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Subtitle: Der Einfluss Tolstois auf die frühe Sowjetliteratur
Termpaper, 2006, 23 Pages
Author: Christian Schreier
Subject: Russian / Slavic Languages
Details
Institution/College: Bielefeld University
Tags: Drei, Tode, Dreimal, Vergleich, Tolstoi
Year: 2006
Pages: 23
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 6 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-57383-2
ISBN (Book): 978-3-638-67014-2
File size: 223 KB
Der Text "Drei Tode" von Lev Tolstoi diente dem jungen Alexander Fadejew augenscheinlich als Vorlage für das Kapitel "dreimal der Tod" in seinem Buch "Die Neunzehn". Dieses Buch stellt eine der bedeutendsten Schriften der frühen Sowjetliteratur dar. In dieser Arbeit werden beide Texte analysiert und um einen anschließenden Vergleich zu ermöglichen, ein geschichtlicher Abriss der Oktoberrevolution sammt ihren Folgen gegeben.
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Abstract
Lew Nikolajewitsch Tolstoj ist in vielerlei Hinsicht eine interessante Persönlichkeit – nicht nur, dass er im streng gläubigen Russland nach andauernder und leidenschaftlicher Kritik an der Orthodoxen Kirche letztlich exkommuniziert wurde, als Fortschrittsverweigerer und Rechtsnihilist galt und dadurch die, von vielen Anhängern vertretene Weltanschauung, den später so genannten Tolstojarismus vorlebte, er schaffte es, nahezu wie kein Zweiter, die russische Kultur hinaus in die Welt zu tragen. Seine großen Werke, wie Anna Karenina oder Krieg und Frieden sind Abbilder der Gesellschaft – Zeugen einer Zeit die von Klassenunterschieden und Zensur beherrscht war. Auch deshalb erreichte die Literatur im Russland des 19ten Jahrhunderts eine besondere Stellung in der Entwicklungsgeschichte dieser Gesellschaft. Nach der Oktoberrevolution im Jahre 1917 besann man sich schließlich dieses gewaltigen Erbes und versuchte wohl etwas der Macht und des Einflusses für sich zu nutzen. Jedenfalls wurde Tolstoj, neben einigen weiteren großen russischen Autoren des 19ten und 20ten Jahrhunderts, zu einem Vorbild der jungen Sowjetliteratur. In einigen Fällen lassen sich Analogien besonders deutlich feststellen – so schrieb der junge Schriftsteller Alexander Fadejew 1927 den viel beachteten Roman „Die Neunzehn“ über die Zeit der Oktoberrevolution und den anschließenden Bürgerkrieg. Ein Kapitel in diesem Roman ist mit „Dreimal der Tod“ betitelt und erinnert somit schon hier stark an den Text „Drei Tode“ von Lew Tolstoi. Beide thematisieren den Tod, wie der Name verrät, auf drei verschiedene Arten. Ich beginne mit einer Analyse des Textes von Tolstoi, erläutere in einem kleinen geschichtlichen Ausritt das Geschehen während und kurz nach der Oktoberrevolution und komme schließlich zur Untersuchung des Kapitels aus Fadejews „Die Neunzehn“. Zu guter letzt werden die beiden Texte auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin verglichen.
Excerpt (computer-generated)
Universität Bielefeld, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
Seminar: Die Darstellung des Todes bei Tolstoi
WS 2005/2006
Drei Tode und dreimal der Tod - Ein Vergleich oder
der Einfluss Tolstois auf die frühe Sowjetliteratur
von: Christian Schreier
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Lew Tolstoi 3
2.1 Tolstois Stellung zum Adel 3
2.2 Lew Tolstois: Drei Tode 4
2.3 Der Tod der Gutsherrin 4
2.4 Der Tod des Kutschers 7
2.5 Der dritte Tod 8
3. Die Oktoberrevolution und ihre Folgen 9
4. Alexander Fadejew 14
4.1 Fadejews: Dreimal der Tod 14
4.2 Der Tod des Partisan Meteliza 15
4.3 Der Tod des Pferdes 17
4.4 Der Tod des Denunzianten 18
5. Vergleich der Texte 19
6. Fazit 22
7. Literaturliste 23
1. Einleitung
Lew Nikolajewitsch Tolstoj ist in vielerlei Hinsicht eine interessante Persönlichkeit – nicht nur, dass er im streng gläubigen Russland nach andauernder und leidenschaftlicher Kritik an der Orthodoxen Kirche letztlich exkommuniziert wurde, als Fortschrittsverweigerer und Rechtsnihilist galt und dadurch die, von vielen Anhängern vertretene Weltanschauung, den später so genannten Tolstojarismus vorlebte, er schaffte es, nahezu wie kein Zweiter, die russische Kultur hinaus in die Welt zu tragen. Seine großen Werke, wie Anna Karenina oder Krieg und Frieden sind Abbilder der Gesellschaft – Zeugen einer Zeit die von Klassenunterschieden und Zensur beherrscht war. Auch deshalb erreichte die Literatur im Russland des 19ten Jahrhunderts eine besondere Stellung in der Entwicklungsgeschichte dieser Gesellschaft. Nach der Oktoberrevolution im Jahre 1917 besann man sich schließlich dieses gewaltigen Erbes und versuchte wohl etwas der Macht und des Einflusses für sich zu nutzen. Jedenfalls wurde Tolstoj, neben einigen weiteren großen russischen Autoren des 19ten und 20ten Jahrhunderts, zu einem Vorbild der jungen Sowjetliteratur. In einigen Fällen lassen sich Analogien besonders deutlich feststellen – so schrieb der junge Schriftsteller Alexander Fadejew 1927 den viel beachteten Roman „Die Neunzehn“ über die Zeit der Oktoberrevolution und den anschließenden Bürgerkrieg. Ein Kapitel in diesem Roman ist mit „Dreimal der Tod“ betitelt und erinnert somit schon hier stark an den Text „Drei Tode“ von Lew Tolstoi. Beide thematisieren den Tod, wie der Name verrät, auf drei verschiedene Arten. Ich beginne mit einer Analyse des Textes von Tolstoi, erläutere in einem kleinen geschichtlichen Ausritt das Geschehen während und kurz nach der Oktoberrevolution und komme schließlich zur Untersuchung des Kapitels aus Fadejews „Die Neunzehn“. Zu guter letzt werde ich die beiden Texte auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin vergleichen.
