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Der Begriff der "Entfremdung" in Vaclav Havels essayistischem Werk

Autor: Stefan Daute
Fach: Russistik / Slavistik

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Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 33
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 24  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 295 KB
Archivnummer: V64517
ISBN (E-Book): 978-3-638-57311-5

Zusammenfassung / Abstract

In seinem Essay „Politik und Gewissen“ aus dem Jahre 1984 beschreibt Václav Havel die heutige Weltgesellschaft als eine, die sich in der Entfremdung befindet. Er bezieht dies vor allem auf die Beziehung des heutigen Menschen zu Werten und ganz besonders zum Wert der Verantwortung gegenüber der Welt und den Mitmenschen. Diese Entfremdung ist nach Havels Ansicht die Ursache für die Probleme der heutigen Menschheit, so etwa den verrohten Umgang des Menschen mit der Natur und seinesgleichen, aber auch die Ursache für das Entstehen des damals noch existierenden realsozialistischen Systems im Ostteil Europas.

Textauszug (computergeneriert)

Universität Potsdam, Institut für Slavistik
Hauptseminar: „Kulturwissenschaften und Literaturwissenschaft“
Wintersemester 2004

Der Begriff der "Entfremdung"
in Vaclav Havels essayistischem Werk

von: Stefan Daute

 


Inhalt

1. Einleitung  4

2. Zum Begriff der Entfremdung 5

3. Havels Entfremdungsbegriff  7

4. Folgen der Entfremdung 11

5. Das posttotalitäre System  14

6. Entfremdung innerhalb des posttotalitären Systems  16

7. Exkurs: Entfremdung und Theater  21

7.1 Entfremdung als Theater  21
7.2 Entfremdung in Havels dramatischem Werk  22

8. Entfremdung in der Welt der globalisierten Marktwirtschaft  25

9. Die „existenzielle Revolution“  28

10. Resümee  30

Bibliographie 31
Primärliteratur  31
Sekundärliteratur  32

 


 


„Co je vlastně společného světu středověkého člověka a světu malého chlapce? Myslím, (?)e
jedna podstatná věc: oba jsou silněji ne(?) vět(?)ina moderních lidí zakotveni v tom, čemu filozofové
říkají ′přirozený svět′ nebo ′svět (?)ivota′. Neodcizili se je(?)tě světu své skutečné a osobní zku(?)enosti;
světu, který má své ráno a svůj večer, své ′dole′ (země) a své ′nahoře′ (nebe), v něm(?) slunce
ka(?)dodenně vychází na východě, putuje po obloze a zapadá na západě a v něm(?) je(?)tě cosi velmi
(?)ivého a určitého znamenají pojmy domova a cizoty, dobra a zla, krásy a o(?)klivosti, blízkosti a
dálavy, povinnosti a práva; světu, který zná hranici mezi tím, co je nám důvěrně známé a o co nám
příslu(?)í se starat, a tím, co je za jeho horizontem a před čím se máme jen pokorně sklánět, proto(?)e
to má povahu tajemství. (...) Takové kategorie, jako je například spravedlnost, čest, zrada,
přátelství, nevěra, statečnost či soucit, mají v tomto světě zcela konkrétní, s konkrétními lidmi
spojovaný a pro konkrétní (?)ivot velmi důsa(?)ný obsah; něco zkrátka je(?)tě vá(?)í. Půdorysem tohoto
světa jsou hodnoty, které tu jsou jakoby odv(?)dycky a pořád, dřív, ne(?) o nich mluvíme, ne(?) je
zkoumáme a činíme předmětem svého tázání.“
Václav Havel: Politika a svědomí

1. Einleitung

In seinem Essay „Politik und Gewissen“ aus dem Jahre 1984 beschreibt Václav Havel die heutige Weltgesellschaft als eine, die sich in der Entfremdung befindet. Er bezieht dies vor allem auf die Beziehung des heutigen Menschen zu Werten und ganz besonders zum Wert der Verantwortung gegenüber der Welt und den Mitmenschen. Diese Entfremdung ist nach Havels Ansicht die Ursache für die Probleme der heutigen Menschheit, so etwa den verrohten Umgang des Menschen mit der Natur und seinesgleichen aber auch die Ursache für das Entstehen des damals noch existierenden realsozialistischen Systems im Ostteil Europas. Thema dieser Hausarbeit ist Václav Havels Bild eines in der Entfremdung lebenden Menschen, das die Weltsicht des Dramatikers und ehemaligen Staatspräsidenten in allen ihren einzelnen Aspekten bestimmt. Hierzu sollen zunächst kurz bereits bestehende Entfremdungsbegriffe der Philosophie betrachtet werden, bevor Havels diesbezügliche Vorstellung näher beschrieben wird. Es folgt eine Darstellung der Analyse des realsozialistischen Systems durch Havel auf der Grundlage seines Entfremdungsbegriffs. Danach soll in einem kurzen Exkurs darauf eingegangen werden wie einerseits das Theater als Metapher der Entfremdung dienen kann und inwieweit Havel seine Vorstellung von der Entfremdung in seinem dramatischen Werk erkennen lässt. Im letzten Teil der Arbeit wird untersucht, wo die Havelsche Theorie der Entfremdung auch heute, nach Ende des sozialistischen Systems, noch von Bedeutung ist und welche gesellschaftlichen Bereiche in besonderer Weise Tendenzen der Entfremdung menschlichen Handelns zeigen.

