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Autor: Christian Albrecht
Fach: Theologie - Vergl. Religionswissenschaft
Details
Institution/Hochschule: Universität Leipzig (Religionswissenschaft)
Tags: Allah, Determinismus, Freiheit, Eschatologie, Islam, Religiöse, Endzeiterwartungen
Jahr: 2006
Seiten: 26
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 30 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 284 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-57850-9
Eine Arbeit mit umfassendem Literaturstudium!
Textauszug (computergeneriert)
Universität Leipzig, SS 2005
Seminar: Religiöse Endzeiterwartungen
4. Semester Religionswissenschaft und Ethnologie
„Allah führt irre, wen Er will, und wen Er will, den bringt Er
auf den geraden Weg“ - Determinismus, Freiheit und Eschatologie im Islam
von: Christian Albrecht
Gliederung
1. Freiheit und Determination: Einführung 4
2. Der Mensch, der Tod und das Ende der Welt 5
2.1. Islamische Anthropologie 5
2.2. Eschatologie im Islam 8
3. Freiheit und Vorherbestimmung im Islam 11
3.1. Die Grundlagen: Der Koran und die Tradition 11
3.1.1. Der Koran 11
3.1.2. Die Tradition 14
3.2. Theologische Lehren 15
3.2.1. „Es gibt keine Freiheit!“ – Lehren zur Determination 15
3.2.2. „Der Mensch ist verantwortlich!“ – Freiheit im Islam 17
3.2.3. Ein Mittelweg? Die Ash`ariten 19
Exkurs: Allwissenheit und Freiheit 21
4. Schlussbemerkung 22
5. Literatur 24
1. Freiheit und Determination: Einführung
Dies ist die Geschichte eines schwierigen Problems, ein Problem, dass viele Menschengeschlechter vor und wohl auch weitere Generationen nach uns beschäftigen wird. Es geht um die Frage, ob der Mensch in seinem Handeln und Denken frei ist; oder ob die ganze Welt und damit auch der Mensch durch äußere (kausale?) Ursachen determiniert werden, wie nicht erst seit dem Erfolg der Gravitationstheorie von Isaac Newton von einigen Gelehrten behauptet wurde1. Neben dem physikalischen Determinismus nennt Richard Taylor auch einen ethischen, logischen, psychologischen und theologischen Determinismus2, den ich um einen neurobiologischen erweitern würde3. Ebenso gibt es Verfechter für die Freiheit. Die Auseinandersetzung zwischen Deterministen und Freiheitstheoretikern existiert schon seit der antiken Philosophie und ficht sich seitdem durch die gesamte Geistes- und Naturgeschichte. Der – islamische – theologische Determinismus soll uns an dieser Stelle interessieren. Wie geht der Islam mit der Frage nach Freiheit und Vorherbestimmung um? Viele nehmen ja meist an, der Islam sei von einem Fatalismus geprägt.
Während der Ausarbeitung meines Referates zur islamischen Eschatologie bin ich auf einen eklatanten Widerspruch gestoßen: Wie kann ein im wahrsten Sinne des Wortes allmächtiger Gott, der das Weltgeschehen lenkt und waltet wie es ihm in den Sinn kommt, gerecht sein? Denn der Koran lässt Allah als den absolut Mächtigen und Transzendenten auftreten, der Himmel und Erde erschaffen hat, und vor dem alle Wesen nur Staub sind. Wie das Verhältnis von Mensch und Gott aussieht und was der Mensch aus islamischer Sicht ist, werde ich im Abschnitt 2.1 zeigen. Um dem Leser die Schwierigkeit der Gerechtigkeit Gottes zu verdeutlichen, ist im Abschnitt 2.2 eine kleine Einleitung in die islamische Eschatologie enthalten. Wir werden dort sehen, dass Allah die Menschen am Jüngsten Tag nach ihrem Glauben und ihren Taten richtet. Und darin liegt auch das Problem: Wenn Allāh die Menschen nach ihren guten oder schlechten Werken beurteilt und sie damit für alle Ewigkeit in das Paradies oder in die Hölle eingehen lässt, er aber gleichzeitig seit undenklichen Zeiten die Taten der Menschen vorausbestimmt hat (determiniert hat), ist der Mensch dann im Endeffekt für seine Taten überhaupt verantwortlich? Kann man für etwas zur Rechenschaft gezogen werden, das man nicht hätte anders machen können, weil Gott einem die Tat sozusagen „aufgezwungen“ hat? Ich werde danach deutlich machen, wie die Grundlagen für menschliche Freiheit und göttliche Determination durch den Koran und die Tradition gegeben sind, und wie die islamische Theologie mit dieser Streitfrage umgegangen ist (Abschnitt 4.1 und 4.2). An diese Stelle sei vorweggenommen, dass es sowohl Schulen gab, die eine konsequente göttliche Determination vertraten, als auch Lehrmeinungen, die für die Freiheit plädierten. Es existiert auch eine Schule, die einen Weg geht, den man oft als Mittelweg bezeichnet hat – wir werden sehen, ob dem wirklich so ist. Sodann wird in einem Exkurs die Vorstellung der göttlichen Allwissenheit in Bezug auf die menschliche Freiheit kritisch hinterfragt.
