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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 20 Pages
Author: Henriette Kunz
Subject: History - Modern Times, Absolutism, Industrialization
Details
Institution/College: Dresden Technical University (Institut für Geschichte)
Tags: Bildung, Politik, Theorie, Emanzipation, Arbeiterschaft, Jahrhundert, Eine, Reflektion, Industrialisierung, Frage, Jahrhundert, Deutschland
Year: 2006
Pages: 20
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 19 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-58779-2
ISBN (Book): 978-3-638-75368-5
File size: 258 KB
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Abstract
Die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland ist eng mit den Anfängen der Erwachsenenbildung verknüpft. So erhellt die jeweilige Rolle, welche der Bildung in diesem historischen Verlauf zugewiesen wurde, auch schlaglichtartig die innere Entwicklung der Arbeiterbewegung von einer reformistischen Zielsetzung, die eine Integration des vierten Standes in die Gesellschaft und damit zugleich die Angleichung an die Konventionen des liberalen Bürgertums in den Blick nahm, zu einer vom Marxismus geprägten, auf eine grundlegende Gesellschaftsrevolution zielenden Arbeiterpartei. Die vorliegende Arbeit verfolgt nun hauptsächlich das Ziel, die theoretischen Überlegungen der bürgerlich-liberalen und der marxistisch-sozialistischen Richtung zur gesellschaftlichen Funktion der Bildung und ihres Potentials zur Überwindung der „sozialen Frage“ der Zeit anhand zweier exemplarischer Quellen einander vergleichend gegenüberzustellen. Als Vertreter der bürgerlich-liberalen Theorie wird im ersten Abschnitt der Arbeit die Ansicht des Unternehmers Friedrich Harkort in seiner 1844 erschienenen Schrift "Bemerkungen über die Hindernisse der Civilisation und Emancipation der unteren Klassen" durch die Reflektion zweier zentraler Parameter konkretisiert. Der zweite Teil setzt sich dagegen mit Wilhelm Liebknechts sozialistisch-marxistisch beeinflussten Vortrag "Wissen ist Macht – Macht ist Wissen" aus dem Jahre 1872 auseinander, wobei die Parameter des ersten Teils ebenso Anwendung finden.
Excerpt (computer-generated)
Technische Universität Dresden, Institut für Geschichte
Hauptseminar: Industrielle Revolution und soziale
Frage im 19. Jahrhundert in Deutschland
Sommersemester 2006, 6. Fachsemester
Bildung oder Politik? Die bürgerlich-liberale und die
marxistisch-sozialistische Theorie zur Emanzipation
der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert.
