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Autor: Katja Schmitz-Dräger
Fach: Medien / Kommunikation - Mediengeschichte
Details
Institution/Hochschule: Universität Hamburg (Institut für Philosophie und Geschichtswissenschaft)
Tags: Welle, BILD-Zeitung, Springer-Verlag, Publikationen, Kritiker, Jahren
Jahr: 2006
Seiten: 34
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 30 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 221 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-57661-1
ISBN (Buch): 978-3-640-18447-7
Eine Untersuchung der einschlägigen Berichterstattung und deren potenzieller Bedeutung für die öffentliche Meinung zur NS-Vergangenheit.
Zusammenfassung / Abstract
Die Thematisierung der Schmierwelle in der BILD-Zeitung soll hier untersucht werden: eine nicht ignorierbare Erinnerung in einem Massenblatt einer Gesellschaft, die die eigene Vergangenheit zu weiten Teilen am liebsten vergessen wollte, verantwortet von einer durchaus widersprüchlichen Verlegerfigur zwischen dem Engagement für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden und einer eher rechtskonservativen Anti-Vordenkerrolle.3 Wie die Zeitung den Spagat bewältigte, zum einen eine untadelige Haltung zu den Vorfällen einzunehmen, zum anderen auch die NSbelastete Leserschaft nicht zu verprellen, und was sie ihren Lesern in diesem Kontext zur Positionierung und für den Umgang mit der eigenen Vergangenheit und Schuld anbot, das soll die zentrale Fragestellung dieser Untersuchung sein. Zu diesem Zweck möchte ich zunächst die Bedeutung der antisemitischen Schmierwelle für das deutsche Selbst- und Vergangenheitsbewusstsein verorten. In einem zweiten Schritt erläutere ich die Rolle der BILD-Zeitung für die öffentliche Meinung, und damit verbunden die Frage, welche Aussagen an Hand der Untersuchung möglich sind, und welche nicht. Es folgt die eigentliche Analyse: die Darstellung der antisemitischen Schmierwelle in der BILD-Zeitung4 und – einen kurzen Vergleich mit der Darstellungsweise anderer Zeitungen eingeschlossen5 - eine Auswertung der Ergebnisse. Zumindest wird eine Aussage darüber möglich sein, wie BILD die antisemitischen Vorfälle thematisierte und gewichtete; möglicherweise können an Hand dessen in gewissem Umfang Rückschlüsse gezogen werden auf die in der spezifischen – großen – Zielgruppe der BILD-Zeitung verbreitete Haltung zu Rechtsextremismus, Antisemitismus und der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit. [...]
Textauszug (computergeneriert)
Universität Hamburg, Historisches Seminar
Hauptseminar 08.354 im Sommersemester 2005
Der Springer-Verlag, seine Publikationen und seine
Kritiker in den 50er und 60er Jahren
Die antisemitische Welle 1959/60 in der BILD-Zeitung
von: Katja Schmitz-Dräger
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die antisemitische Schmierwelle 1959/60 im Kontext der deutschen Vergangenheitsbewältigung 3
2.1. Öffentliche und veröffentlichte Meinung zu Antisemitismus und nationalsozialistischer Vergangenheit bis 1959/60 3
2.2. Bedeutung der antisemitischen Schmierwelle für den Umgang mit der Vergangenheit 6
3. Die BILD-Zeitung 8
3.1. Bedeutung der BILD-Zeitung für die öffentliche Meinung 10
4. Die antisemitische Schmierwelle in der BILD-Zeitung 12
5. Schlussbetrachtung 26
Quellen- und Literaturverzeichnis 29
1. Einleitung
Zur BILD-Zeitung, dem Erfolgsprodukt des Axel Springer Verlags, ist die Forschung so dünn wie die Meinungen gespalten. Trotz der Millionenauflagen der Zeitung, die sie zum erfolgreichsten Printmedium in der europäischen Presselandschaft machen, und obwohl sich die Gemüter seit Jahrzehnten darüber erhitzen, wurde BILD wissenschaftlich bisher zu weiten Teilen vernachlässigt. Zwar haben die Jahre ab 1967 und die drastische Kritik am Springer-Konzern eine Reihe von Journalisten zu Publikationen über Springer und BILD inspiriert, doch hielt sich die Forschung nach wie vor weitgehend zurück.1 Nun führte die Mediengeschichte ohnehin noch bis vor einigen Jahren eine Art Nischendasein innerhalb der Zeitgeschichte, und möglicherweise schien das Boulevardblatt BILD als Gegenstand historischer Forschung über lange Zeit einfach zu banal. Dabei prägen nicht nur die kulturell und intellektuell fraglos ambitionierteren Qualitätszeitungen die Verständigungsprozesse einer Gesellschaft mit. Gerade die BILD-Zeitung dürfte über „vorherrschende öffentliche Konsensvorstellungen und Sagbarkeitsregeln“2 Aufschluss geben können, legen doch die ungeheuren Auflagensteigerungen der 1950er Jahre nahe, dass hiermit ein zentrales Bedürfnis eines nicht unerheblichen Teils der Bevölkerung getroffen wurde. Neuere Untersuchungen – erwähnenswert besonders Büscher, Voss und Schirmer – befassen sich ausschließlich mit der Titelseite und vorrangig mit den Strategien zu Leserfang und Leserbindung, insbesondere hinsichtlich der Verfahren der Emotionalisierung. Es liegt bisher praktisch keine Analyse der Inhalte vor, die möglicherweise ein aussagekräftiges Bild der öffentlichen Meinung von Teilen der Bevölkerung zu bestimmten Themen zeichnen könnte.
