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Girards Theorie der Krise des Opferkults am Beispiel der Trachinierinnen von Sophokles

Termpaper, 2004, 21 Pages
Author: Martina Hrubes
Subject: Theater Studies

Details

Category: Termpaper
Year: 2004
Pages: 21
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 3  Entries
Language: German
Archive No.: V63820
ISBN (E-book): 978-3-638-56771-8

File size: 184 KB


Excerpt (computer-generated)

Universität Frankfurt am Main
PS Theater-Anthropologie
SS 2004, 6. Fachsemester

Girards Theorie der Krise des Opferkults
am Beispiel der Trachinierinnen von Sophokles

von: Martina Hrubes

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  3

2. Hauptteil  3

2.1 Das Opfer  3
2.2 Krise des Opferkultes  7
2.3 Elemente der Krise in den Trachinierinnen von Sophokles  12

3. Zusammenfassung  19

4. Bibliographie  21

 


 

1. Einleitung

Im Folgenden möchte ich versuchen, Girards Theorie des Opferkultes darzulegen. Dabei werde ich zunächst auf den mimetischen Charakter der Gewalt eingehen und erläutern, weshalb dieser eine existentielle Bedrohung für primitive Gesellschaften darstellt.

Im Zentrum dieser Ausführung werden die Eigenschaften und Funktionen des rituellen Opfers stehen. Insbesondere werden wir sehen, inwiefern das Opfer als Katalysator der Gewalt die Gemeinschaft vor einem Kollaps der inneren Ordnung bewahrt.

Im Anschluss daran werde ich auf die Krise des Opferkultes zu sprechen kommen, die durch den Verlust des Opfers ausgelöst wird, und deren Verbindung zur antiken Tragödie. Anhand der Trachinierinnen von Sophokles werde ich diese Verbindung veranschaulichen, indem ich darlegen werde, wie Girard die Theorie der Krise des Opferkultes auf diese Tragödie anwendet. Darüber hinaus werde ich versuchen, weitere Aspekte, die auf eine Krise des Opferkultes hindeuten, und auf die Girard in seiner Interpretation nicht eingeht, darzustellen und zu erläutern.

2. Hauptteil

2.1 Das Opfer

Girard beschreibt primitive Gesellschaften als permanent vom Zusammenbruch bedroht. Die Bedrohung gehe allerdings nicht primär von äußeren Feinden oder unkontrollierbaren Naturgewalten aus, sondern käme vielmehr von innen, von der der Gesellschaft innewohnenden Gewalt. Im Unterschied zu gängigen Meinungen, Aggressionen und Zwistigkeiten seien das Resultat unüberbrückbarer Differenzen, geht Girard im Gegenteil davon aus, dass Ähnlichkeit, d.h. der Mangel an Differenzen, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führt. Diese Entdifferenzierung entsteht durch das, was Girard als Mimesis bezeichnet. Der Begriff der Mimesis bezieht sich hier vor allem auf die Gleichheit des Wunsches bzw. das Begehren des gleichen Objekts, das zur Nachahmung eines anderen, der den vermeintlichen Schlüssel zum Besitz dieses Objekts in der Hand hält, führt. Es entsteht also eine Rivalität, in der die Unterschiede zwischen den Konkurrenten mehr und mehr verloren gehen. Es ist eben diese Konkurrenzsituation, die Aggression hervorruft und den Wunsch nach befreiender Gewalt weckt: „Zwei Wünsche, die das gleiche Objekt begehren, behindern sich gegenseitig. Jede mimesis, die den Wunsch zum Gegenstand hat, mündet automatisch in einen Konflikt ein.“1

Würden die Konkurrenten jedoch dem natürlichen Impuls folgen und einen gewalttätigen Konflikt heraufbeschwören, bestünde die Gefahr eines circulus vitiosus der Gewalt, der letztlich alle Mitglieder der Gemeinschaft erfassen könnte. In einem Kreislauf der Blutrache, in dem jeder Mord durch einen weiteren Mord vergolten wird, gemäß dem alttestametarischen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, ist die gesamte Gemeinschaft von der Gefahr der Auflösung „von innen heraus“ bedroht. Aus diesem Grund, so fährt Girard fort, muss Gewalt, die Racheakte nach sich ziehen könnte, vermieden werden. Gleichzeitig braucht die Gewalt jedoch ein Ventil, da sich angestaute Aggressionen anscheinend nur durch Entladung reduzieren lassen, d.h. Gewalt gehorcht einem Homöostaseprinzip. An dieser Stelle kommt das rituelle Opfer ins Spiel:

Die ungestillte Gewalt sucht und findet auch immer ein Ersatzopfer. Anstatt auf jenes Geschöpf, das die Wut des Gewalttätigen entfacht, richtet sich der Zorn nun plötzlich auf ein anderes Geschöpf, das diesen nur deshalb auf sich zieht, weil es verletzlich ist und sich in Reichweite befindet.2 Es liegt also offensichtlich in der Natur der Gewalt, dass sie sich nicht gegen das originäre Objekt der Aggression richten muss, sondern vielmehr übertragen werden kann. Die Gewalt verliert „[…]das ursprünglich anvisierte Opfer aus dem Blickfeld.“3

Das rituelle Opfer funktioniert also nach dem Grundsatz der Stellvertretung. Seine Funktion ist die Prävention von Gewalt gegen die schützenswerten Mitglieder einer Gemeinschaft: „Die Gesellschaft bemüht sich, eine Gewalt, die ihre eigenen, um jeden Preis zu schützenden Mitglieder treffen könnte, auf ein relativ wertfreies, ‚opferfähiges’ Opfer zu leiten.“4

[...]


1 Girard, Rene: Das Heilige und die Gewalt (Orig.: La violence et le sacre. 1972). Übers. v. E. Mainberger-Ruh. Zürich: Benziger Verlag AG. 1987. S. 215

2 ebd. S. 11

3 ebd. S. 15

4 ebd.S. 13


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