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Thesis (M.A.), 2005, 113 Pages
Author: Iris Baumgärtel
Subject: German Studies - Linguistics
Details
Tags: Lüge, Fall, Beschreibung, Lügens, Sprechakt, Täuschung
Year: 2005
Pages: 113
Grade: 1
Bibliography: ~ 104 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-57374-0
ISBN (Book): 978-3-638-71058-9
File size: 525 KB
Die Ausführungen zeigen, welche linguistischen Ausprägungen das Lügen als eine Form des sprachlichen Handelns aufweist und welche kommunikativen Fähigkeiten und Schwierigkeiten darin liegen. Dabei wird zum größten Teil die Sprechakttheorie Austins und Searles zugrunde gelegt um zu beschreiben, was wir eigentlich genau tun, wenn wir sprechen. Außerdem wird das Lügen als eigener Begriff der sprachlichen Täuschung beschrieben, sowie das Lügnerparadox beleuchtet.
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Abstract
Die Ausführungen sollen zeigen, welche linguistischen Ausprägungen das Lügen als eine Form des sprachlichen Handelns aufweist und welche kommunikativen Fähigkeiten und Schwierigkeiten darin liegen. Dabei soll zum größten Teil die Sprechakttheorie Austins und Searles zugrunde gelegt werden, die als Basis sehr geeignet ist, zu beschreiben, was wir eigentlich genau tun, wenn wir sprechen. Ebenso sollen zunächst semantische und pragmatische Grundlagen zur Wahrheit, Sprecher-Hörer-Beziehungen, sowie eine genauere Einordnung des sprachlichen Handelns in die soziale Interaktion im Allgemeinen beschrieben werden. Der zweite Abschnitt wird sich dem Lügen als einem eigenen Begriff der sprachlichen Täuschung widmen und generell das - keineswegs selbstverständliche - Interesse der Linguistik an der Lüge rekonstruieren. Den ersten Anstoß zu ernsthaften Analysen dieses speziellen Falls sprachlichen Handelns gab Weinrich mit seiner Linguistik der Lüge im Jahr 1966, die aber „nur“ eine Antwort auf die Preisfrage „Kann Sprache die Gedanken verbergen?“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zu geben versuchte. Im III. Teil werden Theorien und Analysen des Lügens als Sprechakt ausgeführt, wobei vor allem Falkenbergs (1982) und Gieses (1992) Untersuchungen der sprachlichen Täuschung relevant sein werden. Nachdem die Begriffe Wahrheit und Wissen in einem kleinen erkenntnistheoretischen Exkurs näher bestimmt wurden, soll gezeigt werden, welchen Belang sie für die Lüge haben und warum die Unterscheidung zwischen objektiver und subjektiv angenommener Wahrheit von so großer Wichtigkeit für eine exakte Bestimmung des Lügens ist. Im Anschluss werden Anhaltspunkte zu finden sein, inwiefern Lügen als eine Form des Behauptens verstanden werden kann. Einer eigentlich ganz eigenen Thematik wird sich der letzte Teil der Arbeit widmen: dem Paradox des Lügners. Wie sind Sätze zu verstehen, die sich im Bezug auf ihre eigene Aussage selbst widersprechen? Welches Wahrheitsprädikat ist einem Satz der Form Dieser Satz ist falsch zuzuteilen, wenn der Versuch, herauszufinden, ob der semantische Inhalt nun wahr oder falsch ist, in einen nicht endenden Kreislauf führt? Zu dieser Frage wird zum einen die philosophische und logische Umgehensweise mit sprachlichen Paradoxien erläutert, sowie eine kleine Auswahl an semantischen und pragmatischen Gedanken zur Lösung des Problems geboten.
