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Fakultative und obligatorische Ergänzungen - Notwendige oder vergebliche Diskussion?

Scholary Paper (Seminar), 2004, 29 Pages
Author: Tina Schröder
Subject: German Studies - Linguistics

Details

Event: Modelle der Satzanalyse
Institution/College: University of Wuppertal
Tags: Fakultative, Ergänzungen, Notwendige, Diskussion, Modelle, Satzanalyse
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2004
Pages: 29
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 12  Entries
Language: German
Archive No.: V66021
ISBN (E-book): 978-3-638-58808-9

File size: 167 KB


Excerpt (computer-generated)

Bergische Universität Wuppertal
Hauptseminar: Modelle der Satzanalyse
SS 2004, 6. Semester

Fakultative und obligatorische Ergänzungen –
Notwendige oder vergebliche Diskussion?

von: Tina Schröder

 


1. Einleitung 1

1.1 Grundsätzliches zur Valenz 1
1.2 Arbeitsdefinitionen: Fakultative und obligatorische Ergänzungen 6
1.3 Ziel dieser Arbeit: Ein Versuch zur Kennzeichnung von Unterscheidungsaxiomen fakultativer und obligatorischer Ergänzungen 7

2. Fakultative und obligatorische Ergänzungen Unterschiede 8

2.1 Die Testverfahren 8
2.2 Unterscheidung von Ergänzungstypen bei JACOBS 12
2.3 Unterscheidung von Ergänzungstypen bei HELBIG 17
2.4 Unterscheidung von Ergänzungstypen bei STEINITZ 21

3. Resümee 23

Literatur



 

 

1. Einleitung

Diese Arbeit stellt die Ergänzungen als Bestandteil der Valenzidee in den Mittelpunkt der Untersuchung. Zunächst möchte ich mich diesem Thema nähern, indem auf der einen Seite die Theorie nach TESNIERE, dem Begründer der modernen Valenzgrammatik, erläutert wird, und andererseits, indem aktuelle Entwicklungen der Valenzidee einbezogen werden. Nun soll der Fokus auf einen Teilbereich der Valenzgrammatik gerichtet werden, der offensichtlich immer wieder zu Problemen innerhalb des Modells führt: Die Ergänzungen. Dieser Terminus Ergänzung wird in dieser Arbeit definiert und auf Grundlage der erarbeiteten Definition n‰her untersucht. Dabei möchte ich meinen Blickwinkel vor allem auf die Unterscheidung von fakultativen und obligatorischen Ergänzungen richten. Eben dies ist das Ziel dieser Arbeit: Ich möchte die Probleme bei der Abgrenzung dieser beiden Ergänzungsformen erklären und daran anschließend einen ‹berblick über Möglichkeiten der Differenzierung von Ergänzungstypen geben.

1.1 Grundsätzliches zur Valenz

Valenz bedeutet wörtlich übersetzt Wertigkeit und stammt aus dem Lateinischen, wo das Verb valere für gelten, wert sein steht. Heute bringt man die Valenz vordergründig mit der Chemie in Verbindung: Ein Atom strebt im Normalfall eine sogenannte Edelgaskonfiguration an, das heißt, es versucht acht Elektronen an sich zu binden. In der Linguistik bleibt der Wortkern aus der Chemie insofern erhalten, als dass man von der Wertigkeit bzw. Bindungsfähigkeit eines Verbs spricht.

Die Valenz als Grammatikmodell geht auf den französischen Linguisten TESNIERE zurück, der als einer der Ersten die Beziehungsstruktur des Satzes so untersuchte, dass das Verb als wichtigstes Satzglied angesiedelt wurde. Ihm ist es vor allem zu verdanken, dass sich das moderne Modell unter dieser Bezeichnung, Valenz, durchsetzte. In seinem Werk ElÈments de syntaxe structurale (Tesniere 1966) stellt er den Grundsatz auf, dass ein Satz aus Wörtern besteht, die nicht bloß isoliert für sich stehen, sondern Beziehungen aufbauen. Diese Beziehungen nennt er Konnexionen. Konnexionen innerhalb eines Satzes führen zu Abhängigkeitsbeziehungen der einzelnen Wörter untereinander, wobei sich stets Regenten und Dependenten herausbilden (vgl. Tesniere 1966: 25ff.). Die Erklärung dieser beiden Termini soll ein Beispiel anschaulich machen:

(1) Otto gibt Theo ein Buch

Die Abhängigkeitsbeziehungen lassen sich in diesem Beispielsatz folgendermaßen erklären: An oberster Stelle steht prinzipiell das Verb (gibt). Von diesem hängen Otto, Theo und ein Buch ab. Um diese Relation der Wörter grafisch darzustellen, bedient sich TESNIERE eines Stemmas, welches in unserem Beispielsatz wie folgt aussieht:

