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Alfred Aldlers Individualpsychologie heute: Eine Weiterentwicklung in Theorie und psychotherapeutischer Praxis?

Autor: Dipl.-Psych. Renate Schallehn
Fach: Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

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Details

Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 1996
Seiten: 201
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 232  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 978 KB
Archivnummer: V64293
ISBN (E-Book): 978-3-638-57153-1
ISBN (Buch): 978-3-638-66991-7
Anmerkungen :
Die Diplomarbeit (ursprünglich von 1996) ist aktualisiert: im Februar 2000 habe ich im Kapitel 7.3 Ergänzungen eingefügt, die sich auf das erst 1999 in Kraft getretene Psychotherapeutengesetz beziehen.

Zusammenfassung / Abstract

Adler stellt uns mit der Individualpsychologie (IP) ein erstes Gesamtpsychotherapiemodell vor, das sowohl die normale Psyche als auch Neurosen, Psychosen, Psychopathien, Prävention und Rehabilitation umfasst. Aufgrund der Ergebnisse der Psychotherapieforschung ist die Suche nach einem umfassenden Psychotherapiemodell auch ein wichtiges Thema der Klinischen Psychologie heute. Die Nähe von Adlers psychologischem System zu anderen Wissenschaftsbereichen, vor allem zur Pädagogik und Soziologie, ist eine teleologisch-ganzheitliche und die Aktivität des Subjekts betonende Sichtweise immanent, die ebenfalls sehr aktuell anmutet. Adlers IP ist, nach ihrer fast vollständigen Auflösung in den deutschsprachigen Ländern während des 2.Weltkriegs, zunächst in Vergessenheit und/oder in Misskredit geraten und länger als die Psychoanalyse stumm geblieben. Seit den 60er Jahren entwickeln ihre Anhänger neues Selbstbewusstsein, publizieren, institutionalisieren sich und nehmen seit 1979 auch an der Krankenkassenversorgung teil. In auffälligem Gegensatz zu diesen Aktivitäten steht ihre weitgehende Abstinenz gegenüber der Akademischen Psychologie bzw. die der Akademischen Psychologie gegenüber der IP. In dieser Arbeit wird ein Beitrag zur Beantwortung der Frage geleistet, ob die IP als eine der ältesten Psychotherapie-Schulen im theoretischen Diskurs und in der psychotherapeutischen Praxis mit dem Erkenntnisstand der Akademischen Psychologie Schritt halten und in welchem Maß sie auch in unserer heutigen Gesellschaft Anteil an der Lösung oder Linderung psychischer Störungen und Krankheiten haben kann. Es geht um das der IP immanente Entwicklungspotential, aber auch um mögliche Entwicklungsbehinderungen. Die Adlerschen Menschenbildannahmen, die Schlüsselbegriffe der IP und ihr wissenschaftstheoretisches Fundament werden vorgestellt und in den folgenden Kapiteln im Zusammenhang mit der Einschätzung von Adlers erkenntnistheoretischen Positionen durch heutige Vertreter der IP thematisiert. Es wird nach Offenheit und Kommunikationsbereitschaft bei den Adlerianern, ihrem Theorie- und Praxisverständnis, ihren Institutionen und andererseits bei den Vertretern der Klinischen Psychologie, ihren Modellen von Psychotherapie und ihren Berufsverbänden, gesucht, da diese Fähigkeiten notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingungen für Weiterentwicklung sind.

Textauszug (computergeneriert)

Freie Universität Berlin
Fachbereich Erziehungswissenschaften, Psychologie und Sportwissenschaften
Studiengang Psychologie

Alfred Adlers Individualpsychologie heute:
eine Weiterentwicklung in Theorie und psychotherapeutischer Praxis?

Diplomarbeit

vorgelegt von: Renate Schallehn
vorgelegt am: 15.6.1996

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Ausgangsbedingungen und Grundlagen der Untersuchung
1.1. Das Menschenbild Alfred Adlers
1.2. Schlüsselbegriffe der Individualpsychologie
1.2.1. Minderwertigkeitsgefühl
1.2.2. Kompensation
1.2.3. Gemeinschaftsgefühl
1.2.4. Lebensstil
1.3. Aufbau und Institutionalisierung der individualpsychologischen Schule bis 1945
1.4. Wissenschaftstheoretische Fundierung der Individualpsychologie
1.4.1. Selbstaussagen Adlers
1.5. Zusammenfassung der wissenschaftstheoretischen Entwicklungen von Adler bis zur Gegenwart
1.5.1. Übertragung der neuen Ansätze auf die Psychologie
1.6. Standortbestimmung und Motivation der Verfasserin
1.6.1. Auseinandersetzung mit dem Begriff der Entwicklung

2. Neue Untersuchungen zur Geschichte der Individualpsychologie
2.1. Reorganisation und Professionalisierung der individualpsychologi-schen Schule nach dem 2.Weltkrieg bis zur Gegenwart
2.2. Auseinandersetzung mit der Organisationsstruktur der Individualpsychologie
2.3. Auseinandersetzung mit der Geschichte der Individualpsychologie
2.3.1.Verhalten von Individualpsychologen während des Faschismus
2.3.2. Sperber und die Individualpsychologen heute
2.4.Zusammenfassung

