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Über den Zusammenhang von Verantwortung und Wahrheit

Termpaper, 2006, 23 Pages
Author: Kai Lehmann
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)

Details

Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 23
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 17  Entries
Language: German
Archive No.: V66667
ISBN (E-book): 978-3-638-59604-6
ISBN (Book): 978-3-638-69457-5
File size: 160 KB

Abstract

Verantwortung und Wahrheit sind sicherlich zwei ebenso zentrale wie kontroverse Begriffe in heutigen philosophischen Debatten. Das sie zumeist unabhängig voneinander diskutiert werden, liegt unter anderem an der Ausdifferenzierung des geisteswissenschaftlichen Fachbetriebs, wo vorwiegend in der theoretischen Philosophie Probleme mit dem Wahrheitsbegriff verortet werden, während die praktische Philosophie die Aufgabe übernommen hat, tragfähige Konzepte von Verantwortung zu entwickeln. Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, ein erstes Verständnis beider Begriffe gerade durch einen Verweisungszusammenhang zu entwickeln. Einen Grund für diese analytische Perspektive bieten die aktuellen Kontroversen um die richtige Auffassung von Verantwortung bzw. Wahrheit selbst. Während einerseits die Diskussion angloamerikanischer Prägung über Verantwortung im Kern um die Implikationen der deterministischen Herausforderung bezüglich der Willensfreiheit kreist, bleibt das Erklärungspotential von Personen als Trägern von Verantwortung eher unbeachtet. Durch stärkere Fokussierung dieses Potentials lassen sich aktuelle Konzeptionen von Handlungskontrolle modifizieren und um Aspekte des Selbstverständnisses von Personen zu erweitern. Letztlich hängt jedes Konzept von Verantwortung davon ab, wie ihre Akteure beschrieben werden. Hier gilt es zu zeigen, das diese nur durch einen Wahrheitsbezug in ihrem Selbstverständnis vollständig und adäquat beschrieben sind. Andererseits zeigen die aktuellen Debatten um die richtige Konzeption von Wahrheit eine Tendenz zur Relativierung und Reduzierung des Begriffes, welche sich in der analytischen Auseinandersetzung mit Tarski‘s semantischer Rekonstruktion von Wahrheit entwickelt hat. Insbesondere plädieren einige philosophische Pragmatisten und Erneuerer für eine Beilegung der Wahrheitsdiskussion aufgrund fehlender Bedeutsamkeit. Dagegen lässt sich die Bedeutung eines Gebrauchs von Wahrheit skizzieren, welche ihren grundlegenden Ausdruck sowohl in intersubjektiven Argumentationszusammenhängen als auch in der eigenen Selbstbeschreibung findet. Diese Bedeutung ist weder reduzierbar noch trivial, weil sie u.a. dadurch die Grundlage für die Zuschreibung von Verantwortung bildet. Die zentrale These der Arbeit lautet also: „Es gibt kein verantwortliches Handeln von Personen ohne einen elementaren Bezug auf Wahrheit.“ Wie dies nun genau zu verstehen ist, soll hier in einem ersten Überblick skizziert werden.


Excerpt (computer-generated)

Humboldt-Universität Berlin, Institut für Philosophie
Kolloquium praktische Philosophie
WS 2006/2007, 18.10.2006

Wie gehören Verantwortung und Wahrheit zusammen?

von: Kai Lehmann

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  3

2. Das Konzept Verantwortung und die Bedeutung der Person 4

3. Zum Verständnis des Begriffes Wahrheit  12

4. Verantwortung und Wahrheit 18

Literaturverzeichnis  22
 



 

1. Einleitung

Verantwortung und Wahrheit sind sicherlich zwei ebenso zentrale wie kontroverse Begriffe in heutigen philosophischen Debatten. Das sie zumeist unabhängig voneinander diskutiert werden, liegt unter anderem an der Ausdifferenzierung des geisteswissenschaftlichen Fachbetriebs, wo vorwiegend in der theoretischen Philosophie Probleme mit dem Wahrheitsbegriff verortet werden, während die praktische Philosophie die Aufgabe übernommen hat, tragfähige Konzepte von Verantwortung zu entwickeln. Die Arbeit hat das Ziel, ein Verständnis beider Begriffe gerade durch einen Verweisungszusammenhang zu entwickeln.

Einen Grund für diese perspektivische Analyse bieten die aktuellen Kontroversen um die richtige Auffassung von Verantwortung bzw. Wahrheit selbst. Während einerseits die Diskussion angloamerikanischer Prägung über Verantwortung im Kern um die Implikationen der deterministischen Herausforderung1 kreist, bleibt das Erklärungspotential von Personen als Trägern von Verantwortung eher unbeachtet. Durch stärkere Fokussierung dieses Potentials kann man an dieser Stelle die Konzeption von Fischer/Ravizza 2 modifizieren und um Aspekte des Selbstverständnisses von Personen zu erweitern. Letztlich hängt jedes Konzept von Verantwortung davon ab, wie ihre Akteure beschrieben werden. Hier ist zu zeigen, das diese nur durch einen Wahrheitsbezug in ihrem Selbstverständnis vollständig derart beschrieben sind. Andererseits zeigen die aktuellen Debatten um die richtige Konzeption von Wahrheit eine starke Tendenz zur Relativierung und Reduzierung des Begriffes, welche sich in der Auseinandersetzung mit Tarski‘s semantischer Rekonstruktion von Wahrheit 3 entwickelt hat. Insbesondere der Pragmatismus in der von Richard Rorty 4 vorgeschlagenen Form plädiert für eine Beilegung der Wahrheitsdiskussion aufgrund fehlender Bedeutsamkeit. Dagegen lässt sich die Bedeutung eines Gebrauchs von Wahrheit skizzieren, welche ihren grundlegenden Ausdruck sowohl in intersubjektiven Argumentationszusammenhängen als auch in der eigenen Selbstbeschreibung findet. Diese Bedeutung ist weder reduzierbar noch trivial, weil sie dadurch die Grundlage für die Zuschreibung von Verantwortung bildet. Die zentrale These der Arbeit lautet also: „Es gibt kein verantwortliches Handeln von Personen ohne einen elementaren Bezug auf Wahrheit, der für Verantwortung konstitutiv ist.“