(2) gibt -> Regens

Otto Theo ein Buch -> Dependenten

Für TESNIERE ist das Verb der Nexus aller Nexus; das heißt, der Regens an oberster Stelle ist ein verbaler Nexus (aus: Tesniere 1966: 29). Man nennt den Bestandteil, von dem etwas abhängt, Regens, und den Bestandteil, der von etwas (vom Regens) abhängt, Dependent. Demnach liegen in 2 drei Dependenten vor, nämlich Otto, Theo, ein Buch, die vom Regens gibt abhängen. TESNIERE vergleicht das Verb mit einem Drama: Das Verb stelle im Drama das Geschehen selbst dar, die Aktanten seien die Schauspieler und die Angaben die Umstände. Während die Angaben die Umstände der Zeit, des Ortes, der Art und Weise usw. wiedergeben, werden Aktanten bei TESNIERE durch Substantive oder substantivische äquivalente realisiert (vgl. Tesniere 1966: 93). Damit ist gemeint, dass ein Verb eine bestimmte Anzahl von Aktanten bzw. Erg‰nzungen1 fordert (vgl. Dürscheid 2000: 109). Somit benötigt das Verb geben insgesamt drei Aktanten:

(3) Otto gibt Theo ein Buch
-> 1. Aktant 2. Aktant 3. Aktant

Wir halten zunächst fest: Valenz heißt, dass Verben die Fähigkeit haben, eine bestimmte Anzahl von Ergänzungen an sich zu binden. Verben eröffnen Leerstellen für andere Wörter (vgl. Dürscheid 2000: 109). So sagt EISENBERG, dass die Valenz eines Verbs auf Rektionsbeziehungen zwischen dem Verb und seinen Ergänzungen beruht (vgl. Eisenberg 1994: 75). Die Ergänzungen kann man abermals in zwei Gruppen aufteilen: Erstens fakultative und zweitens obligatorische Ergänzungen2 (vgl. Dürscheid 2000: 112).

(4) Otto malt ein Bild -> fakultative Ergänzung
Otto malt
Theo holt eine Tasse -> obligatorische Ergänzung
*Theo holt

Diese Sätze illustrieren propädeutisch die Untergliederung der Ergänzungen. Das Verb malen kann eine Ergänzung mit sich führen (fakultativ), das Verb holen dagegen fordert eine solche (obligatorisch). Dass solche Unterscheidungen Probleme mit sich bringen, liegt nahe. Exemplarisch führt DÜRSCHEID u.a. Beispielsätze wie Ein Hund ist in die Schlucht gefallen versus Die Entscheidung ist gefallen an (vgl. D¸rscheid 2000: 112). Eben dieses Problem wird zum zentralen Gegenstand dieser Arbeit. In Verbindung mit diesen einleitenden Worten zur Valenz sollen die Angaben ebenfalls noch n‰her untersucht werden, um ein besseres Verständnis für den Gesamtzusammenhang zu erzielen. TESNIERE beschreibt Angaben als Umstände, die im Satz funktional mittels eines Adverbs bzw. eines äquivalents eines Adverbs umgesetzt werden. Angaben können in beliebiger Anzahl im Satz vorkommen, diese neigen allerdings zu einer bestimmten Reihenfolge. So stehen die Artangaben vorzugsweise vor den allgemeinen Zeitangaben, diese vor den quantitativen Angaben, diese vor den Ortsangaben und die Ortsangaben vor den speziellen Zeitangaben. (aus: Tesniere 1966: 93) Diese Aussage bezieht TESNIERE allerdings vorrangig auf das Französische. Um die Abfolge der Angaben im Deutschen zu konkretisieren, soll an dieser Stelle ein Vergleich folgender Beispielsätze ausreichen:

(5) Otto gibt Theo unauffällig ein Zeichen mit dem Finger in der Kneipe während des Spiels
versus
Otto gibt mit dem Finger unauffällig in der Kneipe während des Spiels Theo ein Zeichen

Man erkennt intuitiv, dass sich die Abfolge der Angaben auf die Stilistik eines Satzes auswirken. Näher möchte ich darauf nicht eingehen, da die Untersuchung der Angaben in dieser Arbeit nicht im Vordergrund stehen sollen. Gewiss spiegelt 5 jedoch wider, welche Konstituenten bei Tesnire als Angaben anzusehen sind. Mittlerweile wird eine weitere Problematik sichtbar: Lassen sich Ergänzungen und Angaben stets eindeutig trennen? Auf diesen Punkt geht TESNIERE ein und sagt:

Der (...) dritte Aktant weist bereits einige Merkmale der Angaben auf. Umgekehrt weisen gewisse Angaben einige Analogien zu den Aktanten auf. (aus: Tesniere 1966: 115) Als Lösung dieses Konflikts schlägt TESNIERE vor, zwei Kriterien, das formale und das semantische Kriterium, zu benutzen, um eine Trennung zu ermöglichen (vgl. 6). Das formale Kriterium meint, dass der Aktant als Substantiv der Dependent des Verbs ist, während die Angabe stets ein Adverb bzw. ein Adverbial sein muss. Unter dem semantischen Kriterium ist aufzufassen, dass der Aktant mit dem Verb eine Einheit bildet, während die Angabe prinzipiell optional ist (vgl. Tesniere 1966: 115f.).

[...]


1 TESNI»RE bedient sich der Begrifflichkeit ÑAktantì, w‰hrend in neuerer Literatur meistens der Begriff ÑErg‰nzungì verwendet wird.

2 TESNI»RE unterscheidet diese Formen von Erg‰nzungen nicht, vielmehr besch‰ftigt er sich lediglich mit der Differenzierung von Erg‰nzungen und Angaben.


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