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"Nein, meine Suppe ess' ich nicht!" Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen in Theorie und Praxis

Examination Thesis, 2006, 158 Pages
Author: Mirjam Rothenbacher
Subject: Sociology - Children and Youth

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2006
Pages: 158
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 35  Entries
Language: German
Archive No.: V65565
ISBN (E-book): 978-3-638-58094-6

File size: 1035 KB
Notes :
Dies ist eine schriftliche Hausarbeit (auch Zulassungsarbeit genannt), die eine der Zulassungsvoraussetzungen des 1. Staatsexamens für das Lehramt an Hauptschulen ist.



Excerpt (computer-generated)

Universität Regensburg

„Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!“
Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen
in Theorie und Praxis

Mirjam Rothenbacher

2006

 

Inhaltsverzeichnis

1 Die Geschichte vom Suppenkaspar – Märchen oder harte Realität? ... 3

2 Begriffliche Einordnung und wissenschaftliche Engführung ... 7
2.1 Die Anorexia nervosa ... 7
2.2 Die Bulimia nervosa ... 19
2.3 Fazit ... 23

3 Selbstaushungerung und Magersucht im Spiegel der Zeit ... 25

4 Diverse Erklärungsansätze für die Krankheitsursachen ... 35
4.1 Der kulturgebundene Ansatz ... 35
4.2 Ein psychoanalytischer Erklärungsversuch ... 43
4.3 Die systemtheoretische Sichtweise ... 50
4.4 Traumatische Erlebnisse als Ursache für Essstörungen ... 51
4.5 Suchtimmanente Aspekte ... 52
4.6 Die genetische Veranlagung als Prädisposition ... 56

5 Therapieansätze im Bezirksklinikum Regensburg ... 58

6 Gesellschaftliche und mediale Antwortmöglichkeiten auf die Essstörungen ... 65
6.1 Essgestörte und das Internet: „Pro-Ana“- und „Pro-Mia“- Seiten - Eine Hilfe für Erkrankte oder Beihilfe zum Selbstmord auf Raten? ... 65
6.2 Andere Länder, andere Sitten: Spanien sagt den Magermodels den Kampf an! ... 70
6.3 Die Kampagne der Kosmetikfirma Dove – Ein Schritt in die richtige Richtung? ... 72

7 Die Schule – Prävention an der Quelle ... 75
7.1 Vorträge an Schulen und Unterrichtsgänge mit den Schulklassen ... 75
7.2 Der Lehrer: Möglichkeiten und Grenzen der Pädagogik ... 78

8 Essstörungen: Ein Thema an den Hauptschulen im Regierungsbezirk Oberpfalz? ... 83

9 Wie geht’s weiter? Ein Blick in die Zukunft ... 96

10 Ein Resümee ... 99

Bibliographie ... 104

Links ... 106

Anhang ... 107

 

1 Die Geschichte vom Suppenkaspar – Märchen oder harte Realität?

„Ich esse keine Suppe! Nein! Ich esse meine Suppe nicht! Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!“1 Dieser berühmte Ausspruch des Suppenkaspars aus dem Jahre 1844 scheint dem unkundigen Leser erstmal nichts mitteilen zu wollen, außer der Tatsache, dass ein kleiner, molliger Junge womöglich aus Trotz oder Protest gegen die Eltern keine Lust hat, seine Suppe zu essen. Diese vermeintliche Oberflächlichkeit entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Trugschluss, hat die Geschichte doch nach einheitlicher wissenschaftlicher Überzeugung eine tiefgründigere Thematik und offenbart bei näherer Betrachtung und bei Kenntnis des Tätigkeitsgebiets des Autors wohl eines der ersten Zeugnisse der Neuzeit für eine Essstörung. Zum Märchen „degradiert“, thematisiert sie erstmalig für die breite Öffentlichkeit ein bis dato weitgehend unbekanntes oder ignoriertes oder nicht ernst genommenes Krankheitsbild und macht es durch zahlreiche Kinderbücher publik.