2. Das Konzept Verantwortung und die Bedeutung der Person

Die Art und Weise, wie Personen handeln5, können wir u.a. mit dem Begriff der Verantwortung charakterisieren. In Dieser Begriffsverwendung lassen sich zunächst zwei Sinndimensionen entnehmen. Zum Einen bewerten wir andere Personen und uns selbst mit dieser Charakterisierung, d.h. wir haben normative Erwartungen und Urteile in der Art und Weise, wie jemand eben verantwortlich oder unverantwortlich handelt. Diese evaluierende Sinndimension findet ihren Ausdruck in Peter Strawson‘s Grundlage von Verantwortung als ‚reactive attitudes‘:

„We should think of the many different kinds of relationship we can have with other people - as sharers of a common interest; as members of the same family; as colleagues; as friends; as lovers; as chance parties to an enormous range of transactions and encounters. Then we should think, in each of these connections in turn, and in others, of the kind of importance we attach to these attitudes and intentions towards us, and of the kinds of reactive attitudes and feelings to which ourselves are prone.“ 6

Davon lässt sich in theoretischer Hinsicht eine konstituierende Sinndimension abgrenzen, die den Aspekt des ‚Verantwortlichseins‘ im Sinne einer (möglichen) Eigenschaft von Personen fokussiert. Die Zuschreibung von Verantwortung hat in dieser Perspektive die deskriptive Funktion, Personen mit bestimmten Zuständigkeiten auszustatten und damit zugleich als legitimen Teilnehmer an bleibt völlig folgenlos (...) Es handelt sich um eine nichtssagende Formulierung der Art, die Pragmatisten vermeiden sollten.“

normativer Bewertung zu konstituieren. Damit ist gemeint, das erst wenn jemandem die Eigenschaft zugeschrieben wird (durch sich selbst und andere), verantwortlich zu sein, diesem jemand dann auch legitim in normativer Hinsicht etwas vorgeworfen oder lobend angerechnet werden kann. Allgemeiner gesprochen wird Verantwortung hier weitgehend als Eigenschaft der Zurechenbarkeit von Personen aufgefasst, die damit zugleich die Grundlage für den ersteren Wortgebrauch bildet bzw. als weitere Sinndimension die engere, als normatives Urteil gebrauchende Dimension einschließt, ohne jedoch selbst zugleich normative Forderung zu sein. Diese Abgrenzung hat den Vorteil, die Voraussetzungen und Implikationen eines Konzeptes von Verantwortung auf zwei verschiedenen Ebenen analysieren zu können. Im Folgenden wird sich die Verwendung des Begriffes Verantwortung innerhalb dieser Arbeit überwiegend auf den zweiten, hier kurz skizzierten konstituierenden Sinn beziehen. Allerdings gilt es, den theoretischen Charakter dieser Trennung betonen, der unter Umständen einer adäquaten Beschreibung unserer Zuschreibungspraxis, gerade im Hinblick auf eine vermeintliche moralische Neutralität von Verantwortung, nicht gerecht wird 7.

[...]


1 Damit ist die Diskussion um das Verhältnis von Verantwortung und Freiheit angesprochen, vgl. Auch S. 3

2 J.M. Fischer / M. Ravizza, Responsibility and Control, Cambridge University Press 1998 Im Kern dieser Konzeption steht die Begründung von moralischer Verantwortung mit Bezug auf Handlungskontrolle

3 A. Tarski, Die semantische Konzeption der Wahrheit und die Grundlagen der Semantik (1944), in: Wahrheitstheorien, Suhrkamp stw 210, Frankfurt a.M. 1996 (7.Auflage)

4 R. Rorty, Wahrheit und Fortschritt, Suhrkamp stw 1620, Frankfurt a.M. 2003, S. 88 „Wenn wir von den Begriffen der Richtigkeit und der Rechtfertigung zum Begriff der Wahrheit übergehen, dann könnte man vermutlich die unumstrittene, aber witzlose These aufstellen, die Wahrheit unserer Äußerungen gelte nicht bloß für eine Zeit oder einen Ort. Doch diese hochtrabende Binsenweisheit

5 Der Handlungsbegriff wird hier gebraucht in dem Sinn eines intentionalen Verhaltens, welches prinzipiell begründbar ist

6 P. Strawson, Freedom and Resentment (1963), in: Perspectives on moral responsibility, edited by J.M. Fischer and M. Ravizza, Cornell University Press, 1993

7 Durch die Ausblendung der normativen Sinndimension ist es möglich, eine Handlung als verantwortlich zu beschreiben, ohne damit irgendein normatives Urteil bezüglich der Handlung zu implizieren. Sowohl unser Prozess des ‚taking responsibility“‘als Lernen des Umgangs mit Verantwortung als auch unsere tägliche Einbettung in wechselseitige moralische Erwartungen als Ausdruck von Verantwortung legen jedoch keine Ausblendung in praktischer Perspektive nahe.


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