Angriff und Apologie - Die Geschichtswissenschaft im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Kunst: Mit Hayden White auf der Suche nach einem neuen Paradigma

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Details

Titel: Angriff und Apologie - Die Geschichtswissenschaft im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Kunst: Mit Hayden White auf der Suche nach einem neuen Paradigma
Autor: Erik Fischer
Fach: Geschichte - Geschichtstheorie
Veranstaltung: Theorien und Methoden der Neueren Kulturgeschichte
Institution/Hochschule: Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald (Historisches Institut)
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 33
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 128  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 275 KB
Archivnummer: V66346
ISBN (E-Book): 978-3-638-58463-0
Anmerkungen :
In der vorliegenden Arbeit soll diskututiert werden, auf welcher Grundlage wir eigentlich "Geschichte" machen und vor allem schreiben können. Die Ansätze und Ideen von Hayden White werden als Ansatz für ein neues Paradigma der Geschichtswissenschaft genutzt.

Textauszug (computergeneriert)

Angriff und Apologie - Die Geschichtswissenschaft im
Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Kunst:
Mit Hayden White auf der Suche nach einem neuen Paradigma

von: Erik Fischer

 


 

Den Anfang nahm diese Arbeit in der Auseinandersetzung mit den Positionen des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Hayden White. 1973 hatte dieser ein Buch mit fast schon revolutionärer Wirkung veröffentlicht, welche sich in emphatischer Zustimmung und ebenso kämpferischer Ablehnung ausdrückte. Angriff und Apologie wurden in Bezug auf diesen postmodernen Denker zu zwei wesentlichen Grundaxiomen der Diskussion. Seine METAHISTORY erweckte im ersten Moment den Eindruck „Geschichtsschreibung sei nichts weiter als ein Spiel mit literarischen Fiktionen.“1 Hayden White ging es jedoch um viel mehr als den alten philosophischen Kampf zwischen Wissenschaft und Kunst, auf den man in der Diskussion immer wieder stößt.2 Er wollte mit seinen Buch gedankliche Anstöße zur Geschichtswissenschaft selbst und ihrer paradigmatischen Grundlegung liefern. Letztendlich sollte es darum gehen, herauszufinden, was der Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist und wie wir mit ihm umzugehen haben, kurz: wie ist historische Erkenntnis eigentlich möglich und wie konstituiert sie sich? Dies ist eine der ältesten und am meisten diskutierten Fragen der Geschichtswissenschaft und freilich war Hayden White nicht der einzige Denker, der sie stellte. Die Wirkung macht ihn nachträglich jedoch mit zu einem der bedeutendsten.3 In seiner Nachfolge gab und gibt es kaum ein historisches Werk, welches sich nicht bemüßigt fühlte, sich mehr oder weniger kritisch mit ihm auseinander zusetzen.4

Das Besondere bei Hayden White ist, dass er seine Theorie um die Frage der Historiographie zentriert. Unruhe erzeugte er damit, dass er der Geschichtswissenschaft den Status einer Wissenschaft absprach, die Geschichtsschreibung mit der (schönen) Literatur gleich setzte und in den Augen seiner Kritiker damit den historischen Referenten, also die objektive Realität der Vergangenheit leugnete. Zu diesen Vorwürfen muss man sich nun positionieren. Der Autor gedenkt sie, wenn auch nicht vollständig zu entkräften, so doch zumindest abzuschwächen.

Denn die Abrede eines wissenschaftlichen Status’ für die Geschichtswissenschaft lässt sich aus der Kuhn’schen Definition einer Wissenschaft ableiten.5 Dort formuliert Kuhn, dass jede (normale) Wissenschaft ein Paradigma benötigt. Dieses „ist die Gesamtheit der theoretischen Überzeugungen, welche die scientific community der jeweiligen Disziplin teilt, und auf dem ein Konsens darüber aufgebaut ist, welche Probleme für das Fach als grundlegend angesehen werden und was für Lösungswege möglich sind.“6 Das Paradigma ist also die wissenschaftliche Matrix der Wissenschaft selbst und definiert Grundlagen und Inhalte. White spricht der Geschichtswissenschaft nun eine solche Matrix ab, da sich noch kein Paradigma entwickelt hat und die Geschichtswissenschaft im Status einer Protowissenschaft verharrt. Deutlich wird das für ihn daran, dass in wesentlichen Fragen der Disziplin noch keine Einigkeit erzielt wurde. Stattdessen müssen sich Historiker immer wieder damit auseinandersetzen, was »Geschichte« eigentlich sei und wie man sie schreiben könne. Dies ist wahrhaftig eine richtige Beobachtung und die Diskussion um Hayden White zeugt hinlänglich vom Unvermögen der Disziplin, sich über den grundlegenden Gegenstand klar zu werden.7 An diesem Punkt ist White also zuzustimmen. Dennoch wird diese Arbeit, obwohl zum Teil apologetisch, nicht frei von Angriffen sein. Die Feststellung eines fehlenden Paradigmas wird der Autor als Ausgangspunkt nehmen, anhand der Überlegungen Hayden Whites ein solches zu suchen. Denn nichts anderes stellt das Werk Whites dar, als den Versuch, der Geschichtswissenschaft eine verbindliche wissenschaftliche Matrix zu verleihen. Jedoch wird dem Autor die Theorie der Tropen, der wesentliche Kern der Überlegungen Whites, als nicht geeignet erscheinen, ein solches zu begründen. Aus diesem Grund soll im letzten Teil der Arbeit versucht werden, die Gedanken Whites mit denen von Hans Michael Baumgartner bezüglich einer transzendentalen Historik zu verknüpfen.

