutschen Identität
vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Einheits-Streitigkeiten nach Bude

"Der erste und wichtigste Tatbestand, mit dem wir es in der neuen Bundesrepublik zu tun haben, scheint mir noch nicht richtig begriffen worden zu sein. Das ist die Wiedererstehung der Differenz nach der Einheit. Die wechselseitigen Ethnisierungen von "Ostlern" und "Westlern" sind nach einem halben Jahrzehnt nicht weicher und nachsichtiger, sondern härter und erbitterter geworden."

Ein Mensch. Wie stolz das klingt. Ein Ossi. Das klingt stolzer. Vor allem dann, wenn es als Herkunftsangabe gesagt und als Zugehörigkeitsbezeichnung gedacht ist. "Ich bin ein OSSI." Oder auch: "ICH bin ein Ossi!". Man sieht geradezu das trotzige Aufstampfen mit dem Fuß und den herausfordernden Blick.
Vor zehn Jahren mag das anders herum gewesen sein. "Ich komme aus Berlin", sagt der Ost-Berliner, hoffend, daß der neue Wessi-Chef nicht nachfragt, aus welchem Teil genau. Und folglich ebenfalls hoffend, als Wessi durchzugehen.

Geht man nach dem von Wolf Wagner beschriebenen Modell des Kulturschocks als U-Kurve , ist diese Entwicklung ganz natürlich. Die Ostdeutschen würden demnach etwa im Endstadium der dritten Phase, dem untersten Punkt der U-Kurve, stehen.

Die Frage ist jetzt allerdings, ob sich der gemeine Ostdeutsche ans Modell hält und nun langsam anfängt, den Wiederaufstieg zu jener fünften und letzten Phase zu beginnen, die Wagner als Verständigungsphase beschreibt, in der sich die unterschiedlichen Kulturen gegenseitig verstehen und beispielsweise die gelebte Geschichte des jeweils anderen vorurteilsfrei akzeptieren.
Hier beschreibt Heinz Bude mit seinem Zitat (siehe oben) jedoch ein Szenario, das so gar nicht in den weiteren Verlauf der Kulturschock-U-Kurve passen könnte. Sein offen gehaltenes Zitat läßt zwar den Schluß zu, er gehe davon aus, daß sich die "wechselseitigen Ethnisierungen zwischen Ostlern und Westlern" nicht weiter zuspitzen. Was aber, wenn es anders herum kommt? Die Auswirkungen auf den Prozeß der Widervereinigung wären fatal.

Also muß erst einmal betrachtet und definiert werden, was Bude mit den Differenzen nach der Einheit einerseits und mit der Zunahme dieser Differenzen andererseits meint.

Die Differenzen nach der Einheit resultieren eher aus den subjektiven Erfahrungen der Ostdeutschen mit der westlichen Demokratie als aus objektiven Benachteiligungen. Letztere gibt es zwar; sie spiegeln sich beispielsweise im unterschiedlichen Lohnniveau , in der Verteilung an Immobilienbesitz oder Arbeitslosenzahlen wieder. Dennoch machen die Ostdeutschen ihre Unzufriedenheit mit dem neuen System eher an subjektiven, emotionalen, gefühlsbetonten Erfahrungen und auch Vergleichen fest. Die Ostdeutschen sind im Gegensatz zu ihren westdeutschen sogenannten Brüdern und Schwestern schließlich diejenigen, die zwei Systeme miteinander vergleichen können, in denen sie gelebt haben! Taten sie dies kurz nach der Wende 1989 in ihrer Euphorie nicht (neues System, das kritiklos hingenommen wurde), so entsteht jetzt eine zunehmende rückwärts gerichtete Identifizierung mit dem alten System, weil eben auch am neuen System Dinge festgestellt werden, die negativ belastet sind.
Beispielsweise stellt sich die westliche Demokratie in den subjektiven Empfindungen der Ostdeutschen als nicht so gerecht heraus wie erwartet . Daraus zieht die Mehrheit der Ostdeutschen den Schluß, das die Demokratie AN SICH zwar die beste Gesellschaftsform, die ERLEBTE Demokratie in der Bundesrepublik jedoch ungerecht ist und deshalb in demoskopischen Meinungsumfragen wie dem Sozialreport 1999 durchweg schlechte Noten erhält .

[...]


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