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Autor: Matthias Frede
Fach: Kunst - Uebergreifende Betrachtungen
Details
Tags: Wandern, Möglichkeit, Naturerlebens, Wahrnehmungssensibilisierung, Praxis
Jahr: 2006
Seiten: 23
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 18 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 1991 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-58692-4
Textauszug (computergeneriert)
PÄDAGOGISCHE HOCHSCHULE LUDWIGSBURG
HAUPTSEMINAR RAUM UND ZEIT
WS 2005 – 2006, 8. SEMESTER
Wandern - eine Möglichkeit des ästhetischen Naturerlebens
und der Wahrnehmungssensibilisierung in der
kunstpädagogischen Praxis
von: Matthias Frede
INHALTSVERZEICHNIS
1. Theoretischer Teil S. 2
1.1 Das Wesen des Wanderns S. 2
1.2 Motive und Formen des Wanderns S. 3
1.2.1 Wandern als Ausdruck des Denkens S. 3
1.2.2 Wandern als Auseinandersetzung mit Fremdem S. 5
1.2.3 Wandern als Suche nach ästhetischen Erfahrungen S. 6
2. Fachwissenschaftlicher Teil S. 8
2.1 Richard Longs Idee, das Wandern zur Kunst zu machen S. 8
2.2 Richard Long und das Wandern S. 9
3. Didaktischer Teil S. 13
3.1 Ausarbeitung eines Arbeitsblattes mit Bezug zur Naturpädagogik für den Fächerverbund Mensch, Natur und Kultur in der vierten Klasse der Grundschule S. 13
3.2 Arbeitsblatt S. 15
3.3 Erprobung und Auswertung des Arbeitsblattes S. 17
4. Literaturverzeichnis S. 21
1. Theoretischer Teil
1.1 Das Wesen des Wanderns
Wandern bezeichnet im eigentlichen Sinne das zu Fuß-Gehen in der Landschaft und wird im allgemeinen Sprachgebrauch manchmal auch als Synonym für das Reisen verwendet. Der Begriff Wandern zeichnet sich jedoch nicht nur durch das einfache Zurücklegen einer Strecke zwischen zwei voneinander entfernten Orten durch Zeit und Landschaft aus, sondern stellt gleichermaßen einen Prozess als auch einen Urtrieb dar, ohne den der ruhelose Mensch nicht existieren kann. Diesen Sachverhalt formulierte bereits im 17. Jahrhundert der Franzose Blaise Pascal: „Unsere Natur liegt in der Bewegung, die vollkommene Ruhe ist der Tod.“1 Ausgehend von diesem Bedürfnis nach körperlicher Bewegung eröffnet das Wandern zudem einen Zugang zur Umwelt. Es bildet infolgedessen die wesentliche Grundlage für unmittelbare menschliche Eigen- und Welterfahrungen, die zu Erkenntnissen und Selbsterfahrungsprozessen führen können. Dies erkannte auch der überzeugte Wanderer Johann Wolfgang von Goethe, der diesbezüglich einst gesagt haben soll: „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.“2 Im Wandern, der ureigensten menschlichen Art der Fortbewegung, erschließt der Mensch seine Umwelt durch seinen Körper bzw. seine Fußsohlen, sein Denken und seine ästhetische räumliche Wahrnehmung, indem er ihn nach Zeit, Ort sowie Entfernung erfährt und strukturiert.
