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Interkulturelles Training im Gesundheitswesen

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 24 Pages
Author: Beatrix Deiss
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 24
Grade: 1.3
Bibliography: ~ 20  Entries
Language: German
Archive No.: V68234
ISBN (E-book): 978-3-638-60701-8
ISBN (Book): 978-3-638-76842-9
File size: 204 KB

Abstract

In den 60er Jahren warb Deutschland Millionen Gastarbeiter vor allem aus Italien, Griechenland, Portugal, aus Jugoslawien und später der Türkei an. Viele kehrten nicht in ihre Heimatländer zurück, sondern blieben im Land, und ihre Kinder und Enkel wurden in Deutschland geboren und wuchsen hier auf. Dies hatte Auswirkungen auf alle Gesellschaftsbereiche, darunter auch der Bereich der gesundheitlichen Versorgung. Die Zusammensetzung der Patienten in den Krankenhäusern und Arztpraxen hat sich verändert. Mehr und mehr Menschen mit nicht-deutschem kulturellen Hintergrund werden dort behandelt und gepflegt.1 Dabei kann es zu Verständigungs- und Verständnisschwierigkeiten kommen, die von den Beschäftigten des Gesundheitswesens oft der anderen Kultur der Patienten zugeschrieben werden. Welche Kulturstandards und welche Konzepte von Krankheit, Gesundheit und medizinischer Versorgung den Erwartungen, Einstellungen und dem Verhalten der Patienten allerdings zugrunde liegen, darüber ist meist kein Wissen vorhanden. Interkulturelle Trainings im Gesundheitsbereich könnten hier Abhilfe schaffen und die Situation von Migranten nicht nur der ersten sondern auch der Folgegenerationen stark verbessern. Vereinzelt haben sich sogenannte Ethnomediziner, die aus Medizin, Psychologie oder Ethnologie kommen, des Problems angenommen und solche Trainings entwickelt. Im Folgenden soll zunächst ein theoretischer Überblick über den Zusammenhang von Kultur und Krankheit gegeben werden, dann wird allgemein erläutert, was unter interkulturellem Training zu verstehen ist, bevor spezielle Trainingskonzepte für den medizinischen Bereich erklärt werden. Abschließend werden in einem Ausblick mögliche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von Migranten im übergeordneten Kontext von Politik und Gesundheitswesen dargestellt.


Excerpt (computer-generated)

Ludwig-Maximilians-Universität München Institut für Interkulturelle Kommunikation
Hauptseminar: Theorien und Methoden des interkulturellen Trainings

Interkulturelles Training im Gesundheitswesen

von Beatrix Deiss
2006

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 3

2. Kultur und Krankheit ... 4
2.1 Kulturspezifische Syndrome ... 4
2.2 Medizinsysteme ... 5
2.2.1 Medizinsysteme in Deutschland ... 6
2.2.2 Volksmedizin ... 6
2.3 Auswirkungen auf die Behandlung ... 7

3. Interkulturelles Training ... 8
3.1. Ziele des Trainings ... 9
3.2 Trainingsmethoden ... 10
3.2.1 Kulturgenerelle didaktische Methoden ... 10
3.2.2 Kulturgenerelle erfahrungsbasierte Methoden ... 10
3.2.3 Kulturspezifische didaktische Methoden ... 11
3.2.4 Kulturspezifische erfahrungsbasierte Methoden ... 12

4. Trainingskonzept für den Gesundheitsbereich ... 13
4.1 Allgemeines Design ... 13
4.2 Trainingsinhalte und -methoden ... 14
4.2.1 Bereich 1: Allgemeiner Teil zum Konzept Kultur ... 14
4.2.2 Bereich 2: Kulturelle Durchdringung von Gesundheit und Krankheit ... 14
4.2.3 Bereich 3: Transfer durch Fallbeispiele ... 16
4.3 Mögliche Schwierigkeiten ... 17
4.4 Situation im Gesundheitsbereich ... 18

5. Ausblick: Maßnahmen zur Verbesserung des Gesundheitswesens für Migranten ... 18
5.1 Politisch ... 19
5.2 Strukturell ... 20
5.3 Institutionell ... 20

Literatur ... 22

 

