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Ganztagsschule - ein Beitrag zur Bewältigung sozialer Ungleichheit?!

Intermediate Diploma Thesis, 2006, 29 Pages
Author: Christine Tausch
Subject: Pedagogy - School System, Educational and School Politics

Details

Category: Intermediate Diploma Thesis
Year: 2006
Pages: 29
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 41  Entries
Language: German
Archive No.: V67879
ISBN (E-book): 978-3-638-60564-9
ISBN (Book): 978-3-638-68880-2
File size: 363 KB
Notes :
Die Arbeit geht der Frage nach, ob Ganztagsschulen einen Beitrag zur Bewältigung der sozialen Ungleichheit im deutschen Bildungswesen leisten können. Zunächst werden empirische Erkenntnisse und theoretische Erklärungsansätze zur Bildungsungleichheit aufgearbeitet. Dann werden vor diesem Hintergrund zentrale Elemente der bislang in Deutschland bestehenden Ganztagsschulen daraufhin untersucht, ob sie zur Verringerung der Ungleichheit beitragen könnten.


Abstract

Die Veröffentlichung der ersten PISA-Studie im Jahr 2001 eröffnete eine intensive Debatte über das deutsche Bildungswesen. In der kontroversen Diskussion über Lösungsmöglichkeiten der deutschen „Bildungsmisere“ geriet insbesondere das Thema Ganztagsschule in den Fokus. Vorangetrieben wurde die Diskussion auch durch ein Investitionsprogramm der Bundesregierung zur Förderung von Ganztagsschulen. Dass die Errichtung von Ganztagsschulen eine so zentrale Rolle im öffentlichen Diskurs und im schulpolitischen Handeln einnimmt, liegt daran, dass sich in ihr ganz unterschiedliche Argumentationslinien und Erwartungen verschiedener politischer und gesellschaftlicher Akteure bündeln: Zentral ist die Hoffnung, damit ein besseres Leistungsniveau der Schüler zu erreichen und Schüler stärker individuell zu fördern. Weiter werden mit der Ganztagsschule familienpolitische, sozialpädagogische und didaktische Zielsetzungen verfolgt. Von den vielen Hoffnungen, die sich an Ganztagsschulen richten, interessiert in dieser Arbeit die, dass Ganztagsschulen Nachteile von Kindern aus sozial schwachen Familien ausgleichen und damit helfen, Chancengleichheit in der Bildungsbeteiligung zu verwirklichen. Ob diese Hoffnung berechtigt ist, ist die zentrale Frage dieser Arbeit. Ihr wird in zwei Schritten nachgegangen. Zuerst steht der Zusammenhang von Bildung und sozialer Ungleichheit im Fokus. Nach Klärung zentraler Begriffe soll darauf eingegangen werden, wie stark Bildungschancen in Deutschland von der sozialen Herkunft abhängen und wodurch dies verursacht ist. Hier werden empirische Befunde sowie Erklärungsansätze im Anschluss an die bildungssoziologischen Theorien von Boudon und Bourdieu rezipiert. Deutlich wird, dass soziale Herkunft in Deutschland eine wichtige Determinante von Bildungserfolg ist. Bildungsungleichheiten werden von einer Reihe von Mechanismen hervorgebracht und reproduziert, deren genaue Funktion und Gewichtung noch nicht ausreichend erforscht ist. Danach wendet sich die Arbeit der Ganztagsschule in Deutschland zu. Hier werden die zentralen Merkmale unterschiedlicher Konzeptionen von Ganztagsschule herausgearbeitet und daraufhin untersucht, ob sie dazu geeignet sind, Bildungsdisparitäten abzubauen. Aus Basis der zuvor gewonnenen Kriterien kommt die Arbeit hier für den größeren Teil der Ganztagsschulmodelle in Deutschland zu eher skeptisch stimmenden Befunden. (Studienabschließende Hausarbeit zum Vordiplom Erziehungswissenschaft, Universität Marburg, 2006.)


Excerpt (computer-generated)

Fachbereich Erziehungswissenschaften
der Philipps-Universität Marburg

Studienabschließende Hausarbeit
zum Ersatz der Klausur
im Rahmen der Diplomvorprüfung
Erziehungswissenschaft

Ganztagsschule – ein Beitrag
zur Bewältigung sozialer Ungleichheit?!