2. Lew Tolstoi
2.1 Tolstois Stellung zum Adel
Zum besseren Verständnis des Textes sollten hier einige Worte zu grundlegenden Ansichten Tolstois fallen. Geprägt von Jean-Jacques Rousseaus Ideen über die Nachteile von Eigentum und Herrschaft für die Gesellschaft, entwickelte sich Tolstoi zu einem wahren Verweigerer des Fortschritts. Nach Rousseau ist der Mensch im Naturzustand gut und frei und erst durch die Gesellschaft, welche durch Eigentumsansprüche entstand, wurde er verdorben.1 Tolstois Ansicht nach, befinden sich, vereinfacht ausgedrückt, die Bauern in ihrer Lebensweise näher am Naturzustand als der Adel, der sich von der Natur regelrecht entfremdet hat. Darüber hinaus ist er für seine anhaltende Entfremdung selbst verantwortlich, da der Adel Macht über andere Menschen besitzt und, nach Tolstoi, jeder Erlass und jedes Gesetz die Freiheit eines jeden grundsätzlich einschränkt. Tolstois Abneigung zum Lebensstil des russischen Adels, dem er selbst angehört, wird in seinen Werken immer wieder deutlich. So symbolisiert er die Entfernung der adeligen Gesellschaft vom russischen Volk beispielsweise dadurch, dass er die Dialoge des Adels in vielen seiner Werke oft in französischer, also fremder Sprache stattfinden lässt.
2.2 Drei Tode
Die Novelle „Drei Tode“ wurde von Lew Tolstoi im Jahre 1859, drei Jahre nach dem Tod einer seiner Brüder, geschrieben. Sie thematisiert die unterschiedlichen Arten zu Sterben und den unterschiedlichen Umgang mit dem Tod von Adel und Bauern im Russland des 19. Jahrhunderts. Es werden drei verschiedene Tode dargestellt. Zum einen, der einer Gutsherrin, stellvertretend für den russischen Adel; dem gegenüber stellt Tolstoi den Tod eines Kutschers. Der Kutscher gehört zu der naturnahen, bäuerlichen Bevölkerung, welche Tolstoi idealisiert. Letztlich beschreibt Tolstoi noch den Tod eines Baumes, der natürlichste und dadurch idealste aller möglichen Tode. Der Autor verknüpft die drei Handlungen geschickt. Er beginnt mit der Reise der kranken Gutsherrin und unterbricht den Handlungsstrang an einer Raststation, um die Geschichte des alten Kutschers einzuschieben, der in der Kutscherstube der Station seine letzten Tage verlebt. Der junge Wagenlenker der Gutsherrin bittet den Kutscher um seine neuen Stiefel, wofür er die Verantwortung für das Grab des Alten übernehmen muss. Hier kehrt der Autor zur Geschichte der Adeligen zurück, welche etwa ein halbes Jahr später schließlich stirbt. Um dem toten Kutscher zumindest vorerst ein Kreuz am Grab aufstellen zu können, fällt der junge Kutscher letztlich den dadurch sterbenden Baum.
2.3 Der Tod der Gutsherrin
Zu Beginn beschreibt der Autor eine schwindsüchtige Gutsherrin, die sich die Heilung ihrer Krankheit von einem Kuraufenthalt in Italien verspricht. Zur damaligen Zeit war die Fahrt selbst nichts besonderes, da Deutschland, Frankreich oder eben auch Italien beliebte Reiseziele für den russischen Adel darstellten. Lediglich die Jahreszeit, es ist Herbst als die Fahrt beginnt, ist aufgrund des meist schlechten Wetters ungewöhnlich. So machen sich ein Arzt, das Stubenmädchen und der Ehemann mit der Kranken auf eine Reise durch Russland. Tolstoi bedient sich häufig dem künstlerischen Stilmittel des Parallelismus. Gleich zu Beginn stellt er die kranke Adelige, eine „magere, blasse Dame“ 2 , kontrastierend dem, vor Gesundheit strotzenden Stubenmädchen „mit rotglänzendem Gesicht“ 3 gegenüber. Der typisch bäuerliche Name des Stubenmädchens, Matrjoscha, unterstreicht ihre Zugehörigkeit zum ärmlichen, aber naturnah lebenden Bauernvolk.
[...]
1 So zu finden in Rousseau „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ – 1755.
2 Polikuschka. Frühe Erzählungen. Band 3., 70.
3 Ebd., 70.
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