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Grausamkeit im Märchen

Termpaper, 2003, 18 Pages
Author: Kerstin Prinz
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Termpaper
Year: 2003
Pages: 18
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 6  Entries
Language: German
Archive No.: V63888
ISBN (E-book): 978-3-638-56825-8
ISBN (Book): 978-3-638-59892-7
File size: 174 KB

Abstract

Scheinbar ungeniert bedient sich das Märchen einer großen Zahl verschiedenster Darstellungen von Grausamkeit und Gewalt. Selbst in der letzten, stark überarbeiteten Ausgabe der "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder GRIMM fände sich eine erschreckende Zusammenstellung von Grausamkeiten. Anscheinend aber seien zahlreiche Züge von Grausamkeit nicht aus der Sammlung der KHM genommen worden, weil sie wesentlich zum Grundbestand der Erzählungstypen gehörten [vgl. RÖHRICH, S. 124]. Dafür spricht, dass die Darstellung von Grausamkeit durchaus nicht auf die Erzählungen der Brüder GRIMM beschränkt ist: ANTTI AARNE veröffentlichte 1910 ein "Verzeichnis von Märchentypen", welches STITH THOMPSON 1961 erweiterte. Es entstand ein literarisch-volkskundlicher Märchentypenkatalog, welcher die in zahllosen Varianten weltumlaufenden Erzählungen auf gewisse Grundtypen zurückführt [vgl. LÜTHI, S. 110]. Innerhalb dieses Typenkataloges lassen sich zudem verschiedene Motive von Grausamkeit auffinden, wie z. B. Brudertötung, Einmauern, Kannibalismus oder Kindstötung. RÖHRICH untersuchte anhand einzelner zentraler Beispiele, wie vielseitig grausame Motive hinsichtlich ihrer kulturhistorischen und psychologischen Beziehung sind [vgl. RÖHRICH, S. 126]. Er unterscheidet 11 Motive von Grausamkeit, und auch hier finden sich Motive von Frauenmord, Menschenopfern, Kannibalismus, Zerstückelung, oder Motive von der Sitte des Hinrichtens und grausamer Strafen. In dieser Arbeit soll anhand konkreter Beispiele aufgezeigt werden, wie Grausamkeit im Märchen auftritt und wie dieses Auftreten interpretiert werden kann.


Excerpt (computer-generated)

HEINRICH HEINE UNIVERSITÄT DÜSSELDORF
Germanistisches Institut
TPS: Ausgewählte Märchen und Narrenliteratur der Volksbuchtradition
SS 2002

Eingereicht am 15.04.2003

Grausamkeit im Märchen

von

Kerstin Prinz

 

Inhalt 

1. Einleitung 2
1.1 Problematisierung der Methode 3

2. Hauptteil
2.1 Die dargestellte Grausamkeit 5
2.2 Hinrichtungen 7
2.3 Erklärungsmodelle 8
2.3.1 Strukturelle Bedingtheit und epische Gesetze 8
2.3.2 Rechtsgeschichte und kulturhistorische Relativität von Grausamkeit 11

3. Schluss 13

4. Literaturverzeichnis 14

5. Anhang: Quellenbelege und Anmerkungen 15

 

 

1 Einleitung


"In keiner anderen Erzählgattung wird so viel geköpft, zerhackt, gehängt, verbrannt oder ertränkt wie im Märchen."

(Enzyklopädie des Märchens 1)

Scheinbar ungeniert bedient sich das Märchen einer großen Zahl verschiedenster Darstellungen von Grausamkeit und Gewalt. Selbst in der letzten, stark überarbeiteten Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder GRIMM fände sich eine erschreckende Zusammenstellung von Grausamkeiten. Anscheinend aber seien zahlreiche Züge von Grausamkeit nicht aus der Sammlung der KHM genommen worden, weil sie wesentlich zum Grundbestand der Erzählungstypen gehörten2. Dafür spricht, dass die Darstellung von Grausamkeit durchaus nicht auf die Erzählungen der Brüder GRIMM beschränkt ist:

ANTTI AARNE veröffentlichte 1910 ein „Verzeichnis von Märchentypen“, welches STITH THOMPSON 1961 erweiterte. Es entstand ein literarisch-volkskundlicher Märchentypenkatalog, welcher die in zahllosen Varianten weltumlaufenden Erzählungen auf gewisse Grundtypen zurückführt3.

Innerhalb dieses Typenkataloges lassen sich zudem verschiedene Motive von Grausamkeit auffinden, wie z. B. Brudertötung, Einmauern, Kannibalismus oder Kindstötung. RÖHRICH untersuchte anhand einzelner zentraler Beispiele, wie vielseitig grausame Motive hinsichtlich ihrer kulturhistorischen und psychologischen Beziehung sind4. Er unterscheidet 11 Motive von Grausamkeit, und auch hier finden sich Motive von Frauenmord, Menschenopfern, Kannibalismus, Zerstückelung, oder Motive von der Sitte des Hinrichtens und grausamer Strafen.

In dieser Arbeit soll anhand konkreter Beispiele aufgezeigt werden, wie Grausamkeit im Märchen auftritt und wie dieses Auftreten interpretiert werden kann.

1.1 Problematisierung der Methode

Innerhalb der Märchenforschung lassen sich drei grundsätzliche Betrachtungsweisen unterscheiden:

Die didaktische Märchenforschung untersucht unter soziologischen und psychoanalytischen Aspekten die pädagogische Funktion und die Vertretbarkeit dargestellter Grausamkeit. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob die „Darstellung von Gewalt zur Nachahmung reize […] oder eher vorhandene Aggressionen ableite […].“ (EM, 104). Die volkskundliche Märchenforschung konzentriert sich neben psychologischen auf kulturhistorische und rechtsgeschichtliche Aspekte; hier steht vor allem die Frage nach dem Wirklichkeitsbezug der Grausamkeit im Vordergrund, „da jedes Volksmärchen noch irgendwie mit der Wirklichkeit verbunden“ und phantastisch und realistisch zugleich sei. Diese Mischung mache einen wichtigen Teil seines Wesens aus5.

Der literaturwissenschaftliche Ansatz schließlich untersucht das Märchen auf seine formalen und inhaltlichen Charakteristika. Er konzentriert sich auf dessen strukturelle Bedingtheit und erzählerischen Besonderheiten, denn „den Literaturwissenschaftler interessiert das Märchen nicht als Geschichtsquelle, sondern als Erzählung.“ Dazu seien Wesen und Funktion dieser Erzählungsform zu erfassen6. Der Aspekt Grausamkeit wird hier demnach als Phänomen innerhalb der Gattung Märchen betrachtet. 

Den Aspekt eines Phänomens scheinen sowohl Märchendidaktik als auch Volkskunde auszuklammern:

Die Didaktik interessiert sich vorwiegend für Grausamkeit im Märchen hinsichtlich ihrer Wirkung auf die psychische Entwicklung des Kindes innerhalb bestimmter Sozialisationsprozesse. Sie betrachtet das Phänomen nur als mögliche Ursache. Die Volkskunde dagegen stellt historische Rechtshandhabung und kulturelles Brauchtum in den Mittelpunkt ihres Interesses, so dass die im Märchen untersuchte Grausamkeit der Gefahr unterliegt, lediglich als Nachweis historischer Begebenheiten zu dienen.

[....]


1 S. 98; im folgenden als EM abgekürzt

2 vgl. RÖHRICH, S. 124

3 vgl. LÜTHI, S. 110

4 vgl. RÖHRICH, S. 126

5 vgl. RÖHRICH, S. 3

6 vgl. LÜTHI, S. 76 f.


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