Der Autor des „Suppenkaspars“, Dr. Heinrich Hoffmann, lebte von 1809 bis 1894 und war Nervenarzt in Frankfurt in einer „Anstalt für Irre und Epileptiker“.2 Sein Gebiet war die Jugendpsychiatrie. Da er für seinen damals dreijährigen Sohn kein passendes Geschenk zu Weihnachten fand, entschloss er sich, ein Kinderbuch selbst zu verfassen und es ihm zu schenken. Der „Struwwelpeter“ war geboren, wenn auch vorerst noch unter einem anderen Titel. In dem Buch fand sich auch die Geschichte des Suppenkaspars wieder. Inhaltlich wurde darin zum einen die Erziehung des Bürgertums pointiert thematisiert, die bis dato nur auf eine Berufsausbildung denn eine Charakterbildung fixiert war, zum anderen griff Hoffmann ein Thema auf, das zur damaligen Zeit weiten Teilen der Bevölkerung völlig neu war: Die freiwillige Essensverweigerung! Durch die vorausgegangenen, jahrelangen Hungersnöte breiter Teile der Bevölkerung erschien ein vorsätzlicher Verzicht auf Nahrung ja geradezu absurd. Der Suppenkaspar ist wahrscheinlich das erste bekannte literarische Zeugnis eines Anorektikers, vielleicht sogar ein authentischer Fall aus der Praxis Hoffmanns.3

In der vorliegenden Arbeit sollen zwei in den westlichen Industrienationen weit verbreitete Essstörungen näher beleuchtet werden: Die Magersucht – im klinischen Fachausdruck Anorexia nervosa genannt – und die Ess-Brecht-Sucht – die Bulimia nervosa.4 Beide Störungen zählen zu den psychosomatischen Erkrankungen, d. h. es sind keine organischen Ursachen für ihr Erscheinen auszumachen, sondern die Auslöser und Ursachen sind vielmehr psychischer Natur. Aufgrund eines komplexen Zusammentreffens vieler verschiedener äußerer und innerer Faktoren kommt eine Essstörung zustande. Über ihre Ausbreitung und Verschärfung wird kontrovers diskutiert: Die einen behaupten, die Essstörungen insgesamt seien auf dem Vormarsch und haben in den letzten zwei Jahrzehnten explosionsartig zugenommen, die anderen gehen davon aus, dass die Zahl in Wirklichkeit seit Jahren stagniert und die faktisch gewachsene Anzahl an Krankheitsmeldungen lediglich mit einem stärkeren Bewusstsein, mit mehr Anlaufstellen für Betroffene und mit einer stärkeren Aufklärung durch die Medien zu erklären ist. Doch dazu mehr unter den Punkten zwei und elf.

Fest steht, dass hauptsächlich hoch zivilisierte, westliche Länder betroffen sind.5 Was letztendlich die Krankheit auslöst, kann nicht mit letzter Gewissheit gesagt werden. Annäherungen, Ansätze, Grenzziehungen sind dank zahlreicher Untersuchungen dennoch in den letzten Jahren erfolgt und haben dazu beigetragen, das Wissen um Entstehung, Entwicklung und Ausprägungen der pathologischen Essstörung zu erweitern und die therapeutischen Maßnahmen darauf abzustimmen. Einigkeit in Fachkreisen herrscht darüber, dass sowohl gesellschaftlich-kulturelle Determinanten, wie z. B. das vorherrschende Frauenbild, kombiniert mit intrapsychischen Faktoren und familiären Aspekten die Entstehung der Anorexia nervosa und der Bulimia nervosa begünstigen. Wichtig ist hierbei die Verflechtung der Faktoren anzuerkennen, von einer „Einzelverschuldung“ einer der Faktoren wird inzwischen deutlich Abstand genommen.

