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Empirisch-hermeneutische Studie zu Präferenzentscheidungen von Kindern beim Betrachten von Kinderbildnissen

Autor: Matthias Frede
Fach: Kunst - Kunstpädagogik

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Details

Institut: Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Tags: Empirisch-hermeneutische, Studie, Präferenzentscheidungen, Kindern, Betrachten, Kinderbildnissen
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 50
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 29  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 234 KB
Archivnummer: V65899
ISBN (E-Book): 978-3-638-58693-1

Textauszug (computergeneriert)

PÄDAGOGISCHE HOCHSCHULE LUDWIGSBURG
HAUPTSEMINAR: BILDVERMITTLUNG IM KUNSTUNTERRICHT
SS 2006, 9. SEMESTER

Empirisch-hermeneutische Studie zu Präferenzentscheidungen von Kindern
beim Betrachten von Kinderbildnissen

von: Matthias Frede

 


Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung und Versuchsziel S. 2

2. Thesen S. 2

3. Zur Auswahl der Kunstwerke S. 3

4. Forschungsmethodisches Vorgehen S 9

4.1 Begründung des Forschungsdesigns S. 9
4.2 Qualitatives Interview S. 10
4.3 Auswahl der Informanten S. 10
4.4 Erhebung, Fixierung und Auswertung des Interviewmaterials S. 11

5. Ergebnisse der empirischen Studie S. 12

5.1 Interviews S. 12

5.1.1 Jonas S. 12
5.1.2 Johannes S. 19

6. Literaturverzeichnis S. 26

7. Werksverzeichnis S. 27

Anhang




 

1. Problemstellung und Versuchsziel

Kunst hat seit ihren Anfängen zahllose Wandlungsprozesse und Weiterentwicklungen erfahren. Diese halten bis heute an und spiegeln sich u.a. in einer Fülle verschiedener Stilrichtungen und in einer unübersehbaren Vielzahl an Bildern wider. Angesichts dieser Bilderflut stellt sich die Frage, welche Kunstwerke, genauer welche Kinderbildnisse, Kinder bevorzugen und worin die Gründe für ihre Präferenzentscheidungen liegen. Die vorliegende Arbeit möchte dieser Fragestellung nachgehen und anhand der Darstellung von zwei Fallanalysen eine Antwort finden.

Dabei ist es allerdings notwendig, sich immer wieder der grundlegenden Tatsache bewusst zu werden, dass es weniger wichtig ist, was Kinder bevorzugen, als vielmehr warum sie ein Kunstwerk bevorzugen und welche Erfahrung sie daraus herleiten.1 Weiterhin ist anzumerken, dass der Begriff Präferenz in dieser Studie nicht in der klassischen Verwendung von ästhetischem Gefallen verwendet wird, sondern im Zusammenhang mit Interesse bzw. der Entwicklung von Interesse am Kunstwerk. Es wird also nicht gefragt, welches Bild einem Kind gefällt, wie dies Hermann Hinkel in seiner Präferenzstudie 1972 tat, sondern welches Bild es interessiert, was Johannes Euckers Frageform entspricht. Dies ist insofern ein signifikanter Unterschied, da angenommen wird, dass sich Gefallen auf ein momentanes ästhetisches Urteil, also ein Geschmacksurteil beschränkt, Interesse an einem Kunstwerk jedoch einen Auseinandersetzungsprozess in Gang setzt, der die Beteiligung und den Einsatz des Rezipienten erfordert. Dem liegt die Kunstauffassung zu Grunde, dass sich Kunst nicht in Wohlgefallen erschließt, sondern in der Auseinandersetzung.2 Hinsichtlich einer solchen Gegenüberstellung muss allerdings zugleich festgestellt werden, dass sich eine so verstandene Opposition nicht immer aufrechterhalten lässt und die Begriffe auch aufeinander bezogen werden können.

2. Thesen

In qualitativ empirischen Forschungen wird nicht von vorab formulierten Hypothesen ausgegangen. Dem ungeachtet bestehen Annahmen über den Verlauf und die Ergebnisse der Studie, die sich aus der theoretischen Beschäftigung mit Literatur zum Forschungsgegenstand ableiten.

