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Autor: Robert Gander
Fach: Kunst - Bildhauerei, Skulptur, Plastik
Details
Institution/Hochschule: Leopold-Franzens-Universität Innsbruck (Kunstgeschichte)
Tags: Michelangelos, Skulpturen, Bacchus, David, Matthäus, Seminar, Michelangelo
Jahr: 2006
Seiten: 35
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 24 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 205 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-57275-0
ISBN (Buch): 978-3-638-67003-6
Zusammenfassung / Abstract
Michelangelo Buonarotti schuf nur sehr wenige freiplastische Werke. Diese Arbeit beschäftigt sich mit dreien davon, die allesamt aus der frühen Schaffensphase des Künstlers stammen. Jede Skulptur dient als Anlass, um auf einen Aspekt genauer Einzugehen. Die 1496/97 geschaffene Figur des Bacchus wird in ihrer Formgebung vor allem hinsichtlich neoplatonistischer Einflüsse beleuchtet, mit deren Gedankengut Michelangelo genauestens vertraut war. Der David (1501-04) und seine bewegte Geschichte werden eingehend hinsichtlich der politischen Rolle, welche sie im Florenz des frühen 16. Jahrhunderts spielten, analysiert. Schließlich dient die unvollendet gebliebene Figur des Matthäus von 1505/06 dazu, die Vorgehensweise des Künstlers zu studieren. Wie bei Bacchus und David findet sich auch beim Matthäus ein Zwiespalt, allerdings erstmals als inneres Thema und losgelöst vom äußeren Motiv. Michelangelos Gestalten befinden sich meist nicht in natürlicher Freiheit, sie bäumen sich gegen die Gefangenschaft oder ergeben sich in ihr Schicksal. Durch den spürbaren Block bleibt immer ein eigener Raum um die Figuren erhalten, in dem sie leben.
Textauszug (computergeneriert)
Universität Innsbruck
Kunstgeschichte
Seminar: Michelangelo
Michelangelos frühe monumentale Skulpturen
Robert Gander
Inhaltsverzeichnis
I. Bacchus ... 3
1. Rom und der Auftrag ... 3
2. Der Weg und die Rezipienten ... 4
3. Bildfindung und Neoplatonismus ... 5
4. Allansichtigkeit und Ikonologie ... 9
5. Selbstformation und Selbstdarstellung ... 11
II. David ... 15
1. Der Marmorblock ... 15
2. Die Aufstellung ... 18
3. Die Vorläufer ... 20
4. Die politische Bedeutung ... 23
III. Matthäus ... 28
1. Auftrag und Scheitern ... 28
2. Vorläufer und Neuerungen ... 29
3. Technik ... 30
Literaturliste ... 33
I. Bacchus
1. Rom und der Auftrag
Der Bacchus ist Michelangelo Buonarottis (1475 – 1564) früheste, uns erhaltene, monumentale Freiskulptur. Die Marmorstatue, die sich heute in Florenz im Museo Nazionale del Bargello befindet, misst 203 cm, ohne Sockel 184 cm. Florenz war jedoch nicht immer ihre Heimat.
Wir wissen von Michelangelos erster Reise nach Rom, die im Juni 1496 stattfand. Er hatte ein Empfehlungsschreiben Lorenzo di Pierfrancesco de’ Medicis (1463 – 1503) in seinen Taschen, mit dem er sich erhoffte, einen lukrativen Auftrag an Land zu ziehen um sich in der Folge auch außerhalb von Florenz einen Namen zu machen. Bei dieser Reise besuchte er Raffaelle Sansoni Riario (1461 – 1521), den Kardinal von San Giorgio in Velabro. Dieser war gerade im Begriff, den Palazzo della Cancelleria zu seiner privaten Residenz auszubauen. Die stark auf Allansichtigkeit hin konzipierte Figur verleitete Forscher zu der Annahme, die Skulptur sei eben für den Hof jenes Palastes geplant gewesen. Auch wenn dies möglich ist, werden wird später noch behandelt, dass die gesamte inhaltliche Konzeption und Tragweite nur durch diese Allansichtigkeit möglich und gewährleistet ist.
