Die Rezension untersucht die Konstellationen von Judentum und Antisemitismus in mehrkonfessionellen Großstädten zur Zeit des Kaiserreichs an Hand der Arbeiten von Inge Schlotzhauer zu Frankfurt am Main und Till van Rahden zu Breslau. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum sich im großstädtischen Raum vor dem Ersten Weltkrieg eine politische Kultur etablieren und erhalten konnte, in der Antisemitismus keine nennenswerte Rolle spielte.
Universität Bielefeld
Judentum und Antisemitismus in mehrkonfessionellen Großstädten
Frankfurt am Main und Breslau 1866- 1914
Thomas Gräfe
2004
Anmerkungen zu "Inge Schlotzhauer, Ideologie und Organisation des politischen Antisemitismus in Frankfurt am Main 1880- 1914 (Studien zur Frankfurter Geschichte Bd.28), Frankfurt a.M. 1989" und "Till van Rahden, Juden und andere Breslauer. Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Großstadt von 1860 bis 1925 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd.139), Göttingen 2000."
Die Zahl der Regionalstudien zum Antisemitismus und zur deutsch- jüdischen Geschichte im Kaiserreich ist in den letzten zwanzig Jahren enorm gewachsen und hat zu einer wesentlich differenzierteren aber auch diffuseren Hypothesenbildung zur Entstehung des modernen Antisemitismus in Deutschland geführt.1 Weder die Realkonfliktthese, noch die Einstufung des Antisemitismus als reines kulturelles Konstrukt der Antisemiten, das der Präsenz der Juden nicht bedürfe, vermögen angesichts der neueren regionalgeschichtlichen Forschungsergebnisse in ihrer idealtypischen Reinheit zu überzeugen. Zu den Allgemeinplätzen der Forschung zählt hingegen mittlerweile, dass der Antisemitismus im Kaiserreich ein ländliches Phänomen war, während er sich in urbanen Zentren (mit Ausnahme der sächsischen Städte Dresden, Leipzig und Chemnitz) nicht behaupten konnte. Dieser Befund überrascht, da sich die jüdische Minderheit durch einen sehr hohen Urbanisierungsgrad auszeichnete, so dass die Wahrscheinlichkeit von Konflikten zwischen Juden und Nichtjuden in Großstädten wie Berlin, Frankfurt a.M., Breslau, Köln usw. eigentlich recht hoch gewesen sein müsste. Umso dringlicher erscheint es, danach zu fragen, wie das Zusammenleben von Christen und Juden in den Großstädten funktionierte und warum es den Antisemiten nicht gelang, die relativ starke Präsenz von Juden für die Verbreitung ihrer Ideologien und Organisationen zu nutzen. Im Folgenden soll versucht werden, an Hand von zwei in ihrer Herangehensweise sehr verschiedenen Arbeiten zu zwei deutschen Großstädten mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil (Frankfurt a.M. und Breslau), nach Antworten in der Historiographie zu fahnden.
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1 Zur deutsch- jüdischen Geschichte: Bibliographie zur deutsch- jüdischen Geschichte, hrsg. von Michael Brocke/ Julius H. Schoeps/ Falk Wiesemann, München u.a. 1989ff. Zur regionalgeschichtlichen Antisemitismusforschung: Helmut W. Smith, Alltag und politischer Antisemitismus in Baden 1890- 1900, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 141 (1993), S. 280- 303; Thomas Klein, Der preußische Konservatismus und die Entstehung des politischen Antisemitismus in Hessen- Kassel (1866- 1893), Marburg 1995; Stefan Scheil, Die Entwicklung des politischen Antisemitismus in Deutschland zwischen 1881 und 1912. Eine wahlgeschichtliche Untersuchung, Berlin 1999; Hnasjörg Pötzsch, Antisemitismus in der Region. Antisemitische Erscheinungs- formen in Sachsen, Hessen, Hessen- Nassau und Braunschweig 1870- 1914, Wiesbaden 2000; Matthias Piefel, Antisemitismus und völkische Bewegung im Königreich Sachsen 1879- 1914, Göttingen 2004.
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