Bei den folgenden Thesen handelt es sich um gedankliche Annahmen zu Bildpräferenzen von Kindern. Sie werden der Untersuchung zu Grunde gelegt und zur Auswertung des Datenmaterials herangezogen, um sie hinsichtlich ihrer Richtigkeit und Einflussnahme bei Präferenzentscheidungen zu überprüfen. Präferenzentscheidungen und Begründungsmuster bei Kindern sind höchst unterschiedlich, wie auch die Intensität der Auseinandersetzung oder das individuelle Interesse am Kunstwerk. Es wird daher vermutet, dass Kinder Interesse und Präferenzen an dem einen oder anderen Werk vor allem dann entwickeln und sich eingehender damit auseinandersetzen, wenn das Bildphänomen für sie subjektiv bedeutsam scheint und formale und inhaltliche Anknüpfungsmöglichkeiten an ihre konkrete Alltags- und Lebenswelt zu verzeichnen sind. D.h. ein Kunstwerk wird dann bevorzugt, wenn das Kind subjektive Wirklichkeitserfahrungen wie Erinnerungen, (Vor-)Erfahrungen, Emotionen, Vorstellungen, Identitätsbilder oder Wünsche etc. im Werk wieder findet. Diese kann es sowohl in formalen Darstellungsweisen, ästhetischen Qualitäten und Beschaffenheiten, als auch in inhaltlichen Themen, Motiven oder Details erkennen. 3 Lebensweltliche Bezüge, Interesse und Präferenzen kann das Kind allerdings nicht nur im Bekannten finden und gegenüber diesem entwickeln, sondern auch im Ungewöhnlichen, Neuen und Nichtalltäglichen, das es für bedeutungsvoll erachtet. Das Differenzerleben des Fremden oder das Phantasiespiel bieten daher ebenso Anlässe und Reize zur intensiven Auseinandersetzung und können wahrnehmungserweiternde bzw. Sinn stiftende Assoziationen und Erkenntnisse ermöglichen.4

3. Zur Auswahl der Kunstwerke

Für die Studie wurden neun Kinderbildnisse aus verschiedenen Epochen und Kunstrichtungen ausgewählt. Die Entscheidung, diesen Bildtypus zu verwenden, basierte im Wesentlichen auf dem Kriterium des Lebensweltbezugs, da Kinderbildnisse leicht mit persönlichen Lebenssituationen, Erinnerungen oder Erfahrungen verglichen und in Verbindung gebracht werden können. Insofern können sie vielfältige emotionale und subjektive Zugangs- und Identifikationsmöglichkeiten schaffen.

Der Gattungsbegriff Bildnis wurde bei der Bildauswahl relativ offen formuliert. Die Auswahl beinhaltet auch Werke, die im engeren Sinne nicht als Bildnis bzw. Abbild eines bestimmten Individuums zu verstehen und zu bestimmen sind, sich aber im weiteren Sinne auf die Darstellung einzelner oder mehrerer Kinder konzentrieren, die als Individuen für sich gesehen werden sollen. Ihr soziokulturelles oder familiäres Umfeld ist hierbei zum Teil mit inbegriffen.5 Für Gottfried Böhm stellen Kinderbildnisse Grenzfälle dar, da sie häufig „mit all [ihrer spürbaren] Individualität Modell für etwas anderes als sich selbst“6 stehen. D.h. sie vermitteln ebenfalls eine „allgemeine Beziehung von Kindern zu ihrer Welt, zu ihren Lebensumständen, ihren Freuden oder auch Nöten in einer bestimmten Zeit und Gesellschaft“.7

Entscheidende Kriterien bei der Bildauswahl waren, dass die Bildserie neben verschiedenen formalen Grundhaltungen und Stilen gegenständliche und realistische bzw. gegenstandsverformende und unrealistische Werke beinhaltet. Deren Variationsbreite reicht von impressionistischen Malereien über Bilder mit Konturen und geschlossenen Flächen bis hin zu Bildern mit leuchtenden, hellen, kontrastreichen bzw. matten, dunklen und trüben Farben. Auf eine Verschiedenheit der Raumbeschaffenheit wurde bei der Auswahl ebenfalls Wert gelegt. Hinsichtlich des Inhalts sollten die Bilder Kinder in verschiedenen Stimmungen, Körperhaltungen und Tätigkeiten darstellen, um ein großes Angebot an Ausdrucksmöglichkeiten zu erfassen, ohne dass ein besonders sensationeller Inhalt angesprochen wird, der sich in den Vordergrund drängt.8 Folgende Werke wurden ausgewählt und sollen hier kurz vorgestellt werden. Die Abbildungen finden sich im Anhang:

