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Aufwachsen in der BRD - Eine qualitative Fallstudie über einen Aussiedlerjugendlichen

Diploma Thesis, 2005, 105 Pages
Author: Valerie Witenbeck
Subject: Pedagogy - Intercultural Pedagogy

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2005
Pages: 105
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 51  Entries
Language: German
Archive No.: V66081
ISBN (E-book): 978-3-638-58406-7

File size: 333 KB


Excerpt (computer-generated)

Justus-Liebig-Universität Giessen
Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Institut für Vergleichende und Systematische
Erziehungswissenschaft

Aufwachsen in der BRD
Eine qualitative Fallstudie über einen Aussiedlerjugendlichen

Diplomarbeit

vorgelegt von: Valerie Wittenbeck
vorgelegt am: 9.5.2006

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 1

2. Aussiedler in der Bundesrepublik ... 4

2.1 Rechtliche Stellung der Aussiedler ... 5

2.2 Zur Geschichte der Aussiedler ... 7

2.3 Ausreisemotive ... 12

2.4 Integration jugendlicher Aussiedler aus den ehemaligen GUS-Staaten ... 14
2.4.1 Die Bedeutung der Familie im Integrationskontext ... 16
2.4.2 Die ersten Freundschaften ... 18
2.4.3 Ausbildungs- und Schulsituation ... 21
2.4.4 Die Sprache als Voraussetzung für die Integration ... 24
2.4.5 Die Bedeutung von Wohnumfeld und Wohnverhältnissen für die Integration ... 26
2.4.6 Drogenproblematik ... 29
2.4.7 Das wachsende Konfliktpotential ... 30

2.5 Schlussfolgerungen ... 34

3. Festlegung der Forschungsmethodik ... 37

3.1 Qualitative Forschungsmethoden ... 38
3.1.1 Fokussierte Interview ... 39
3.1.2 Das narrative Interview ... 40
3.1.3 Teilnehmende Beobachtung ... 41
3.1.4 Fotografie ... 44
3.1.5 Subjektive Landkarte ... 45

3.2 Eigene methodische Vorgehensweise ... 46
3.2.1 Auswahl der Methoden ... 47
3.2.2 Schwierigkeiten während der methodischen Vorgehensweise ... 48

3.3 Auswertung der Untersuchungsergebnisse ... 50

4. Das gewonnene Material der Fallstudie ... 52

4.1 Portrait von Sergej ... 52

4.2 Kindheit in der ehemaligen Sowjetunion ... 54
4.2.1 Der familiäre Kontext ... 55
4.2. 2 Wirtschaftliche Situation der Familie in der ehemaligen Sowjetunion ... 56
4.2.3 Sergejs Freizeitverhalten in der ehemaligen UdSSR ... 57

4.3 Aufwachsen in der Bundesrepublik Deutschland ... 59
4.3.1 Übersiedlung nach Deutschland ... 60
4.3.2 Die Sprachbarriere ... 61
4.3.3 Die Erziehungskontroverse ... 62
4.3.4 Freunde ... 64
4.3.5 Die gewonnene Freizeit ... 66
4.3.6 Beziehungen zum anderen Geschlecht ... 69
4.3.7 Schulische Leistungen ... 70
4.3.8 Suchtproblematik ... 71
4.3.9 Der Umgang mit Gewalt ... 73
4.3.10 Konsumverhalten ... 75

5. Analyse des gewonnenen Materials ... 77

5.1 Ankunft in der Bundesrepublik ... 77
5.2 Sergejs Stellung in der Familie ... 79
5.3 Entstehung einer neuen Szene ... 83
5.4 Ich spreche Deutsch-Ich bin jetzt in Deutschland ... 87
5.5 Zukunftsperspektiven ... 89

6. Resümee ... 92

Literaturliste ... 98

 