Obwohl das Unterwegssein untrennbar mit der Geschichte der menschlichen Kultur verbunden ist, erzählt doch jede Wanderung als eine Form körperlicher und sinnlicher Erfahrung eine eigene, individuelle Geschichte, die durch Neugier am Fremden, Erkenntnis, Selbstfindung oder anderen Beweggründen motiviert ist. Hierdurch unterscheidet sie sich von anderen Wanderungen, lediglich die Übergangsrituale von Aufbruch – Passage – Ankunft sind bei allen Wanderungen oder Reisen gleich. Während der Aufbruch das Verlassen vertrauter Lebenskontexte darstellt und fordert, sich mit Fremdem einzulassen, sei es freiwillig oder gezwungenermaßen durch Vertreibung oder Verfolgung, so ist das Wesen der Passage geprägt durch das Unterwegssein zwischen Orten und Gemeinschaften auf der Suche nach Neuem, was weitere Sehnsüchte wecken kann. Der Prozess der Ankunft zeichnet sich durch das Knüpfen neuer Kontakte sowie einem Rollenwechsel aus, wobei jede Ankunft wiederum zu einem neunen Drang bzw. einer Sehnsucht nach Freiheit und Flucht, einem Aufbruch, führen kann.3
1.2 Motive und Formen des Wanderns
1.2.1 Wandern als Ausdruck des Denkens
Das selbstgenügsam scheinende Wanderleben der Nomaden, die das Lebensprinzip des Unterwegsseins als Weg des Erfahrens der Welt gegenüber der Sesshaftigkeit ’vorziehen’, oder der Aborigines, die Fußwanderungen durch das australische Outback als feierliches Ritual im Sinne einer Initiation ansehen und Gegenstände nur dann für gut heißen, wenn sie „den Gesetzen des Wanderns“4 folgen, spiegeln die natürliche Existenzweise des Menschen wider, nämlich das Leben in der Passage. Dauerndes Umherwandern und Unterwegssein als Verwirklichung einer elementaren Lebensweise kann mit Blick auf die abendländische Kultur jedoch auch das Leben einer Außenseiterrolle bedeuten, welches mit Existenzlosigkeit und dem Verlust der eigenen Identität verbunden sein kann. Auch beim Pilgertum (lat. peregrinus: Fremder) kommt dem Wander- bzw. Reisemotiv eine besondere Rolle zuteil. Der schamanische Charakter des konzeptuellen Wanderns als Aufgabe oder Prüfung für den Pilger sowie die damit verbundenen Anstrengungen lassen sich bereits anhand eines Vergleiches der Wortbedeutungen des englischen Wortes travel (Reise) mit dem französischen travail (Arbeiten) erkennen, die beide auf einen gemeinsamen lateinischen Ursprung zurückgehen. Die Absichten einer religiösen, spirituellen Wanderung sind immaterieller Natur, obwohl der Wandernde eine Bewusstseinsveränderung bzw. ein Sich-Öffnen für andere Formen der Er-kenntnis erfährt und durchlebt, die für ihn real sind.5 Da beispielsweise der Islam selbst zwischen zwei Wanderungen Mohammeds entstand, seiner Flucht (Hijra) nach Medina und seiner Rückkehr (Haji) nach Mekka, kann das Wandern als ein Sakrament betrachtet werden. Die wandernden Pilger versprechen sich daher durch ihr Tun eine Läuterung der Seele, Erlösung, Heil und tiefgehende Erfahrungen, indem sie bestimmte Orte aufsuchen bzw. achtsam einen symbolisch-rituellen Fußmarsch unter bestimmten Anweisungen nachvollziehen, wie etwa die Hadsch bei Moslems oder bei Christen der Kreuzweg Christi nach Golgatha.
In diesem Zusammenhang stellt das Wandern „zu äußeren Horizonten“ auch eine Wanderung „zu inneren Horizonten“ von geistig-seelischen Vorgängen und Gotteserkenntnis dar.6 Das Wandern derselben Route kann dabei das Denken schon dagewesener Gedanken bedeuten. „Statt wieder heraufbeschworen zu werden, können Gedanken sozusagen wiederaufgesucht werden, wie Dinge in einer Landschaft, die sich durch das Gehen eröffnet. Insofern kann man sagen, [dass] Gehen [und] Denken [unter diesem Gesichtspunkt zwei durchaus gleiche Begriffe sind].“7
[...]
1 Bianci: Ästhetik des Reisens. In: Kunstforum International: Bd. 136 / 1997, S. 64
2 Wandern. In: http://de.wikibooks.org/wiki/Wandern#Wandern_mit_Kindern (zuletzt überprüft am 5.2.2006)
3 Vgl. Bianci, Paolo: Ästhetik des Reisens. In: Kunstforum International: Bd. 136 / 1997, S. 79, S. 111, S. 225
4 Eikhoff: Welt erfahren. In: ebd., S. 102 Dinge, die nicht kontinuierlich in Bewegung sind, getauscht oder verschenkt werden, gelten als schädlich.
5 Vgl. Bey: Zen im Gehen. In: ebd.,S. 198
6 Ebd., S. 202
7 Solnit: Walking and Thinking and Walking. In: ebd., S. 123
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