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'Natürlich hysterisch!?' - die Unausweichlichkeit eines frauenspezifischen Krankheitsbildes am Beispiel von Schnitzlers Monolognovelle Fräulein Else

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 20 Pages
Author: Stefanie Müller
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 20
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V65617
ISBN (E-book): 978-3-638-58137-0
ISBN (Book): 978-3-640-27179-5
File size: 246 KB
Notes :
Analyse und Interpretation der Monolognovelle Fraulein Else und der Versuch die Hysterie der Protagonistin mal nicht psychoanalytisch zu erklären.


Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der 1924 erschienen Monolognovelle Fräulein Else von Arthur Schnitzler. Ausgehend von der Entstehungsgeschichte der Hysterie und dem Hysteriebegriff bei Freud sowie dem Aufzeigen des gesellschaftlich-sozialen Nutzen des frauenspezifischen Krankheitsbildes par excellence im 19. Jahrhundert, soll untersucht werden, wie die hysterische Erkrankung in Schnitzlers Fräulein Else konstruiert und dargestellt wird und welche Funktion dem zugesprochen werden kann. Auf der Suche nach Beispielen von hysterischen Erkrankungen in der Literatur der Jahrhundertwende überraschte mich die Entdeckung, dass es anscheinend keine eindeutige Darstellung einer so zu bezeichnenden Hysterie mit ausführlich beschriebenen motorischen Störungen, wie Lähmungen, zu finden ist. Die hysterisch anmutenden Symptombilder sind in der literarischen Darstellung primär auf innerpsychische Vorgänge beschränkt. So auch die der Fräulein Else. Für die Darstellung dieser Erzählung nutzte Schnitzler die konsequent durchgehaltene Figurenperspektive des inneren Monologs1. Die psychische Verfassung der Protagonistin wird von äußeren Ereignissen beeinflusst, aber vor allem durch ihre Assoziationen vermittelt. Diese speisen sich aus äußerlich vermittelten und aus innerpsychischen Elementen, wie ihren Erinnerungen, Wünschen und Sehnsüchten. Diese gewählte Erzählhaltung sowie die Wichtigkeit von Träumen bzw. Phantasien rückt Schnitzlers Text in eine enge Beziehung zur Psychoanalyse Freuds. Die gesellschaftliche Dimension der Erzählung ist bezeichnend. Es handelt sich hierbei um das Milieu des Wiener Großbürgertums, in dem Scheinwelt und Realität auseinanderklaffen. Obwohl alle von der brüchigen Fassade wissen, die Wiener bürgerliche Gesellschaft der Jahrhundertwende sich also wohl des baldigen Zerfalls der Gesellschaftsordnung bewusst war, wird der äußere Schein und somit auch die normierten Rollenvorstellungen aufrechterhalten. Die ‚realen Hysterikerinnen’2 der Jahrhundertwende, so auch Fräulein Else, haben sich, so wie ich es verstehe, vorwiegend inszeniert, um dieser gesellschaftlich-normierten Rolle zu entgehen. Die Flucht in die Ohnmacht der Krankheit kann also als ein demonstrativer Rückzug aus der Realität interpretiert werden.


Excerpt (computer-generated)

Universität Potsdam, Institut für Germanistik
HS: Freud Lektionen für Germanisten
SS 2006

‚Natürlich hysterisch!?’ – die Unausweichlichkeit eines
frauenspezifischen Krankheitsbildes am Beispiel von
Schnitzlers Monolognovelle Fräulein Else

von: Stefanie Müller

 


Gliederung

1. Einleitende Bemerkungen 3

2. Der Begriff der Hysterie 4

2.1. Die Entstehung des Hysteriebegriffs 4
2.2. Der Hysteriebegriff im 19. Jahrhundert 5

3. Die Darstellung der Hysterie in Schnitzlers Fräulein Else 9

3.1. Wichtige Aspekte der Erzählung Fräulein Else 9
3.2. Der hysterische Anfall von Schnitzlers Fräulein Else 11

4. Abschließende Bemerkungen 18

5. Literaturverzeichnis 19




 

1. Einleitende Bemerkungen

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der 1924 erschienen Monolognovelle Fräulein Else von Arthur Schnitzler. Ausgehend von der Entstehungsgeschichte der Hysterie und dem Hysteriebegriff bei Freud sowie dem Aufzeigen des gesellschaftlich-sozialen Nutzen des frauenspezifischen Krankheitsbildes par excellence im 19. Jahrhundert, soll untersucht werden, wie die hysterische Erkrankung in Schnitzlers Fräulein Else konstruiert und dargestellt wird und welche Funktion dem zugesprochen werden kann.

