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Zur Denkfigur des 'Vornehmen Menschen' bei Nietzsche

Scholary Paper (Seminar), 2001, 28 Pages
Author: Jaroslaw Piwowarski
Subject: Philosophy - Philosophy of the 19th Century

Details

Event: SE: „Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse /
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für Philosophie)
Tags: Denkfigur, Vornehmen, Menschen, Nietzsche, Jenseits, Böse
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2001
Pages: 28
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V64707
ISBN (E-book): 978-3-638-57453-2

File size: 252 KB


Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Philosophie
SE: „Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse /
Zur Genealogie der Moral“
WS 2000/01

Zur Denkfigur des Vornehmen Menschen bei Nietsche

von: Jaroslaw Piwowarski

 


INHALTSVERZEICHNIS

„Die vornehme Seele hat Ehrfurcht vor sich selbst“ 3

Der Begriff „vornehm“ 3

Verortung der Vornehmheit in der Aristokratie. 4

Die Perspektivität: das E x o t e r i s c h e und E s o t e r i s c h e 6

Der g a n z e r e Mensch: der Vorzug des vornehmen Menschen 8

Der i n s t i n k t i v e Mensch – Instinkt als Lenker des Verhaltens 9

Pathos der Distanz – Leidenschaft der Distanz, Pathos der Ferne 12

Die Scham im Denken Nietzsches 16

Exkurs: Maske, Person und die Zuschreibung von Handlungen 22

Abschluss 25

Literaturverzeichnis 27



 

 

„Die vornehme Seele hat Ehrfurcht vor sich selbst“ Auf die Frage hin, was vornehm sei, antwortet Nietzsche im 287 Aphorismus von »Jenseits von Gut und Böse«: „D i e v o r n e hme S e e l e h a t E h r f u r c h t v o r s i c h s e l b s t . “1 Was bedeutet es? „Ehrfurcht“ bedeutet hohe Achtung, achtungsvolle Scheu, Respekt vor der Würde, Erhabenheit einer Person, eines Wesens oder einer Sache – ist das nicht u.a. eine im religiösen Kontext gebräuchliche Formel, die die Beziehung zwischen Mensch und Gott und Göttlichem als ein vertikales Verhältnis beschreibt? Ein Verhältnis, bei dem der Mensch sich am unteren Ende befand und Gott am anderen, höchsten Punkt, bevor er im Zarathustra für tot erklärt wurde? Ein Verhältnis, bei dem der Mensch zwangsläufig nach oben aufschauen mußte, sich selbst dabei als klein und nichtig wahrnehmend? Letztendlich also bezeichnet „Ehrfurcht“ im religiösem Kontext (den Nietzsche ja selbst in dem besagten Aphorismus aufgreift) nichts anderes, als die Beschreibung einer hierarchischen Beziehung zwischen Niedrig- und Hochgestellten. Von dem Begriff der Ehrfurcht aus ist es nicht weit zum Begriff der Demut, also einer weiteren religiösen Kategorie.

Was bedeutet dieses intensivierte Selbstverhältnis der Ehrfurcht vor sich selbst? In der vorliegenden Arbeit will ich dieser Frage nachgehen und mich dabei mit einigen Begriffen auseinander setzten, die aus dem Umfeld der Denkfigur vom vornehmen Menschen stammen. Es soll den Begriffen nachgespürt werden, die bei der Konturierung dieser Denkfigur eine wichtige Rolle spielen.

Der Begriff „vornehm“

Die einfachste Wortbestimmung erschließt sich in der Opposition: das Gegenteil von „vornehm“ lautet: „schlicht“ oder „einfach“. In der ursprünglichen, auf das Mittelhochdeutsche zurückgehenden Wortbedeutung (vürnæme), bezeichnet das Adjektiv „vornehm“ das Hervor- oder Herausnehmen von etwas aus weniger Wichtigem oder Wertvollem – es bezeichnet also Auslese von wenigem aus größerer Menge. Die Wortbedeutung weist eine Habituelle- und ein bestimmtes Ethos ausweisende Seite. Der Habitus ist eine erworbene Verhaltensdisposition bzw. Gewohnheit, die ein bestimmtes Verhalten leicht und mit Genuß vollziehen läßt und somit zur zweiten Natur des Menschen wird. Ein Habitus wird erworben durch mehrfache Setzung des entsprechenden Verhaltens und kann langfristig durch konträres Verhalten geschwächt werden. Im Gegensatz zu Affekten und Fähigkeiten sind Habitus – da vom Träger beeinflußbar – Gegenstände moralischer Beurteilung: Tugenden und Laster sind Habitus. „Vornehm“ bezeichnet demnach eine durch untadeliges Benehmen, „durch Zurückhaltung und Feinheit des Benehmens und der Denkart auszeichnende“ Haltung.2 „Vornehm“ umfaßt des weiteren die Bedeutung einer geschmackvollen Gewähltheit und Eleganz. Allgemein drückt es eine „edle“ Haltung aus. Im weiteren Bedeutungsumfeld finden sich Ausdrücke wie: distinguiert, fein und feinfühlig, nobel. Es beinhaltet die Bedeutung des Vorzuges einzelner vor anderen, der Auswahl oder Auszeichnung Einzelner aus einer Menge. Das Grimmsche Wörterbuch merkt hierbei an, daß bereits im Präfix „vor-“ die Vorstellung des Auswählens Einzelner aus einer weniger werten Mehrheit ausgedrückt wird.3 Dabei umfaßt die Wortbedeutung die Vorstellung des Vorzuges durch Geburt, Rang und Stand. Diese Bedeutung liegt eng an der Vorstellung der aristokratischen Gesellschaftsschicht. Im das neunte Hauptstück eröffnendem Aphorismus (257) bezieht Nietzsche sich auf die Aristokratie, in der er den vornehmen Typus Mensch in eben jener Gesellschaftskaste präfiguriert fand. „Jede Erhöhung des Typus »Mensch« war bisher das Werk einer aristokratischen Gesellschaft – und wird es immer sein: als einer Gesellschaft, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und Werthverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubt und Sklaverei in irgend einem Sinne nöthig hat.“ (JGB 9, 257; 5, 205). Verortung der Vornehmheit in der Aristokratie.