Eingereicht am 12. Juni 2006

von 

Christine Tausch

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG UND FRAGESTELLUNG 1

2. BEGRIFFSKLÄRUNG: SOZIALE UNGLEICHHEIT UND BILDUNG 2
2.1 Zum Begriff "soziale Ungleichheit" 2
2.2 Bildung als zentrale Dimension sozialer Ungleichheit 3

3. UNGLEICHHEIT DER BILDUNGSCHANCEN IN DEUTSCHLAND 4
3.1 Ausmaß der Ungleichheit 4
3.2 Erklärungsansätze 6
3.2.1 Boudon 6
3.2.2 Bourdieu 7
3.3 Zentrale Ursachenkomplexe 8
3.3.1 Familienspezifische Sozialisation 8
3.3.2 Institutionelle Ursachen 9

4. ANNÄHERUNG DER BILDUNGSCHANCEN DURCH DIE GANZTAGSSCHULE? 12
4.1 Entwicklung von Ganztagsschulen in Deutschland 12
4.2 Was ist Ganztagsschule? 13
4.3 Teilnahme an Ganztagsschulen in Deutschland 14
4.4 Chancen und Probleme der Ganztagsschule in Bezug auf die Verringerung der soziale Bildungsungleichheiten 15
4.4.1 Entlastung der Eltern 15
4.4.2 Ganztagsschule als Ort vielseitigen Lernens 16
4.4.3 Individuelle Förderung und Reform des Unterrichts 18
4.4.4 Institutionelle Aspekte 19
4.4.5 Ganztagsschule - Stigmatisierung oder Nachteilsausgleich? 20

5. FAZIT: ANFORDERUNGEN AN DIE GANZTAGSSCHULE 21

6. LITERATUR 23

 

 

1. EINLEITUNG UND FRAGESTELLUNG

Die Veröffentlichung der ersten PISA-Studie1 im Jahr 2001 eröffnete eine intensive Debatte über das deutsche Bildungswesen. Die Ergebnisse dieser Studie wurden in der Öffentlichkeit als alarmierend aufgefasst: Die durchschnittlichen Kompetenzen deutscher Schüler lagen deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Zudem zeigte die PISA-Studie, dass in Deutschland das Leistungsniveau besonders stark von der sozialen Herkunft abhängig ist.

In der kontroversen Diskussion über Lösungsmöglichkeiten dieser "Bildungsmisere" geriet insbesondere das Thema Ganztagsschule in den Fokus. Mit Blick auf die Schulsysteme der in der PISA-Studie gut platzierten Länder wurde die deutsche Halbtagsschule als ein Grund für das schlechte Abschneiden Deutschlands betrachtet. Vorangetrieben wurde die Diskussion auch durch die Bundesregierung, die 2002 das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" auflegte, mit dem Einrichtung und Ausbau von Ganztagsschulen bis 2007 mit vier Milliarden Euro gefördert werden (vgl. Kiper 2005: 175).

Dass die Errichtung von Ganztagsschulen eine so zentrale Rolle im öffentlichen Diskurs und im schulpolitischen Handeln einnimmt, liegt daran, dass sich in dieser Forderung ganz unter-schiedliche Argumentationslinien und Erwartungen verschiedener politischer und gesellschaftlicher Akteure bündeln (vgl. Radisch/Klieme 2003: 13-17; Ottweiler 2005). Zentral ist die Hoffnung, damit ein besseres Leistungsniveau der Schüler zu erreichen. Weiter soll mit Ganztagsschulen insbesondere den Kindern berufstätiger Eltern bzw. Alleinerziehender eine Betreuung am Nachmittag gesichert werden, um die Eltern, vor allem die Mütter, zu entlasten und so die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Damit wird die Ganztagsschule auch als ein familienpolitisches Instrument gesehen, durch das der demographischen Krise begegnet werden könne (vgl. Richter 2004: 22). Mit der Betreuung ist eine sozialpädagogische Zielrichtung verbunden, die besonders Kindern aus schwierigem familiärem Umfeld Hilfestellung bieten, soziales Lernen ermöglichen und Gewalt-, Kriminalitäts- und Drogenproblemen vorbeugen will. Weiterhin sollen Schüler besser individuell gefördert werden. Schließlich werden Ganztagsschulen auch mit didaktischen Argumenten begründet und teilweise auch mit weitreichenden schulpädagogischen Reformideen verbunden.

