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Hauptseminararbeit, 2004, 33 Seiten
Autor: M.A. Marion Mertl
Fach: Skandinavistik
Details
Institution/Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München (Institut für Nordische Philologie)
Tags: Helden, Heldenlebenschema, Vries, Hauptseminar, Mythos, Märchen, Heldensage
Jahr: 2004
Seiten: 33
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 31 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-57782-3
Dateigröße: 388 KB
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Textauszug (computergeneriert)
Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Nordische Philologie
Hauptseminar: Mythos, Märchen, Heldensage
SoSe 2004, 08.08.2004
Helden der altnordischen Überlieferung und
das Heldenlebenschema von Jan de Vries
von: Marion Mertl
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Vorbemerkungen zum Heldenbegriff 4
3 Heldenlebenschemata 7
3.1 Die ‚Arische Aussetzungs- und Rückkehrformel’ von Johann Georg von Hahn 7
3.2 Das hero pattern von Lord Raglan 9
3.3 Das ‚Modell eines Heldenlebens’ von Jan de Vries 12
4. Altnordische Heldenbiographien und das Heldenlebenschema von Jan de Vries 15
4.1 Der größte Held der Germania: Sigurd/Siegfried 15
4.1.1 Vorbemerkungen zur Sigurd/Siegfried-Gestalt 16
4.1.2 Die Sigurd/Siegfried-Biographie 17
4.2 Helgi Hundingsbani 21
4.3 Helden der Vorzeitsagas 23
4.3.1 Hrólf Kraki und Böðvar Bjarki 23
4.3.2 Ragnar Loðbrókar, Ívar >ohne Knochen< und Sigurd >Schlange im Auge< 25
4.4 Ein Märchenheld: Áli Flekk 27
4.5 Heiliger, König und Held: Olaf der Heilige 27
5. Zusammenfassung: Kritische Würdigung des Heldenlebenmodells von Jan de Vries 29
6. Literaturverzeichnis 31
Primärliteratur 31
Sekundärliteratur 32
1. Einleitung
Thema des Hauptseminars waren die Textgattungen Mythos, Märchen und Heldensage und ihr Verhältnis zueinander. Jan de Vries entwickelte ein Heldenlebenmodell, für das er allgemeine Gültigkeit für Heldendichtung und Mythos postulierte. Schwerpunkt dieser Arbeit wird die Auseinandersetzung mit diesem Schema im Hinblick auf die Biographien altnordischer Helden sein.
Dazu werde nach einer allgemeinen Einführung in den Heldenbegriff die Entwicklung der Heldenlebenschemata von den ersten Anfängen bis hin zu de Vries skizzieren. Ausführlicher werde ich dabei auf die Modelle von Johann Georg von Hahn und Lord Raglan als Vorläufer des de Vries’schen Schemas eingehen. Danach werde ich die Biographien von insgesamt neun nordischen Helden auf Übereinstimmungen mit dem Heldenlebenmodell von de Vries untersuchen. Einen Schwerpunkt werde ich bei Sigurd / Siegfried setzten, da er zweifellos der bedeutendste Held des germanischen Kulturraums ist. Hier werde ich aus der breiten Überlieferung verschiedene Sagas und Heldenlieder berücksichtigen. Anschließend werde ich die Lebensläufe von Helgi Hundingsbani anhand von Heldenliedern und einer Vorzeitsaga behandeln. Jeweils eine literarische Quelle werde ich für verschiedene Vorzeitsagahelden sowie für einen Märchensagaheld und die Biographie Olaf des Heiligen heranziehen. Eine graphische Aufbereitung der gewonnenen Erkenntnisse soll abschließend die kritische Würdigung des Heldenlebenmodells unterstützen. Im Übrigen möchte ich noch anmerken, dass der Themenkreis „weiblicher Held“ hier nicht behandelt werden kann. Das Heldenlebenschema von de Vries ist eindeutig auf männliche Biographien zugeschnitten; altnordische weibliche Heldenphänomene wie das des meykonungr oder das der Schildjungfrau lassen sich damit schwerlich fassen.
