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'Handle frei nach deiner Bestimmung' oder 'Die Philosophie als Trösterin' - Eine Arbeit zu Boethius' Schrift "Trost der Philosophie"

Autor: David Völker
Fach: Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1350)

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Details

Veranstaltung: Aurelius Augustinus - Die Frage nach der Zeit
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Institut für Philosophie)
Tags: Handle, Bestimmung, Philosophie, Trösterin, Eine, Arbeit, Boethius, Schrift, Trost, Philosophie, Aurelius, Augustinus, Frage, Zeit
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 26
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 17  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 181 KB
Archivnummer: V68211
ISBN (E-Book): 978-3-638-60685-1
ISBN (Buch): 978-3-638-77400-0

Zusammenfassung / Abstract

Boethius hegt große Selbstzweifel und geht dem nahenden Tod nicht mit Freude entgegen. Er ist noch nicht bereit zu sterben. Um in Erfahrung zu bringen, was mit ihm passiert und warum er eigentlich in diese ausweglose Lage geraten ist, beginnt er ein Zwiegespräch mit seiner inneren Stimme und schreibt dieses als Dialog zwischen sich und der Philosophie nieder. Boethius befindet sich in einer vergleichbaren Situation wie Sokrates kurz vor seinem Tod. Sokrates erzählt seinen Schülern von einem in der Vergangenheit stets wieder gekehrten Traum und seiner womöglich falschen Deutung. Hat Sokrates als Philosoph seine eigentliche Bestimmung verfehlt? Dieses ist wohl möglich, denn wie Sokrates betont, kann der Mensch nicht zu absoluter Gewissheit gelangen. Irren ist menschlich! Im Falle des Sokrates führt der vermeintliche Irrtum über die eigene Bestimmung in den Tod. Er geht diesen Irrweg jedoch konsequent bis zum „bitteren“ Ende und leert den Schierlingsbecher, als wäre es sein unabwendbares Schicksal. Zuvor hatte er sich mit der keineswegs überzeugenden Begründung, dass die Menschen gewissermaßen Eigentum der Götter seien und deren Entscheidungen nicht vorgreifen sollten, gegen eine Flucht entschieden. Schließlich hätten die Philosophen kein anderes Lebensziel als den Tod, weil dieser die Seele endgültig vom Leib und von dessen niederen Bedürfnissen trenne. Auf deren Befriedigung lege ein solcher Philosoph ja schon im Leben nur geringen Wert. Auch Boethius ist einen Irrweg gegangen, jedoch unterscheidet sich sein Verhalten von dem des Sokrates. Im Gegensatz zu Sokrates stellt sich Boethius seiner inneren Stimme, die auch Sokrates hörte und die er sein daimonion nannte. Dabei erkennt Boethius zwar, was es bedeutet, ein wahrer Philosoph und gerechter Mensch zu sein, allerdings bleibt zu klären, ob und wenn ja, inwiefern er diese Erkenntnisse kurz vor seinem Tod in die (Lebens-)Praxis umzusetzen kann.

Textauszug (computergeneriert)

Freie Universität Berlin
Institut für Philosophie

PS (16038): Aurelius Augustinus: Die Frage nach der Zeit

Handle frei nach deiner Bestimmung!
oder
Die Philosophie als Trösterin

Eine Arbeit zu Boethius´ Schrift Trost der Philosophie

David Völker

WS 2003/04

 

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 3

2 Die Entstehungsbedingungen der Schrift Trost der Philosophie 4
2.1 Boethius´ Klage über das Übel der erfahrenen Ungerechtigkeit 4
2.2 Die Philosophie als sokratische Therapeutin im platonischen Dialog 6
2.3 Geistige Übungen in den Philosophenschulen der Antike 7
2.3.1 Die Schule der Stoiker 8
2.3.2 Die Schule der Epikureer 9
2.3.3 Das sokratische Gespräch im platonischen Dialog 11
2.3.4 Philosophie als Übung im Sterben 12

3 Die heilenden Argumente der Philosophie 14
3.1 Die Voraussetzung Gottes als höchste Glückseligkeit 14
3.2 Die Entscheidung zwischen wahrem und falschem Glück 17
3.3 Das Prinzip des Handelns 19
3.4 Willensfreiheit im Verhältnis zwischen Vorsehung und Schicksal 20
3.4.1 Die Unterscheidung von Vorsehung und Schicksal 20
3.4.2 Eine freie Entscheidung besteht in der relativen Unabhängigkeit vom zeitlich ausgedehnten Schicksal 22

4 Abschließende Bemerkung: Die Philosophie als ehrliche Trösterin 23

5 Bibliographie 25

 

