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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 35 Pages
Author: Bastian Pütter
Subject: History - Modern Times, Absolutism, Industrialization
Details
Institution/College: University of Cologne
Tags: Kirche, Lessing, Krise, Freimaurerei, Hauptseminar, Aufklärung, Wandel
Year: 2002
Pages: 35
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 49 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-57418-1
ISBN (Book): 978-3-638-64008-4
File size: 226 KB
Historische Arbeit über die Freimaurer mit germanistischem Einschlag. Schwerpunkt in der Analyse Lessings zeitgenössischer Kritik ("Ernst und Falk").
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Abstract
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit zwei gleichzeitig herausragenden und typischen Erscheinungen des achtzehnten Jahrhunderts in Deutschland. Auf der einen Seite Gotthold Ephraim Lessing, der deutsche Exponent der literarischen Aufklärung, der erste „freischwebende Intellektuelle“ , auf der anderen Seite die soziopolitische Erscheinung der Freimaurerlogen. Sowohl Lessing als auch die Geheimbünde sind in sofern typisch für die deutsche Vorrevolutionszeit, als sie die Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen und geistigen Situation des Bürgertums abbilden. Der erste Teil der Arbeit zeichnet die Entstehung und Entwicklung der modernen Freimaurerei bis zu ihrer Krise gegen Ende des Jahrhunderts nach und analysiert die Gründe des Niedergangs. Dabei rückt das Verhältnis von Aufklärung und Freimaurerei ins Zentrum. Zwar prägen die Logen als gesellschaftliche Formationen die Aufklärung entscheidend, doch besteht zwischen beiden Phänomenen ein Spannungsfeld, das einerseits bedingt wird durch ihren unterschiedlichen Charakter. Aufklärung ist im achtzehnten Jahrhundert eine intellektuelle Mentalitätsstruktur, eine bestimmte Weltsicht, eine praktische Philosophie, während die Freimaurerlogen gesellschaftliche Einrichtungen, organisierte Gruppen sind. Freimaurer ist man nur als Angehöriger dieser Gruppe, Aufklärer ist man „in der virtuellen Solidarität Gleichgesinnter“ Andererseits gerät die Forderung der Aufklärung nach Publizität mit den strukturellen Eigenschaften der Logen in Konflikt. Aus der Perspektive des Öffentlichkeitsanspruchs der Aufklärung, sind die Geheimgesellschaften sogar „ihr Gegenteil“ . Die freimaurerische Biografie Lessings läuft entlang dieses Spannungsfeldes von Ideal und Organisationsform, Öffentlichkeitspostulat und Geheimnis. Der zweite Teil der Arbeit wird die Auseinandersetzung des „Selbstdenkers“ Lessing mit der sich wandelnden Freimaurerei von der Journalistenzeit in Berlin bis zu seinem „politische[n] Testament“ „Ernst und Falk – Gespräche für Freymäurer“ nachzeichnen.
Excerpt (computer-generated)
Universität zu Köln, Historisches Seminar
Hauptseminar: Aufklärung und sozialer Wandel im 18. Jht.
Wintersemester 2001/2002
′Die unsichtbare Kirche′ –
Lessing und die Krise der Freimaurerei
von: Bastian Pütter
1. Einleitung 3
2. Die Freimaurerlogen im achtzehnten Jahrhundert 5
2.1. Entstehungsgeschichte 5
2.2. Anfänge und Verbreitung in Deutschland 7
2.3. Gesellschaftliche Funktion und historische Bedeutung 8
2.4. Die Krise der Freimaurerei 11
2.4.1. Templertradition und Aristokratisierung 12
2.4.2. Strikte Observanz 13
3. Lessing und die Freimaurer 15
3.1. Lessings Kontakte zur Freimaurern 15
3.2. Lessings Ablehnung durch Bode 16
3.3. Lessing als Freimaurer: Aufnahme und Enttäuschung 18
3.4. „Ernst und Falk“ – Lessings Freimaurergespräche 22
3.4.1. Kritik: die freimaurerische Praxis 23
3.4.2. Utopie: die ideelle Freimaurerei 26
4. Schluss 31
5. Literaturverzeichnis 32
5.1. Quellen 32
5.2. Literatur 33
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit zwei gleichzeitig herausragenden und typischen Erscheinungen des achtzehnten Jahrhunderts in Deutschland. Auf der einen Seite Gotthold Ephraim Lessing, der deutsche Exponent der literarischen Aufklärung, der erste „freischwebende Intellektuelle“1, auf der anderen Seite die soziopolitische Erscheinung der Freimaurerlogen. Sowohl Lessing als auch die Geheimbünde sind in sofern typisch für die deutsche Vorrevolutionszeit, als sie die Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen und geistigen Situation des Bürgertums abbilden. Der erste Teil der Arbeit zeichnet die Entstehung und Entwicklung der modernen Freimaurerei bis zu ihrer Krise gegen Ende des Jahrhunderts nach und analysiert die Gründe des Niedergangs.
