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Autor: Diplom-Kulturwissenschaftler Hendrik Heinze
Fach: Kulturwissenschaft
Details
Institution/Hochschule: Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) (Kulturwissenschaftliche Fakultät)
Tags: Jugendliche, Englisch, Einflüsse, Erlernen, Fremdsprache, Studiengang, Diplom-Kulturwissenschaften
Jahr: 2006
Seiten: 155
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 114 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 896 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-58748-8
ISBN (Buch): 978-3-638-72858-4
Zusammenfassung / Abstract
Während anderswo noch über den Vormarsch des Englischen gestritten wird, haben sich die Kambodschaner entschieden. Sie wollen ‚anglais’ lernen, wie die Sprache auf Kambodschanisch mit einem französischen Lehnwort bezeichnet wird. Im ganzen Land sind in den vergangenen 15 Jahren Sprachschulen aus dem Boden geschossen. Eine beachtliche Anzahl von Kambodschanern wendet große Ressourcen auf, um diejenige Sprache zu lernen, die ihnen wie die Sprache des Aufschwungs, des Wohlstands und der Möglichkeiten wirkt. Nach Jahrzehnten des Krieges begünstigen Aufholprozesse in Politik und Wirtschaft diesen rasanten Aufstieg des Englischen. In den Schulen dominieren traditionelle südostasiatische Unterrichtsmuster, die dem Fremdspracherwerb hinderlich sind. Die Schüler schreiben ab und sprechen nach, was der Lehrer ihnen vorgibt. Kreative Eigenleistung ist nicht gefordert. Zudem erschwert die typologische Distanz zwischen Englisch und Kambodschanisch den Spracherwerb beträchtlich. Ziel der Arbeit ist es, diese Einflüsse auf die Lernersprachen der Kambodschaner zu benennen und zu analysieren. These (1) ist, dass der Einfluss durch die typologische Distanz verzögernder und erschwerender Art ist. These (2) ist, dass die traditionellen Unterrichtsformen nicht zum tatsächlichen Verständnis der englischen Sprache und zu ihrem aktiven und kreativen Gebrauch anleiten. These (3) ist, dass die große Motivation der Lernenden begünstigenden Einfluss auf ihre Lernersprachen hat. Zur Überprüfung von These (1) wurde 32 Schülern eine einfache Bildergeschichte vorgelegt, zu der sie eine kurze Geschichte auf Englisch schreiben sollten. Eine Analyse ausgewählter Fehler aus diesen Geschichten bildet das Herzstück der Arbeit. Zuvor wird dargelegt, anhand welcher theoretischer Grundlagen Fehler für geeignet gehalten werden, Auskunft über kognitive Prozesse der Lernenden zu geben. Übergeordnetes Ziel der Arbeit ist es, den Gesamtzusammenhang zwischen diesen Einflüssen aufzuzeigen und für eine Verwendung durch Lehrende zu erschließen. Zwei Kapitel beschäftigen sich mit für diesen Zweck nützlichem Hintergrundwissen, u.a. mit dem Antrieb der Lernenden und den Eigenheiten ihrer Muttersprache. Die Arbeit enthält ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ist eine gut verständliche, aufschlußreiche Lektüre für LeserInnen mit Interesse an folgenden Gebieten: Spracherwerbsforschung, Englisch als Fremdsprache, Südostasien, Kambodscha, Fehleranalyse, Lehrmethoden, Interkulturelle Pädagogik.