Excerpt (computer-generated)
Die Lüge – ein linguistischer Fall
Beschreibung des Lügens
als Sprechart sprachlicher Täuschung
Universität Konstanz
Philosophische Fakultät
Fachbereich Sprachwissenschaft
Magisterarbeit
Iris Baumgärtel
2005
Inhalt
Einleitung ... 4
I. Vorbereitende Grundlagen ... 7
1. Pragmatische und Semantische Grundlagen ... 8
1.1. Bedeutung und Wahrheitsbedingungen – Stützpunkte der Semantik ... 10
1.2. Sprache, Sprecher und Hörer ... 13
2. Sprachliches Handeln ... 16
2.1. Die Sprechakttheorie ... 19
2.1.1. Die Sprechakte bei Austin und Searle ... 20
2.1.1.1. Glückensbedingungen illokutionärer Akte (Searle) ... 23
2.1.1.2. Die Klassifizierung von Sprechakten: Die Taxonomie von Searle ... 27
3. Kommunikation und kommunikative Kooperation ... 29
3.1. Die Rolle des Impliziten ... 31
II. Die Sprachliche Täuschung und die Lüge ... 34
1. Das Interesse der Linguistik an Täuschung und Lüge ... 35
1.1. Der Untersuchungsgegenstand ... 37
2. Grund und Zweck des Lügens – Eine pragmatische Frage? ... 39
3. Allgemeine Definitionen ... 40
III. Die Theorie und linguistische Analysen ... 43
1. Die Lüge als eigener Begriff sprachlicher Täuschung ... 43
2. Wahrheit und Wissen ... 46
2.1. Wissen, Glauben und Lügen ... 51
3. Der prototypische Fall ... 53
3.1. Proposition und propositionale Einstellung ... 55
3.2. Behaupten ... 58
3.2.1. Erfolgsbedingungen der Behauptung ... 60
3.3. Lügen als besondere Behauptungen ... 62
3.3.1. Faktive und epistemische Wahrheit ... 65
3.3.2. Der Irrtum – ein Fall einer wahren Lüge ... 66
4. Sprechakttheoretische Bestimmung ... 68
4.1. Lügen als illokutionärer Akt: Glückensbedingungen ... 72
4.2. Die Lüge als Perlokution ... 77
IV. Das Paradox des Lügners ... 83
1. Die Metaphysik des Paradoxen ... 84
2. Paradox und Antinomie ... 86
2.1. Die aristotelische Lösung ... 90
2.2. Das Paradox des Lügners zwischen Philosophie und Logik ... 91
3. Das Problem des Lügners ... 93
4. Die Ermittlung der Antinomie im Sprachsystem ... 95
5. Lösungsversuche – eine überschaubare Auswahl ... 98
5.1. Pragmatische Überlegungen zum Antinomienproblem ... 102
V. Fazit ... 105
Literatur ... 107
Einleitung
„Der Beste muss mitunter lügen, zuweilen tut er’s mit Vergnügen“ reimte Wilhelm Busch – und damit trifft er auf den Punkt, was jede Gesellschaft und jedes menschliche soziale Zusammenleben charakterisiert. Ehrlichkeit gilt als eine unserer höchsten Tugenden, aber haben wir uns schon einmal wirklich bewusst gemacht, was es für Konsequenzen hätte, wenn es all die fein abgestuften Formen der Täuschung und der Lüge nicht gäbe? Der Angestellte würde der Frau seines Chefs ins Gesicht sagen, wie unvorteilhaft er ihr Kleid findet, Politiker würden im Wahlkampf Steuererhöhungen und Rentenkürzungen ankündigen und der Berufsanfänger würde beim Bewerbungsgespräch auf die Frage, was er denn bisher gemacht hätte, von seiner gelegentlichen Faulheit in der Studienzeit erzählen. Ehrlichkeit und Höflichkeit, Aufrichtigkeit und Erfolgsansprüche, Geradlinigkeit und soziale Kooperation scheinen im realen Leben in vielerlei Hinsicht unvereinbar zu sein.
Natürlich wird aber nicht nur aus scheinbar gemeinnützigem Interesse gelogen, sondern genauso oft aus einer bewusst missgünstigen Täuschungsabsicht heraus und dabei ist die Lüge so alt wie die Sprache, so alt wie der Mensch selbst. Im Grunde müsste man hierfür schon bei der biblischen Schöpfungsgeschichte ansetzen, als Eva – ohne jedoch schon Gut und Böse unterscheiden zu können – sich durch die Lüge der Schlange dazu verführen ließ, von der verbotenen Frucht zu kosten1 und damit den Sündenfall herbeiführte.
Der Mensch, dessen Auszeichnung der freie Wille ist, kann selbst über seine Handlungen entscheiden und folglich ist auch die Täuschung ein Willensakt des freien Subjekts. Dennoch, täuschen kann auch eine Luftspieglung, das Wetter und die Temperatur, das Verhalten eines Menschen oder man kann sich selbst täuschen, nämlich im Sinne von „sich irren“ oder „sich etwas vormachen“. Genauso verhält es sich mit der Lüge und dem Lügen, denn umgangssprachlich wird nur ungenau differenziert, ob ein Mensch oder etwa das Fernsehen oder die Zeitung lügt. Einem Gegenstand, aber auch einem Sachverhalt wird somit in gewisser Weise eine kommunikative Fähigkeit zugeschrieben; dass dahinter freilich ein menschlicher Akt steht, ist im Moment der Äußerung nur sekundär von Belang. Gleichwohl soll sich diese Arbeit direkt dem Lügen als spezifischer Art der sprachlichen, menschlichen Kommunikation widmen.
