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Die Sackgasse der Dienstleistungsentwicklung - oder warum Deutschland noch immer an der Schwelle des Übergangs von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft verharrt

Autor: Sabine Scholz
Fach: Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

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Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2002
Seiten: 32
Note: sehr gut
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 312 KB
Archivnummer: V6381
ISBN (E-Book): 978-3-638-13964-9
Anmerkungen :
Diese Arbeit ist eine prüfungsrelevante Studienleistung (PSL) und gehört zum Diplom. Man bezeichnet sie auch als Hausarbeit zur Diplomarbeit, geht also über das normale Hausarbeitsniveau hinaus. 426 KB

Textauszug (computergeneriert)

Universität Bremen
Fachbereich 8 Soziologie

SS 2002
VAK-Nr.: 08-805

Dienstleistungsgesellschaft - theoretische Ansätze - reale Entwicklungen

Die Sackgasse der Dienstleistungsentwicklung
oder warum Deutschland noch immer 
an der Schwelle des Übergangs von der 
Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft verharrt

Sabine Scholz

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung: Die Aktualität der Vergangenheit 3

2. Theoretische Ansätze zur Dienstleistungsgesellschaft 6
2.1 Jean Fourastié 6
2.2 Daniell Bell 8
2.3 Alan Gartner und Frank Riessman 9
2.4 William J. Baumol 10
2.5 Jonathan Gershuny 12
2.6 Gegenüberstellung und Bewertung 13
2.7 Zwischenresümee 15

3. Der Weg in die Dienstleistungsgesellschaft 16
3.1 Entwicklung der Frauenrolle und Frauenbeschäftigung in Deutschland 16
3.2 Ursachen der Stagnation 20
3.3 Auswirkungen konservativer Frauen- und Arbeitsmarktpolitik 21
3.4 Änderung forschungsstrategischer Fragestellung 24
3.5 Die Überquerung des Rubikon 25
3.6 Resümee 26

4. Stellungnahme 26

Literaturverzeichnis  28

 

