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Homosexualität(en) in Russland am Ende des 20. Jahrhunderts

Hauptseminararbeit, 2001, 27 Seiten
Autor: Ilka Borchardt
Fach: Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2001
Seiten: 27
Note: sehr gut (1,3)
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V6667
ISBN (E-Book): 978-3-638-14191-8

Dateigröße: 108 KB


Textauszug (computergeneriert)

Humboldt-Universität zu Berlin/
Technische Universität Berlin

Gender Studies/
Geschichtswissenschaften

Sommersemester 2001

HS: Homosexualität im 20. Jahrhundert

Semesterarbeit
"Homosexualität(en)" in Russland zum Ende des 20. Jahrhunderts
Die Wirkungsmacht von Stereotypen und Diskursen

Ilka Borchardt

 

6. Fachsemester

1 Einleitung 3

2 Geschichte der Homosexualität in Russland 5

3 Bilder von Homosexualität(en) 10


3.1 Strafgefangenenlager 10
3.2 Psychiatrie 13
3.3 AIDS 15
3.4 Feminismus 20

4 Zusammenfassung 24

5 Bibliographie 26


5.1 Sekundärliteratur 26
5.2 Primärliteratur 26

 

1 Einleitung

Die vorliegende Semesterarbeit beschäftigt sich mit einem, dem Umfang der Literatur nach zu urteilen, bisher wenig erforschten Thema: "Bilder von Homosexualität(en) und ihre Realisierung im öffentlichen (Un-) Bewusstsein, 1986 bis 1994".
Ich gehe davon aus, dass Beschreibungen von Sexualitäten nicht nur Vorstellungen von zwischenmenschlichen Beziehungen symbolisieren, sondern auch gesellschaftliche Strukturen beeinflussen. Damit bieten sie eine Grundlage für die Institutionalisierung von Moral-, politischen und ideologischen Vorstellungen, nicht nur in Form von Gesetzen, sondern z.B. auch Verhaltenskodizes.
Meine Arbeit beschäftigt sich mit 4 Konnotationen von Homosexualität im (Un-) Bewusstsein der Öffentlichkeit: Arbeitslager, Psychiatrie, AIDS und Feminismus. Ich halte gerade diese vier Punkte für wesentlich, da sie das allgemeine Bild und Vorstellungen von Homosexuellen und deren Leben in der Gesellschaft prägen und bestimmen. So wird z.B. deutlich, dass Arbeitslager und Psychiatrie oft zum Alltag Homosexueller gehörten und somit auf Stereotypen wirkten. Die Frage nach der Frauenbewegung und die Diskussion um AIDS hingegen stellen einen Bezug zu Homosexualität her, der eher von Klischees und Ideen ausgehend auf Realitäten wirkt.
Ich versuche zu illustrieren, wie Stereotype und Diskurse in mindestens zweierlei Hinsicht wirken. Einerseits können sie aus Realitäten abgeleitet und zu positiven oder negativen Vorurteilen werden. Andererseits wiederum können sie so große Wirkungsmacht erlangen, dass sie Lebensrealitäten bestimmen. In beiden Fällen finden eine Verallgemeinerung und diskursive Loslösung vom ursächlichen Phänomen statt.
Den zeitlichen Rahmen für die Arbeit bildeten folgende Überlegungen: Erst mit dem Durchsetzen von Glasnost′ (1985 - 1986) wurde es möglich, sich mit Phänomenen wie Straflagern oder dem Missbrauch von Psychiatrie zu beschäftigen. 1993 wurde der Paragraph 121, die Strafbarkeit einvernehmlichen homosexuellen Verkehrs zwischen erwachsenen Männern, aus dem Russischen Strafgesetzbuch entfernt. Es ist zu vermuten, dass seit der Entkriminalisierung 1993 Homosexuelle öffentlich sichtbarer auftraten und begannen, sich auf legalem Wege politisch zu betätigen, sich zu organisieren. Das wiederum legt auch eine größere Aufmerksamkeit der Gesellschaft gegenüber Homosexuellen und deren Forderungen nahe. Dabei bedeutet "Aufmerksamkeit" nicht zwangsläufig mehr Toleranz, wie sich zeigen wird.
Als Primärquellen dienten Artikel und Leserbriefe in "heterosexuellen" sowjetischen und russischen Tages-, Wochen- und Monatszeitungen, teilweise deren Übersetzungen. Als Recherchebeginn nutzte ich Hinweise in Sekundärliteratur (v.a. diverse Arbeiten des Sexologen Igor Kon), um in den folgenden Zeitungsausgaben Reaktionen auf die zitierten Artikel zu suchen. Ein weiterer Anhaltspunkt war die Aufhebung des Art. 121 am 29. April 1993 durch den damaligen Präsidenten Jelzin. So hoffte ich, direkt in den Ausgaben vom 29.04. 1993 bis 15. Mai 1993 Hinweise auf dieses Ereignis zu finden.
Da nicht alle Konnotationen explizit in Zeitungsartikeln deutlich werden, dienen als Quellen u.a. die Erinnerungen eines ehemaligen Häftlings, verurteilt nach Art. 121 des Strafgesetzbuches, und Texte russischer WissenschaftlerInnen und der Frauenbewegung. Für den Punkt "Psychiatrie" gibt es bis jetzt keine Aufzeichnungen von Betroffenen. Als Quellen dienen Interviews, meist anonym in der Sekundärliteratur zitiert, und Aussagen von AktivistInnen in verschiedenen (informellen) Gesprächssituationen innerhalb des vergangenen Jahres in Russland und Deutschland.
Das erste Kapitel der Arbeit beschreibt kurz die Verfolgungsgeschichte der Homosexualität in Russland. Diese dient als Grundlage für die folgende Betrachtung der genannten vier Aspekte von Homosexualität in den Medien.
Im Folgenden wird die Verwendung des Begriffes "Homosexualität" außerhalb von Zitaten in oder ohne Anführungszeichen auffallen. Dies geschieht bewusst. Dabei gebrauche ich Anführungszeichen, wenn in der Realität Homosexuellen und Homosexualität Vorstellungen aufgeprägt werden, die wenig mit der Lebensrealität sondern eher mit Vorurteilen zu tun haben und damit zu einem neuen (realitätsfernen) Verständnis von Homosexualität führen. Steht der Begriff ohne weitere Zeichen, kann auf relative Nähe zu realen Lebensbedingungen und -zielen gefolgert werden.
Auch wenn sicher nicht alle Details des sozialen, gesellschaftlichen und politischen Lebens homosexueller Menschen in Russland angesprochen werden, ist es wichtig, nicht keine eigenen Konzepte auf andere Kulturen und Zeiten zu übertragen. Deshalb suche ich nach Interpretationen aus dem Kontext russisch-sowjetischer Geschichte.

2 Geschichte der Homosexualität in Russland

[...]


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