Dix, Otto: Streichholzhändler II, 1926, Mischtechnik auf Holz, 121 x 64 cm, Mannheim, Kunsthalle

Soziale Not und Armut von Kindern sind zentrale Inhalte in Dix „Streichholzhändler II“. Im Gegensatz zum 1920 gemalten „Streichholzhändler I“, der unmittelbar als Antikriegsdemonstration zu verstehen ist, thematisiert dieses Werk die weiteren Folgen des Ersten Weltkriegs wie Armut, Inflation oder soziale Ungerechtigkeit. Der zwischen grell beleuchteter Säule und Bildrand eingezwängte, ärmlich und schmächtig aussehende Junge, der Kleinigkeiten verkauft und dem Betrachter bzw. Kaufenden zögernd eine Schachtel Streichhölzer anbietet, ist stellvertretend für die große Anzahl bettelnder Kinder in den deutschen Großstädten der damaligen Zeit. Seine dünnen Beine und sein leerer, vergreister Blick, aber auch die im Bild verwendeten fahlen grau-gelblich-grünen Farbtöne oder der Bildaufbau erfassen seine psychologische Situation und suggerieren Hilflosigkeit. Die prächtiger Säule als Verweis auf die in Reichtum und Luxus lebende etablierte Gesellschaft steht hierzu im deutlichen Kontrast. Im Ganzen betrachtet kann das Bild somit als Anklage und Auforderung an den Rezipienten gedeutet werden, sich mit dem dargestellten Problem zu befassen.

Goya, Francisco: Don Manuel Osorio de Zuniga, 1788, Öl auf Leinwand, 127 x 101 cm, New York, Metropolitan Museum

Bei dem Kinderbildnis des Don Manuel handelt es sich um eine Auftragsarbeit der Familie Altamia, die zu den reichsten und angesehensten spanischen Adelsfamilien des 18. Jahrhunderts zählte. Der fünfjährige Junge, der entsprechend seiner gesellschaftlichen Stellung vornehmlich repräsentativ gekleidet ist, hält in seinen Händen eine goldene Schnur an deren Ende eine zahme Elster am Fuß gefesselt ist, die an drei im Hintergrund lauernden Katzen vorbeistolziert. Don Manuel wirkt in seiner Haltung unkindlich und, obwohl er inmitten von verschiedenen Tieren dargestellt ist, nicht verspielt, sondern durch seinen hinweg gerichteten Blick unnahbar und am Geschehen unbeteiligt. Die fehlende Beziehung zwischen ihm und den Tieren als Attribute seiner Schicht lassen eine Doppeldeutigkeit des Malers vermuten. Hinkel argumentiert daher, dass der gefesselte Vogel, die bereits lauernden Katzen und die Teilnahmslosigkeit des Jungen, der dem bevorstehenden Drama seinen Lauf lässt, als Hinterlist bzw. kindliche Neugier auf Tod und Schmerz gedeutet werden kann, da der Junge zu offensichtlich sein Unbeteiligtsein betont. Ob Goya bei dem Kinderbildnis auf subtile Weise eine Verbindung zwischen Reichtum, Grausamkeit und Adel herstellen oder vielleicht auf die zeitgeschichtliche Entwicklung und Bedrohung (Katzen) des Adels (Elster) verweisen wollte, kann nicht genau gesagt werden. Die Tatsache, dass in Goyas Spätwerken Katzen oft als Hinweis auf Gefahren verwendet werden, schließt solche Überlegungen nicht aus.9

Kirchner, Ernst Ludwig: Artistin, 1910, Öl auf Leinwand, 100 x 76 cm, Gordon 125, Berlin, Brücke Museum

[...]


1 Vgl. Aissen-Crewett, S. 30

2 Vgl. Uhlig 2005, S. 136

3 Vgl. Ebd., 135ff., S. 171

4 Vgl. Kirchner / Oestrich-Winkel 1997, S. 51ff.

5 Vgl. Hinkel 1988b, S. 7f.

6 Böhm, S. 24

7 Hinkel 1988a, S. 15

8 Vgl. Hinkel 1975, S. 137f.

9 Vgl. Hinkel 1988a, S. 34ff.

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