1. Einleitung: Die Aktualität der Vergangenheit

Gesellschaft ist die Basis jeglicher Überlegung und Erforschung wissenschaftlicher Soziologie. Nach Esser kann das Analyseobjekt ,,Gesellschaft" als der allgemeinste Gegenstand soziologischer Erforschung vermerkt werden, wobei die ,,...typisierende ... Beschreibung von Gesellschaften" einer der wichtigsten Aufgaben der Soziologie darstellt.1
So verwundert es auch nicht, dass der Versuch einer Antwort auf die von Armin Pongs rhetorisch gestellte Frage ,,In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?", in einer retrospektiven Betrachtung einen bunten Strauß ,,typisierender Gesellschaften" hervorzaubert. Die Vielfältigkeit der bereits vorhandenen Theorien zeigt, dass es auf diese Frage nicht die eine Antwort geben kann. Je nachdem, mit welcher Absicht, mit welcher Fragestellung, zu welcher Zeit und aus welchem Blickwinkel Gesellschaft beobachtet wird, fällt die Antwort so oder so aus, kommt die Analyse zu Gesellschaftstypen wie Risikogesellschaft, Wissensgesellschaft, Arbeitsgesellschaft und der gleichen mehr.2 Es liegt ,,schlicht und einfach im Wesen von Gesellschaft...",so Pongs weiter, ,,daß sie sich nicht kategorisieren und eingrenzen läßt, dass sie ... sich ständig bewegt und wandelt."3 Um es mit Luhmanns Worten zu sagen: ,,Wir können nur sicher sein, dass wir nicht sicher sein können, ob irgendetwas von dem, was wir als vergangen erinnern, in der Zukunft so bleiben wird wie es war."4
So oder ähnlich müssen die Überlegungen sein, die man anstellt, wenn man das von Jean Fourastié entwickelte Konzept einer Dienstleistungsgesellschaft heute liest. ,,Fourastié sah...", so Walter Siebel5 ,,.... in der Dienstleistungsgesellschaft ... eine Gesellschaft der Vollbeschäftigung mit differenzierten Berufsstrukturen und entfalteten humanen Bedürfnissen." Seit Fourastiés 1954 in deutscher Sprache erschienenem Buch ,,Die große Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts"6 gilt er als "Vater der Debatte"7 um die Dienstleistungsgesellschaft. Bereits Mitte des letzten Jahrhunderts war für ihn evident, dass die agrarische und industrielle Produktion im Gesamtkontext von Produktion an Bedeutung verlieren und durch den zunehmenden Einfluss an Dienstleistungsproduktion ersetzt würde. Darüber hinaus bedeutete für ihn das Wachstum der Dienstleistungsproduktion gleichzeitig eine Veränderung in der Qualität der Arbeit und der Gesellschaft insgesamt.8 Dreh- und Angelpunkt der Hoffnung Fourastiés war etwas Negatives, die These von der Resistenz der Dienstleistungen gegen den technischen Fortschritt. Aufgrund dieser Resistenz seien bei Dienstleistungen nur minimale Produktivitätsfortschritte zu erzielen. Wenn die Nachfrage nach Dienstleistungen steige, müsse dies dazu führen, dass immer mehr Menschen im Dienstleistungssektor beschäftigt würden, ohne dass ,,der Hunger nach Tertiärem" gestillt werden könnte. Die Dienstleistungsgesellschaft werde deshalb eine Gesellschaft dauerhafter Vollbeschäftigung sein. Zwar war Fourastié kein Soziologe, sondern Diplomingenieur und Ökonom, aber dennoch beschäftigte er sich mit der Gesellschaft, in der er lebte. Ausgangspunkt seiner Beobachtungen waren die periodisch wiederkehrenden Wirtschaftkrisen, die Klassenkämpfe und Weltkriege, die seit der Industrialisierung in Europa zu verzeichnen waren.
Beobachten wir gegenwärtig unsere Gesellschaft, so fällt auf, dass sich seit Fourastié zumindest an den periodisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen nichts verändert hat. Neu aber ist die damit einhergehende Dauerarbeitslosigkeit, die sich seit Mitte 1970 in Deutschland etabliert hat. Gerade in diesem Zusammenhang bekommt der Begriff der Dienstleistungsgesellschaft eine neue Dimension. So schreibt ein Autor des Internetmagazins TELEPOLIS9 bereits 1997 in einem Artikel mit der Ausgangsfrage nach dem ,,Mehr - Wert durch Dienst - Leistung?" für den Standort Deutschland, dass sich Politiker wie Manager auf den Begriff der Dienstleistung als Waffe gegen die Arbeitslosigkeit besinnen, nachdem das ,,Zauberwort" Multimedia die mit ihm verbundene Hoffnung auf ein Jobwunder nicht erfüllt hat. Und weiter führt er aus, dass insbesondere der Bundeskanzler10 auf Dienstleistungen als ,,Schlüssel für Wachstum und Beschäftigung im 21. Jahrhundert" setzt. Für ihn bieten sie ,,Chancen für neue, zukunftssichere Arbeitsplätze", in einer an ,,akuten Mangel an Erwerbsarbeit geplagten Republik".11
Das war vor fünf Jahren. Seither hat der Begriff Dienstleistung Eingang gefunden sowohl in unserem täglichen Sprachgebrauch als auch ,,im Wirtschaftsteil der seriösen Presse".12 Selbst die Gewerkschaften sehen ihre Veränderungen im Wandel von Industrie- zu Dienstleistungsgesellschaft.13 So steht beispielsweise der Name der größten Gewerkschaft Deutschlands - Ver.di - für vereinte Dienstleistungsgewerkschaft.14
Darüber hinaus ist der Begriff Dienstleistung aber nicht nur für die Gewerkschaften, sondern für alle entgeltlichen Tätigkeitsbereiche unserer Gesellschaft zu einem Marketingbegriff geworden. Ein Blick ins Internet zeigt, das man heute nicht nur Werbeagenturen der Gaststätten- und Hotelverbände findet, die mit dem Begriff ,,Dienstleistung" Werbung betreiben. Auch alle anderen Branchen bemühen sich mittlerweile mit diesem Aushängeschild um Kunden.15
Es hat den Anschein, als befänden wir uns bereits seit längerem mitten in einer Dienstleistungsgesellschaft von der nach der Vorstellung Fourastiés u. a. ,,Vollbeschäftigung mit differenzierten Berufsstrukturen und entfalteten humanen Bedürfnissen" zu erwarten wäre.16 Fast könnte man meinen, dass das Konzept Fourastiés, welches wir als ,,vergangen erinnern", eine reproduktive Bedeutung erlangt. Jedoch muss man bei genauer Betrachtung der (Dienstleistungs-) entwicklung feststellen, dass insbesondere die neu geschaffenen Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich oftmals nicht nur kostengünstig, sondern auch inhuman sind. Hierfür bieten eigens die Fastfood - Ketten mit ihren tayloristischen Strukturen ein ,,gutes" Beispiel. Besonders dramatisch aber ist die Entwicklung der Erwerbsarbeitslosigkeit. Noch im März 2002 meldete die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg bundesweit 4.296.200 Arbeitslose. Das waren 183.500 mehr als vor einem Jahr und 6200 mehr als vor einem Monat.17 Damit bildet Deutschland das Schlusslicht in Europa. Eine gesamtgesellschaftliche Verbesserung der Lebensqualität, wie sie Fourastié mit der Dienstleistungsgesellschaft verband, ist unter diesen Umständen lange nicht in Sicht. Grund genug, das Konzept Jean Fourastiés noch einmal genauer zu betrachten. Denn, wenn seine These von der Vollbeschäftigung durch Dienstleistung stimmte, dann müsste es doch schon längst zu einem Rückgang der Erwerbsarbeitslosigkeit gekommen sein. Das ist aber gerade nicht der Fall. Die Frage die sich hieraus ergibt heißt also: Was hat Fourastié mit seiner Theorie gemeint und warum treten die von ihm benannten Vorteile nicht in die Realität? Sind wir vielleicht noch gar nicht in einer Dienstleistungsgesellschaft angekommen? Oder verstehen wir heute unter Dienstleistung etwas anderes, als Fourastié darunter verstanden hat. Eventuell hat Fourastié sich - was die positiven Auswirkungen der Dienstleistungsgesellschaft betrifft -, aber auch nur ganz einfach geirrt?
Zunächst werden die wichtigsten theoretischen Ansätze einer Dienstleistungsgesellschaft vorgestellt. Den Anfang macht das Konzept Jean Fourastiés (2.1) Nachfolgend kommen sowohl seine Befürworter Daniell Bell (2.2), Alan Gartner und Frank Riessmann (2.3) als auch seine Kritiker William J. Baumol (2.4) und Jonathan Gershuny (2.5) ,,zu Wort". Ziel dieser Präsentation ist nicht nur die Nennung differenzierter Argumentationen zur These Fourastiés, sondern auch die Darstellung der neben seinem noch darüber hinaus existierenden und im Laufe der Zeit weiterentwickelten theoretischen Ansätzen. Anschließend folgt eine Gegenüberstellung und Bewertung der Dienstleistungstheorien (2.6), sowie ein Zwischenresümee, welches den Versuch einer Antwortfindung auf die oben genannten Fragen birgt (2.7). Um eine ganzheitliche Sicht der Entwicklung unserer ,,Dienstleistungsgesellschaft" zu gewährleisten, darf ein separater Blick auf die Stellung der Frau nicht fehlen. Ausgehend von der These, dass der Weg in die Dienstleistungsgesellschaft entscheidend von der Rolle der Frau abhängt (3), soll im ersten Schritt die Entwicklung der Frauenrolle und ihre Bedeutung auf dem deutschen Arbeitsmarkt skizziert werden. Am Ende dieser Darstellung steht dass Ergebnis, dass sich trotz verbesserter Ausbildung, vermehrter Hochschulabschlüsse und Gleichstellungsgesetze Frauenrolle und Frauenbeschäftigung in Deutschland seit der Zeit der Industrialisierung kaum verändert haben, jedenfalls nicht soviel, als dass sich ein Strukturwandel darauf zurückführen ließe (3.1). Im zweiten Schritt erfolgt eine Auseinandersetzung mit diesem Ergebnis, in dem nach Ursachen der Stagnation gefragt (3.2) sowie damit einhergehenden Folgen für unsere Gesellschaft benannt werden (3.3). Will man Konservativismus und Stagnation in der Dienstleistungsentwicklung vermeiden, so muss zukünftig die forschungsstrategische Fragestellung verändert werden, in dem man sie ,,geschlechtersensibilisiert" (3.4). Welche entscheidenden Schritte aber unternommen werden müssen, um nicht nur auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft weiter zu kommen, sondern darüber hinaus auch beide Geschlechter wieder ,,ohne Unterschied erwerbstätig" werden zu lassen, wird unter der Überschrift ,,Die Überquerung des Rubikon" dargestellt (3.5). Anschließend erfolgt ein Resümee (3.6), sowie eine Stellungnahme (4) der Verfasserin.
Zunächst gilt es jedoch, die bestehenden und für die Diskussion maßgeblichen theoretischen Ansätze einer Dienstleistungsgesellschaft vorzustellen.

