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Presentation (Elaboration), 2006, 7 Pages
Author: Dr. phil. Daria Hagemeister
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Vienna (Germanistik)
Tags: Leben, Dichtung, Wahrheit, Goethe, Konversatorium, Autobilografie, Klassik, Literatur
Year: 2006
Pages: 7
Grade: 1
Bibliography: ~ 4 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-58123-3
File size: 178 KB
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Abstract
Goethe versteht Dichtung als Mittel, um die Wahrheit ans Licht zu befördern und zu erkennen. Durch die Dichtung wird der Wahrheit des Daseins und den widersprüchlichen Lebensfragmenten Folge und Sinn zugewiesen. Goethes Autobiografie ist somit nicht nur ein Kunstwerk, sondern gleichzeitig auch ein Geschichtswerk. Durch die Alterssicht hat er retrospektives geschichtliches Verstehen und eine größere Urteilskraft. Bei der Rückerinnerung an Vergangenes wirkt allerdings die Einbildungskraft mit, dies ist die dichterische Komponente. Goethe bedient sich des Wahren zu seinem Zweck und erhebt eigene Erlebnisse und Entwicklungen zu Symbolen des Menschenlebens. Sie sollten eine „höhere“ Wahrheit bestätigen. Zwar müsse eine Biografie den Menschen in seinen Zeitverhältnissen zeigen, was ihm widerstrebt und was ihn begünstigt hat, doch Goethe war sich auch dessen bewusst, dass nicht alles von ihm wahrheitsgetreu wiedergegeben worden war, sondern perspektivische Verkürzungen einerseits und Auseinanderfaltungen andererseits unvermeidbar gewesen waren. Auch seine jugendlichen Krisen, Konflikte, Gefährdungen (er kam ja als etwa 15-Jähriger sogar mit dem Gesetz in Konflikt), seine religiösen Wandlungen, seine hypochondrischen und neurotischen Anwandlungen wurden oftmals bewusst oder unbewusst verschoben, beschönigt, gedämpft oder verdeckt. Obwohl Goethe sein Leben rückblickend als unter einem glücklichen Stern stehend betrachtete, nannte er es in einem Entwurf „ein einzig Abenteuer“ mit vielen wahren und falschen Tendenzen und es sei deshalb eine ewige Marter ohne eigentlichen Genuss gewesen. Im Zusammenhang mit „Egmont“ erörtert Goethe auch den Begriff des Dämonischen, der an ihm selbst seine produktive Seite erwiesen hat.
Excerpt (computer-generated)
Aus meinem Leben – Dichtung und Wahrheit (Goethe)
von
Daria Hagemeister
1. Gliederung und Bedeutung des Werkes:
Johann Wolfgang von Goethe wurde 1749 in Frankfurt geboren und starb 1832 in Weimar. Dichtung und Wahrheit ist seine Autobiografie, zu welcher ihm von Freunden und Verehrern geraten worden war, und die er mit 60 Jahren begonnen hat zu schreiben. Sie besteht aus 4 Teilen zu je 5 Büchern, die in Etappen verfasst wurden, und zwar die Teile 1 bis 3 entstanden zwischen dem Oktober 1809 und dem Jänner 1814. Den 4. Teil schrieb er 1824 bis 1831, und er erschien erst 1933 posthum.
Goethes Autobiografie unterscheidet sich in Art und Zielsetzung von anderen Autobiografien seiner Zeit, trägt aber Züge derselben. Sie ist keine Selbstanklage und auch keine Selbstanalyse, wie wir sie in K. Ph. Moritzs „Anton Reiser“ vorfinden. Eventuell könnte man meinen, Goethe hätte seine Vorbilder in den Biografien der italienischen Renaissance oder einem chronikähnlichen Memoirentypus aus dem 16. Jhdt., wie etwa den Lebenserzählungen „Gottfrieds von Berlichingen“ gesehen.