Eine vergleichende Reflektion
von: Henriette Kunz
INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung 3
II. Die bürgerlich-liberale Auffassung: Friedrich Harkort 4
II.1. Menschen- und Gesellschaftsbild 4
II.2. Die Rolle der Bildung 8
III. Die marxistisch-sozialistische Auffassung: Wilhelm Liebknecht 11
III.1. Menschen- und Gesellschaftsbild 11
III.2. Die Rolle der Bildung 13
IV. Vergleichende Betrachtung 15
V. Ausblick: Bildung oder Politik?
VI. Quellen- und Literaturverzeichnis 19
I. Einleitung
Die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland ist eng mit den Anfängen der Erwachsenenbildung verknüpft. So erhellt die jeweilige Rolle, welche der Bildung in diesem historischen Verlauf zugewiesen wurde, auch schlaglichtartig die innere Entwicklung der Arbeiterbewegung von einer reformistischen Zielsetzung, die eine Integration des vierten Standes in die Gesellschaft und damit zugleich die Angleichung an die Konventionen des liberalen Bürgertums in den Blick nahm, zu einer vom Marxismus geprägten, auf eine grundlegende Gesellschaftsrevolution zielenden Arbeiterpartei.1
Die Auseinandersetzungen, die diesen Hergang begleiteten, werden besonders bei der Betrachtung der verschiedenen Konzeptionen zu dem spezifischen Begriff der ‚Arbeiterbildung’ deutlich, deren grundlegende Problemstellung sich mit der Frage „Bildung oder Politik?“2 zusammenfassen lässt. Die vorliegende Arbeit verfolgt nun hauptsächlich das Ziel, die theoretischen Überlegungen der bürgerlich-liberalen und der marxistisch-sozialistischen Richtung zur gesellschaftlichen Funktion der Bildung und ihres Potentials zur Überwindung der „sozialen Frage“ der Zeit anhand zweier exemplarischer Quellen einander vergleichend gegenüberzustellen. Tatsächlich fielen die Anfänge der Erwachsenenbildung mit dem Beginn der Industrialisierung zusammen. Viele damalige Zeitgenossen haben den Zusammenhang zwischen dieser gesellschaftlichen Umbruchsituation und dem daraus erwachsenden Bedürfnis nach Bildung erkannt und entsprechend reagiert.3 Als Vertreter der bürgerlich-liberalen Theorie wird im ersten Abschnitt der Arbeit die Ansicht des Unternehmers FRIEDRICH HARKORT 4 in seiner 1844 erschienen Schrift Bemerkungen über die Hindernisse der Civilisation und Emancipation der unteren Klassen5 durch die Reflektion zweier zentraler Parameter konkretisiert.
Der zweite Teil setzt sich dagegen mit WILHELM LIEBKNECHTS sozialistisch-marxistisch beeinflussten Vortrag Wissen ist Macht – Macht ist Wissen6 aus dem Jahre 1872 auseinander, wobei die Parameter des ersten Teils ebenso Anwendung finden. Die sich daran anschließende vergleichende Betrachtung fokussiert noch einmal konzentriert die grundlegenden Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten beider Ansichten, während im Schlusskapitel der ereignisgeschichtliche Verlauf, der die für die Entwicklung der deutschen Erwachsenenbildung entscheidenden sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts prägte - und somit auch die Rezeptionsgeschichte beider Theorien - kurz reflektiert werden. Bezüglich der Forschung, die sich mit Friedrich Harkort beschäftigt, kann hier nur auf wenige verfügbare Literatur zurückgegriffen werden.
Obwohl sich die DDR-Forschung7 sowohl mit dem westfälischen Industriellen als auch mit Liebknecht befasst hat, können diese Ergebnisse aufgrund ihrer ideologischen Prägung nicht berücksichtigt werden, weshalb die Ausführungen vorrangig nur auf den Darstellungen Karl-Ernst Jeismanns8, Wolfgang Köllmanns9 und Hans-Wolf Butterhofs10 basieren. Ferner stützt sich die vorliegende Arbeit zudem auf die Überblicksarbeiten Karl Birkers11, Josef Olbrichs12 und Frolinde Balsers13.
II. Die bürgerlich-liberale Sicht: Friedrich Harkort
II.1. Menschen- und Gesellschaftsbild
Friedrich Harkort, der in seiner Jugend mit Arbeiterkindern zur Volksschule ging und so sehr spezielle, persönliche Eindrücke über die Lage dieser Bevölkerungsschicht in sein weiteres soziales Engagement einbringen konnte, geht in seinen Schriften konsequent von jenem Menschenbild aus, das sich im Zuge der Aufklärung durchzusetzen begann.14 Abseits aller sozialen Differenzierungen bildeten dabei Menschenwürde, Gleichheit vor dem Gesetz und die Freiheit des Individuums die Eckpfeiler einer neuen staatlich-gesellschaftlichen Ordnung, die es in strikter Abgrenzung zu den herrschenden, noch stark ständisch-feudal geprägten Verhältnissen zu erreichen galt.15 „Die Zeit“ hätte „die Standesinteressen gelöst, die „Menschenrechte über die Stände gestellt“ und rede „einer Gleichheit das Wort“, während die „Familie“ und das „Staatsbürgerthum“ letztendlich zu den „Hauptfactoren der Gesellschaft“ 16 zu zählen seien.
[...]