2. Theoretische Ansätze zur Dienstleistungsgesellschaft

[...]

1 Vgl. Esser (1996), S. 326.

2 Vgl. Pongs (1999), S. 17.

3 Pongs (1999), S.281.

4 Luhmann, zitiert nach Pongs (1999), S. 15.

5 Walter Siebel; Dienstleistungsgesellschaft und Arbeitsmarkt; < http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/bisverlag/unireden/ur89/kap4.pdf>. ( 07.05.2002).

6 Die französische Originalausgabe erschien 1949 unter dem Titel ,,Le Grand Espoir Du XXe Siècle".

7 Häußermann/Siebel (1995), S.29.

8 vgl. Häußermann/Siebel (1995), S.34ff.

9 Stefan Krempl; 1997; ,,Mehr - Wert durch Dienst - Leistung? Der Standort Deutschland im globalen Servicemarkt";

<http://www.telepolis.de/deutsch/special/eco/1312/1.html >. ( 07.05.2002).

10 Helmuth Kohl

11 ebenda.

12 vgl. Gottschall (2001), S. 217.

13 vgl. Schulte, Dieter, in: WirtschaftsWoche-Interview vom 18.4.2002: Die SPD und die Zukunft der Gewerkschaften.

14 Die Dienstleistungsgewerkschaft, wie sie im Sprachgebrauch auch genannt wird, wurde im März 2001 gegründet und stellt einen Zusammenschluß aus den bis dahin bedeutendsten Gewerkschaften Deutschlands dar.

15 vgl. <http://www.google.de/search?q=Werbeagentur+Dienstleistung&hl=de&meta=>

16 Walter Siebel; Dienstleistungsgesellschaft und Arbeitsmarkt; < http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/bisverlag/unireden/ur89/kap4.pdf>. ( 07.05.2002).

17 < http://www.heute.t-online.de/ZDFheute/artikel/0,1251,WIRT-0-179323,00.html> . (13.5.02).

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