Dabei rückt das Verhältnis von Aufklärung und Freimaurerei ins Zentrum. Zwar prägen die Logen als gesellschaftliche Formationen die Aufklärung entscheidend, doch besteht zwischen beiden Phänomenen ein Spannungsfeld, das einerseits bedingt wird durch ihren unterschiedlichen Charakter. Aufklärung ist im achtzehnten Jahrhundert eine intellektuelle Mentalitätsstruktur, eine bestimmte Weltsicht, eine praktische Philosophie, während die Freimaurerlogen gesellschaftliche Einrichtungen, organisierte Gruppen sind.2 Freimaurer ist man nur als Angehöriger dieser Gruppe, Aufklärer ist man „in der virtuellen Solidarität Gleichgesinnter“3 Andererseits gerät die Forderung der Aufklärung nach Publizität mit den strukturellen Eigenschaften der Logen in Konflikt. Aus der Perspektive des Öffentlichkeitsanspruchs der Aufklärung, sind die Geheimgesellschaften sogar „ihr Gegenteil“4.
Die freimaurerische Biografie Lessings läuft entlang dieses Spannungsfeldes von Ideal und Organisationsform, Öffentlichkeitspostulat und Geheimnis. Der zweite Teil der Arbeit wird die Auseinandersetzung des „Selbstdenkers“ Lessing mit der sich wandelnden Freimaurerei von der Journalistenzeit in Berlin bis zu seinem „politische[n] Testament“5 „Ernst und Falk – Gespräche für Freymäurer“6 nachzeichnen.
2. Die Freimaurerlogen im achtzehnten Jahrhundert
2.1. Entstehungsgeschichte
Eine der – auch ideologisch – wichtigsten Fragen innerhalb der Freimaurerei, ist die nach ihrem Ursprung. Im Laufe der Zeit haben sich eine Fülle von Theorien, Mythen und Legenden ihrer Entstehung entwickelt. Gerade das ausgehende achtzehnte Jahrhundert produzierte eine Fülle von historischen Bezügen. Die Freimaurer wurden bis auf die ägyptische Osiris - Legende, den Brahmanenkult, die Eleusinischen Mysterien, die Kabbala, den Mysterienkult der Essener, die Gnosis oder die Druiden zurückgeführt, um die esoterisch - hermetischen Grundlagen aufzuzeigen.7 Lessing hat - darauf wird noch zu kommen sein - der Fülle an zum Teil abwegigsten Theorien eine (ebenfalls unhaltbare) etymologische Herleitung der Freimaurerei („Masonry“) aus den Tafelrunden („Masony“ = Tischgesellschaft) als freimaurerischer Urform hinzugefügt.8
Weitaus wirkmächtiger war die ebenfalls nicht verifizierbare Theorie der Entstehung aus dem Templerorden, die ab Mitte des 18. Jahrhunderts für eine Umwälzung des Logensystems sorgte (siehe unten 2.4.1.). In der Forschung hat sich die Variante der Herkunft aus den westeuropäischen Dombauhütten durchgesetzt. Aus Zusammenschlüssen von Steinmetzen und Maurern beim Bau von Kirchen und Kathedralen entwickelte sich wohl durch die Ergänzung durch einen äußeren Ring von „Lieferanten, Söhnen von Maurern, Ortsgeistlichen, Bauhandwerkern verwandter Berufe, Zimmerleuten, Spenglern und Glasmalern“9 die „symbolische Maurerei“ in Abgrenzung zur „operativen Werkmaurerei“.10 Am 24. Juni 1717 kam es zu einer Neuformierung der bisher entstandenen Logen und zur Zusammenfassung unter einer Großloge in London.11 Dieses Datum fungiert seitdem als Gründungsjahr der modernen Freimaurerei. Wie die Entstehungsgeschichte behält auch dieser Gründungsakt letztlich Thesencharakter, denn die Quellenlage verbietet die unkritische Annahme der nicht sicher belegbaren freimaurerischen Überlieferung.12 Die Quellenarmut für die unmittelbare Gründungszeit lässt sich aus der anfänglichen Bedeutungslosigkeit dieses Zusammenschlusses erklären.13
Die Anzahl der Maurer war gering, die einzelnen Logen zählten - mit einer Ausnahme - kaum mehr als zwanzig Mitglieder. Ihre Einkünfte waren zweifellos mager, denn der Großmeister war nur ein `Gentleman´, ein kleiner unbekannter Bürger, der auf Adel und das reiche Bürgertum kaum sehr anziehend wirkte.14 Trotz der schwierigen Startbedingungen erfuhr dieser, später „Englisches System“ genannte Sozietätstyp15 eine weltweite Ausdehnung innerhalb der folgenden Jahrzehnte. Ein Faktor dabei ist die frühe Schaffung einer festen Organisation mit den 1723 von James Anderson im Konstitutionenbuch niedergelegten „Alten Pflichten“, dem bis heute gültigen Regelbestand der Freimaurer.16
2.2. Anfänge und Verbreitung in Deutschland
[...]