Von den vielen Hoffnungen, die sich an Ganztagsschulen richten, interessiert in dieser Arbeit die, dass Ganztagsschulen Nachteile von Kindern aus sozial schwachen Familien ausgleichen und damit helfen, Chancengleichheit in der Bildungsbeteiligung zu verwirklichen. Ob diese Hoffnung berechtigt ist, ist die zentrale Frage dieser Arbeit. Ihr wird in zwei Schritten nach-gegangen: Zuerst steht der Zusammenhang von Bildung und sozialer Ungleichheit im Fokus. Nach Klärung zentraler Begriffe (Abschnitt 2) soll darauf eingegangen werden, wie stark Bildungschancen in Deutschland von der sozialen Herkunft abhängen und wodurch dies verursacht ist (Abschnitt 3). Danach werden zentrale Merkmale der Konzeption von Ganztagsschulen in Deutschland vorgestellt und daraufhin untersucht, ob sie einen Beitrag dazu leisten, die soziale Ungleichheit der Bildungschancen zu verringern (Abschnitt 4).

2. BEGRIFFSKLÄRUNG: SOZIALE UNGLEICHHEIT UND BILDUNG

Zu Beginn dieser Arbeit gilt es zunächst, den Begriff "soziale Ungleichheit" näher zu bestimmen und Bildung in den Kontext sozialer Ungleichheit einzuordnen.

2.1 Zum Begriff "soziale Ungleichheit"

Beim Zusammenleben von Menschen in sozialen Gebilden wird deutlich, dass Menschen sehr verschieden sind und sich in zahlreichen Merkmalen unterscheiden. Individuen mit gleichen Merkmalen lassen sich zu sozialen Kategorien zusammenfassen, etwa nach Alter, Religion, Ethnie, Beruf und Geschlecht. Als soziale Ungleichheit werden jedoch nur solche sozialen Unterschiede bezeichnet, die mit einer Besser- oder Schlechterstellung hinsichtlich für die Ausgestaltung von Lebensbedingungen zentraler Ressourcen verbunden sind. Zudem ist der Begriff auf solche Ungleichheiten beschränkt, die nicht nur zufällig oder einmalig, sondern regelmäßig auftreten. Stefan Hradil definiert soziale Ungleichheit daher so:


"‚Soziale Ungleichheit′ liegt dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den ‚wertvollen′ Gütern einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten." (Hradil 2001: 30.)

Für die sozialwissenschaftliche Analyse werden die vielfältigen Erscheinungen sozialer Ungleichheit in Dimensionen gebündelt. Zu den grundlegenden Dimensionen sozialer Ungleichheit rechnet Hradil neben materiellem Wohlstand, Macht und Prestige auch Bildung. Daneben sind weitere Bereiche wie die Arbeits- Wohn-, Umwelt- und Freizeitbedingungen wichtig (vgl. Hradil 2001: 31f.). Um Gefüge sozialer Ungleichheit und damit der vorherrschenden Gliederung einer Gesellschaft zu erfassen, gibt es verschiedene Konzepte. Klassenkonzepte zielen auf die Ungleichheit von Gruppierungen aufgrund ihrer Stellung im Wirtschaftsprozess ab. Schichten fassen Menschen mit ähnlich hohem Status hinsichtlich berufsnaher Dimensionen - insbesondere Bildungsniveau, Berufsprestige und Einkommen - zusammen. Jüngere Ansätze beziehen sich zum Teil auf Lebenslagen, womit die Gesamtheit ungleicher Lebensbedingungen in den verschiedenen Dimensionen erfasst wird, zum Teil arbeiten sie auch mit dem Milieubegriff, der auf Werthaltungen und Mentalitäten abzielt, oder mit Lebensstilkonzepten, die Alltagsroutinen in den Mittelpunkt stellen (vgl. Hradil 2001: 37-46).

[....]


1 PISA (Programme for International Student Assessment) ist eine international vergleichende Studie, die Lese-kompetenz, mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen von 15-Jährigen in den Staaten der OECD erfasst. Sie wird seit 2000 alle drei Jahre durchgeführt.


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