Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 43 Pages
Author: Ulrich Richter
Subject: Latin
Details
Institution/College: University of Münster
Tags: Horaz, Lateinisches, Hauptseminar, Horaz, Satiren
Year: 2006
Pages: 43
Bibliography: ~ 32 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-59049-5
ISBN (Book): 978-3-638-71114-2
File size: 438 KB
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Abstract
„Übersetzen tu ich nicht, und wenn du mich auf den Rost legst.“ Schon Mörike sträubte sich vor dem Übersetzen (als Broterwerb), und doch sollte er sich zehn Jahre nach diesem Ausspruch an die Übersetzung des Horaz machen. Am Anfang des Übersetzens steht also der Widerstand gegen das Übersetzen. Der Anfang des Übersetzens kann ganz schnell das Ende des Übersetzens bedeuten. So hat man Horaz nicht nur übersetzt, man hat ihn auch nicht übersetzt. Was banal klingt, hat einen tieferen Sinn. Aus den unterschiedlichsten Motiven weigern sich Übersetzer, das Original sinngemäß oder möglichst treu zu übersetzen. Nahe liegende Motive wie Vermeidung von Obszönität oder Vulgarität spielen zwar eine Rolle, sind aber für das Nicht-Übersetzen nicht allein ausschlaggebend. Unser Augenmerk richtet sich vor allem auf das 18. Jahrhundert. Die Auseinandersetzung mit der deutschen, englischen und französischen Horaz-Rezeption – vertreten durch Wieland, Pope und La Beaumelle – soll die Übersetzungsarbeit der damaligen Zeit illustrieren. Dabei sollen die unterschiedlichen Beweggründe der jeweiligen Übersetzer für das Nicht-Übersetzen aufgezeigt werden. Horaz ist nicht nur kommentiert, er ist auch nicht kommentiert worden. Was für das Übersetzen des Horaz gilt, gilt genauso für die Kommentierung des Horaz. Zwei Kommentare des Horaz aus dem 20. bzw. 21. Jahrhundert sollen dahingehend untersucht werden, wann und wieso ein Kommentar sich eines Kommentars enthält. Dabei wird sich zeigen, daß auch das moderne Zeitalter Grenzen der Scham kennt, die die sexuelle Revolution der 60er Jahre aufzuheben versucht hatte. Der unübersetzte, unkommentierte und ungeliebte Horaz: Vielleicht kann uns dieser Horaz mehr über uns selbst sagen als der übersetzte, kommentierte und geliebte.
Excerpt (computer-generated)
Lateinisches Hauptseminar
Horaz, Satiren
Sommersemester 2006
Der unübersetzte Horaz
von
Ulrich Richter
Latein/Griechisch/Geschichte
9. Fachsemester
Inhalt
Inhalt 1
I. Vom Anfang des Übersetzens 2
II. Der unübersetzte Horaz - Horaz im 18. Jahrhundert 4
1. La Beaumelle 5
1.1. Die Tradition der „belles infidèles“ 5
1.2. Le bon goût 6
2. Pope 9
2.1. Die Form der Imitation 9
2.2. Imitations of Horace 10
3. Wieland 17
3.1. Wielands Übersetzungsmaximen 17
3.2. Wielands Nicht-Übersetzen 18
III. Der ungeliebte Horaz – Lessing versus Müller 27
IV. Der unkommentierte Horaz – Fraenkel und Maurach 30
1. Der textimmanente Zugang 30
2. Deutungskategorien 32
3. Geschmack 34
V. Vom Ende des Übersetzens 38
VI. Literaturverzeichnis 40
I. Vom Anfang des Übersetzens
„Übersetzen tu ich nicht, und wenn du mich auf den Rost legst.“1 Schon Mörike sträubte sich vor dem Übersetzen (als Broterwerb), und doch sollte er sich zehn Jahre nach diesem Ausspruch an die Übersetzung des Horaz machen. Am Anfang des Übersetzens steht also der Widerstand gegen das Übersetzen. Der Anfang des Übersetzens kann ganz schnell das Ende des Übersetzens bedeuten.
So hat man Horaz nicht nur übersetzt, man hat ihn auch nicht übersetzt.2 Was banal klingt, hat einen tieferen Sinn. Aus den unterschiedlichsten Motiven weigern sich Übersetzer, das Original sinngemäß oder möglichst treu zu übersetzen. Nahe liegende Motive wie Vermeidung von Obszönität oder Vulgarität spielen zwar eine Rolle, sind aber für das NichtÜbersetzen nicht allein ausschlaggebend.
DOVER 3 hat für seine Untersuchung eine Terminologie gewählt, der wir in unserer Untersuchung folgen wollen. „Expurgation” und „bowdlerization“ 4 sind die beiden wichtigsten Begriffe. Der „Expurgator“ läßt die Sätze weg, die seiner Ansicht nach dem Leser Schaden zufügen könnten. Der „bowdlerizer“ verfolgt dasselbe Ziel wie der „expurgator“, allerdings ersetzt er schädliche Worte durch harmlose („harmless for harmful words“5). „Bowdlerization“ kann als eine spezifische Art der „Expurgation“ betrachtet werden.