1 JASPER, WILLI, Lessing. Aufklärer und Judenfreund. Biographie, Berlin – München 2001, S. 9., künftig zitiert: JASPER, Lessing.
2 RUDOLF, Aufklärung und Freimaurerei in Deutschland, in: DERS., Deutschland im 18. Jahrhundert. Politische Verfassung, soziales Gefüge, geistige Bewegungen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1987, S. 110 - 125, hier S. 119f., künftig zitiert: VIERHAUS, Aufklärung und Freimaurerei.
3 Ebd. S. 120.
4 Fischer, Michael W., Die Aufklärung und ihr Gegenteil. Die Rolle der Geheimbünde in Wissenschaft und Politik, Berlin 1982.
5 NISBET, HUGH B., Zur Funktion des Geheimnisses in Lessings Ernst und Falk, in: FREIMARK, PETER u.a. (Hg.), Lessing und die Toleranz. Beiträge zur vierten internationalen Konferenz der Lessing Society in Hamburg vom 27. bis 29. Juni 1985. Sonderband zum Lessing Yearbook, Detroit - München 1986, S. 291-309., hier S. 296, künftig zitiert: NISBET, Zur Funktion des Geheimnisses.
6 LESSING, GOTTHOLD EPHRAIM,– Gespräche für Freymäurer, in Ders., Werke, hg. v. HERBERT G. GÖPFERT, 8 Bde., München 1970-79, Bd. 8, S. 452 – 488, künftig zitiert: LESSING, Ernst und Falk, im Text mit Seitenzahl (in Klammern).
7 REINALTER, Die Freimaurer, S. 10. BINDER belegt in 206 Werken über den Ursprung der Freimaurerei 39 verschiedene Theorien. Die diskrete Gesellschaft, S. 10.
8 LESSING, Ernst und Falk, S. 484f.: „Nicht von Mason der Maurer, sondern von Mase, der Tisch, die Tafel“. Am ausführlichsten bei MICHELSEN, Die „wahren Taten“ der Freimaurer, S. 155ff., bes. S. 156f., Anm. 18. Vgl. auch KELSCH, Der Freimaurer Lessing, S. 112f.
9 REINALTER, Die Freimaurer, S. 12.
10 AGETHEN vermutet als Grund für die Zusammenschlüsse den „Schutz gegen `Werkspionage´“. Geheimbund und Utopie, S. 55. So auch SOLF, HANS HEINRICH, Die Funktion der Geheimhaltung in der Freimaurerei, in: LUDZ, PETER CHRISTIAN (Hg.), Geheime Gesellschaften (Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung Bd. 5/1), Heidelberg 1979, S. 43 – 49, hier S. 45.
11 BINDER begründet diesen Zusammenschluss mit „Auflösungstendenzen“, die durch die „Unterwanderung der alten Logen durch Nichtmaurer“ stattgefunden habe. Die diskrete Gesellschaft, S. 21. Der Evangelist Johannes war als Patron der Freimaurer Grund für die Wahl des 24. Juni, des Johannistags.
12 Vgl. REINALTER, Die Freimaurer, S. 12.
13 BINDER, Die diskrete Gesellschaft, S. 21.
14 BOKOR, CHARLES VON, Winkelmaß und Zirkel. Die Geschichte der Freimaurer, Wien – München 1980, S. 82.
15 Zum Sozietätsbegriff IM HOF, Das gesellige Jahrhundert, S. 179ff., zu den Freimaurern als Sozietät siehe EBD. S. 163ff.
16 ANDERSON, Konstitutionenbuch, vgl. REINALTER, Die Freimaurer, S. 53f., vgl. BINDER, Die diskrete Gesellschaft, S. 118ff.
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