Textauszug (computergeneriert)
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Fakultät für Kulturwissenschaften
Wie lernen kambodschanische Jugendliche Englisch? Einflüsse auf das Erlernen einer Fremdsprache
Hendrik Heinze
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 1
2 Die sprachliche Situation in Kambodscha ... 5
2.1 Khmer und Englisch: genetische und typologische Klassifikation ... 5
2.2 Das Khmer in Kambodscha ... 7
2.2.1 Identität und Sprache: Die Khmer und das Khmer ... 7
2.2.2 Sprachgebiet und Sprecher ... 8
2.2.3 Lokale Varietäten und Sondersprachen ... 9
2.2.4 Englische Einflüsse auf den Wortschatz ... 10
2.3 Das Englische in Kambodscha ... 10
2.3.1 Geschichte des Englischen in Kambodscha von 1863 bis heute ... 11
2.3.2 “the most popular language“ – Englisch in Kambodscha heute ... 14
2.3.3 Einflussfaktoren auf die Stellung des Englischen ... 16
3 Der Fehler in der Fremdsprachenforschung ... 19
3.1 Begriffsklärung ... 21
3.1.1 Grundbegriffe der Fremdsprachenforschung ... 21
3.1.2 Sprachgebrauch im Rahmen dieser Arbeit ... 23
3.2 Was genau ist ein Fehler? ... 25
3.3 Definition ... 29
3.4 Der Fehler in den verschiedenen Strömungen der Fremdsprachenforschung ... 31
3.4.1 Die Kontrastivhypothese ... 31
3.4.2 Die kognitive Wende ... 33
3.4.3 Die Identitätshypothese ... 36
3.4.4 Die Interlanguage-Hypothese ... 38
3.5 Gewonnene Erkenntnisse für den Gebrauch in dieser Arbeit ... 42
3.6 “the crow very happyed” – Zum Einfluss der Muttersprache ... 43
3.6.1 Muttersprachlicher Einfluss in der Praxis ... 43
3.6.2 Corders Vorstellung von der Rolle der Muttersprache ... 46
3.6.3 Wahrgenommene und tatsächliche typologische Distanz ... 47
3.6.4 Muttersprachlicher Einfluss bei kambodschanischen Lernenden ... 48
3.6.5 Zusammenfassung ... 51
4 Beschreibung des Experiments und der Informanten ... 53
4.1 Beschreibung des Experiments ... 53
4.2 Beschreibung der Informanten ... 55
4.3 Begründung und Bewertung der Aufgabenstellung ... 57
4.4 Primäre und weitere Daten ... 59
5 Analyse ausgewählter Fehler ... 61
5.1 Zum Problem der Wortarten ... 64
5.1.1 Bestimmung der Wortarten des Khmer ... 65
5.1.2 Zusammenfassung und Bedeutung für die Lernenden ... 67
5.2 Verben ... 70
5.2.1 Fehler bei der Verwendung von to be ... 71
5.2.1.1 Verwendung von to be als Vollverb ... 72
5.2.1.2 Verwendung von to be als Kopula ... 74
5.2.2 Tempus- und Aspektfehler ... 79
5.2.2.1 Tempus und Aspekt in Khmer und Englisch ... 79
5.2.2.2 Spitzers Studie zum Tempuserwerb ... 81
5.2.2.3 Tempus- und Aspektfehler am Beispiel von to fly ... 82
5.2.2.4 Zusammenfassung ... 86
5.2.2.5 Ergänzende Beobachtung: Verwendung von was und is ... 86
5.3 Substantive und einige Pronomen ... 88
5.3.1 Numerus ... 88
5.3.2 Exkurs: Demonstrativpronomen ... 91
5.3.3 Genus am Beispiel der Personalpronomen He und It ... 92
5.4 Adverbien der Art und Weise ... 95
5.5 Artikel ... 97
5.6 Sonstige Beobachtungen ... 102
5.6.1 Partitive Relationen am Beispiel des gefüllten Kruges ... 102
5.6.2 Falschschreibung von immediately, (un)fortunately und until ... 103
5.7 Zusammenfassung ... 106
6 Einflüsse von Motivation und Tradition ... 108
6.1 Zur Motivation der Lernenden ... 108
6.1.1 Theorie der Motivation ... 108
6.1.2 Anwendung auf die kambodschanische Situation ... 111
6.1.3 Ergebnis: Auswirkungen der Motivation auf das Lernen ... 113
6.2 Zur Tradition von Bildung und Unterricht ... 114
6.2.1 Stellung und Aufgaben der Lehrenden ... 114
6.2.2 Das Bildungsideal des guten Menschen und Bürgers ... 115
6.2.3 Anspruch und Wirklichkeit ... 116
6.2.4 Aufgaben des Lehrers, Pflichten der Schüler ... 118
6.2.5 Der Unterricht ... 118
6.2.6 Englischunterricht nach Hardman, Neau und eigenen Beobachtungen ... 120
6.2.7 Ergebnis: Auswirkungen der Tradition auf das Lernerenglisch ... 122
7 Fazit und empfohlene Maßnahmen ... 124
Abstract ... 129
Literaturverzeichnis ... 130
Anhang: Digitalisierte Samples der Informanten ... A1
1 Einleitung
Während anderswo über den Vormarsch des Englischen und dessen sprachpolitische Implikationen gestritten wird, haben sich die Kambodschaner1 längst entschieden. Sie wollen anglais lernen, wie die Sprache auf Kambodschanisch mit einem französischen Lehnwort bezeichnet wird. Im ganzen Land sind in den vergangenen 15 Jahren Sprachschulen und -lernorte unterschiedlichster Qualität und Ausrichtung aus dem Boden geschossen. Eine beachtliche Anzahl von Kambodschanern wendet große Ressourcen auf, um diejenige Sprache zu lernen, die ihnen wie die Sprache des Aufschwungs, des Wohlstands und der Möglichkeiten wirkt.