Nietzsche zollt der aristokratischen Lebensweise nicht nur in »Jenseits von Gut und Böse« große Hochachtung. Die aristokratische Haltung (mit der der Begriff des Pathos der Distanz zusammenhängt, auf den ich im weiteren Verlauf der Arbeit Bezug nehmen werde) ist eine Konstante in Nietzsches Philosophie und tritt mit mehreren Figuren seines Denkens in Verbindung: mit dem Genie, der „Artistenmetaphysik“, dem „Freigeist“, der Philosophie der „Morgenröthe“, und dem „höheren Menschen“. Sie hat bei Nietzsche streng antidemokratische Züge: von der Bewertung der Sklaverei als einer notwendigen Voraussetzung jeder höheren Kultur bis hin zur ausdrücklichen Verurteilung einer breiten Volksbildung. In Nietzsches Schriften begegnet man mehrfach der Hochschätzung betont aristokratischer Kulturen: Von den Kastengesellschaften, wie sie im „Gesetzbuch der M a n u “ (AC, 56; 6, 240) beschreiben ist („vornehme Werthe überall, ein Vollkommenheits-Gefühl, ein Jasagen zum Leben, ein triumphierendes Wohlgefühl an sich und am Leben“; AC, 56; 6, 240), bis hin zur italienischen Renaissance und zum französischen 17. Jh., das in Nietzsches Augen griechischer Kultur am nächsten kommt:

„A r i s t o k r a t i sm Descartes, Herrschaft der V e r n u n f t , Zeugnis von der Souverainetät des W i l l e n s . Das 17. Jahrhundert ist a r i s t o k r a t i s c h , ordnend, hochmuthig gegen das Animalische, streng gegen das Herz, ›ungemüthlich‹, sogar ohne Gemüth, ›undeutsch‹, dem Burlesken und dem Natürlichem abhold, generalisierend und souverain gegen Vergangenheit: denn es glaubt an sich. Viel Raubtier au fond, viel asketische Gewöhnung, um Herr zu bleiben. Das willenss t a r k e Jahrhundert; auch das der starken Leidenschaft“ (N 9[178] (128); 12, 440f.).

Der kommende, der „neue Adel“, so Zarathrustra, soll nicht zurück-, sondern „hinaus-“schauen, und seinen Sinn in dem Ziel finden, nicht im Ursprung, auch wenn zu seinen notwendigen Voraussetzungen die Akkumulation von Energie für neue kreative Aufgaben gehört. Nicht nur unser frühes Leben und unsere Bildung entscheiden über unser gegenwärtiges Sein (unseren Grad an Stärke oder Schwäche), vielmehr ist es in erster Linie die Geduld unserer Vorfahren, die über unseren »Adel« entscheiden (vgl. JGB, 262; 5, 215). Die Gefahr der Edlen, so Zarathrustra, ist nicht, „dass er ein Guter werde, sondern ein Frecher, ein Höhnender, ein Vernichter“ (ZA, I; 4, 53). Die stärksten Individuen sind nach Nietzsche jene, die nicht untergehen, obwohl sie sich den Gesetzen der Spezies (einer verbindenden Moral) widersetzen. Sie zeichnen sich aus durch die Fähigkeit einer virtuellen Vielfalt in vielerlei Hinsicht („»dies eben soll G r ö s s e heissen: ebenso vielfach als ganz, ebenso weit als voll sein können«“, (JGB, 212; 5, 147)). Sie lieben die Gegensätze und Rätsel, sind fern von festen Überzeugungen und Glauben, fern von der Einförmigkeit der Sklavenmoral und fähig, die zahlreichen Formen der „décadence“ zu durchleben und zu durchforschen: „Denn das ist die Probe auf ihrer Kraft: erst aus der ganzen Krankheit der Zeit heraus müssen sie zu i h r e r Gesundheit kommen. Der s p ä t e Frühling ist ihr Abzeichen; fügen wir hinzu: auch die späte Thorheit, die späte Narrheit, die späte Übermüthigkeit!“ (N, 6[24]; 12, 241f.).

Die Ausnahmemenschen und vereinzelten Glückfälle sind es, aus denen sich der „neue Adel“ formieren wird, der sich, ausgehend von den gegebenen Bedingungen, selbst bestimmt und befiehlt. Dies erfordert zwangsläufig das Opfer vieler Einzelner, deren Stärke nicht ausreicht, den Verlust der Regelmäßigkeit und er gewohnten Atmosphäre zu ertragen. Der Versuch, neue Werte zu schaffen und zu leben, wird für den Einzelnen zum Gradmesser seiner Stärke und seines Adels. Das Abzeichen des „neuen Adels“ ist der Habitus und Ethos der Vornehmheit. Das Vornehmheitsideal ist ein pathetischer Befreiungsschlag gegen die Vorherrschaft der Schwachen, es ist eine Moral-Avantgarde, gewachsen auf Grund und Boden althergebrachter Tugenden.

[...]


1 JGB 9, 287; 5, 233. Hervorhebung im Text.

2 Duden: Deutsches Universalwörterbuch.

3 Deutsches Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm. Nachdruck. Band 26. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1984. S. 1345.


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