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Formale und inhaltliche Grenzüberschreitungen als literarisches Gestaltungsmittel in Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert"

Autor: Jasmin Braun
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

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Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 22
Note: 2,3
Literaturverzeichnis: ~ 14  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 135 KB
Archivnummer: V65359
ISBN (E-Book): 978-3-638-57951-3

Textauszug (computergeneriert)

Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Deutsches Institut
Hauptseminar: Unheimliches Sehen

SS 2006

Formale und inhaltliche Grenzüberschreitungen
als literarisches Gestaltungsmittel in Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert

Jasmin Braun

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Strukturelle Grenzüberschreitungen 5
2.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Struktur des klassischen Volksmärchens 5
2.2 Die einzelnen Erzählebenen und ihre formale Ausgestaltung 9
2.3 Der unzuverlässige Erzähler 12

3. Inhaltliche Grenzüberschreitungen 13
3.1 Die eröffnende Rahmenhandlung 13
3.2 Berthas Erzählung 13
3.3 Die Strohmian-Szene 15
3.4 Die Schlussszenen 16

4. Moralische Grenzüberschreitungen 17
4.1 Der Schuld-Komplex 17
4.2 Das Inzest-Motiv 18

5. Schlussbemerkungen 19

Literaturverzeichnis 21

 

1. Einleitung

Ludwig Tieck befindet sich im Jahre 1796 als 23-Jähriger eigentlich erst am Beginn seiner literarischen Schaffenszeit. Seinen beruflichen Alltag als Dichter bestreitet Tieck in Berlin vornehmlich mit Auftrags- und Gelegenheitsarbeiten für seinen Verleger Nicolai. Dabei orientiert er sich inhaltlich und formal an französischen Novellensammlungen oder arbeitet populäre Volksbücher auf. Autoren wie Perrault oder Retif de la Bretonne gelten zu dieser Zeit als seine Vorbilder.1

Zur Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte des Werkes „Der blonde Eckbert“ dienen der heutigen Forschung die Erinnerungen eines Tieckschen Zeitgenossen. Rudolf Köpke berichtet dazu:

Der jüngere Nicolai wünschte nichts sehnlicher, als das Erscheinen der Märchen zu beschleunigen. [...] Um den Dränger zufriedenzustellen hatte Tieck einmal auf gut Glück geantwortet: >Der blonde Ekbert!<. Es war ein Name, der ihm in den Mund gekommen war. Später fiel ihm die Leichtfertigkeit auf die Seele, mit welcher er eine Dichtung angekündigt hatte, für die er bis jetzt weder Fabel noch Idee habe. Er setzte sich zum Schreiben nieder.2

Aus dieser Begebenheit ergeben sich für die Forschung zahlreiche interpretatorische Ansätze. Am bedeutsamsten scheint festzuhalten, dass das Werk als erstes ganz den Gedanken Ludwig Tiecks entspringt, also völlig frei von literarischen Vorgaben ist und sich aus diesem Grund besonders gut dazu eignet, den Autor anhand seines Werkes zu ergründen. Für Diether H. Haenicke birgt die Kenntnis dieser Entstehungsgeschichte beispielsweise die Erklärung für „manchen unscharfen Zug der Dichtung“ und den Titel, der „im Märchen völlig belanglos“ sei.3 Des weiteren erwähnt Haenicke zahlreiche Motive aus der Schauerliteratur, der Tieck damals gesteigertes Interesse entgegenbrachte und die „auf das Lesepublikum der von Tieck damals produzierten Unterhaltungsliteratur [...] absatzfördernd wirken sollten.“4 Darüber hinaus verknüpft er einige Motive des Werkes aber auch direkt mit Tiecks Biographie: „Der Wahnsinn, der sich hier in dem Zusammenfallen verschiedener Realitätsebenen manifestiert, in dem Unsicherwerden des vordergründig Sichtbaren, war ein gefährlicher Begleiter des heranwachsenden Tieck gewesen.“5 Weitaus positiver formuliert Friedrich Gundolf die Vorteile einer frei erfundenen Dichtung: „Sie ließ ihm Freiheit, ohne fremde Stoffbürden und ohne Formansprüche seinem dichterischen Drang oder Wahn zu frönen: dem Graun vor dem Naturgeheimnis, dem Gefühl unfaßbaren Verhängnisses, der grüblerischen Ahnung von Geist- oder Gleichniswert der Sinnenwelt [...].6