Die folgenden Ausführungen sollen zeigen, welche linguistischen Ausprägungen das Lügen als eine Form des sprachlichen Handelns aufweist und welche kommunikativen Fähigkeiten und Schwierigkeiten darin liegen. Dabei soll zum größten Teil die Sprechakttheorie Austins und Searles zugrunde gelegt werden, die als Basis sehr geeignet ist, zu beschreiben, was wir eigentlich genau tun, wenn wir sprechen; dazu wird sie im ersten Teil noch einmal ausführlicher in ihren wesentlichen Ansätzen zur Analyse und ihrer Terminologie vorgestellt. Ebenso sollen zunächst semantische und pragmatische Grundlagen zur Wahrheit, Sprecher-Hörer-Beziehungen, sowie eine genauere Einordnung des sprachlichen Handelns in die soziale Interaktion im Allgemeinen beschrieben werden. Erst im Anschluss daran wird eine Hinwendung zur Kommunikation und ihren fundamentalen Regeln stattfinden, wobei insbesondere das Prinzip der Kooperation und die Rolle des Impliziten im Vordergrund stehen wird. Diese Grundsätze nämlich sind es, die zwangsläufig unterlaufen werden müssen, damit der Sprechakt des Lügens gelingen kann.
Der zweite Abschnitt wird sich dem Lügen als einem eigenen Begriff der sprachlichen Täuschung widmen und generell das - keineswegs selbstverständliche - Interesse der Linguistik an der Lüge rekonstruieren. Obwohl es eigentlich naheliegend erscheint, das Lügen genauso als Sprechakt wie behaupten, mitteilen oder fragen zu betrachten, lag der Schwerpunkt der Betrachtung bislang auf ethisch-moralischen Fragen, erste sprachwissenschaftliche Untersuchungen erschienen jedoch erst relativ spät. Den ersten Anstoß zu ernsthaften Analysen dieses speziellen Falls sprachlichen Handelns gab Weinrich mit seiner Linguistik der Lüge im Jahr 1966, die aber „nur“ eine Antwort auf die Preisfrage „Kann Sprache die Gedanken verbergen?“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zu geben versuchte.
Im folgenden Teil (III.) werden Theorien und Analysen des Lügens als Sprechakt ausgeführt, wobei vor allem Falkenbergs (1982) und Gieses (1992) Untersuchungen der sprachlichen Täuschung relevant sein werden. Nachdem die Begriffe Wahrheit und Wissen in einem kleinen erkenntnistheoretischen Exkurs näher bestimmt wurden, soll gezeigt werden, welchen Belang sie für die Lüge haben und warum die Unterscheidung zwischen objektiver und subjektiv angenommener Wahrheit von so großer Wichtigkeit für eine exakte Bestimmung des Lügens ist. Im Anschluss werden Anhaltspunkte zu finden sein, inwiefern Lügen als eine Form des Behauptens verstanden werden kann. Dabei soll auch der Irrtum und der fragwürdige Fall erwähnt werden, was geschieht, wenn der Sprecher sich irrt, und somit, zwar in der Absicht zu lügen, trotzdem die Wahrheit sagt. Weiterhin soll ein Versuch unternommen werden, die Auslegungsperspektive dahingehend zu erweitern, dass die Lüge im Sinne einer Perlokution auf unterschwellige Art und Weise doch eine Wirkung beim Adressaten erzeugt, es sich beim Lügen also nicht ausschließlich um einen illokutionären Sprechakt handelt, dessen Intention nur der Sprecher kennt.
Einer eigentlich ganz eigenen Thematik wird sich der letzte Teil der Arbeit widmen: dem Paradox des Lügners. Wie sind Sätze zu verstehen, die sich im Bezug auf ihre eigene Aussage selbst widersprechen? Welches Wahrheitsprädikat ist einem Satz der Form Dieser Satz ist falsch zuzuteilen, wenn der Versuch, herauszufinden, ob der semantische Inhalt nun wahr oder falsch ist, in einen nicht endenden Kreislauf führt? Zu dieser Frage wird zum einen die philosophische und logische Umgehensweise mit sprachlichen Paradoxien erläutert, sowie eine kleine Auswahl an semantischen und pragmatischen Gedanken zur Lösung des Problems geboten.
Das Ziel wird also sein, möglichst plausibel das Verständnis des Lügens als ernstzunehmenden Fall des sprachlichen Handelns mit seinen eigenen Regeln und Regelverstößen zu öffnen und zu betonen, dass die Analyse der Lüge noch längst nicht abgeschlossen ist. Darüber hinaus soll anhand der Kontroverse um das Lügner-Paradox die Tatsache veranschaulicht werden, dass schwierige Fälle, wie es auch die Lüge und die Paradoxie sind, zwar nicht unbedingt hinreichend mit bestehenden Theorien zu analysieren sind, sie aber als höchst interessante Phänomene des Sprachgebrauchs nicht als Systemfehler betrachtet werden dürfen. Vielmehr sollten sie als Chance genutzt werden, bestehende analytische Ansätze auch disziplinübergreifend zu perfektionieren.
[...]
1 1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte; und sie sprach zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen? 2 Da sagte die Frau zur Schlange: Von den Früchten der Bäume des Gartens essen wir; 3 aber von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens [steht], hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen und sollt sie nicht berühren, damit ihr nicht sterbt! 4 Da sagte die Schlange zur Frau: Keineswegs werdet ihr sterben! 5 Sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses. (Bibel, 1. Buch Mose 3: 1-5)
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