1. Einleitung

Seit 1950 sind über vier Millionen Aussiedler aus den osteuropäischen Ländern in die Bundesrepublik gekommen. Bis Mitte der achtziger Jahre verlief ihre Integration erfolgreich, während in den neunziger Jahren eine Reihe von Entwicklungen und Veränderungen der Eingliederungssituation die Integration bestimmte (vgl. Information zur politischen Bildung 2000, S. 36). Da viele Aussiedler aus Ländern mit Modernisierungsrückständen und traditionellen Verhältnissen stammten und diese nicht aufgeben woll-ten, wurden sie von der einheimischen Bevölkerung als Fremde wahrge-nommen. Mit der Zeit sank die Akzeptanz der Aussiedler in der Gesell-schaft. Vorurteile und Unmut ihnen gegenüber breiteten sich immer weiter aus (vgl. Meister/Sander 2000, S. 114).

Auf die steigende Brisanz der fehlenden Integration reagierte die Bundes-regierung mit der Einführung des Kriegsfolgebereinigungsgesetzes und der Änderung des Wohnraumgesetzes. Außerdem verpflichtete sich das Bun-desverwaltungsamt, jährlich höchstens 220.000 Aussiedler in der Bundes-republik aufzunehmen (vgl. Blahusch 1992, S. 170). Um dieses Verspre-chen halten zu können, wurde 1996 ein zusätzlicher Sprachtest im Auf-nahmeverfahren integriert, welcher im Herkunftsland von den Vertretern des Bundesverwaltungsamtes durchgeführt wurde und bei Nichtbestehen nicht wiederholt werden konnte.

Auch wenn die Zahl der einreisenden Aussiedler aufgrund der oben be-schriebenen Maßnahmen in den letzten Jahren stark zurückging, tauchen viele Aussiedlerjugendliche immer wieder durch negative Schlagzeilen in der Presse auf. Überwiegend handelt es sich um Raubüberfälle, Körperver-letzungen sowie starken Drogen- und Alkoholmissbrauch (vgl. taz 2004; vgl. wams 2005).

Wie weit haben sich die Aussiedler in die Gesellschaft, ins deutsche Bil-dungssystem und die Berufswelt integriert? Halten sich Aussiedlerjugend-liche nach einem langjährigen Aufenthalt in Deutschland immer noch für „Fremde“? Stehen diese immer noch unter einem besonderen Assimilati-onsdruck, der sie von anderen Zuwanderern unterscheidet (vgl. Lingau 2000, S. 11)? Fühlen sich Aussiedlerjugendliche immer noch zwischen zwei Kulturen hin und her gerissen? Und werden sie von der Gesellschaft gezwungen sich für eine der beiden zu entscheiden? Welche Rolle spielen die Eltern und ihre traditionelle Erziehung bei der Integration ihrer Kinder?

Um die oben genannten Fragestellungen kritisch zu beleuchten, zu hinter-fragen und beantworten zu können, wird in der folgenden Arbeit der Alltag eines Aussiedlerjugendlichen mit Hilfe wissenschaftlicher Mittel untersucht. Die gewonnenen Ergebnisse werden in der vorliegenden Arbeit deskriptiv dargestellt, wobei ausgewählte Inhalte interpretiert werden.

Im Rahmen der oben dargestellten Fragestellung wurde eine qualitative Fallstudie, die Einblicke in biographische und soziale Prozesse eines Aus-siedlerjugendlichen ermöglicht, durchgeführt. Eine solche Fallstudie setzt die gewonnenen Einblicke aus der pädagogischen Praxis mit vorhandenen allgemeinen Wissensbeständen in Beziehung (vgl. Fathe 1997, S. 64). Hierbei wird geprüft, welche Aspekte des Falls durch die Wissensbestände heraus erklärbar und welche Aspekte der Wissensbestände aus diesem Fall zu differenzieren und gegebenenfalls zu korrigieren sind. Hinzu kommt, dass mit Hilfe einer methodisch kontrolliert durchgeführten Fall-studie die Vielschichtigkeit des erzieherischen Geschehens genau be-schrieben werden kann, und aus den Besonderheiten des Einzelfalls all-gemeine Schlussfolgerungen gezogen werden können (vgl. Fischer 1982, S.67).

