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Autor: David Völker
Fach: Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Details
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Institut für Philosophie)
Tags: Erfahrung, Realität, Freiheit, Selbstschöpfung, Gottes-, Kreativitätsbegriff, Alfred, North, Whitehead, Prozess, Realität
Jahr: 2004
Seiten: 19
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 11 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 146 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-60686-8
ISBN (Buch): 978-3-638-77401-7
Zusammenfassung / Abstract
In Abenteuer der Ideen kritisiert Whitehead an Platon dessen Umgang mit dem Problem, „die Beziehung zwischen Gott und der Welt und zwischen den Ideen, die Gott in seiner Kontemplation betrachtet, und der Welt zu charakterisieren.“ Dafür greift Platon auf das Bild einer schaustellerischen Nachahmung zurück. Wenn er sich nach der Betrachtung Gottes, der den Ideen durch Aufnahme in sein Wesen Leben und Bewegung gibt, der Welt zuwendet, kann er in ihr nur zweitklassige Imitationen finden, aber niemals Originale. Sogar gibt es bei Platon einen zweitklassigen, abgeleiteten Gott der Welt, der nichts weiter als ein Scheinbild (eikon) ist, wie die Ideen dieser Welt nichts weiter als Nachahmungen sind. Whitehead betont, dass die Welt für Platon nicht mehr als ein Nachbild Gottes und seiner Ideen, aber niemals Gott und die Ideen selber enthält. Whitehead meint, dass Platon bestimmte Gründe hat, zwischen der vergänglichen Welt und dem ewigen Wesen Gottes diese Kluft zu lassen. Damit umgeht er jedoch gewisse Probleme: 1) Der Nachweis, wie die Vielheit der Individuen mit der Einheit des Universums verträglich ist. 2) Der Nachweis, warum für die Welt die Einheit mit Gott und für Gott die Einheit mit der Welt notwendig ist. 3) Die Erklärung dafür, wie die Ideen, die im Wesen Gottes enthalten sind, eben auf Grund dieser ihrer Beschaffenheit zu überredenden Elementen im schöpferischen Fortschritt werden. Während Platon das abgeleitete Sein auf dem Willen Gottes beruhen lässt, muss es nach Whitehead ein Postulat der Metaphysik sein, dass die Beziehungen zwischen Gott und der Welt frei von aller Willkür und durch Wesensnotwendigkeiten Gottes und der Welt zu begründen sind. Whitehead konstatiert, dass es Platon nicht gelungen ist, die in den späten Dialogen Sophistes und Timaios entwickelte Überzeugung, dass das göttliche Element in der Welt als eine überredende, nicht aber als eine Zwang ausübende Macht zu betrachten ist, in einen systematischen Zusammenhang mit seiner übrigen Metaphysik zu bringen. Dennoch spricht Whitehead dieser Lehre Platons den Rang einer der größten intellektuellen Entdeckungen in der Geschichte der Religion zu. Whitehead versucht, diesen systematischen Zusammenhang in seiner Kosmologie mit Hilfe der Kategorie der Kreativität herzustellen. Sie stellt für ihn das überredende Element im schöpferischen Fortschritt dar, deren „wichtigste Verkörperung“ Gott ist.