2. Zum Begriff der Entfremdung

„Entfremdung“ oder „odcizení“ in seiner eigentlichen, aus der Form abzulesenden Bedeutung, bezeichnet das Ge- oder Zerstörtsein einer zuvor intakteren resp. existierenden Beziehung bzw. den zu diesem Zustand führenden Prozess (das „Fremdwerden“). „Eine entfremdete ist eine defizitäre Beziehung“1 so Rahel Jaeggis kurze Definition in ihrer Arbeit zum Thema. In der Terminologie der Philosophie bezieht sich dieser Prozess oder Zustand auf das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, seinen Mitmenschen, seiner Umwelt, seiner Arbeit und dem Produkt seiner Arbeit.2 Letztere Definition – Marx′ Entfremdungsbegriff – ist wohl diejenige, die heutigen Lesern, geprägt durch die noch junge Erfahrung der Konfrontation mit einem sich marxistisch nennenden System, als erstes in den Sinn kommt. Die Geschichte des Begriffs der „Entfremdung“ reicht jedoch viel weiter zurück als die des Marxismus. In seiner Bibelübersetzung übertrug Martin Luther gr. allëlotriômenoi aus dem Neuen Testament als „sie sind entfremdet“, womit die Heiden gemeint waren: „Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Verstockung ihres Herzens.“ (Epheser 4, 18)3

Diese Definition der Entfremdung als Gottesferne, Unglaube und Unwissenheit entspricht auch dem mittelalterlichen Begriff, der Entfremdung vor allem als Abfall von Gott verstand, aber auch positiv als Abwendung vom Irdischen und Hinwendung zu Gott.4 Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau bezeichnet als Entfremdung den Verlust der Freiheit, den der Mensch beim Übergang vom Leben in der Natur zu dem in der Kultur bzw. Gesellschaft erleidet und sieht im Leben des Menschen in der Gesellschaft den Grund für das Hervortreten seiner negativen, das Zusammenleben zerstörenden Eigenschaften, während der Mensch an sich gut sei. In der Frühromantik und dem Deutschen Idealismus wurde als Entfremdung der Bruch zwischen Mensch und Natur gesehen, der mit Ende der Kindheit und dem Erwachen des Bewusstseins eintrete.5

3. Havels Entfremdungsbegriff

Der Essay „Politika a svědomí“ („Politik und Gewissen“) entstand im Jahre 1984. Havel verfasste ihn anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Toulouse. Bei der Verleihungszeremonie am 14. Mai 1984, an der Havel nicht selbst teilnehmen konnte, wurde der Text von dem britischen Dramatiker tschechischer Herkunft Tom Stoppard verlesen. Havel beschreibt in dem Text die heutige Gesellschaft als eine, in der sich die Menschen von der „Lebenswelt“ entfremdet haben. Diese ist gewissermaßen die mit den Sinnen erfahrene Welt, in der, wie Havel schreibt, „slunce ka(?)dodenně vychází na východě, putuje po obloze a zapadá na západě“6. Das Sichtbare ist eben, dass die Sonne am Himmel entlangwandert. Der heutige Mensch hingegen weiß, obgleich er dies wohl nie mit eigenen Augen gesehen hat, dass nicht die Sonne sich am Himmel entlang bewegt, sondern die sich um die Sonne bewegende Erde diesen Eindruck verursacht. Dementsprechend triumphiere heute die Wissenschaft über die persönliche Erfahrung. Havel meint nun, dass der heutige Mensch durch diesen Prozess auch die direkte Beziehung zu bestimmten Werten verloren habe, die auch eine Limitierung der Sphäre seines Handelns bedeuteten. Während die Welt des mittelalterlichen Menschen wie die des Kindes begrenzt scheine, habe sich der heutige Mensch dieser Grenzen entledigt. In der Lebenswelt seien die Werte noch sehr konkret gewesen und mit konkreten Ereignissen und Menschen verknüpft gewesen, während sie in der heutigen Welt mehr und mehr abstrakt anmuteten. In diesem Sinne ist die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung des Menschen und seine Fähigkeit, das Wahrgenommene entsprechend eines ihm immanenten Wertegerüsts zu beurteilen, heute eingeschränkt. Dies zeigt Havel anhand des Bildes eines qualmenden Schornsteins, das für ihn – so erinnert er sich – in seiner Kindheit ein Gefühl der Ablehnung, ein Gefühl, dass dies nicht recht sein könne, hervorrief. Auch der Mensch des Mittelalters hätte wohl einen „den Himmel beschmutzenden“ Schornstein als etwas Ungehöriges empfunden, meint Havel. So schlägt er eine Brücke vom Kind zum Menschen des voraufklärerischen Zeitalters, in dem sich die Wissenschaft noch nicht von der Religion emanzipiert hatte. Beiden schreibt er noch eine Verwurzelung in der persönlichen Lebenswelt zu.

[...]


1 Jaeggi, Rahel: Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems. Frankfurt/ New York: Campus 2005. S. 23.

2 Rehfus, Wulff D. (Hg.): Handwörterbuch Philosophie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003. S. 325.

3 Epheser 4, 18. nach: Deutsche Bibelgesellschaft: Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 1985.

4 Rehfus, W. D. (Hg.): Handwörterbuch Philosophie. S. 325.

5 Ebd.

6 Havel, Václav: Politika a svědomí. In: Havel, Václav: Do různých stran. Praha: Lidové noviny 1989. S. 42.

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