3. Neue wissenschaftstheoretische Untersuchungen zur Individualpsychologie
3.1. Rovera (1978
3.2. Antoch (1981)
3.3. Handlbauer (1984)
3.4. Winkler (1989)
3.5. Schlott (1993)
3.6. Zusammenfassung

4. Neue theoretische Untersuchungen zur Individualpsychologie
4.1. Die Suche nach Identität: Individualpsychologie als  Tiefenpsychologie?
4.2. Individualpsychologie und Psychoanalyse
4.3. Auseinandersetzung mit den individualpsychologischen Konzepten und Konstrukten
4.3.1. Individualpsychologische Konzepte
4.3.1.1. Finalität
4.3.1.2.Einheit und Ganzheit
4.3.2. Individualpsychologische Konstrukte
4.3.2.1. Minderwertigkeitsgefühl und Kompensation
4.3.2.2. Gemeinschaftsgefühl
4.3.2.3. Lebensstil
4.3.3. Das Apperzeptionskonzept als paradigmatischer Theoriekern
4.4. Zusammenfassung

5. Praxis der Individualpsychologie heute
5.1. Die Patient-Therapeut-Beziehung im psychotherapeutischen Prozess
5.1.1.Patienten mit frühen, defizitären Störungen
5.1.2. Spezifische Behandlungstechniken
5.2.Gruppenpsychotherapie
5.3. Ausbildungssituation
5.4. Zusammenfassung

6. Individualpsychologie und andere Psychotherapieschulen
6.1. Verhaltenstherapie
6.2. Familientherapie
6.3. Klientenzentrierte Psychotherapie
6.4. Körperzentrierte Psychotherapie
6.5. Zusammenfassung

7. Individualpsychologie und Akademische Psychologie heute
7.1. Grundlagenfächer
7.2. Anwendungsfächer: Klinische Psychologie
7.2.1. Krankheitsmodelle
7.2.1.1. Unterscheidung zwischen Beratung und Psychotherapie
7.2.2. Psychotherapieforschung
7.2.2.1. Integrationsmodelle
7.3. Psychotherapieschulen und Psychotherapeutengesetz
7.4. Zusammenfassung

8. Schlussfolgerungen und Ausblick

Literaturverzeichnis

 

Einleitung

Adler (1870-1937) stellt uns mit der Individualpsychologie (IP), einem vor allem aus der Therapiepraxis entstandenen psychologischen System, ein erstes Gesamtpsychotherapiemodell vor, das sowohl die normale Psyche als auch Neurosen, Psychosen, Psychopathien, Prävention und Rehabilitation umfasst. Aufgrund der Ergebnisse der Psychotherapieforschung ist die Suche nach einem umfassenden Psychotherapiemodell auch ein wichtiges Thema der Klinischen Psychologie heute. Adlers Persönlichkeitstheorie, seiner Beschreibung und Erklärung des Phänomens seelischer Krankheit, der von ihm betonten Nähe seines psychologischen Systems zu anderen Wissenschaftsbereichen, vor allem zur Pädagogik und Soziologie, ist eine teleologisch-ganzheitliche und die Aktivität des Subjekts betonende Sichtweise immanent, die ebenfalls sehr aktuell anmutet.

Schon in der Zeit vor seiner Zusammenarbeit mit Freud trat Adler für die Sozialmedizin ein und machte auf die gesellschaftlichen Faktoren der Krankheitsentwicklung aufmerksam. In den 20er Jahren im "roten" Wien haben er und seine Schüler die IP explizit zu einer Praxis ausgebaut, die sich der Prophylaxe von Entwicklungsbehinderungen verschrieben hat. Prophylaxe auf dem Gebiet seelischer Gesundheit ist ein gesellschaftlich eingefordertes Gebot der Gegenwart.

Adler glaubte im Sinne des Präventionsgedankens, dass man Gemeinschaftsgefühl methodisch trainieren könnte und müsste. Viele Konzepte von Verhaltensänderungen, die die Identifizierung mit sozialen Zielen zum Inhalt haben, haben ihre theoretischen Wurzeln in den Intentionen Adlers, auch wenn deren Verfasser sich selten direkt auf ihn beziehen. Ellenberger (1985) spricht von dem "verwirrende(n) Phänomen kollektiver Verleugnung von Adlers Werk" und bezeichnet seine Lehre als "une carrière publique" (einen öffentlichen Steinbruch) (S.873). Mit der Akzentuierung sozial-praktischer Ideale in seiner Individualpsychologie kann Adler als früher Anmahner des in der heutigen Psychologie häufig fehlenden Theorie-Praxis-Bezugs angesehen werden.