Unser Augenmerk richtet sich vor allem auf das 18. Jahrhundert. 6 Die Auseinandersetzung mit der deutschen, englischen und französischen Horaz-Rezeption – vertreten durch Wieland, Pope und La Beaumelle – soll die Übersetzungsarbeit der damaligen Zeit illustrieren. Dabei sollen die unterschiedlichen Beweggründe der jeweiligen Übersetzer für das Nicht-Übersetzen aufgezeigt werden. Das lateinische Original wird mit der Übersetzung verglichen. Eingehender betrachtet werden soll die Satire I 2. Gerade sie erweist sich als besonders anfällig für „expurgation“ bzw. „bowdlerization“.
Die heftigen Auseinandersetzungen um das Horazbild im 18. Jahrhundert sollen in dem zweiten Kapitel Thema sein. Als zwei Vertreter von entgegengesetzten Positionen werden Müller und Lessing behandelt. Auf der einen Seite steht die Sichtweise auf Horaz als Begleiter, Freund und Zeitgenosse, auf der anderen Seite schmäht man ihn als Lüstling, Deserteur und Gottlosen.
Horaz ist nicht nur kommentiert, er ist auch nicht kommentiert worden. Was für das Übersetzen des Horaz gilt, gilt genauso für die Kommentierung des Horaz. Zwei Kommentare des Horaz aus dem 20. bzw. 21. Jahrhundert sollen dahingehend untersucht werden, wann und wieso ein Kommentar sich eines Kommentars enthält. Dabei wird sich zeigen, daß auch das moderne Zeitalter Grenzen der Scham kennt, die die sexuelle Revolution der 60er Jahre aufzuheben versucht hatte.
Der unübersetzte, unkommentierte und ungeliebte Horaz: Vielleicht kann uns dieser Horaz mehr über uns selbst sagen als der übersetzte, kommentierte und geliebte.
II. Der unübersetzte Horaz - Horaz im 18. Jahrhundert
Horaz ist zwar nie in Vergessenheit geraten, hat aber andererseits auch nie zu den Großen der europäischen Bildung gehört wie Cicero, Vergil oder Ovid.7 Das Mittelalter schätzte an Horaz die Lehrhaftigkeit und den Sentenzcharakter seiner Dichtung. Man las ihn als Moralphilosophen und sammelte seine Spruchweisheiten in den weit verbreiteten Florilegien.
[....]
1 Zitiert nach RÜCKERT (1970) 16.
2 Gelegentlich wird nicht übersetzt, weil der Autor schlicht für unübersetzbar gehalten wird. Dazu erzählt WILAMOWITZ (1925) 7: „Moritz Haupt begann mein Doktorexamen damit, daß er mich, den er persönlich gar nicht kannte, eine lange Reihe von Versen des Lucretius lesen ließ. Dann sagte er, als ich anfangen wollte zu übersetzen: ´Es ist gut. Verstehen tun wir’s beide, und übersetzen können wir’s beide nicht´.“ Vgl. hierzu WILKINSON (1946) 150: „The repeated assertion of some critics that Horace is untranslatable has not daunted his admires, for translations continue to appear.”
3 S. DOVER (1980) 55-82 und für die Klärung der Terminologie s. S. 55.
4 Der Begriff „bowdlerization“ leitet sich her von Thomas Bowdler (1754-1825), der eine von anstößigen Stellen befreite Ausgabe der Werke William Shakespeares („for women and children“) herausgab. Ein deutsches Pendant zu diesem Begriff gibt es nicht und der Begriff, der es am besten trifft, hat sich nicht durchgesetzt: „Verballhornung“. Johannes Ballhorn (1528-1603) hat Volkslieder purgiert. Aus „Lieb und Mai“ wird bei ihm „Scherz und Mai“ und aus „Liebchen“ oder „Buhle“ macht er „Tante“ oder „Onkel“ – s. hierzu STEMPLINGER (1921) 55-56. Der französische Catull-Übersetzer Pezay spricht von „adoucissemet“ oder „réserve“ – s. WETZEL (2002) 242.
5 DOVER (1980) 55.
6 “Bowdlerization” kann man allerdings auch im 21. Jahrhundert finden. Dem Rezipienten will man eben nicht alles zumuten. In der amerikanischen Filmkomödie Bridget Jones z.B. sagt Bridgets Mutter zu ihrer Tochter: „You’ll never get a boyfriend if you look like you’ve wandered out of Auschwitz.“ Die deutsche Synchronisation lautet: „Du kriegst nie einen Freund, wenn du aussiehst als würdest du unter einer Brücke wohnen.“
7 Für einen Überblick über die Rezeptionsgeschichte des Horaz s. KYTZLER (1985) 110-129, SHOWERMAN (1922) 69-126, STEMPLINGER (1906) und (1921), WILKINSON (1946) 159-176. Einen kurzen Überblick über die Literatur zur Rezeptionsgeschichte gibt HARRISON (1995) 16.
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