1 Einleitung

Boethius hegt große Selbstzweifel und geht dem nahenden Tod nicht mit Freude entgegen. Er ist noch nicht bereit zu sterben. Um in Erfahrung zu bringen, was mit ihm passiert und warum er eigentlich in diese ausweglose Lage geraten ist, beginnt er ein Zwiegespräch mit seiner inneren Stimme und schreibt dieses als Dialog zwischen sich und der Philosophie nieder. Ich vertrete die These, dass sich Boethius mit Hilfe der literarischen Form des platonischen Dialogs auf den beschwerlichen Weg der Selbsterkenntnis begibt. Er sucht die Gründe für sein Scheitern, indem er sich selbst zur Rede stellt.

Boethius befindet sich in einer vergleichbaren Situation wie Sokrates kurz vor seinem Tod. Sokrates erzählt seinen Schülern von einem in der Vergangenheit stets wieder gekehrten Traum und seiner womöglich falschen Deutung. Dort hatte ihn der Dichtergott Apollon wiederholt ermahnt: „O Sokrates, […], mach und treibe Musik!“1 Das habe er jedoch als Aufforderung verstanden, nach Erkenntnis zu streben, aber vielleicht sei es anders gemeint gewesen. Hätte er nach dem Willen Apollons ein Dichter werden sollen? Ist es nicht mehr als ein Zufall, dass sich wegen des Apollonfestes auf Delos der Vollzug seiner Todesstrafe verzögert hatte.2 Schließlich habe er den gewährten Aufschub dafür genutzt, um einen Hymnus auf diesen Gott zu dichten und dabei bedacht, dass zum Dichten wesensmäßig die Fiktion gehört. Weil das Fantasieren nicht seine Stärke sei, habe er sich mit Fabeln des Aisopos befasst.3 Wie wäre sein Leben wohl verlaufen, wenn er das schon früher getan hätte? Hat Sokrates als Philosoph seine eigentliche Bestimmung verfehlt? Es ist möglich, denn, wie Sokrates betont, kann der Mensch nicht zu absoluter Gewissheit gelangen. Irren ist menschlich! Im Falle des Sokrates führt der vermeintliche Irrtum in den Tod. Er geht diesen Irrweg jedoch konsequent bis zum „bitteren“ Ende und leert den Schierlingsbecher, als wäre es sein unabwendbares Schicksal. Zuvor hatte er sich mit der keineswegs überzeugenden Begründung, dass die Menschen gewissermaßen Eigentum der Götter seien und deren Entscheidungen nicht vorgreifen sollten, gegen eine Flucht entschieden. Schließlich hätten die Philosophen kein anderes Lebensziel als den Tod, weil dieser die Seele endgültig vom Leib und von dessen niederen Bedürfnissen trenne. Auf deren Befriedigung lege ein solcher Philosoph ja schon im Leben nur geringen Wert.4

Auch Boethius ist einen Irrweg gegangen, jedoch unterscheidet sich sein Verhalten von dem des Sokrates. Im Gegensatz zu diesem stellt sich Boethius seiner inneren Stimme, die auch Sokrates hörte und die er sein daimonion nannte. Dabei erkennt er zwar, was es bedeutet, ein wahrer Philosoph und gerechter Mensch zu sein, allerdings bleibt zu klären, ob und wenn ja, inwiefern er diese Erkenntnisse kurz vor seinem Tod in die (Lebens-)Praxis umzusetzen kann. Es stellt sich die Frage, ob die Philosophie des Boethius letztlich als eine Verführerin gesehen werden muss und ihr Trost nicht mehr ist, als eine Lüge. Zunächst werde ich nun ausführlich auf die Entstehungsbedingungen der Schrift Trost der Philosophie eingehen. Anschließend unterziehe ich die Argumente der personifizierten Philosophie einer kritischen Analyse.

2 Die Entstehungsbedingungen der Schrift Trost der Philosophie

Zunächst werde ich genauer auf die Situation des Boethius eingehen, in der er seinen Text verfasst hat, um danach zu erläutern, welche schriftliche Form er gewählt hat und in welcher Tradition er sich bewegt.