Zur Forschungsdiskussion hier Stellung nehmen zu wollen, würde bedeuten eine weitere Arbeit zu verfassen. Ein Blick in das beigefügte Literaturverzeichnis, welches eine Auswahl darstellt, mag verdeutlichen, wie präsent und umkämpft die Thematik in der Geschichtswissenschaft ist. In der Arbeit wird deswegen auch immer wieder auf miteinander konkurrierende Meinungen der Disziplin einzugehen sein. Beschränkungen konnten jedoch nicht ausbleiben. So werden die Positionen von Franklin R. Ankersmit und Paul Ric(?)ur, die wichtige Stellungnahmen zu der Problematik verfasst haben, nicht berücksichtigt.8 Die Gedanken des Autors selbst, werden in der Form eines wissenschaftlichen Aufsatzes ohne feste Gliederung entwickelt. Aufgrund dessen, dass der Verfasser sich sowohl dem Angriff als auch der Apologie verpflichtet fühlt, ist dieser Aufsatz mit vielen Zitaten aus der primären Literatur, also von Hayden White selbst, und ebenso Nachweisen aus der sekundären Literatur versehen worden. Dies soll der Entwicklung einer Position dienen und die folgende Argumentation zusätzlich absichern.

[...]


1 Baberowski, Jürgen, Der Sinn der Geschichte. Geschichtstheorien von Hegel bis Foucault, München 2004, S. 204.

2 Vgl. Gross, Mirjana, Von der Antike bis zur Postmoderne. Die zeitgenössische Geschichtsschreibung und ihre Wurzeln, Wien u.a. 1998.

3 So wurde Hayden White in der Auseinandersetzung einmal als „einer der Kirchenväter der Postmoderne“ bezeichnet. (Oexle, Otto Gehard, Im Archiv der Fiktionen, in: Kiesow, Rainer Maria/Simon, Dieter (Hrsgg.), Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit. Zum Grundlagenstreit in der Geschichtswissenschaft, Frankfurt am Main 2000, S. 87-103, hier: S. 102.)

4 Selbst in einem Tagungsband zur Zukunft der Mediävistik im 21. Jahrhundert nimmt man Stellung zu ihm: „Unser Fach, die Mediävistik, und deren Teilfächer gehören weder zu den ‚sciences’ – obwohl die Grenze zwischen den scheinbar exakten Naturwissenschaften und den so unexakten, dafür aber wortreichen Geisteswissenschaften wenigstens von der Methode her eigentlich langsam verblassen sollten – noch sind sie ‚fiction’ – obwohl postmoderne Angriffe um den viel berufenen, aber auch einseitig zitierten Hayden White auch unsere Erzeugnisse zu ‚verbal fictions’ machen wollten.“ (Goetz, Hans-Werner, Die Aktualität des Mittelalters und die ‚Modernität’ der Mediävistik, in: Ders./Jarnut, Jörg (Hrsgg.), Mediävistik im 21. Jahrhundert. Stand und Perspektiven der internationalen und intedisziplinären Mittelalterforschung (MittelalterStudien 1), München 2003, S. 11-18, hier: S. 11, Hervorhebungen E.F.) An diesem Zitat sind gleich mehrere Sachverhalte aufschlussreich: Einmal ist Hans-Werner Goetz der Meinung, dass Hayden White einseitig zitiert und so auch verstanden wird. Er räumt also Vorurteile gegenüber diesem Denker ein. Trotzdem verfällt auch er in klassisches Denken bezüglich der White’schen Position. Auch für ihn macht White die Erzeugnisse der Historiker – hier speziell der Mediävisten – zu „verbal fictions“, zu Fiktionen und damit zu schöner Literatur. Auch ist es immer wieder bezeichnend, was in einem solchem Fall zitiert wird, vor allem die große apologetisch-polemische Schrift von Richard Evans (Evans, Richard J.: Fakten und Fiktionen. Über die Grundlagen historischer Erkenntnis, Frankfurt am Main/New York 1998.), sowie der lakonische Kommentar von Otto Gerhard Oexle (Oexle 2000). Zum anderen erscheint es spannend, dass Hans-Werner Goetz im Jahr 2003, dem Erscheinungsjahr des Bandes, die Probleme um Hayden White und seine Theorie für erledigt hält. Das zeigt sich einmal darin, dass er sehr schnell über ihn hinweggeht und in der Vergangenheit spricht.

5 Zuerst veröffentlich 1962 als DIE STRUKTUR WISSENSCHAFTLICHER REVOLUTIONEN.

6 Derschka, Harald R., Hayden Whites „Metahistory“ und Thomas S. Kuhns „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“. Die Wissenschaftlichkeit der Geschichtswissenschaft zwischen postmoderner Dekonstruktion und wissenschaftstheoretischer Rekonstruktion, in: Bär, Katja (Hrsg.), Text und Wahrheit: Ergebnisse der interdisziplinären Tagung Fakten und Fiktionen der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim, 28.-30. November 2002, Frankfurt am Main 2004, S. 17-26, hier: S. 21.

7 Mit dem Satz „Die Geschichtswissenschaft ist unsicher geworden“ eröffnet dann auch Hans-Jürgen Goertz seine Abhandlung über die modernen Probleme der Disziplin. Goertz, Hans-Jürgen, Unsichere Geschichte. Zur Theorie historischer Referentialität, Stuttgart 2001, S. 7.

8 Vgl. Ric(?)ur, Paul, Gedächtnis, Geschichte, Vergessen (Übergänge 50), München 2004 und Ankersmit, Franklin R., History and Tropology: The Rise and Fall of Metaphor, Berkeley u.a. 1994, sowie das beigegebene Literaturverzeichnis.

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