Allerdings kann ich in dieser Arbeit keine umfassende Darstellung der islamischen Theologie geben, sondern nur einen Einblick mit besonderem Augenmerk auf das vorgetragene Problem. Ich muss auch aufgrund des begrenzten Raumes auf eine geschichtliche Einordnung verzichten.
2. Der Mensch, der Tod und das Ende der Welt
2.1 Islamische Anthropologie
Der Islam ist eine Religion des strikten Monotheismus. Von diesem Standpunkt her muss auch die Lehre von der Natur des Menschen, die Anthropologie, verstanden werden. Anders als nämlich im Christentum ist nicht von „Mensch und Gott“ die Rede, sondern von „Mensch vor Gott“. Die Anthropologie sei laut Peter Antes kein Thema der Theologie, da Gottes Transzendenz und Unnahbarkeit so absolut, jeder Anthropomorphismus4 so streng ausgeschlossen ist, dass der Islam jeden Gedanken an eine Teilhaberschaft des Menschen an der göttlichen Einmaligkeit vergessen lässt.5 Sure 112 „unterstreicht eindrucksvoll die Einzigartigkeit und völlige Andersartigkeit Gottes.“6 Sie lautet: „Sprich: Er, Allah, ist einzig, Allah der Ewige. Er erzeugt nicht und ist nicht gezeugt und nicht ist ihm ein Wesen gleich“.
Der Koran enthält keine längere Stelle, die als Grundlage für eine islamische Anthropologie gelten könnte, auch Sure 76 („Der Mensch“) könne nicht als solche gelten.7 Aus vereinzelten Stellen im Koran kann man aber dennoch gut ein Menschenbild rekonstruieren. Das Wesen des Menschen, seine Natur, lässt sich aus der Tatsache erklären, dass er ein Geschöpf des allmächtigen Gottes ist: „Er ist damit ein Wesen, das ganz von Gott abhängt, und zwar nicht nur in seinem Dasein, sondern auch in allen Bereichen und Ausdrucksformen seines Lebens.“8
[...]
1 So z.B. der frz. Gelehrte Marquis de Laplace zu Beginn des 19. Jh.: Wenn man demnach den Zustand des Universums zu einem gewissen Zeitpunkt vollkommen kennen würde, könnte man alle zukünftigen Zustände vorhersagen (berechnen). Seit der Entwicklung der Quantenmechanik im 20. Jh. wissen wir aber, dass die Heisenbergschen Unschärferelation diesem (Alp-)Traum ein Ende gesetzt hat; sie ist eine unhintergehbare Eigenschaft der Welt. Im Mikrobereich wirken physikalische Gesetze nicht streng deterministisch, sondern statistisch. (Stephen Hawking [2000], „Eine kurze Geschichte der Zeit“, Hamburg, S. 75ff).
2 Richard Taylor (1967), „Determinism“; in: “The Encyclopedia of Philosophy”, New York; London, Volume 1+2, S. 359.
3 Siehe hierzu z.B. Wolfgang Singer (2004), „Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen“; in: Christian Geyer (Hg.), „Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente“, Frankfurt/Main, S. 30-65. Auch Gerhard Roth (2001), „Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert“, Frankfurt/ Main, S. 494-535.
4 „Schülerduden Philosophie“ (2002), Mannheim, S. 29: „Die Übertragung menschlicher Eigenschaften und Verhaltensweisen auf nicht menschliche Gegenstände und Wesen“. Ein profanes Beispiel wären die Tiere (Fische, Schildkröten usw.) im Disney-Film „Findet Nemo“.
5 Peter Antes (1977), „Der Mensch vor Gott im Islam“; in: M. Fitzgerald, A. Th. Khoury, W. Wanzura (Hg.), „Mensch, Welt, Staat im Islam“, Graz; Wien; Köln, S. 11-30; hier S. 12.
6 Johan Bouman (1977), „Gott und Mensch im Koran. Eine Strukturform religiöser Anthropologie anhand des Beispiels Allah und Muhammed“, Darmstadt , S. 2.
7 Antes, „Der Mensch vor Gott im Islam“, S. 18.
8 Eintrag „Mensch“ in A. Th. Khoury, L. Hagemann und P. Heine (Hg.) (1991), „Lexikon des Islam“, Freiburg in Briesgau, S. 515 [im Rahmen der Digitalen Bibliothek von Herder, Bd. 47]; i. F. nur als „Lexikon des Islam“ zitiert!
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