Und übrig bleibt das "Häh?" - Edward Ruschas Fotobuchwerke close

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Details

Institution/Hochschule: Universität Basel
Tags: Edward, Ruschas, Fotobuchwerke
Kategorie: Lizentiatsarbeit
Jahr: 2005
Seiten: 107
Note: 6.0 (hervorragend)
Literaturverzeichnis: ~ 125  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 3156 KB
Archivnummer: V64397
ISBN (E-Book): 978-3-638-57226-2
Anmerkungen :
Schweizer Notenskala - entspricht 1,0 in Deutschland! Arbeit mit breitem Rand (Anm. der Red.)

Textauszug (computergeneriert)

Und übrig bleibt das ‚Häh?’
Edward Ruschas Fotobuchwerke

Kunsthistorisches Seminar der Universität Basel

Lizentiatsarbeit

Catharina Graf

30.11.2005

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 2

2. Twentysix Gasoline Stations und andere kleine Bücher ... 7

3. Das Buch, die Kunst und die Fotografie ... 16
3.1. Was ist das „Buch“? ... 17
3.2. Das Buch in der Kunst ... 24
3.3. Die Fotografie und das Buch ... 31
3.4. Fotobücher als Kunst: Ein Readymade? ... 37

4. Die Fotografien: Zwischen ‚Dokument’ und ‚Kunst’ ... 43
4.1. Fotografie als Readymade? ... 44
4.2. Fotografisches Sammeln ... 49
4.2.1. Ruscha I: Der Informationsmann ... 54
4.3. Fotografische Berichterstattung ... 58
4.3.1. Ruscha II: Der rasende Reporter ... 60
4.4. Fotografische Essays ... 64
4.4.1. Ruscha III: Der absurde Poet ... 74

5. Ruschas Fotobuchwerke: Geschriebene Bilder und fotografische Texte? ... 77
5.1. Schriftbilder ... 77
5.2. Bildtexte ... 80
5.3. Eine Versuchsanordnung aus ‚Bildern’ und ‚Texten’ ... 83

6. Schlusswort ... 86

7. Bibliografie ... 89

8. Abbildungsverzeichnis ... 95

9. Abbildungen ... 98

 

1. Einleitung

Am 2. Oktober 1963 verweigerte die Library of Congress der Vereinigten Staaten von Amerika einem sonderbaren Buch die Aufnahme: Einem kleinen, weissen Büchlein, kaum grösser als eine Handfläche, dessen Umschlag die Worte „Twentysix Gasoline Stations“ zeigt. Kein Hinweis auf Autor oder Verlag, geschweige denn die marktüblichen Anpreisungen des Inhaltes. Im Inneren des Buches befindet sich genau das, was der Titel verspricht: Sechsundzwanzig mehr schlecht als recht fotografierte Tankstellen in unregelmässiger Reihenfolge, begleitet von jeweils einer Zeile Text, die Marke und Ort der Zapfsäulen bezeichnet. Kein Werk, das es verdient hätte, in die nationale Bibliothek der USA aufgenommen zu werden, deren erklärtes Ziel es ist, eine Sammlung von Wissen und Kreativität in allen Formaten und Sprachen anzulegen1. Ein Buch also, das sich weder durch Wissen noch durch Kreativität auszeichnet, das nichts Neues bietet, aber auch mit Altem nichts zu tun hat, das keine schöpferische Handschrift trägt, das keinen benennbaren Inhalt hat, kurz: ein Buch, das eigentlich keines ist. Der Macher des Bandes gibt sich als Edward Ruscha zu erkennen, ein bildender Künstler, der sich bis anhin dem gemalten oder gedruckten Bild gewidmet hat.

