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Der Konflikt um Luigi Nonos 'Il canto sospeso'

Hausarbeit, 2001, 8 Seiten
Autor: Kristin Peukert
Fach: Musikwissenschaft

Details

Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2001
Seiten: 8
Note: sehr gut bestanden.
Literaturverzeichnis: ~ 4  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V66816
ISBN (E-Book): 978-3-638-59211-6

Dateigröße: 65 KB
Anmerkungen :
Ein Interpretationskonflikt Nonos und Stockhausens um den 2. Satz des Canto sospeso.


Zusammenfassung / Abstract

Ein Interpretationskonflikt Nonos und Stockhausens um den zweiten Satz des Canto sospeso. Im folgenden soll die analytische Betrachtung Karlheinz Stockhausens bezüglich des zweiten Satzes des Canto sospeso dargestellt und im Gegenzug die kritische Reaktion Nonos erläutert werden. Luigi Nono komponierte seine 9-sätzige Kantate zwischen Oktober 1955 und Mai 1956, zu einer Zeit, in der der Serialismus, als eine Erweiterung der Zwölftontechnik, formgebendes und dominierendes Kompositionsprinzip, vorwiegend in Europa, war. Es gilt, allen relevanten musikalischen Parametern, nicht mehr nur der Tonhöhe, Zahlen- bzw. Proportionsreihen zuzuordnen. So unterliegt auch Nonos serieller Komposition Kombinatorik und Permutationen von Dauern-, Dynamik- und Tonhöhenreihe, sowie bestimmten Zahlenverhältnissen und Symmetrien, die durch mathematische Operationen strukturell determiniert sind...


Textauszug (computergeneriert)

Technische Universität Berlin, Fachgebiet Systematische Musikwissenschaft
SE Ausdruckskonzepte in der Musik des 20. Jahrhunderts, SoSe 2001

Der Konflikt um Luigi Nonos „Il canto sospeso“

von: Kristin Peukert
 


 

Im folgenden soll die analytische Betrachtung Stockhausens bezüglich des 2. Satzes des Canto sospeso dargestellt und im Gegenzug die kritische Reaktion Nonos erläutert werden. Luigi Nono komponierte seine 9- sätzige Kantate zwischen Oktober 1955 und Mai 1956, zu einer Zeit, in der der Serialismus, als eine Erweiterung der Zwölftontechnik, formgebendes und dominierendes Kompositionsprinzip, vorwiegend in Europa, war. Es gilt, allen relevanten musikalischen Parametern, nicht mehr nur der Tonhöhe, Zahlen- bzw. Proportionsreihen zuzuordnen. So unterliegt auch Nonos serieller Komposition Kombinatorik und Permutationen von Dauern-, Dynamik- und Tonhöhenreihe, sowie bestimmten Zahlenverhältnissen und Symmetrien, die durch mathematische Operationen strukturell determiniert sind. Nono übertrug seine Erfahrungen mit serieller Technik auf den Chorsatz seiner Vokalmusik, die er größtenteils zwischen 1955 und 1962 komponierte. Anregung zur Entstehung des Il canto sospeso, dem gebrochenen, wie auch schwebenden Gesang, fand er durch eine Sammlung von Abschiedsbriefen zum Tode verurteilter europäischer Widerstandskämpfer, die 1954 in Turin unter dem Titel „Lettere di condannati a morte della Resistenza europea“ erschien, hrsg. von P. Malvezzi und G. Pirelli. Nono bezog einzelne Textstellen aus diesen Dokumenten durch deren direkte sprachliche Vertonung bzw. Verarbeitung in seine Klangkomposition für Soli, Chor und Orchester mit ein. Der politische Hintergrund des Musikstücks spielt eine wesentliche Rolle, denn Nono selbst zeigte soziales Engagement, war seit 1952 Parteimitglied und überzeugter Kommunist. So sollten auch seine Werke politische Botschaften nach außen tragen - mit Bezug auf die Resistenza, die europäische Widerstandsbewegung, sowie dem Kampf gegen Faschismus und Repression.

Karlheinz Stockhausen befaßt sich zunächst interpretierend mit den Gedankengängen, welche in den Briefen mitgeteilt werden und erklärt, daß es sich um einen sehr sinngeladenen Text, um vollständige, logische Sätze handle. Nono läßt diesen Text aber nicht vortragen oder kommentieren, sondern reduziert stellenweise die Sprache auf ihre Klänge und Laute, eingelagert in einer strengen, dichten musikalischen Form. Beim Hören des A- capella- Chors erweckt dies bei Stockhausen fast völlige Unverständlichkeit, eine Verschließung des Sprachsinns in einer Vokalstruktur, und er stellt die Frage, warum Nono derartige Texte von größter moralischer Tragweite wählt. Stockhausen erkennt hier ein Zurückziehen des Sinns aus der Öffentlichkeit und spricht von Schamgefühlen, die dem Komponisten eine vollständige, explizite Wiedergabe des Geschriebenen verweigern, und er deshalb nur noch mit Lautpermutationen als serielle Struktur arbeitet. Die Kritik Stockhausens gilt der Auflösung des Sprachsinns und der bewußten „Austreibung“ der Bedeutung bestimmter Textstellen. Aufgrund der Berücksichtigung von phonetischen Eigenschaften der Sprache bei der Textbehandlung geht der semantische Wert verloren und dadurch erfolgt scheinbar eine Entleerung der hohen Worte; das Singen bleibt letztendlich noch übrig. Das Verständnis des Textes ist für ihn weiterhin bedeutsam, da dieser nicht als bekannt vorausgesetzt werden kann. Stockhausen führt als Gegenbeispiel Messe- und liturgische Texte im polyphonen Chorstil Machauts oder Gesualdos an, bei denen das Wortverständnis angesichts der Textkenntnis gleichgültig ist. Analytisch betrachtend beschreibt Stockhausen einen durchlaufenden, vierschichtigen Satz, wobei sich die einzelnen Schichten durch entsprechende Geschwindigkeitsproportionen voneinander unterscheiden, d.h. durch 4 unterschiedliche Rhythmen. Beim Hören wird die vierschichtige Ausgangsform kaum noch wahrgenommen, da 4 pausenlose Schichten auf 8 Stimmen verteilt werden. Einzelne Töne der Schichten werden ebenfalls unregelmäßig auf die 4x 2 Chorstimmen verteilt. Die Tonhöhenstruktur verwendet immer die gleiche 12-gliedrige Reihe. Stockhausen stellt außerdem eine Dauernreihe mit 6 Faktoren heraus, die mit den 4 rhythmischen Einheiten, Achtel, Achteltriolen, Sechzehntel und Sechzehntelquintolen, multipliziert werden können. Dabei erscheinen die Faktoren durchgehend von Schicht zu Schicht, nicht aber in den Schichten als Reihe selbst. Die Multiplikation mit Dauerneinheiten erfolgt so, daß eine statistische Gleichverteilung der Faktoren erreicht wird. Die Dynamikreihe erscheint mit 12 verschiedenen Werten, darunter befinden sich die 5 Grundintensitäten ppp, p, mp, mf und f . Stockhausen stellt fest, daß keiner der 12 chromatischen Töne zweimal mit derselben Intensität verwendet wird, und die Dynamikreihe somit strukturell an Tonhöhen gebunden ist.

[...]


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