Nach Jahrzehnten des Krieges erlebt Kambodscha wieder Frieden. Es hat nun einiges aufzuholen, und befindet sich in mehreren Umbrüchen zugleich. Politisch müssen die Bürgerkriegsfraktionen versöhnt, die Traumata nach dem Autogenozid der Roten Khmer aufgearbeitet und der Übergang zum Mehrparteiensystem gemeistert werden. Wirtschaftlich ist der Übergang zur Marktwirtschaft und die Integration in regionale und globale Zusammenhänge die vordringlichste Aufgabe. Der Beitritt zu Bündnissen wie dem Zusammenschluss südostasiatischer Staaten ASEAN und der Welthandelsorganisation WTO hat einschneidende Veränderungen zur Folge und befördert den Bedarf an Englischsprechern. Das gilt auch für den Tourismus, der neben der Textilindustrie der größte Wachstumsmotor ist und mehr als eine Million Menschen pro Jahr in die Tempel von Angkor Wat lockt. All diese Prozesse begünstigen den Aufstieg des Englischen, wie auch Clayton (2002a: 3) betont: “As a result of the multiple transitions the country is currently undergoing, English has increased dramatically in status in the last decade, essentially displacing French as the international language of choice.“
Wer über die nötigen Mittel verfügt, kann Sprachkurse an einem der ausländisch geführten Institute in der Hauptstadt Phnom Penh nehmen. Für die große Mehrheit der Kambodschaner gestaltet es sich jedoch schwierig, den Gebrauch des mächtigen Werkzeuges Englisch zu erlernen. Große Teile der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, und diejenigen Kinder, die staatliche Schulen besuchen, finden schlecht ausgebildete Lehrer vor. Die allgegenwärtigen Privatschulen sind teuer, aber das Niveau dennoch nicht immer hoch.
In beiden Schulformen dominieren traditionelle südostasiatische Unterrichtsmuster, die dem Erwerb einer Fremdsprache hinderlich sind. Die Schüler schreiben ab und sprechen nach, was der Lehrer ihnen vorgibt. Kreative Eigenleistung ist nicht gefordert, und selbst passive Analysen der Fremdsprache sind unüblich. Auch „fortgeschrittene“ Lerner sind kaum zur Kommunikation mit Englischsprechern fähig. Das ist bedauerlich, denn gerade für den Umgang mit Touristen oder ausländischen Geschäftspartnern muss die kommunikative Kompetenz geschult werden (die nicht als mündliche Kompetenz missverstanden werden soll).
Für alle Kambodschaner erschwert die typologische Distanz zwischen Englisch und Khmer den Spracherwerb beträchtlich. Khmer ist eine isolierende und tempuslose Sprache. Singular- und Pluralformen sind identisch, und weitere Markierungen sind nicht obligatorisch, sondern werden fakultativ und meist nur einmalig zur Klarstellung eines Sachverhaltes verwendet.
Ziel dieser Arbeit ist es, diese dargestellten Einflüsse auf die Lernersprachen der Kambodschaner zu benennen und zu analysieren. Meine These (1) ist, dass der Einfluss durch die typologische Distanz ihrer Muttersprache zum Englischen für die Informanten verzögernder und erschwerender Art ist, denn sie müssen die Kategorien erlernen, in denen die Dinge in der Fremdsprache ausgedrückt werden. Damit müssen sie mehr lernen als etwa deutsche Schüler. Dieser Einfluss manifestiert sich in grundsprachlich bedingten Fehlern; deren Analyse lässt Rückschlüsse auf Art und Umfang des Einflusses zu.
These (2) ist, dass die traditionellen Unterrichtsformen in Kambodscha nicht zum tatsächlichen Verständnis der englischen Sprache und zu ihrem aktiven und kreativen Gebrauch anleiten. Die Kommunikation mit Englischsprechern wird so beträchtlich erschwert. These (3) ist, dass die große Motivation der Lernenden begünstigenden Einfluss auf ihre Lernersprachen hat. Diese Motivation ist auf den Erwerb einer Fähigkeit zur Alltagskommunikation gerichtet. Um so dringlicher muss diese im Unterricht vermittelt werden, da sonst die Motivation der Lerner zahlreiche Frustrationen erfährt.