Die Frage nach der öffentlichen Meinung macht auch die Untersuchung der Darstellung der antisemitischen Schmierwelle 1959/60 interessant – einer Konfrontation der bundesdeutschen Bevölkerung mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit, die hinsichtlich ihrer Symbolik, des Zeitpunkts (knapp 15 Jahre nach der Befreiung) und der auch internationalen Aufmerksamkeit andere Strategien des Umgangs erforderte als viele vorhergegangene Ereignisse. Die Thematisierung der Schmierwelle in der BILD-Zeitung soll hier untersucht werden: eine nicht ignorierbare Erinnerung in einem Massenblatt einer Gesellschaft, die die eigene Vergangenheit zu weiten Teilen am liebsten vergessen wollte, verantwortet von einer durchaus widersprüchlichen Verlegerfigur zwischen dem Engagement für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden und einer eher rechtskonservativen Anti-Vordenkerrolle.3 Wie die Zeitung den Spagat bewältigte, zum einen eine untadelige Haltung zu den Vorfällen einzunehmen, zum anderen auch die NSbelastete Leserschaft nicht zu verprellen, und was sie ihren Lesern in diesem Kontext zur Positionierung und für den Umgang mit der eigenen Vergangenheit und Schuld anbot, das soll die zentrale Fragestellung dieser Untersuchung sein.
Zu diesem Zweck möchte ich zunächst die Bedeutung der antisemitischen Schmierwelle für das deutsche Selbst- und Vergangenheitsbewusstsein verorten. In einem zweiten Schritt erläutere ich die Rolle der BILD-Zeitung für die öffentliche Meinung, und damit verbunden die Frage, welche Aussagen an Hand der Untersuchung möglich sind, und welche nicht. Es folgt die eigentliche Analyse: die Darstellung der antisemitischen Schmierwelle in der BILD-Zeitung4 und – einen kurzen Vergleich mit der Darstellungsweise anderer Zeitungen eingeschlossen5 - eine Auswertung der Ergebnisse. Zumindest wird eine Aussage darüber möglich sein, wie BILD die antisemitischen Vorfälle thematisierte und gewichtete; möglicherweise können an Hand dessen in gewissem Umfang Rückschlüsse gezogen werden auf die in der spezifischen – großen – Zielgruppe der BILD-Zeitung verbreitete Haltung zu Rechtsextremismus, Antisemitismus und der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit.
2. Die antisemitische Schmierwelle 1959/60 im Kontext der deutschen Vergangenheitsbewältigung6
Am Heiligabend 1959 wurde die erst kurz zuvor eingeweihte Kölner Synagoge mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen beschmiert. Die recht schnell ermittelten Täter, zwei 25-jährige Männer, gehörten der rechtsextremen DRP an, die sich im Folgenden, angesichts eines andernfalls drohenden Parteiverbots, von den Tätern sowie vom Antisemitismus im Allgemeinen distanzierte. Zur Ergreifung der Täter soll ein Hinweis des Kölner DRP-Kreisvorsitzenden geführt haben.7 Mit einiger Sicherheit trug die große mediale Aufmerksamkeit zur als antisemitische Welle bekannt gewordenen großen Zahl an Folgetaten bei: Allein in Westdeutschland und Berlin zählte man rund 700 Anschlusstaten bis Ende Januar 19608, doch trugen sich ähnliche Fälle auch im benachbarten Ausland und sogar in Tel Aviv zu.