Goethe verknüpft ganz bewusst und planmäßig die faktischen Daten seines Lebens mit einer poetisch-ästhetischen Form der Darstellung, sowie einer Sinn gebenden Deutung. Durch den Altersstandpunkt hat Goethe bereits eine gewisse Distanz erlangt, sodass er die Ereignisse seiner Jugend in einem größeren Gesamtzusammenhang sehen und beschreiben kann. Dabei ist er stets bestrebt, die Relation zwischen Wahrheit und Dichtung zu wahren. Wahrheit heißt für ihn die stufenweise Ausbildung seiner Persönlichkeit, und die Ereignisse und Fakten, die dazu beigetragen haben, Dichtung hingegen bezeichnet die Art und Weise, wie sich diese Wahrheit in seiner Poesie niederschlägt, und dies wiederum beinhaltet nicht nur das Wirkliche, sondern auch alles Mögliche, das nie Wirklichkeit wurde, aber ebensolche Geltung und Bedeutung hat wie die Realität selbst.
Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Werkes liegt darin, dass Goethe neben seiner persönlichen Lebensgeschichte auch tiefe Einblicke in die politischen und kulturellen Entwicklungen seiner Zeit gibt, soweit sie sich auf seine eigene Entwicklung ausgewirkt haben. Dort, wo Goethe auf einzelne Werke zu sprechen kommt, tut er es, wie er selbst sagt, um etwaige Lücken zu schließen. Es ist interessant zu lesen, was der wirkliche Hintergrund einer Geschichte war, da im Laufe der Zeit viel in Werke interpretiert worden ist, und oft die Interpretation später mehr Gewicht bekommen hat als das ursprüngliche Werk selbst.
Seine individuelle Entwicklung schildert Goethe als Resultat des literarischen und religiösen Lebens seiner Jugendzeit, wie etwa die Rezeption Shakespeares, die Schriften Herders, Klopstocks und die Naturbegeisterung entfacht durch die Lehre Rousseaus, sowie die Philosophie Spinozas von der Gott-Natur und ihrer All-Einheit. Der Aufklärung wird als Antithese die Genie-Bewegung entgegen gesetzt. Um 1770 wird die strenge Regelpoetik verabschiedet. Die „exakte Fantasie“ gleicht den Verlust der dichterischen Normen aus. In Dichtung und Wahrheit lösen episches Erzählen und analytisches Reflektieren einander ab.
Goethe versteht Dichtung als Mittel, um die Wahrheit ans Licht zu befördern und zu erkennen. Durch die Dichtung wird der Wahrheit des Daseins und den widersprüchlichen Lebensfragmenten Folge und Sinn zugewiesen. Goethes Autobiografie ist somit nicht nur ein Kunstwerk, sondern gleichzeitig auch ein Geschichtswerk. Durch die Alterssicht hat er retrospektives geschichtliches Verstehen und eine größere Urteilskraft. Bei der Rückerinnerung an Vergangenes wirkt allerdings die Einbildungskraft mit, dies ist die dichterische Komponente. Goethe bedient sich des Wahren zu seinem Zweck und erhebt eigene Erlebnisse und Entwicklungen zu Symbolen des Menschenlebens. Sie sollten eine „höhere“ Wahrheit bestätigen. Zwar müsse eine Biografie den Menschen in seinen Zeitverhältnissen zeigen, was ihm widerstrebt und was ihn begünstigt hat, doch Goethe war sich auch dessen bewusst, dass nicht alles von ihm wahrheitsgetreu wiedergegeben worden war, sondern perspektivische Verkürzungen einerseits und Auseinanderfaltungen andererseits unvermeidbar gewesen waren. Auch seine jugendlichen Krisen, Konflikte, Gefährdungen (er kam ja als etwa 15-Jähriger sogar mit dem Gesetz in Konflikt), seine religiösen Wandlungen, seine hypochondrischen und neurotischen Anwandlungen wurden oftmals bewusst oder unbewusst verschoben, beschönigt, gedämpft oder verdeckt. Obwohl Goethe sein Leben rückblickend als unter einem glücklichen Stern stehend betrachtete, nannte er es in einem Entwurf „ein einzig Abenteuer“ mit vielen wahren und falschen Tendenzen und es sei deshalb eine ewige Marter ohne eigentlichen Genuss gewesen. Im Zusammenhang mit „Egmont“ erörtert Goethe auch den Begriff des Dämonischen, der an ihm selbst seine produktive Seite erwiesen hat.
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