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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 41 Pages
Author: Susanne Elstner, geb. Spindler
Subject: Speech Science / Linguistics
Details
Institution/College: http://www.uni-jena.de/ (Institur für germanistische Sprachwissenschaft)
Tags: Genitivverfall, Ausprägungen, Konsequenzen, Hauptseminar, Nomen, Pronomen
Year: 2003
Pages: 41
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-57404-4
ISBN (Book): 978-3-638-64682-6
File size: 259 KB
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Abstract
Rettet den Genitiv! Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod! Solchen und vielen anderen Sätzen der Warnung bzw. Aufrüttelung begegnet man in Zeitungen, Schulen und Universitäten. Der Genitiv erhält auf diese Weise nach und nach den Status einer vom Aussterben bedrohten Tier- oder Pflanzenart, bei deren Anblick man ganz erfürchtig wird, weil man weiß, dass es das letzte Mal sein könnte. Der Mensch scheint auf gewissen Gebieten dualistische Vorlieben zu haben. Zum einen liebt er den Fortschritt, zu dem ihn seine Neugierde treibt, andererseits liebt er auch das alte Traditionelle, weil er sozusagen sein Nachkomme ist. Ähnlich verhält es sich beim Genitiv. Er wird immer mehr zum Alten. In der gesprochenen Sprache ist er schon fast ausgestorben bzw. in seiner Verwendung oft markiert. In der Schriftsprache ist seiner Verwendung zwar noch ein Stück alltäglicher, aber auch hier sind Verfallserscheinungen zu sehen. Sein Verfall ist nicht aufzuhalten. Wir können nicht über den täglichen Fortschritt der Welt und Menschheit mit veralteten Vokabeln und grammatischen Konstruktionen reden. Es ist abzusehen, dass der Genitiv, wie z.B. im Englischen, irgendwann einmal ganz wegfällt und ins Fachgebiet der Diachronischen Sprachwissenschaft gehört. Die Ausarbeitung befasst sich vor allem mit den verschiedenen Formen des Wegfalls, betrachtet Ausnahmen, versucht sich an Prognosen für die Zukunft und gibt Ratschläge für den Umgang mit dem Sachverhalt im schulischen Bereich.
Excerpt (computer-generated)
Fsu Jena, SS 2003
Hauptseminar: Nomen und Pronomen
Der Genitivverfall - Ausprägungen und Konsequenzen
von: Susanne Elstner, geb. Spindler
Inhaltsübersicht
0. Einleitung 3
1. Auf den ersten Blick 3
1.1. Das Genitiv-„s“ 4
1.1.1. Wegfall des Genitiv-„s“ 4
1.1.2. Hinzutreten des Genitiv-„s“ 6
1.2. Die Genitiv-Rektion 6
1.2.1. Verlust der Genitiv-Rektion 6
1.2.2. Hinzutreten einer Genitiv-Rektion 8
1.3. Veraltung 8
1.4. Ersatzkonstruktionen 9
2. Der Verlust des Genitiv-„s“ 10
2.1. Die Appelsche Theorie 10
2.2. Zustimmung und Gegentheorien 16
2.3. Vermehrung des Genitiv-„s“ - eine Gegentheorie? 17
3. Die Genitiv-Rektion 20
3.1. Rückgang der Genitiv-Rektion bei Verben und Präpositionen 20
3.2. Zunahme von Genitiv-Rektion bei Dativ-Adpositionen 21
3.3. Ersatzkonstruktionen und Konkurrenzformen 23
4. Der Genitiv heute 29
5. Prognosen 36
6. Abschließende Gedanken 38
Literaturverzeichnis 40
0. Einleitung
„Der formale Vorgang, der den Untergang des Genitivs begründet hat, ist die Abschwächung der vollen Endvokale im Ausgang der althochdeutschen Zeit. [...] Im Ausgang der mittelhochdeutschen Zeit vollziehen sich dann Umbildungen der nominalen Flexion, die einen weiteren Zusammenfall der Kasus herbeiführen“ (Behaghel 1923:§358). Dieser Untergang des Genitivs soll laut Behaghel durch den „s“-Wegfall auch äußerlich deutlich werden. Ist der Genitiv aber wirklich dem Untergang geweiht? Was ist formal zu beobachten? Wie wird er ersetzt? Wie ist es um den Genitiv heute bestellt? Was sagt man ihm für die Zukunft voraus? Wie sollte man die so gewonnenen Erkenntnisse als Lehrkraft umsetzen? All diese Fragen sollen in der folgenden Arbeit behandelt werden. Auch soll untersucht werden, was es mit der scheinbaren Zunahme des „s“-Suffix bei Substantiven im Genitiv und mit dem Rektionswechsel hin zum Genitiv bei einigen Adpositionen auf sich hat. Auch die scheinbare Sonderposition von Eigennamen, Personennamen und eigennämlichen Bezeichnungen im genitivischen Bereich soll eigens untersucht werden.