Auf der Suche nach Beispielen von hysterischen Erkrankungen in der Literatur der Jahrhundertwende überraschte mich die Entdeckung, dass es anscheinend keine eindeutige Darstellung einer so zu bezeichnenden Hysterie mit ausführlich beschriebenen motorischen Störungen, wie Lähmungen, zu finden ist. Die hysterisch anmutenden Symptombilder sind in der literarischen Darstellung primär auf innerpsychische Vorgänge beschränkt. So auch die der Fräulein Else. Für die Darstellung dieser Erzählung nutzte Schnitzler die konsequent durchgehaltene Figurenperspektive des inneren Monologs1. Die psychische Verfassung der Protagonistin wird von äußeren Ereignissen beeinflusst, aber vor allem durch ihre Assoziationen vermittelt. Diese speisen sich aus äußerlich vermittelten und aus innerpsychischen Elementen, wie ihren Erinnerungen, Wünschen und Sehnsüchten. Diese gewählte Erzählhaltung sowie die Wichtigkeit von Träumen bzw. Phantasien rückt Schnitzlers Text in eine enge Beziehung zur Psychoanalyse Freuds. Die gesellschaftliche Dimension der Erzählung ist bezeichnend. Es handelt sich hierbei um das Milieu des Wiener Großbürgertums, in dem Scheinwelt und Realität auseinanderklaffen. Obwohl alle von der brüchigen Fassade wissen, die Wiener bürgerliche Gesellschaft der Jahrhundertwende sich also wohl des baldigen Zerfalls der Gesellschaftsordnung bewusst war, wird der äußere Schein und somit auch die normierten Rollenvorstellungen aufrechterhalten. Die ‚realen Hysterikerinnen’2 der Jahrhundertwende, so auch Fräulein Else, haben sich, so wie ich es verstehe, vorwiegend inszeniert, um dieser gesellschaftlich-normierten Rolle zu entgehen. Die Flucht in die Ohnmacht der Krankheit kann also als ein demonstrativer Rückzug aus der Realität interpretiert werden.

2. Der Begriff der Hysterie

2.1. Die Entstehung des Hysteriebegriffs

Katrin Schmersahl untersucht in ihrer interdisziplinären Studie Medizin und Geschlecht die Konstruktion der Kategorie Geschlecht in den wissenschaftlich–medizinischen Forschungsbereichen des 19. Jahrhunderts. Die Diagnose Hysterie, so schreibt sie, spiele von der Antike bis zur Aufklärung eine untergeordnete Rolle und erst im 19. Jahrhundert käme ihr zentrale Bedeutung zu.3 Zudem problematisiere sich durch die Geschichte der beschriebenen hysterischen Krankheitsbilder die Furcht des Mannes vor einem selbständigen Innenleben der Frau. In den altägyptischen und antiken Schriftstücken wird die Hysterie als eine Erkrankung der weiblichen Geschlechtsorgane vorgestellt. Schon die Verfasser des Kahun–Papyrus (um 2000 v. Chr.) und des Ebers–Papyrus (um 1550 v. Chr.) beschreiben laut Schaps hysterische Symptome und vermeinen die Veränderung der Position der Gebärmutter als Krankheitsursache zu erkennen.4 Im Mittelalter gilt die Krankheit als „Besessenheit“ und die Bewusstseinsspaltung als die bedeutendste Komponente des heutigen Hysteriekonzepts wird bereits beschrieben.5 Mit der fortschreitenden Erforschung von geistigen Erkrankungen im 17. Jahrhundert verlagert sich die Krankheitsursache der Hysterie vom Unterleib der Frau in deren Kopf. Als Folge werden jetzt nicht nur die Geschlechtsorgane der Frau, sondern ihr ganzes Wesen als „Tier“ bezeichnet.6 Daneben können Männer7 und Kinder von hysterischen Erkrankungen betroffen sein, was jedoch an dem Status der Krankheit als Frauenkrankheit nichts ändert. Zur Zeit der Aufklärung und vermehrt im 19. Jahrhundert wird die Hysterie als geistige Erkrankung angesehen, deren Ursache jedoch in den weiblichen Geschlechtsorganen zu finden sei.

2.2. Der Hysteriebegriff im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert gewinnt die Hysterie als Frauenkrankheit par excellence, zentrale Bedeutung für die Entwicklung der modernen Psychiatrie und die gerade neu entstehende Psychoanalyse. Sie erlangt auch prägenden Einfluss auf die Thematisierung von Sexualität; in Folge dessen etabliert sich um 1900 die wissenschaftliche Disziplin der Sexualforschung.8 Hier verlagert sich die Suche nach der Ursache der Erkrankung von den weiblichen Geschlechtsorganen und deren Funktion zu einer Untersuchung des weiblichen Sexualverhaltens, welches für ‚normale’ Frauen als passiv und triebarm beschrieben wird. Im gynäkologischen Forschungsfeld wird radikal operiert: Uterus, Ovarien, seltener die Klitoris, werden entfernt. Viele Operationen sind nicht erfolgreich, Frauen sterben während oder an den Folgen der operativen Eingriffe.9 Frauenfeindliche Tendenzen, die durchweg in der Geschichte der Hysterie präsent sind, erreichen um die Jahrhundertwende mit der Überführung des Weiblichen ins Pathologische ihren Höhepunkt.10

[...]


1 Zum Inneren Monolog siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Innerer_Monolog (02.08.06)

2 Siehe hierzu: Schaps, S. 114f. und auch Eschenröder, S. 35.

3 Vgl.: Schmersahl, S. 216-217.

4 Vgl.: Schaps, S. 18 und Kronberger, S. 34.

5 Vgl.: Kronberger, S. 37.

6 Vgl.: Kronberger, S. 40.

7 Thomas Sydenhams (1624–1689) gibt der männlichen Hysterie den Namen „Hypochondriasis“; Vgl.: Kronberger, S. 40.

8 Vgl.: Schaps, S. 14f.

9 Vgl.: Schaps, S. 50f.

10 Vgl.: Kronberger, S. 108-112 und Lamott, S. 78-80.


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