Textauszug (computergeneriert)
Freie Universität Berlin
Institut für Philosophie
HS (16078): A. N. Whitehead: Prozess und Realität
Die religiöse Erfahrung der Kreativität oder Die Freiheit der Selbstschöpfung
Zum Gottes- und Kreativitätsbegriff bei Alfred North Whitehead
David Völker
SoSe 2004
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Der bipolare Gott und seine Wechselwirkung mit der Welt 4
2.1 Gottes Urnatur 4
2.2 Gottes Folgenatur 5
2.3 Gott als wirkliches Einzelwesen 7
3 Objektive Unsterblichkeit als Vollendung des universalen Prozesses 9
3.1 Die Eigenschaft des Immerwährenden 10
3.2 Religiöse Erfahrung ist das Verständnis der Wirklichkeit im Prozess mit Gott 11
4 Kreativität als Prinzip des Neuen 14
4.1 Die innere Erfahrung der Kreativität 15
4.2 Selbstschöpferisch sein bedeutet frei sein 16
5 Abschließende Bemerkung: Religiosität ist kreativ und das Schöpferisch-Sein besitzt eine religiöse Dimension 18
6 Bibliographie 19
1 Einleitung:
Kreativität als überredendes Element im schöpferischen Fortschritt
In Abenteuer der Ideen kritisiert Whitehead an Platon dessen Umgang mit dem Problem, „die Beziehung zwischen Gott und der Welt und zwischen den Ideen, die Gott in seiner Kontemplation betrachtet, und der Welt zu charakterisieren.“1 Dafür greift Platon auf das Bild einer schaustellerischen Nachahmung zurück. Wenn er sich nach der Betrachtung Gottes, der den Ideen durch Aufnahme in sein Wesen Leben und Bewegung gibt, der Welt zuwendet, kann er in ihr nur zweitklassige Imitationen finden, aber niemals Originale. Sogar gibt es bei Platon einen zweitklassigen, abgeleiteten Gott der Welt, der nichts weiter als ein Scheinbild (eikon) ist, wie die Ideen dieser Welt nichts weiter als Nachahmungen sind. Whitehead betont, dass die Welt für Platon nicht mehr als ein Nachbild Gottes und seiner Ideen, aber niemals Gott und die Ideen selber enthält.
Whitehead meint, dass Platon bestimmte Gründe hat, zwischen der vergänglichen Welt und dem ewigen Wesen Gottes diese Kluft zu lassen. Damit umgeht er jedoch gewisse Probleme: Der Nachweis, wie die Vielheit der Individuen mit der Einheit des Universums verträglich ist. Der Nachweis, warum für die Welt die Einheit mit Gott und für Gott die Einheit mit der Welt notwendig ist.
Die Erklärung dafür, wie die Ideen, die im Wesen Gottes enthalten sind, eben auf Grund dieser ihrer Beschaffenheit zu überredenden Elementen im schöpferischen Fortschritt werden. Während Platon das abgeleitete Sein auf dem Willen Gottes beruhen lässt, muss es nach Whitehead ein Postulat der Metaphysik sein, dass die Beziehungen zwischen Gott und der Welt frei von aller Willkür und durch Wesensnotwendigkeiten Gottes und der Welt zu begründen sind.2 Whitehead konstatiert, dass es Platon nicht gelungen ist, die in den späten Dialogen Sophistes und Timaios entwickelte Überzeugung, dass das göttliche Element in der Welt als eine überredende, nicht aber als eine Zwang ausübende Macht zu betrachten ist, in einen systematischen Zusammenhang mit seiner übrigen Metaphysik zu bringen. Dennoch spricht Whitehead dieser Lehre Platons den Rang einer der größten intellektuellen Entdeckungen in der Geschichte der Religion zu.3 Whitehead versucht, diesen systematischen Zusammenhang in seiner Kosmologie mit Hilfe der Kategorie der Kreativität herzustellen. Sie stellt für ihn das überredende Element im schöpferischen Fortschritt dar, deren „wichtigste Verkörperung“4 Gott ist.
Das Vorhaben dieser Arbeit ist es, in erster Linie zu untersuchen, wie Whitehead die bei Platon auftretenden Probleme versucht zu lösen. Dafür werde ich zuerst auf den Zusammenhang von Whiteheads Gottesbegriff mit dem Begriff der objektiven Unsterblichkeit, der Eigenschaft des Immerwährenden sowie dem Phänomen der religiösen Erfahrung eingehen, bevor ich die Integration des Prinzips der Kreativität in diesen Zusammenhang darstelle. Dabei vertrete ich die These, dass Religiosität kreativ ist und die Kreativität eine religiöse Dimension besitzt.
2 Der bipolare Gott und seine Wechselwirkung mit der Welt
Zunächst stelle ich die bipolare Natur Gottes, seine Ur- und seine Folgenatur, dar. Danach diskutiere ich, was es für Whiteheads Kosmologie bedeutet, wenn er Gott als wirkliches Einzelwesen beschreibt.