 Festzuhalten bleibt, dass Ludwig Tieck den Verpflichtungen seinem Verleger gegenüber nachkommt und so wird das Werk „Der blonde Eckbert“ bereits 1797 in Band 1 der „Volksmährchen“ veröffentlicht. 15 Jahre später erscheint es dann, zusammen mit zahlreichen anderen Werken seiner frühen Schaffensphase, in Tiecks eigener Sammlung „Phantasus“. Hier sind die Dichtungen in eine fiktive Rahmenhandlung eingegliedert: In einem Kreis von literarisch aktiven Gleichgesinnten werden Tiecks Werke als deren eigene vorgestellt, gelesen und anschließend kritisch besprochen. Tieck verwendet hier zum einen ein Element aus seinem persönlichen Umfeld, so hält er sich seinerzeit auch bevorzugt in solchen Literatenkreisen auf, zum anderen gibt ihm dieser Rahmen die Möglichkeit, seine Schriften zu kommentieren, ohne selbst als Autor in den Vordergrund zu treten. Bei dem Märchen „Der blonde Eckbert“ ist es dann der Dichter Anton, der einleitend einige Worte zur Erzählform verliert: So nennt er das Werk selbst „Märchen“ und gliedert es in die Reihen der „Goetheschen Märchen“ ein, allerdings nur, um es sofort wieder davon abzugrenzen: „Goethes Dichtung, so wird bemerkt, habe ‘keinen Inhalt’, und sie verfliege und zersplittere noch mehr als ein Traum. [...] Offenbar verweist diese Kritik auf den gleichbleibenden weiten Abstand zur wirklichen Welt, der alle Figuren und Vorgänge [...] noch flüchtiger und ungreifbarer macht als Traumvorstellungen.“7 „Der blonde Eckbert“ soll nun eben kein Text sein, dessen stilistische Vielfältigkeit sich in denen eines traditionellen Märchens erschöpft, er soll den angesprochenen Abstand verringern, soll eine „ständige Beziehung zur Wirklichkeit“ und eine „innige Kommunikation zwischen dem erzählten Vorgang und der Seelen- oder Bewußtseinslage des Lesers“8 herstellen.

In der historischen Wirkungsgeschichte schwankt die Kritik an Tiecks Werk zwischen lobend und vernichtend, seine schärfsten Kritiker erkennen schlicht seine Eigenleistung durch die Veränderung des bekannten Märcheninventars nicht an und sprechen ihm sogar jegliches poetisches Talent ab.9 Heute gilt der Dichter als Begründer einer neuen literarischen Form, die beispielsweise von Hugo Moser als „romantisches Kunstmärchen“10 bezeichnet wird.

Ludwig Tieck durchbrach also mit seiner Arbeit an dem Text „Der blonde Eckbert“ poetische und formale Grenzen und wurde somit zum Schöpfer einer neuen literarischen Gattung. Doch auch inhaltlich werden in der Dichtung immer wieder Grenzen überschritten und Regeln außer Kraft gesetzt, ob bewusst oder unbewusst, ob als Aktion oder Reaktion der Protagonisten. Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist es nun, zunächst die formale und strukturelle Grenzüberschreitung zu kennzeichnen, den aktuellen Forschungsstand zu diesem Aspekt des Werkes wiederzugeben und die damit verbundene Neu-Einordnung nachzuvollziehen. Darüber hinaus soll an einigen ausgewählten Szenen des Werkes die inhaltliche Verwischung der Grenze „Realität-Fiktion“ deutlich gemacht und gezeigt werden, wie und vor allem warum sich die Protagonisten in ihren selbst gewählten bzw. vorgegebenen Grenzen freiwillig bewegen oder aus ihnen auszubrechen versuchen.

[...]


1 Vgl. hierzu Haenicke, Diether H.: Ludwig Tieck und „Der blonde Eckbert“. In: Vergleichen und verändern. Festschrift für Helmut Motekat. Hg. v. Albrecht Goetze u. Günther Pflaum. München: Max Hueber Verlag, 1970. S. 170-187. Hier S. 174.

2 Köpke, Rudolf: Ludwig Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen (2. Teil). Leipzig 1855. S. 210f.

3 Haenicke (1970), S. 174.

4 Haenicke (1970), S. 175.

5 Haenicke (1970), S. 175f.

6 Gundolf, Friedrich: Ludwig Tieck. In: Ludwig Tieck. Hg. v. Wulf Segebrecht. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1976 (Wege der Forschung; CCCLXXXVI). S. 191-265. Hier S. 243.

7 Klussmann, Paul Gerhard: Die Zweideutigkeit des Wirklichen in Ludwig Tiecks Märchennovellen. In: ZfDPh 83 (1964), S. 426-452. Hier S. 434.

8 Klussmann (1964), S. 434.

9 Vgl. hierzu Haenicke (1970), S. 171.

10 Moser, Hugo: Sagen und Märchen in der deutschen Romantik. In: Die deutsche Romantik. Poetik, Formen und Motive. Hg. v. Hans Steffen. 2. Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1970. S. 253-276. Hier S. 271.

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