Zur Überprüfung von These (1) musste ein geeignetes Verfahren gefunden werden. Ich habe in der Provinz Takeo 32 Schülern aus drei Lerngruppen eine einfache Bildergeschichte vorgelegt, zu der sie unvorbereitet und ohne weitere Hilfsmittel eine kurze Geschichte auf Englisch schreiben sollten. Diese Aufsätze sind die Datenbasis der Arbeit (siehe Anhang). Die Geschichte selbst und die Gründe für ihre Auswahl schildere ich in Kapitel 4. Eine Analyse ausgewählter Fehler aus diesen Geschichten bildet in Kapitel 5 das Herzstück der Arbeit. In Kapitel 3 lege ich zuvor dar, anhand welcher theoretischer Grundlagen ich Fehler für geeignet halte, Auskunft über kognitive Prozesse der Lernenden zu geben. Den größeren Rahmen dieses Teils bildet eine Darstellung der Paradigmen der Sprachlehrforschung. Die sogenannten „großen Hypothesen“ des Zweitsprachenerwerbs (Bausch/Kasper 1979) werden insbesondere im Hinblick auf ihre Bewertung von Lernerfehlern betrachtet.
Das übergeordnete Ziel dieser Arbeit ist es, den Gesamtzusammenhang zwischen diesen Einflüssen aufzuzeigen und für eine Verwendung durch Lehrende zu erschließen. Für eine derart übergreifende Betrachtung ist es unerlässlich, über vielfältiges Hintergrundwissen zu verfügen, etwa über den Antrieb der Lernenden, die Eigenheiten ihrer Muttersprache oder die kulturellen Konventionen. In den Kapiteln 2 und 6 gehe ich auf diese Hintergründe ein.
In Kapitel 2 klassifiziere ich die Muttersprache Khmer und die Zielsprache Englisch und beschreibe ihre Stellung in Kambodscha. In Kapitel 6 widme ich mich den Thesen (2) und (3) und diskutiere die Motivation der Lernenden und die Tradition des Unterrichts, etwa in Abschnitt 6.2.5, wo ich schreibe, dass kambodschanische Lerner eine Abneigung gegen das Erraten haben. Solches Wissen ist wichtig, etwa wenn ein Lehrer seinen Unterricht mittels Ratespielen kommunikativer gestalten will. Damit ist erneut der große Anwendungsbezug dieser Arbeit unterstrichen, denn Lehrer in Südostasien begegnen ähnlichen Schwierigkeiten und können unmittelbar von meinen Ergebnissen profitieren. Ein Lehrer muss die geschilderten Einflüsse kennen, wenn er die Schwierigkeiten der Lerner verstehen und beheben helfen will.
Diese Arbeit ist aus meiner Lehrtätigkeit in Kambodscha erwachsen. Das hat mich dazu bewogen, in Ich-Form zu schreiben. Im Sommer 2004 habe ich mich als Englischlehrer an der Alysha Chan School im Dorf Tropang Sdock ein halbes Jahr lang intensiv mit den Schwierigkeiten meiner Schüler beschäftigt. Die Schule wird von Sorya e.V. betrieben, einem deutsch-kambodschanischen Verein für Entwicklungszusammenarbeit. Durch meine weiterhin engen Bindungen zu diesem Verein konnte ich im Herbst 2005 wiederkommen und Schüler der Alysha Chan School und weiterer Schulen für die Mitarbeit an meiner Studie gewinnen. Diese 32 Informanten stammen aus drei Lerngruppen, die alle von Lehrern des Vereins unterrichtet werden. Nach ihrer Zugehörigkeit zu einer der drei Gruppen sind die Informanten mit den Kürzeln ACS_001 bis ACS_009, AP_001 bis AP_008 und NK_001 bis NK_015 bezeichnet.
Für meinen Verdacht, dass der grundsprachliche Einfluss sehr stark ist, spricht die Homogenität der Lernersprachen. Landesweit und unterrichtsunabhängig treten ähnliche Fehler auf, die von Lernern mit indoeuropäischen Muttersprachen nicht gemacht werden. Es ist jedoch ein Trugschluss, diese Fehler könnten durch eine kontrastive Analyse der Sprachsysteme Khmer und Englisch antizipiert werden. Meine Ergebnisse zeigen, dass die Produktionen an vielen Stellen anders ausfielen, als ich es aus meiner Kenntnis beider Sprachen erwartet hatte.
[...]
1 Im Bemühen um eine geschlechtergerechte Schreibweise wird in der Regel von Lehrenden und Lernenden gesprochen. Wo aus Gründen der Kürze oder des Stils männliche Formen wie Kambodschaner oder Schüler verwendet werden, schließen sie die weiblichen Entsprechungen mit ein.
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