Er leugnet nicht, dass in seiner Psychologie "ein Stück Metaphysik" zu finden ist (z.B. in Bezug auf das Gemeinschaftsgefühl sub specie aeternitatis). Heute besteht der Drang, die Metaphysik aus dem wissenschaftlichen Denken zu verbannen, obwohl die Analyse wissenschaftlicher Konzepte beweist, dass metaphysische Prämissen als unbemerkte Leitlinien den wissenschaftlichen Prozess strukturieren. Adlers moralische Imperative sind unübersehbar, was nicht unproblematisch ist. Andererseits wird immer unüberhörbarer auch von Wissenschaftlern soziale Verantwortung, wenn nicht sogar Anleitung zum Handeln in einer Welt gefordert, die wegen der Tatsache, dass keine Philosophie, kein Wertsystem die Menschen unserer Tage eindeutig verpflichtet, eine tiefe Krise durchschreitet.

Auch Bastine (1992) stellt in seinem Lehrbuch der Klinischen Psychologie fest, dass es eine "moralische Neutralität" in der Psychotherapie nicht geben könne. Sowohl in der Praxis als auch in der Forschung sei sie "immer mit moralischen, philosophischen, religiösen, politischen u.a. wertbezogenen Entscheidungen verbunden" (S.192). Adler hatte den Mut, die daraus sich ergebende Verantwortung des Wissenschaftlers und Psychotherapeuten anzuerkennen und auf sich zu nehmen.1

Was ist aus Adlers IP, fast 60 Jahre nach seinem Tod, geworden? Sie ist, vor allem nach ihrer fast vollständigen Auflösung in den deutschsprachigen Ländern während des 2.Weltkriegs (Adler war bereits 1935 in die USA emigriert), zunehmend in Vergessenheit und/oder in Misskredit geraten und länger als die Psychoanalyse stumm geblieben. Seit den 60er Jahren jedoch entwickeln ihre Anhänger neues Selbstbewusstsein, publizieren, institutionalisieren sich und nehmen seit 1979 auch an der Krankenkassenversorgung teil. In auffälligem Gegensatz zu diesen Aktivitäten steht ihre (von Adler übernommene?) weitgehende Abstinenz gegenüber der Akademischen Psychologie bzw. die der Akademischen Psychologie gegenüber der IP. Wie ist diese Abstinenz zu erklären?

In meiner Arbeit möchte ich einen Beitrag zur Beantwortung der Frage leisten, ob die IP als eine der ältesten Psychotherapie-Schulen im theoretischen Diskurs und in der psychotherapeutischen Praxis dennoch mit dem Erkenntnisstand der Akademischen Psychologie Schritt halten und in welchem Maß sie auch in unserer heutigen Gesellschaft Anteil an der Lösung oder Linderung psychischer Störungen und Krankheiten haben kann. Ob eine psychologische Theorie und die aus ihr sich ergebende Praxis relevant sind, hängt weniger davon ab, dass sie die wissenschaftliche Mode eines bestimmten historischen Zeitabschnitts repräsentieren. Ihre Leistungsfähigkeit wird vielmehr dadurch bewiesen, dass mit ihr auch die psychologischen und sozialen Phänomene einer späteren Epoche erklärt und verstanden werden können. Es geht also um das der IP immanente Entwicklungspotential, um seine konkrete Nutzung in der Gegenwart und um mögliche Entwicklungsbehinderungen.

Entwicklung heißt immer: Öffnung in die Zukunft hinein. Somit stellt sich auch die Frage, ob die IP als offenes System bezeichnet werden kann. Ist sie eventuell geeignet und darüberhinaus auch wirklich geneigt, den leidigen Schulenstreit mit beenden zu helfen oder trägt sie eher zur Verhärtung und Abgrenzung der Psychotherapie-Schulen bei? Adler (1933b, 1975) selbst hat noch Anlass zu dieser Art von Entwicklung gegeben, indem er die IP folgendermaßen beschrieb: "Ihrem ganzen Wesen nach ist sie begierig, aus allen Wissens- und Erfahrungsbereichen neue Anregungen zu empfangen und sie dorthin zu geben. In diesem Sinne ist und war sie immer Überbrückungsarbeit" (S.98). Es gilt zu bedenken, dass Adler seine Ideen nur so entwickeln konnte, wie er es tat, weil es der Aufklärungsstand der damaligen Zeit ermöglichte. Aber die Zeit fließt weiter, und es besteht stets die Gefahr, dass aus fließendem Wissen dogmatisches Erfahrungswissen wird. Eine wichtige Ursache für Reduktion und Dogmatik liegt im Personenkult und in der Idealisierung, die wenig Raum für kritische Forschung und Entdeckung neuer Perspektiven lassen. Haben heutige "Adlerianer" diese Gefahr zu vermeiden gewusst?

[...]


1 Soziales Interesse und die Fähigkeit zur Kooperation, für Adler Maßstab seelischer Gesundheit, stellen zudem kein parteipolitisches Programm, sondern grundsätzliche Voraussetzungen für das Leben in einer menschlichen Gesellschaft dar. Dass Adler sich von keiner ideologischen Gruppierung vereinnahmen ließ, haben einige seiner Schüler dagegen sehr deutlich spüren müssen.

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