Nicht ungelegen kamen die Vorfälle der SED, die die Bundesrepublik als Hort unverbesserlicher Antisemiten diffamierte und darauf hinwies, dass derartiges Potenzial in Ostdeutschland längst beseitigt sei. Der Verdacht, die SED selbst habe die Schmierereien zu eben diesem Zweck veranlasst, wurde im In- und Ausland geäußert, und angesichts des drohenden Imageverlusts zumindest kurzfristig von Teilen der Bundesregierung zur eigenen Ehrenrettung instrumentalisiert.9 Der tatsächliche Anteil der SED an der Welle ist nach wie vor nicht restlos geklärt; ob und wie viele Schmierereien, oder ob gar die Initialtat gezielt gesteuert wurde, darüber herrschen unterschiedliche Meinungen.10 Einig ist man sich lediglich darin, dass die Taten von ihr propagandistisch genutzt wurden.
2.1. Öffentliche und veröffentlichte Meinung zu Antisemitismus und nationalsozialistischer Vergangenheit bis 1959/60
[...]
1 Insgesamt stammen die meisten Publikationen aus den Jahren 1967-1973; Hans Dieter Müller hat die einzige wissenschaftliche Monographie über den Springer-Konzern bis 1998 (als Gudrun Kruip nachzog) bereits 1968 publiziert. Vgl. Gudrun Kruip: Das „Welt“-„Bild“ des Axel Springer Verlags, S. 10. Kruip selbst geht es jedoch mehr um Position und Ausrichtung von Springer als Gesamtkonzern als um die spezifischen Charakteristika der BILD-Zeitung; die Publikationen zu BILD wiederum befassen sich so gut wie gar nicht mit der frühen Phase, obwohl der durchschlagende Erfolg bereits vor Mitte der 50er einsetzte.
2 Lu Seegers, Abs. 2. (s.u.)
3 Eine Untersuchung deutscher Tageszeitungen über zehn Jahre ergab, dass lediglich die „Welt“ aus dem Hause Springer stets die Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung spiegelte; alle anderen untersuchten Blätter waren ihr fast immer etwas voraus. Vgl. Kruip, S. 263-264.
4 Ich berücksichtige dabei ausschließlich die Hamburger Ausgabe, die sich von der Bundesausgabe sowie anderen regionalen Ausgaben teilweise unterscheidet. Die Hamburger BILD war für den Untersuchungszeitraum im Übrigen die auflagenstärkste in Hamburg erscheinende Tageszeitung. Etwa ein Drittel der Leser lasen ferner keine weitere Tageszeitung neben BILD. Vgl. Kröger 1973, S. 195.
5 Dabei halte ich mich an Buschkes Untersuchung rechtsextremer Skandale in der Ära Adenauer in überregionalen Qualitätszeitungen, in der BILD naturgemäß nicht berücksichtigt wird. Die Untersuchung ist dennoch hilfreich bei der Einordnung von Rhetorik und Darstellungsweise.
6 Der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ wurde wegen der suggerierten Möglichkeit der endgültigen Bewältigung häufig kritisiert. In Ermangelung einer besseren Alternative werde ich ihn jedoch im Folgenden verwenden, ohne damit eine Einschätzung der Erfolgsmöglichkeiten zu verbinden. Vgl. Wilke, S. 649.
7 Vgl. Reichel, S. 148.
8 Weißbuch der Bundesregierung, nach Reichel 2001, S. 148. Vgl. auch Vollnhals, S. 370.
9 Reichel 2001, S. 148-149 sowie 151.
10 Bei Reichel 2001, S. 234, Anm. 305, findet sich ein Hinweis auf einen Leserbrief vom ehemaligen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes Dr. Volkmar Zühlsdorff (Bonn) in der FAZ vom 18.02.2000, nach dem ein Anfang der 70er Jahre in Washington übergelaufener KGB-Agent die These von einer kommunistisch gelenkten Aktion bestätigt hat. Dies hat jedoch für diese Untersuchung keine Relevanz.
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