In Rahmen der vorliegenden Untersuchung wird der Lebensalltag eines Aussiedlerjugendlichen, der sich seit mehreren Jahren in Deutschland auf-hält, untersucht. Dabei werden verschiedene Aspekte, wie Freizeitverhal-ten, Bedeutung der Familie und Freundschaften im Integrationskontext, Konsumverhalten, Rolle der Schule usw. aufgegriffen.

Die Auswahl des Probanden führte allerdings bereits zu Anfang der Unter-suchung zu Schwierigkeiten. Die Fragestellung legt nah, einen bereits auf-fälligen Jugendlichen zu befragen, da er so in die Zielgruppe dieser Studie einzuordnen wäre. Hier muss jedoch der Einwand von Merkens berück-sichtigt werden, der zu bedenken gibt, dass verhaltensauffällige Jugendli-che oft mehr Aufmerksamkeit erhalten, so dass ihr Verhalten meist vor-hersehbar ist (vgl. Merkens 2000, S. 306).

Um dieses Problem zu umgehen, wurde für die vorliegende Fallstudie ein siebzehnjähriger Aussiedlerjugendlicher aus der ehemaligen Sowjetunion, der noch in keiner Weise auffällig geworden ist, ausgesucht. Der Jugendli-che erfüllte alle für die Untersuchung notwendigen Voraussetzungen, wie zum Beispiel Herkunft, Aufenthaltsdauer usw.. Besonders wichtig dabei waren seine Deutschkenntnisse, da alle Interviews in der deutschen Spra-che durchgeführt wurden, damit es bei der Analyse zu keinen sprachlich bedingten Missverständnissen kommen konnte. Ich möchte darauf hinwei-sen, dass alle Namen und Orte anonymisiert wurden.

Die vorliegende Untersuchung gliedert sich in einen theoretischen und ei-nen praxisbezogenen Abschnitt. Im zweiten Kapitel wird der momentane Forschungsstand bezüglich der Aussiedlerproblematik beschrieben. Hierbei werden die Geschichte der Deutschstämmigen, ihre rechtliche Stellung und die Integrationsproblematik näher beleuchtet. In Kapitel drei wird das Untersuchungsdesign mit den notwendigen Forschungsmethoden vorge-stellt. Dabei werden die angewandten Methoden besonders erörtert. Au-ßerdem werden Vorteile und Nachteile der qualitativen Forschung disku-tiert. Das vierte Kapitel hat einen empirischen Charakter. Hier wird das gewonnene Material anhand ausgewählter Aspekte deskriptiv dargelegt. In Kapitel fünf werden bestimmte Punkte anhand der Inhaltsanalyse interpretiert. Dabei werden die Integrationsfacetten des befragten Jugendlichen mit der wissenschaftlichen Literatur abgeglichen. Im sechsten und letzten Kapitel werden sowohl die Forschungsmethode an sich als auch die Ergebnisse der Studie diskutiert, kritische Fragen aufgeworfen und Lösungen für eine erfolgreiche Integration der Aussiedlerjugendlichen vorgeschlagen.
 

2. Aussiedler in der Bundesrepublik

Im deutschsprachigen Raum hat es seit der frühen Neuzeit die verschie-densten Formen von grenzüberschreitenden Wanderungen gegeben. Oft waren die Bürger aufgrund von Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Schwierigkeiten gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen. Die Migration von Deutschen ins Ausland oder Ausländern nach Deutschland hat die deutsche Geschichte und Begriffe wie Aus-, Ein-, Flucht-, Binnen-, Arbeits- und Zwangswanderung geprägt. Demnach könnte der Umgang der Deut-schen mit Fragen der Zuwanderung aufgeklärt und tolerant sein (vgl. Ba-de/Oltmer 2004, S. 5f.). Doch die Zuwanderungsgruppen erfahren immer häufiger Unverständnis und Intoleranz seitens der einheimischen Bevölke-rung, die unter anderem auf Unwissenheit und der momentanen schlech-ten Wirtschaftslage beruht.

[...]


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