Im Folgenden soll der Versuch einer exakten Begriffsdefinition unternommen und ebenso verschiedene Erklärungsansätze ausführlich dargestellt werden. Ein kurzer historischer Abriss soll den „Werdegang“ des Hungerns und der Essstörungen verdeutlichen. Ein Hauptaugenmerk dieser Arbeit soll auf die Praxis gelenkt werden: Welche therapeutischen Maßnahmen werden im Bezirksklinikum Regensburg angewandt? Wie hoch ist der Therapieerfolg einzuschätzen, wie hoch die Rückfallquote? Aufschluss darüber gab mir ein Interview mit der Diplom-Psychologin Frau Petra Michler, Leiterin der Essgestörten-Gruppe für Kinder und Jugendliche im Bezirksklinikum. Weitere Informationen über die Krankheit soll eine Umfrage liefern, durchgeführt an zwei bayerischen Hauptschulen im Regierungsbezirk Oberpfalz. Darin wurden 207 Schüler gebeten, Angaben zu ihrem Gewicht, ihrem Selbstbild, ihrem Diätverhalten, ihrem nachgeeiferten Schönheitsideal, dem Grad der Zufriedenheit mit ihrem Körper und zu diversen Prominenten, die offensichtlich eine Essstörung aufweisen, zu machen. Die Summe aller gewonnenen Erkenntnisse war mir dabei behilflich, Lösungsansätze und Verhaltensvorschläge für Pädagogen, speziell für Lehrer, zu entwickeln, die hier vorgestellt werden sollen. Abschließend bleibt noch ein Blick in die Zukunft und auf Prognosen von Fachleuten zu einer erwarteten Entwicklung der Krankheit in der Bevölkerung, gepaart mit meiner eigenen Meinung, die einer Abrundung des Themas dienen soll.

Zunächst gilt es die Begrifflichkeiten zu klären. Was versteht man eigentlich unter einer Essstörung? Welche gibt es? Woher kommen die Fremdwörter „Anorexie“ und „Bulimie“ und was bedeuten sie? Diese Thematik wird im folgenden Kapitel aufgegriffen.

2 Begriffliche Einordnung und wissenschaftliche Engführung

2.1 Die Anorexia nervosa

Zu den heute bekanntesten Essstörungen zählen die Anorexie, die Bulimie, die Binge Eating Disorder und die Adipositas. In dieser Arbeit sollen die beiden ersten genauer unter die Lupe genommen werden.

Beide Begriffe, Anorexie und Bulimie, lassen sich aus dem Griechischen ableiten. Anorexia bedeutet so viel wie „Appetitlosigkeit“, nervosa kann wortwörtlich mit „nervlich“ übersetzt werden; beides legt nahe, dass mit einer Anorexia nervosa eine psychisch bedingte, nervöse Appetitlosigkeit gemeint ist. Diese wortwörtliche Übersetzung wird dem Krankheitsbild allerdings nicht gerecht. Anorektische Patienten verspüren durchaus Hunger und Appetit, sie essen sogar gerne, können aber aus noch später zu erläuternden Gründen einfach nicht.6 In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie 2000 heißt es zur Anorexia nervosa:


„Selbstverursachter bedeutsamer Gewichtsverlust oder unzureichende altersentsprechende Gewichtszunahme, die mit einer tief verwurzelten Überzeugung einhergeht, trotz Untergewicht zu dick zu sein. Der Häufigkeitsgipfel liegt bei 14 Jahren.“7

[...]


1 http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:H_Hoffmann_Struwwel_18.jpg#filehistory am 01.08.06.
2 Vgl. Vandereycken/van Deth/Meermann, Wundermädchen. Hungerkünstler. Magersucht. Eine Kulturgeschichte der Ess-Störung, Weinheim/Basel/Berlin 2003, S. 234.
3 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Struwwelpeter#Die_Geschichte_vom_Suppen-Kaspar am 30.07.06.
4 Vgl. Habermas, in: Oerter/Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch, Weinheim 1998, S. 1069f.
5 Vgl. Buchholz, Die verzehrte Frau. Anorexie und Bulimie im Spiegel weiblicher Subjektivität, Opladen 2001, S. 5.
6 Vgl. Ettrich/Pfeiffer, Anorexie und Bulimie. Zwischen Todes-Sehnsucht und Lebens-Hunger, München/Jena 2001, S. 7.
7 Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie 2000, zitiert nach ebd.


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