1. Auf den ersten Blick
Der Rückgang des Genitivs ist schon seit mehreren Jahrhunderten auszumachen. Es wird mit Sorge seitens der Sprachwissenschaft die Prognose gestellt, dass der Gebrauch des Genitivs als einer flexivischen Form überhaupt aufhören werde. Man hat dabei nicht die Mundart im Auge, die schon längst keinen flexivischen Genitiv mehr kennt, sondern die Hochsprache. Teils glaubt man als zukünftigen Zustand den des heutigen Englisch annehmen zu sollen, das heißt den Ersatz der flexivischen Form durch eine präpositionale Fügung (die Beine von dem Tisch), oder man prophezeit den Wegfall der charakteristischen „s“-Endung, das heißt ein Einheitsparadigma „der Tisch, des Tisch“ usw. Zunächst soll eine Betrachtung der Auffälligkeiten des heutigen Genitivs einen Überblick geben. Der Genitiv zeichnete sich bisher durch folgende Ausprägungsform aus:
1. Durch eine bestimmte Intonation, die ihn vom gleich aussehenden Dativ abhebt.
2. Durch die Flexionsendung des Substantivs.
3. Durch die flektivische Form des Artikels oder eines Pronomens in Verbindung mit einem Substantiv.
4. Durch die Flexionsendung eines mit dem Substantiv im Genitiv verbundenen Adjektivs.
1.1. Das Genitiv-„s“
Der Genitiv ist der zurzeit noch am stärksten markierte Kasus des Deutschen, dies bewirken vor allem die bei ihm noch sehr auffälligen Flexionsendungen. Im heutigen Deutsch geht aber die Tendenz eher zu Substantiven, die nicht kasusmarkiert sind. Es ist zu beobachten, dass die Flexionsendung „s“ immer häufiger wegfällt.
1.1.1. Wegfall des Genitiv-„s“
Bei folgenden syntaktischen Fügungen ist es belegt (Appel 1941:3):
1. Substantiv mit nachgestelltem substantivischem Attribut im Genitiv.
2. Substantiv mit vorausgehendem substantivischem Attribut im Genitiv.
3. Präpositionen wie trotz, wegen, mittels, inmitten mit Substantiv im Genitiv.
4. Substantiv mit einem durch als angefügtem Substantiv im Genitiv.
5. Substantiv mit vorausgehender oder folgender Apposition. Diese Substantive fallen laut Appel unter folgende begrenzte Gruppen (Ebd. 1941:4):[1]
1. Substantive mit der Endung „en“, wie z.B. „Bogen“.
2. Fremdwörter, wie z.B. Marmor.
3. Eigennamen, wie z.B. „Main“, „Matterhorn“, „Frankreich“, „Maria“.
4. Substantive von sekundärer Bildung, wie Verkleinerungsformen; zusammengesetzte Substantive mit oder ohne Fugen-„s“ und Substantivierungen.
5. Personenbezeichnungen, die nicht Eigennamen sind, wie z.B. „Vater“, „Redner“, „Dichter“.
Appel führt auf der gleichen Seite auch noch 22 Wörter auf, die sich in diese Gruppen nicht einordnen lassen, bei denen aber das „s“ ebenfalls oft wegfällt, wie z.B. „Bild“, „Buch“, „Ergebnis“, „Käse“.[2] Diese Auflistung stellt eine Erweiterung der von Behaghel aufgeführten Beispiele dar (Ebd. 1923:§42II). Der Wegfall des „s“ wird schon seit vielen Jahren beobachtet, es steht laut Behaghel im Zusammenhang mit dem Untergang des Genitivs, der schon im 15. Jahrhundert begonnen haben soll (Ebd. 1923:§358f). Für ihn stellte der „s“- Wegfall damals noch eine starke Markierung dar, was heute eher nicht mehr so ist. Wann das „s“ bleibt, und wann es wegfällt, ist aber sehr oft situationsabhängig. Es muss nicht in diesen Fügungen und bei diesen Substantiven wegfallen, aber die Wahrscheinlichkeit ist höher, gerade in diesen Fällen einen Wegfall beobachten zu können. Auch müssen Nomen betrachtet werden, die im Stammausgang auf „s“ enden. Ist das Apostroph ein reiner Genitiv-„s“-Ersatz, oder schon der erste Schritt in Richtung des „s“-Wegfalls?
1.1.2. Hinzutreten des Genitiv-„s“
Fakt ist, dass zurzeit im Deutschen noch beide Formen nebeneinander existieren, es werden Wörter mit und ohne Genitiv-„s“ gebildet. Interessant daran ist, dass das „s“ aber auch Nomen zu erobern scheint, denen es die Grammatik eigentlich untersagt, wie z.B. „Automat, des Automats“. Gallmann bringt diese Entwicklung in den Zusammenhang des Wegfallens der genitivischen „(e)n“- Endung (Ebd. 1990:178). Pérennec nimmt diese Tatsache auf und verwendet sie sogar gegen Gallmann (Pérennec 1998:168): Andererseits widerspricht der These des Verfalls, daß viele schwache Maskulina genau die entgegengesetzte Tendenz aufweisen, auf s-Genitiv überzuwechseln. Leider begründet sie ihre Argumentation nicht ausreichend, so dass man auf der Suche nach Gründen wieder bei Gallmann landet.
1.2. Die Genitiv-Rektion
[...]
[1] Bei allen anderen Substantiven müsste das „s“ also nicht wegfallen.
[2] Hier sei darauf hingewiesen, dass Appel bei ihren Untersuchungen nur Beispiele aus der Hoch- und Schriftsprache berücksichtig hat.
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