Am 25. Juni sah Michelangelo die Antikensammlung im Palast des Kardinals. Die Arbeit am Bacchus begann er am 4. Juli 1496. Dass es sich um einen Auftrag von Riario handelte, ist heute, entgegen früherer Meinungen, erwiesen. Man weiß jedoch nicht mehr, ob der Kardinal eine Antikenfälschung in Auftrag gab – er war es nämlich, der im selben Jahr Michelangelos Schlafenden Cupido als vermeintliche antike Statue kaufte. Die Tatsache, dass es sich um eine auf Allansichtigkeit konzipierte Freiskulptur handelt, sowie auch das Sujet und das für die damalige Zeit ungewöhnliche Größenmaß, deuten laut Poeschke1 darauf hin, dass man es für ein antikes Werk halten sollte. Wie dem auch sei, die letzte Zahlung erhielt der Künstler am 3. Juli 1497, er war also ziemlich genau ein Jahr mit dem Werk beschäftigt.
Die vollendete Skulptur dürfte dem Kardinal schlussendlich nicht gefallen haben, und er machte sie deshalb seinem Nachbarn, dem Bankier und Antikensammler Jacopo Galli, zum Geschenk.
2. Der Weg und die Rezipienten
Im Garten der Casa Galli sahen die Statue auch die frühesten Rezipienten, wie Martin van Heemskerk (1498 – 1574), der 1532/35 eine Zeichnung anfertigte und Cornelis Bos (1506 – 64), von dem ein Druck überliefert ist. Der Standort im Garten von Jacopo Galli veranlasste nun auch Michelangelos früheste Biografen dazu, jenen als Auftraggeber anzusehen. „So ließ ihn [Michelangelo] Jacopo Galli, ein römischer Edelmann von schönen Gaben, in seinem Hause einen Bacchus aus Marmor machen in Höhe von 10 Palmen, [...]“2, lesen wir bei Ascanio Condivi (1525 – 74), der den Bacchus im Hause Giuliano und Paolo Gallis sah. Auch Giorgio Vasari (1511 – 74) erwähnt die Statue, und auf Grund seiner Beschreibung wurde die Skulptur von Francesco de Medici (1541 – 84) durch Diomedi Leoni um 240 Dukaten gekauft.3 Baldini nimmt an, dass die Skulptur vor dem Medicikauf restauriert wurde, vermutlich durch Michelangelo selbst. Sowohl bei van Heemskerk als auch Bos fehlt der erhobene rechte Arm.4
Später kommt die Statue in die Uffizien, wo sie 1591 von Antonio Francesco Bocchi folgendermaßen beschrieben wird: “Il corpo delicato, una tuttavia gentilmente svelto, con tanta bellezza in ogni veduta, che chiede un artifizio incomparabile.”5
1871 kam der Bacchus zusammen mit anderen Skulpturen in das neue Museum im Bargello, wo die wichtigste Florentiner Sammlung für Renaissance-Skulpturen aufgebaut wurde. An diesem Ort dürfte auch Heinrich Wölfflin die Skulptur gesehen haben, und seine Beschreibung ist Zeugnis davon, wie die höchste Bewunderung früherer Jahrhunderte, der Kritik weichen musste, es herrsche ein dem Thema unangemessener Naturalismus vor.
„Daß das Ganze keinen erfreulichen Eindruck macht, wird sich Jeder eingestehen müssen. Es ist zunächst das Formlose in der Haltung dieses überlebensgroßen Marmorkörpers, was beleidigt, dann aber wirkt die Trunkenheit bei einem jungen Menschen immer brutal. [...] Seine [Michelangelos] grössere Freude ist, zu zwingen, nicht zu befreien.“ 6
[...]
1 vgl.: Poeschke, Joachim: Die Skulptur der Renaissance in Italien; Bd. 2: Michelangelo und seine Zeit; Himer Verlag; München; 1992, S. 70
2 Condivi, Asconio: Das Leben des Michelangelo Buonarroti; in: Kleine Schriften zur Kunst; Bd. 2; Frankfurter Verlagsanstalt; Frankfurt a. M.; 1924; XIX; S. 30
3 vgl.: Barocchi, Paola: Il Bacco di Michelangelo – Michelangelo’s Bacchus; Museo Nazionale del Bargello, Firenze; 1982; S. 10
4 vgl.: Baldini, Umberto: Die Skulpturen; in: Michelangelo: Bildhauer. Maler. Architekt. Dichter; Vollmer Verlag; Wiesbaden; 1966; S. 73 – 148
5 Barocchi: a.a.O.; S. 10
6 Wölfflin, Heinrich: Die Jugendwerke des Michelangelo; Verlag Theodor Ackermann; München; 1891; S. 29
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