2.1 Boethius´ Klage über das Übel der erfahrenen Ungerechtigkeit

Boethius verfasste seine Schrift Trost der Philosophie5 in seiner letzten Lebensphase. Während dieser Zeit war er im Gefängnis eingesperrt, wo er auf sein Todesurteil wartete. Nach eigenen Angaben war er von einem ehemaligen Staatsmann namens Basilius verräterischer Umtriebe beschuldigt worden.6

Sein Leiden hatte damit begonnen, dass im Jahre 523 ein sehr vornehmer römischer Würdenträger namens Albinus beschuldigte wurde, mit dem Römischen Kaiser einen Briefwechsel geführt zu haben, der gegen die Herrschaft des Königs der Ostgoten, Theoderich, gerichtet gewesen sei. Boethius, der dem König als hoher Beamter und dessen Vertrauter direkt unterstand, verbürgte sich für die Unschuld seines Freundes Albinus und erklärte dessen Sache zu seiner eigenen und die des ganzen Senats. Anstatt jedoch die Anklage zum Schweigen zu bringen, zog er sie auf sich und den Senat. Dieser entzog sich aber der Gefahr, indem er Boethius fallen ließ, womit er an dessen späterer Verurteilung einen erheblichen Anteil trug. Theoderich, der davon ausgehen musste, dass noch vor seinem Tode (527) über seine Herrschaft verhandelt wurde, verlor jene Ruhe, die ihn lange ausgezeichnet hatte und erzwang das Todesurteil. Er ließ es, wenngleich nach langem Zögern, in der zweiten Hälfte des Jahres 524 vollziehen.7

Obwohl Boethius niemals angehört worden war, behauptete er in seiner letzten Schrift, dass seiner Verurteilung von Seiten des Königs nachgeholfen worden wäre, indem jemand dem König gefälschte Briefe vorgelegt hätte, aus denen hervorginge, dass sein Vertrauter Boethius die römische Freiheit erhofft und gewollt hätte.8

Angesichts dieser Sachlage liegt der Verdacht nahe, dass es eine sorgfältig geplante Intrige war, die Boethius das Verderben brachte. Geradezu wie ein Märtyrer beschreibt Boethius anfangs, der sich selbst „Vorkämpfer des Guten und des Senats“9 nennt, dass er sich schützend vor den Senat gestellt hat, um Schaden von ihm abzuwenden. Im Glauben, kein Unrecht begangen zu haben, versteht er sich als ein Jünger Justitias, der es im Dienste der Gerechtigkeit furchtlos mit allen Mächten aufnimmt. Es lässt sich annehmen, dass der mächtige und einflussreiche Staatsmann Boethius zahlreiche Feinde und Neider hatte, die es auf ihn abgesehen hatten. Diese feindliche Haltung ihm gegenüber wurde sicherlich auch noch dadurch verstärkt, dass er sich als selbsternannter Freiheitskämpfer stets für die Gerechtigkeit einsetzte. So oft sich ihm die Gelegenheit bot, mischte er sich in fremde Streitigkeiten ein und nahm einerseits die Rolle des Schlichters und andererseits die des Verteidigers der aus seiner Sicht zu Unrecht Beschuldigten ein. Dabei legte er sich mit zahlreichen mächtigen Politikern an, durchkreuzte ihre Wege und machte ihnen das Leben schwer. Sein letzter Einsatz im Kampf gegen die vermeintliche Ungerechtigkeit wurde ihm dann zum Verhängnis.

[...]


1 Platon: Phaidon. 60e. Sämtliche Werke Bd. 2. Ursula Wolf (Hrsg.), Friedrich Schleiermacher (Übers.). Hamburg 2002, S. 113.

2 Vgl. Platon: Phaidon. 58a-c (2002), S. 109f.

3 Vgl. Platon: Phaidon. 60d (2002), S. 113.

4 Vgl. Platon: Phaidon. 62b (2002), S. 115.

5 Zitiert wird nach dieser Ausgabe: Anicius Manlius Boethius: Trost der Philosophie. Ernst Gegenschatz, Olof Gigon (Übers.) München 1991.

6 Boethius: Trost der Philosophie (1991), S. 75f: „Aber du fragst, welchen Verbrechens wir nun eigentlich angeklagt sind? Wir sollen die Rettung des Senats gewollt haben. […] Wir werden beschuldigt, einen Angeber verhindert zu haben, Beweisstücke auszuliefern, durch die der Senat auf Majestätsbeleidigung angeklagt werden könnte. […] Sollten wir das Verbrechen leugnen, um dir nicht zur Schande zu gereichen? Ja, ich habe es gewollt und werde niemals aufhören, es zu wollen. Soll ich gestehen?“ 4

7 Vgl. mit der Einleitung von Friedrich Klingner zu: Boethius – Trost der Philosophie. Karl Büchner (Hrsg. / Übers.). Stuttgart 2002, S, 17f.

8 Vgl. Boethius: Trost der Philosophie (1991), S. 76.

9 Ebd., S. 77.

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