2. Vorbemerkungen zum Heldenbegriff
Es gibt keine allgemein akzeptierte Etymologie für das Wort „Held“. Diskutiert werden als indogermanische Wurzeln das Verb *kel- „treiben, Viehtreiben“ und die Adjektive *kel- „schön, tüchtig“ und *kal- „hart“. Die ersten vereinzelten Belege für das Appellativ „Held“ treten im Althochdeutschen als helid auf, eine umfassende Überlieferung setzt erst im Mittelhochdeutschen mit helt ein, in der semantischen Bedeutung „Mann, Krieger, hervorragender Krieger“. Im Rolandslied werden helt und thegen ohne Bedeutungsverschiebung synonym verwendet. Die an. Formen h Øldr und halr sind neutrale Bezeichnungen für “Mann, freier Bauer”, die erst durch Attributierungen eine positive oder negative Bewertung erhalten.1
Als weiteste Definition des Heldenbegriffs schlägt Hermann Reichert vor, als Helden „jede Person [zu] bezeichnen, die wegen irgendeiner Tat oder irgendeines Verhaltens bewundert wird oder Aufmerksamkeit erregt, positiv oder negativ.“2 Gleichzeitig betont er aber, dass kulturübergreifend eine Eingrenzung auf zwei wesentliche Merkmale möglich ist: Zum Helden wird man durch kämpferische Leistungen und/oder Tugenden und durch die „heldische Lebensform“. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie über das Leben eines durchschnittlichen Menschen herausragt, wobei der Männlichkeit und dem Streben nach Ruhm eine wichtige Rolle zukommen. „Heldische Lebensform“ und Heldentaten werden in der Überlieferung im Allgemeinen in eine ferne Vergangenheit zurückverlegt. Das heroische Zeitalter der germanischen Überlieferung ist die Völkerwanderungszeit. Auffallend ist, dass sich die Erscheinungsformen des Heldischen auch in weit entfernten Kulturen so sehr entsprechen, dass man „das Heldische“ als Konstante über Raum und Zeit hinweg ansehen kann. Unterschiede betreffen die Gewichtung einzelner Phänomene, aber nicht die Gesamtidee.3
Das Spätmittelalter stellt vermehrt intellektuelle Ansprüche an einen Helden. So fordert Isidor von Sevilla für den idealen Helden seiner Zeit nicht nur fortitudo, sondern auch sapientia: Nam heroes appellantur viri quasi aerii et caelo digni propter sapientiam et fortitudinem.4 In den Heldenlebenschemata, die ich im nächsten Kapitel vorstellen werde, fehlen die Kategorien sapientia und fortitudo. So sei hier nur als Ausblick erwähnt, dass Edgar Haimerl in der Reginsmál für Sigurd eine Entwicklung vom Helden durch fortitudo zum Helden der fortitudo und sapientia hin sieht.5
In allen Heldenlebenschemata kommt dem Tod des Helden eine entscheidende Bedeutung zu. Darum soll hier auch auf das besondere Verhältnis des Helden zum Tod eingegangen werden. Helden zeichnen sich durch ein Maß an Todesverachtung aus, das dem Durchschnittsmenschen nicht gegeben ist. Klaus von See schließt sich Hans Kuhns Meinung an, dass sich der Held situationsbedingt und impulsiv in Lebensgefahr bringt, so wie Gunnar im Atlakviða „ein rauschhaft vermessenes Spiel mit der tödlichen Gefahr“6 treibt, da er die verhängnisvolle Einladung erst nach Gudruns Warnung annimmt. Für Gerd Wolfgang Weber erweist sich Gunnar hingegen gerade in dieser Szene als verantwortungsvoller König, dem seine Ehre und damit die Ehre seines Volkes höchstes Ziel ist. Da HØgni die Warnung öffentlich publik gemacht hat, muss Gunnar die verräterische Einladung anzunehmen, um nicht als feige und ehrlos zu gelten, was sich auf sein ganzes Volk übertragen würde. Nach Webers Meinung zeigt der Erzählerkommentar sem konungr scyldi,7 wie es ein König tun sollte, dass Gunnar damit nicht unüberlegt handelt, sondern den Rollenerwartungen seiner Zeit entspricht.8
