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'In Südeuropa haben Frauen keine Freundschaften!' - Widerlegung einer Ideologie

Seminararbeit, 2005, 18 Seiten
Autor: Christian Albrecht
Fach: Ethnologie / Volkskunde

Details

Veranstaltung: Gesellschaftsethnologie
Institution/Hochschule: Universität Leipzig (Ethnologie)
Tags: Südeuropa, Frauen, Freundschaften, Widerlegung, Ideologie, Gesellschaftsethnologie
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 18
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 7  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V65235
ISBN (E-Book): 978-3-638-57853-0

Dateigröße: 181 KB


Textauszug (computergeneriert)

Universität Leipzig
Seminar Gesellschaftsethnologie
4. Semester, SS 2005

„In Südeuropa haben Frauen keine Freundschaften!“ -
Widerlegung einer Ideologie

von: Christian Albrecht

 


Gliederung

1. Einleitung 4

2. Theoretische Vorbemerkungen zu Freundschaft allgemein 5

3. Aspekte der Geschlechtertrennung in Südeuropa 6

4. Männer- und Frauenfreundschaften in Südeuropa 8

4.1. Bei Männern in Fuenmayor (Andalusien) 8

4.1.1. Fuenmayor 8
4.1.2. Männerfreundschaften 8
4.1.3. Freundschaften im Lebenszyklus 10

4.2. Bei Frauen in Escalona (Andalusien 11

4.2.1 Escalona (Andalusien 11
4.2.2. Frauenfreundschaften 11

4.3 Psychologie der Freundschaft bei Frauen in Hatzi (Kreta) 14

5. Abschluss und Diskussion 16

6. Literatur 18


 

 

1. Einleitung

In unserem westlichen Leben spielen Freundschaften eine große soziale Rolle. Das geht sogar so weit, dass man Menschen ohne Freunde für etwas sonderbar, vielleicht eigenbrötlerisch hält. Aber gibt es das überhaupt: Menschen ohne Freunde? Muss nicht jeder Mensch fast zwangsweise mit anderen Menschen in Kontakt treten und dabei auch Leute kennen lernen, mit denen er sich gut versteht und infolge dessen eine Freundschaft aufbaut?

Das Thema dieser Arbeit ist die Untersuchung von Männer- und Frauenfreundschaften im Südeuropa (von Portugal bis Kreta). Es gibt Ethnologen und Soziologen, die die These vertreten, es gäbe keine Freundschaften zwischen Frauen in diesem Raum (z.B. Gilmore 1975: 3181). Frauen seien demnach in Familie und Verwandtschaft eingebunden. Es wird gesagt, Frauen seien aufgrund ihres neidischen Charakters und ihrer Klatschsucht unfähig für die tieferen Gefühle, die für eine Freundschaft nun einmal Bedingung sind. Anhand meiner Arbeit möchte ich diese These auf Signifikanz untersuchen und zwei Fragen beantworten: 1) Sind Frauenfreundschaften so hervorstechend wie Männerfreundschaften? 2) Unterscheiden sie sich von Männerfreundschaften? Wenn ja, wie? Zu diesem Zweck werde ich anfänglich Vorbemerkungen zum Thema Freundschaft voranschicken und Aspekte der Geschlechtertrennung diskutieren, wobei das Sprichwort „Frauen gehören ins Haus und Männer auf die Straße“ tonangebend sein soll. Diesen Vorbereitungen folgt der Hauptteil, indem ich anhand der Arbeiten von David Gilmore (1975) und Sahra Uhl (1991) Männer- und Frauenfreundschaften in Andalusien darstellen werde. Da auf Kreta ähnliche soziale Muster vorherrschen, werden im letzten Punkt einige psychologische Aspekte von Frauenfreundschaften untersucht. Im Schlussteil werden die Erkenntnisse in Hinblick auf die These, Frauen hätten in Südeuropa keine Freundschaften, diskutiert und entweder bestätigt oder als wissenschaftlicher Mythos entlarvt. Leider nicht nachgehen kann ich einer Analyse der Beziehung von Feldforscher zu Informanten – dazu verweise ich auf Beer (2002).

2. Theoretische Vorbemerkungen zu Freundschaft allgemein

Eine Untersuchung über Freundschaft sei schon lange überfällig, meinen Sandra Bell und Simon Coleman (1999). In ihrem Buch „The Anthropology of Friendship“ versuchen sie die Lücke zu füllen. Zunächst muss man bemerken, dass an dieser Stelle die westliche Sicht über Freundschaft untersucht wird. Es steht in Frage, ob man diese Sicht auch auf andere Gesellschaften übertragen kann.

Im 18. Jh. entstand eine neue Sicht des Selbst: „This new self was seen to exist free from the external constraints of alliance, faction and patronage, as it was seen to be free from the internal constraints of prudential calculation and self-interest“ (Carrier 1999.: 26). Man nahm an, nur mit Menschen verkehren zu können, die einem ähnlich sind und zu denen man Sympathie empfindet. Es wurde möglich, Beziehungen allein auf spontanen Gefühlen aufzubauen (Ebd.). Heute wird gelehrt, dass sich Menschen innerhalb von Sekunden einen ersten Eindruck von einem Fremden verschaffen und sich sogleich Sympathie oder Ablehnung einstellen. Dies scheint den Wert der spontanen Gefühle für Beziehungen zu bestätigen.

Um 1700 entstand in Europa eine neue Moral, die den Zwang dämonisiert und Freiheit und Spontaneität feiert. Demnach hätten Menschen intuitiv das Verlangen, Gutes zu tun und Böses zu meiden: „With this moral calculus, constraint is evil because it hinders this innate, moral desire“ (Ebd.: 24). Die besitzlosen Klassen haben nicht das Maß an Autonomie wie die dominanten Klassen, weil sie gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Die Mittelklasse dagegen ist relativ autonom und frei und kann somit Freundschaften im hier geklärten Sinn aufbauen, während die Arbeiter in ein Netz von sozialen Beziehungen gezwungen sind – ihre Beziehungen sind eher geprägt von Arbeitskollegen, Nachbarschaft und Verwandtschaft. Zum Beispiel sehen in einer Umfrage nur ein Fünftel der befragten Arbeiter ihre Kollegen auch als Freunde an (Ebd.: 32-33). Auch Frauen hätten aufgrund ihrer Lebensumstände (Kindererziehung plus Lohnarbeit plus Haushalt) kein solches autonomes Selbst: „In this household labour, women are enmeshed in relationships that are more complex and constraining than those experienced by middle-class men.” (Ebd.: 32). Frauen teilen mit ihren Freundinnen auch eher Gefühle aus, während Männer viel eher Aktivitäten teilen (Bell und Coleman: 13).

Freundschaft ist für Menschen der westlichen Welt etwas hoch Moralisches: Von Freunden erwartet man emotionale Zuwendung, Rat und materielle Unterstützung in Zeiten der Not. Man lernt wie andere einen sehen und auch, wie man sich selbst sieht (Ebd.: 1). Im Gegensatz zur Verwandtschaft, der Forscher gerne Zwang und Zuschreibung zuordnen (Ebd.: 6), ist Freundschaft etwas freiwilliges, weil man sich seine Freunde aussuchen kann: „It is, after all, only through freedom and lack of constraint that the independent individual can be motivated by the spontaneous affection that makes real friendship“ (Carrier 1999: 23).

[...]


1 “Women sometimes have confidantes before marriage but rarely retain close friends after marriage when they are encouraged to terminate frivolous activates.” (usw.)


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