1 Vgl. dazu: Olbrich, Erwachsenenbildung, S. 28, 77-82 (wie Anmerkung 12).
2 Vgl. Butterhof, Wissen und Macht, S. 45 (wie Anmerkung 10).
3 Vgl. Arnold, Rolf: Erwachsenenbildung. Eine Einführung in Grundlagen, Probleme und Perspektiven. Hohengehren 21991, S. 6.
4 Die Zuordnung Harkorts zum liberalen Lager steht trotz kleinerer Abweichungen weitestgehend fest. So trat im Jahre 1866 er der „Deutschen Fortschrittspartei“ bei und vertrat diese sogar im Reichstag, vgl. Olbrich Erwachsenenbildung, S. 76. Dennoch war Harkort nie ein „Manchestermann“, vielmehr forderte von dem Staat eine schützende und unterstützende Funktion und setzte beispielsweise für eine staatliche Arbeitsgesetzgebung ein, vgl. Jeismann, Volksbildung,, S. 158 (wie Anmerkung 8) und Balser, Anfänge, S. 140 (wie Anmerkung 13).
5 Harkort, Friedrich: Bemerkungen über die Hindernisse der Civilisation und Emancipation der unteren Klassen. In: Jeismann, Karl-Ernst (Hg.): Friedrich Harkort. Schriften und Reden zu Volksschule und Volksbildung. Paderborn 1969 (= Schönighs Sammlung pädagogischer Schriften – Quellen zur Geschichte der Pädagogik), S. 64-100. Die Rechtschreibung der verwendeten Zitate folgt dabei dieser Vorlage.
6 Liebknecht, Wilhelm: Wissen ist Macht – Macht ist Wissen. In: Feidel-Mertz, Hildegard (Hg): Zur Geschichte der Arbeiterbildung. Bad Heilbrunn / OBB. 1968 (= Klinkhardts Pädagogische Quellentexte).
7 Vgl. u.a. Uhlig, Gottfried: Bourgeoisie und Volksschule im Vormärz. Schulpolitische Kämpfe in Westfalen 1838- 1848. Berlin (Ost) 1960; Brumme, Hans: Wilhelm Liebknecht über die Bildung und Erziehung des werktätigen Volkes. Berlin (Ost) 1960.
8 Jeismann, Karl-Ernst: Volksbildung und Industrialisierung als Faktoren des sozialen Wandels im Vormärz. Dargestellt am Beispiel der Forderungen Friedrich Harkorts zur Bildungsreform. In: Zeitschrift für Pädagogik 18 (1972), S. 315- 337; Jeismann, Karl-Ernst: Friedrich Harkort und die Volksbildung. In: ders. (Hg.): Friedrich Harkort. Schriften und Reden zu Volksschule und Volksbildung. Paderborn 1969 (= Schönighs Sammlung pädagogischer Schriften – Quellen zur Geschichte der Pädagogik), S. 153-160.
9 Köllmann, Wolfgang: Gesellschaftsanschauungen und sozialpolitisches Wollen Friedrich Harkorts. In: Rheinische Vierteljahrsblätter 1960, S. 81-99.
10 Butterhof, Hans-Wolf: Wissen und Macht. Widersprüche sozialdemokratischer Bildungspolitik bei Harkort, Liebknecht und Schulz. München 1978.
11 Birker, Karl: Die deutschen Arbeiterbildungsvereine 1840-1870. Mit einem Vorwort von Ernst Schraepler. Berlin 1973 (= Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 10).
12 Olbrich, Josef: Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland. Opladen 2001.
13 Balser, Frolinde: Die Anfänge der Erwachsenenbildung in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Eine kultursoziologische Deutung. Stuttgart 1959 (= Beiträge zur Geschichte der Erwachsenenbildung).
14 Vgl. Balser, Anfänge, S. 144-145; Harkort, Hindernisse, S. 76.
15 Vgl. Köllmann, Gesellschaftsanschauungen, S. 90.
16 Harkort, Hindernisse, S. 83.
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