„Den Helden konstituiert also die außergewöhnliche Tat, nicht die vorbildliche Moral.“9 Mit dieser pointierten Aussage Reicherts ist das Spannungsfeld Held – Gemeinschaft angerissen. Für von See ist die radikale Individualität konstituierend für den Helden. Er steckt die Möglichkeiten extremen menschlichen Verhaltens und Handelns ab und wirkt damit für die Gesellschaft destruktiv.10 Gegen die Meinung, dass sich das Heroische nicht in das Normensystem der Gemeinschaft einordnen kann und will stellt Weber seine These eines ‚staatstragenden’ Heldentums. Eine Heldentat existiert nicht per se, sondern wird erst durch die Gesellschaft und ihre Normen zu einer solchen gemacht. Sie dient als heroische Einzeltat dazu, krisenhafte Gefährdungen der Werte der Gemeinschaft abzuwenden. Nur die Ausführung der Heldentat ist außergewöhnlich, die Tat selbst ist gemeinschaftsstiftend und stabilisiert die Werte der Gesellschaft.11
Als letzter Punkt des Heldenbegriffes soll noch die Problematik der Historizität angesprochen werden. Es ist heute allgemein akzeptiert, dass sich in der Heldendichtung um einen historischen Kondensationskern verschiedene Motive angelagert haben. Die Forschungsmeinungen gehen hinsichtlich der Frage auseinander, warum dabei die historischen Fakten verändert wurden. Diskutiert werden unabsichtliche Veränderungen durch die zeitliche Distanz von historischem Ereignis und Beginn der Erzähltradition, aber auch aktive Umgestaltung einer historischen Begebenheit aus politischen Gründen. Otto Höfler sah ein symbolisches Verhältnis der Heldensage zur Realität. Neben dem Drachenkampf als mythisch-kosmisches Echo der Überwindung der Chaosmächte konstatiert er historische Drachensagen, in denen der Sieg über einen historischen Feind als Drachenkampf tradiert wird.12 Jan de Vries stellte schließlich die These auf, dass die Biographie einer historischen Gestalt in der Überlieferung abrupt nach dem Heldenlebenschema umgestaltet wird, sobald der Verstorbene als Held betrachtet wird. Als Beispiele führte er die historischen Könige Kyros und Theoderich an.13
3 Heldenlebenschemata
[...]
1 Herbert Tiefenbach: »Held, Heldendichtung und Heldensage. § 1. Sprachliches.« in: Johannes Hoops (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 14, Berlin, New York 21999, S. 260f.
2 Hermann Reichert: »Held, Heldendichtung und Heldensage. § 2-8.« in: Johannes Hoops (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 14, Berlin, New York 21999, S. 262.
3 Reichert: 262.
4 Helden werden nämlich Männer genannt, die wegen ihrer Weisheit und Tapferkeit des Himmels würdig sind. (Übersetzung v. Edgar Haimerl), Isidor von Sevilla, De grammatica, zitiert nach Edgar Haimerl: »Sigurd – ein Held des Mittelalters. Eine textimmanente Interpretation der Jungsigurddichtung« in: alvíssmál: Forschungen zur mittelalterlichen Kultur Skandinaviens, 2, 1993, S. 82.
5 Haimerl: 86ff.
6 Klaus von See: Germanische Heldensage, Frankfurt 1971, S. 171.
7 Atlakviða (V 9,6). Siehe »Atlaqviða in gr(?)nlenzca.« in: Gustav Neckel (Hrsg.): Edda. Die Lieder des Codex Regius nebst verwandten Denkmälern. I. Text, 5. verbesserte Auflage von Hans Kuhn, Heidelberg 51983, S. 241.
8 vgl. Gerd Wolfgang Weber: »”Sem konungr skyldi” Heldendichtung und Semiotik. Griechische und germanische Ethik als kollektives Normensystem einer archaischen Kultur.« in: Hermann Reichert und Günter Zimmermann (Hrsg.): Helden und Heldensage. Otto Gschwantler zum 60. Geburtstag. Wien 1990 (=Philologica Germanica; 11), S. 464.
9 Reichert: 267.
10 Klaus von See: »Was ist Heldendichtung?« in: ders.: Edda, Saga, Skaldendichtung, Heidelberg 1981, S. 192f.
11 Weber: 452ff.
12 Otto Höfler: Siegfried, Arminius und die Symbolik. Mit einem historischen Anhang über die Varusschlacht. Heidelberg 1961, S. 16.
13 Jan de Vries: »Das Modell eines Heldenlebens« in: ders.: Heldenlied und Heldensage, Bern 1961, S. 291.
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