2.1 Gottes Urnatur
Der platonische Demiurg, der als kosmischer Künstler die Welt (sein Kunstwerk) erschafft, gleicht dem Whiteheadschen Gott.5 Auch dieser ist nicht Schöpfer, sondern Baumeister des Universums. Bei Whitehead ordnet Gottes Urnatur die Anzahl der zeitlosen Gegenstände nach ihrer Wertigkeit. Er schafft sie nicht selber, sondern er ordnet sie. Die zeitlosen Gegenstände in Gottes Urnatur machen die platonische Welt der Ideen aus.6
Während nun Kreativität, Vieles und Eins (die Kategorien des Letzten und Endgültigen) durch alle wirklichen Einzelwesen und deren Beziehungen untereinander exemplifiziert werden, stellen alle anderen nicht verwirklichten Möglichkeiten nur Optionen für Einzelwesen dar. Die Möglichkeiten werden verwirklicht, indem die Selbstkreativität Gottes stets über sich hinaus drängt. Damit schafft er das Initialgefühl (Drang) für ein neues, außerhalb seiner selbst wirklichen Einzelwesens.7
Wenn Gott einmal das anfängliche Ziel ermöglicht hat, beginnt die Selbstkonstituierung des wirklichen Einzelwesens. Hinsichtlich der Selbstverursachung hat Gott in seiner Urnatur jedoch keinen weiteren Einfluss mehr auf dieses jeweilige Einzelwesen (erst wieder in der Folgenatur im Prozess der Selbstkonstituierung und in besonderer Weise nach dem Ende des wirklichen Einzelwesens, als einer, der Unsterblichkeit gewährt).
Die Aktivität Gottes beinhaltet, dass er sich verändert, d.h. sowohl seine Urnatur wie auch seine Folgenatur. Gott stellt eine Reihe von Entscheidungen dar, die er im Laufe seiner selbstkonstituierenden Akte vollzogen hat. In seiner Urnatur genügt Gott sich selbst als ein Werdender, denn er wird durch nichts als sich selbst affiziert. Von anderen wirklichen Einzelwesen kann er nicht affiziert werden, da diese gerade durch seine Aktivität ins Werden gebracht werden. Schließlich gibt Gott den wirklichen Einzelwesen ein Initialziel, durch das ihre Selbstkonstituierung erst beginnt.
Gott in seiner Urnatur ist außerhalb der Zeit.8 Er hat keine Vergangenheit. Anders als andere wirklichen Einzelwesen gibt er sich sein subjektives Ziel selber. Er ist selbstschöpferisch und wird durch nichts anderes bewegt.9 Whitehead führt eine Stelle aus dem 12. Buch der Metaphysik des Aristoteles an und weist darauf hin, dass der aristotelische Gottesbegriff seiner Urnatur weitgehend entspricht.10 Gott empfindet begrifflich jeden zeitlosen Gegenstand.11 Er macht ihn für andere wirkliche Einzelwesen zugänglich12, weil sich seine Urnatur auf tiefste Befriedung richtet.13
2.2 Gottes Folgenatur
[...]
1 Whitehead, A. N. : Abenteuer und Ideen. Reiner Wiehl (Hrsg.), Eberhard Bubser (Übers.). Frankfurt / Main 2000, 317. In den folgenden Zitaten aus diesem Werk verwende ich die Abkürzung AI.
2 Vgl. ebd., 317f.
3 Vgl. ebd., 315.
4 Whitehead, A. N.: Prozess und Realität. Hans Günter Holl (Übers.). Frankfurt / Main 1979, 613. In den folgenden Zitaten aus diesem Werk verwende ich die Abkürzung PR.
5 Hartshorne, Ch.: Peirce, Whitehead und die sechzehn Ansichten über Gott. In: Die Gifford Lectures und ihre Deutung. Materialien zu Whiteheads Prozess und Realität 2. Michael Hampe, Helmut Maaßen (Hrsg.). Frankfurt / Main 1991, 198.
6 Vgl. PR, 103.
7 Vgl. ebd., 446f.
8 Vgl. ebd., 80f.
9 Vgl. ebd., 173f.
10 Vgl. ebd., 615.
11 Vgl. ebd., 456.
12 Vgl. ebd., 306.
13 Vgl. ebd., 205.
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