1. Einleitung

In den 60er Jahren warb Deutschland Millionen Gastarbeiter vor allem aus Italien, Griechenland, Portugal, aus Jugoslawien und später der Türkei an. Viele kehrten nicht in ihre Heimatländer zurück, sondern blieben im Land, und ihre Kinder und Enkel wurden in Deutschland geboren und wuchsen hier auf.
Dies hatte Auswirkungen auf alle Gesellschaftsbereiche, darunter auch der Bereich der gesundheitlichen Versorgung. Die Zusammensetzung der Patienten in den Krankenhäusern und Arztpraxen hat sich verändert. Mehr und mehr Menschen mit nicht-deutschem kulturellen Hintergrund werden dort behandelt und gepflegt.1
Dabei kann es zu Verständigungs- und Verständnisschwierigkeiten kommen, die von den Beschäftigten des Gesundheitswesens oft der anderen Kultur der Patienten zugeschrieben werden. Welche Kulturstandards und welche Konzepte von Krankheit, Gesundheit und medizinischer Versorgung den Erwartungen, Einstellungen und dem Verhalten der Patienten allerdings zugrunde liegen, darüber ist meist kein Wissen vorhanden. Interkulturelle Trainings im Gesundheitsbereich könnten hier Abhilfe schaffen und die Situation von Migranten nicht nur der ersten sondern auch der Folgegenerationen stark verbessern. Vereinzelt haben sich sogenannte Ethnomediziner, die aus Medizin, Psychologie oder Ethnologie kommen, des Problems angenommen und solche Trainings entwickelt.
Im Folgenden soll zunächst ein theoretischer Überblick über den Zusammenhang von Kultur und Krankheit gegeben werden, dann wird allgemein erläutert, was unter interkulturellem Training zu verstehen ist, bevor spezielle Trainingskonzepte für den medizinischen Bereich erklärt werden. Abschließend werden in einem Ausblick mögliche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von Migranten im übergeordneten Kontext von Politik und Gesundheitswesen dargestellt.

 

2. Kultur und Krankheit

Gesundheit und Krankheit sind Phänomene, die alle Gesellschaften und Kulturen gleichermaßen betrifft, aber ihre Einordnung geschieht nicht gleichartig, sondern wird wie alle anderen Lebensbereiche auch von kulturellen Wertvorstellungen, Normen, Gefühlsmustern und Verhaltensprogrammen geprägt. Die Vorstellungen davon, was als Krankheit gesehen wird oder wie und von wem sie zu behandeln ist, unterscheiden sich von Kultur zu Kultur und sind mit weiteren kulturellen Bereichen wie Religion, Sozialorganisation oder Kosmologie verbunden.2
Im industriell geprägten westlichen Kulturkreis überwiegt ein naturwissenschaftlich geprägtes Verständnis von Krankheit. Sie wird als „Abweichung von einer objektivierbaren Größe bzw. einer wissenschaftlichen Norm verstanden.“3 Allerdings vertrauen auch hierzulande viele Menschen auf alternative Heilmittel wie Homöopathie oder Methoden aus anderen Kulturen wie die traditionelle chinesische Medizin oder indisches Ayurveda.

 

2.1 Kulturspezifische Syndrome

In anderen Regionen und Kulturen der Welt gibt es Krankheitskonfigurationen, die in ihrer Symptomzusammenstellung und Bedeutung nur bedingt oder überhaupt nicht westlich-wissenschaftlichen Krankheitsbildern entsprechen.4 Mit dem Begriff kulturspezifische oder kulturgebundene Syndrome werden „uns fremd erscheinende Wahrnehmungen, Erklärungszusammenhänge und Ausdrucksformen von Schmerzen und Krankheiten umrissen.“5 In der Literatur werden etwa die Beispiele des „Mamma-Mia-Syndroms“6 genannt, mit dem allgemein Schmerzäußerungen bei Patienten aus dem Mittelmeerbereich bezeichnet werden oder „Susto“, „ein mit Schreckerlebnissen und Seelenverlust in Verbindung gebrachtes Krankheitsbild aus Lateinamerika.“7 Susto wird häufig als Depression in die westlichen Klassifikationssysteme eingeordnet, obwohl die Krankheit nach Aussage der Betroffenen verschiedene Ursachen und Folgen hat und damit auch jeweils unterschiedliche Heilungsmethoden erforderlich sind.8
Der Begriff des kulturgebundenen Syndroms ist eine „Art Kunstgriff des amerikanisch-europäischen Denkens“9 , um bislang Unerklärlichem zu begegnen und es zu deuten; er zeigt eine deutlich ethnozentrische Sichtweise, da er impliziert, dass die eigenen Krankheitsbilder kulturfrei seien und damit westliche Krankheitsbilder auf fremdkulturelle Kontexte übertragen werden könnten.10 Viola Hörbst folgert, dass das Modell der kulturgebundenen Syndrome seinem eigentlichen Ziel im Wege stehe, andersartige Auffassungen von Krankheiten, andere Erklärungszusammenhänge und Herangehensweisen besser zu verstehen. Fremdkulturelle Erklärungen, die „Aufschluß über Körperwahrnehmung, Bewertung von Symptomen, Krankheitsauffassungen und ihren Ausdruckskomponenten sowie Heilungserwartungen geben könnten, werden mehr oder minder außen vorgelassen oder als bloße Glaubenssache oder abergläubische Einstellungen mißachtet.“ 11

[...]


1 vgl. Schulze-Rostek 2002, S. 151.
2 vgl. Atik-Yildizgördü 2002, S. 59; Hörbst/Lenk-Neumann (2002), S. 25f.
3 Atik-Yildizgördü 2002, S. 59.
4 vgl. Hörbst/Lenk-Neumann 2002, S. 27.
5 Hörbst 2002b, S. 45.
6 vgl. Becker/Wunderer 1998, S. 9.
7 ebd.
8 vgl. ebd.
9 ebd.
10 vgl. Hörbst/Lenk-Neumann 2002, S. 27.
11 Hörbst 2002b. S. 51f.


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