Der Künstler Ed Ruscha schien sich um das Urteil der offiziellen Buchverwalter nicht sonderlich zu scheren, im Gegenteil, ein Jahr später nutzte er es, um in der Zeitschrift Artforum mit einem Inserat für sein Büchlein zu werben. „Rejected“ [Abb. 1] steht da in fetten Lettern, darunter eine dilettantische Fotografie, die zeigt, wie der Künstler sein Werklein vor die Kamera hält. Ganz unten der Preis, mickrige 3$ und die Adressen, an denen interessierte Käufer das Produkt finden werden. Wenn das ‚Establishment’ etwas verabscheut, dann muss es sich um eine gute Sache handeln, so die einfache Aussage dieser Werbung. Zwar weckte Ruscha damit die Aufmerksamkeit der Kunstwelt der sechziger Jahre, doch diese reagierte etwas entgeistert. „A kind of a ‚Huh?’?“ 2, zu deutsch ‚Häh?’, eine dümmliche Sprachlosigkeit sei es gewesen, mit der dem Buch begegnet worden sei – eine Reaktion, so der Künstler, auf die er schon immer hin gearbeitet habe.

Nach Twentysix Gasoline Stations setzte Ruscha die Buchproduktion bis in die frühen siebziger Jahre fort, das Ergebnis ist eine Reihe von Büchern, die sich in Form und Inhalt gleichen: Ein schlichter Titel gefolgt von dilettantischen Fotografien des im Titel versprochenen Sujets. Auf die Tankstellen folgen beispielsweise Various Small Fires, Nine Swimming Pools, A Few Palm Trees oder Every Building on the Sunset Strip.

Die Sprachlosigkeit angesichts von Ruschas Büchern scheint sich bis heute gehalten zu haben. Zwar spielen sie in Überblicksdarstellungen über die Kunst der sechziger Jahre oft eine Rolle, es gibt jedoch keine selbständigen Publikationen, die sich Ruschas Buchproduktion widmen, selbst Aufsätze oder Artikel sind spärlich. Die Amerikanerin Sylvia Wolf widmet sich Ruschas Büchern ausgehend von seiner fotografischen Tätigkeit und liefert einen historischen Überblick über den Schaffensprozess und die Einflüsse, die Ruschas Fotografien prägen.3 Clive Philpott bietet im Catalogue Raisonné von 1999 eine chronologische Beschreibung aller Bücher aus der Produktion Ruschas4, John Miller eine essayistische Annäherung an dieselben5. Alexandra Gräfin Stosch behandelt die Buchwerke in einer Gegenüberstellung mit Gemälden und Zeichnungen Ruschas und kommt zum Schluss, Ruscha stelle „den abendländischen Logozentrismus zur Diskussion“6, die Buchwerke seien als Ausdruck einer Sprachskepsis zu verstehen.

Das marginale Dasein der Bücher in der Welt der Kunstkritik könnte an der Uneinigkeit darüber liegen, wo diese Werke einzuordnen sind – da ist auf der einen Seite das neugeschaffene Genre der „Künstlerbücher“, für die Ruscha als Gründervater gilt,7 auf der anderen Seite steht die serielle Fotografie, wie sie in Deutschland von Bernd und Hilla Becher weitergeführt wird8. Der Theoretiker Robert Morgan9 sieht die Bücher als Teil der Konzeptkunst, Thomas Crow10 behandelt sie unter dem Stichwort der Minimal Art. Gleichzeitig werden die Bücher in den Kontext der Pop-Art ausgestellt11, Rainer Crone12 behandelt Ed Ruscha in einer Reihe mit Paul Klee. Sylvia Wolf13 beschreibt Einflüsse von Walker Evans, Robert Frank und der illustrierten Zeitschrift Life, Phyllis Rosenzweig14 zieht zudem Parallelen zu Dan Grahams Homes for America15 und Robert Smithsons Monuments of Passaic16. Ruscha selbst gibt Kurt Schwitters als wichtige Figur für seine Kunst an.17 Eine grosse Collage von Künstlern und Kunstrichtungen, die zu vereinen nicht ganz einfach ist. Dazu kommt, dass sich Ruscha zwar in zahlreichen Interviews zu seinen Arbeiten geäussert hat, diese Äusserungen zuweilen aber etwas widersprüchlich anmuten. Da behauptet er beispielsweise, Twentysix Gasoline Stations sei als Reportage zu verstehen, gleichzeitig bezeichnet er den Inhalt seiner Bücher als langweilig und uninformativ. Eine Reportage, die über nichts informiert? Das ‚Häh?’ scheint sogar auf den Künstler selbst zurückzuwirken, eine den Werken angemessene Sprache zu finden, wird zu einem schwierigen Unterfangen.

[...]


1 „Goal 1: Build and preserve a comprehensive collection of knowledge and creativity in all formats and languages for use by the Congress and other customers.“ Aus: Mission and Strategic Plan of the Library of Congress, erhältlich unter URL: http://www.loc.gov/about/mission/
2 Ed Ruscha in einem Interview im Jahr 1973: „I realized that for the first time this book [Twentysix Gasoline Stations] had an inexplicable thing I was looking for, and that was a kind of a ‚Huh?’ That’s what I’ve always worked around.“ Sharp, Willoughby: „A kind of a ‚Huh’: An Interview with Edward Ruscha’“, in: Avalanche, Nr. 7, Winter/Frühling 1973, S. 30-39. Zit nach: Ruscha, Ed: Leave Any Information At The Signal. Writings, Interviews, Bits, Pages, Hrsg. v. Alexandra Schwartz, Cambridge (Mass.): MIT Press, 2002. [=Ruscha 2002]
3 Wolf, Sylvia: Ed Ruscha and Photography, Göttingen: Steidl, 2004.
4 Philpott, Clive: „Sixteen Books and then some”, in: Engberg, Siri (Hrsg.): Edward Ruscha. Editions, 1959-1999, Band 2, Minneapolis: Walker Art Center, 1999, S. 58-78.
5 Miller, John: „Das Mnemonische Buch: Ed Ruschas vergängliche Publikationen“, in: Parkett, Nr. 18, Dezember 1988, S. 74-79.
6 Stosch, Alexandra Gräfin: Edward Ruscha. Der veruntreute Logos, in: Crone, Rainer (Hrsg.): Paul Klee und Edward Ruscha. Projekt der Moderne – Sprache und Bild, München: Iccarus, 1998, S. 137-190.
7 Vgl. Drucker, Johanna: The Century of Artist’s Books, New York: Granary Books, 1995 oder Moeglin-Delcroix, Anne: Esthetique du livre d’artiste, Paris: Bibliothèque de France, 1997.
8 Lampe, Angelika: ‚Der Bildgegenstand in Serie, begradigt, abstrakt: Becher, Ruscha, Dibbets’, in: Kellein, Thomas (Hrsg.): Abstrakte Fotografie, Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz, 2000, S. 207-222.
9 Morgan, Robert C.: „Pastel, Juice und Gunpowder: The Pico-Iconography of Ed Ruscha“, in: Ders.: Art into Ideas. Essays on Conceptual Arts, Cambridge (Mass.): Cambridge Univ. Press, 1996.
10 Crow, Thomas: Die Kunst der sechziger Jahre, Köln: DuMont, 1997.
11 Vgl. z.B.: Glenn, Constance (Hrsg.): The great American Pop-Art Store: Multiples of the Sixties, Santa Monica (Cal.): California State University, 1997.
12 Crone, Rainer (Hrsg.): Paul Klee und Edward Ruscha. Projekt der Moderne – Sprache und Bild, München: Iccarus, 1998.
13 Wolf, Sylvia: Ed Ruscha and Photography, Göttingen: Steidl, 2004.
14 Rosenzweig, Phyllis: „Ed Ruschas Künstlerbücher“, in: Benezra, Neil/Brougher, Kerry: Ed Ruscha, Scalo: Zürich – Berlin – New York, 2002, S. 178 – 186.
15 Graham, Dan: „Homes for America“, in: Arts Magazine, Nr. 41, Dezember/Januar 1966/67, S. 22.
16 Smithson, Robert: „The Monuments of Passaic“, in: Artforum, Nr. 6, Dezember 1967, S. 49.
17 Nach: Schaesberg, Petrus: Konzept der Collage: Paradigmenwechsel in der Entwicklung der Collage von Pablo Picasso bis Edward Ruscha, Diss.: LMU München, 2004. Erhältlich unter URL: http://edoc.ub.uni-muenchen.de/archive/00002372/

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