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Sophie Scholl. Eine junge Frau zwischen Begehren und Pflicht

Subtitle: Ein Interpretationsversuch anhand von Tagebüchern und Briefen

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 107 Pages
Author: Isabel Ebber
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Hauptstufenseminar: Mythos, Legende und historische Rekonstruktion am Beispiel der Gruppe Weiße Rose
Institution/College: University of Duisburg-Essen (Germanistik)
Tags: Sophie, Scholl, Eine, Frau, Begehren, Pflicht, Hauptstufenseminar, Mythos, Legende, Rekonstruktion, Beispiel, Gruppe, Weiße, Rose
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 107
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V6843
ISBN (E-book): 978-3-638-14324-0
ISBN (Book): 978-3-638-72649-8
File size: 382 KB

Abstract

Die folgende Interpretation beruht auf einer kategorischen Zitatensammlung aus den Brief- und Tagebuchaufzeichnungen von Sophie Scholl. Durch einen thematisch sehr differenzierten Leseprozess werden Textfragmente aus Sophies Briefen und Tagebucheintragungen in psychologische Deutungszusammenhänge eingebettet. Nachgewiesen in diesem Sinne wird eine bewusste Funktionalisierung des Briefschreibens und Briefwechsels, der Arbeit und des Lernens, der Natur, der Musik, emotional besetzter Objekte und der Beziehung zu Fritz. Die Schriften des Tagebuchs und der Briefe sind für Sophie ein funktionaler Bestandteil der gefühls- und verstandesgemäßen Selbstvergewisserung, des Findens, des Zweifelns und der Identitätssuche. Das Lesen der Preisgabe dieses intimen Bereichs, der normalerweise nur einem selbst und vertrautesten Mitmenschen sogar nur partiell zugänglich ist, sollte als Gedanke stets im Hinterkopf haften, um die Dokumente als einzigartige Zugänge zu Sophies Gefühls- und Gedankenwelt zu begreifen. Ihre Schriften offenbaren nicht nur ihre träumerischen und sehr emotionalen Zugänge, sondern auch ihre reflektierend analysierenden Zugänge zu ihrer Umwelt über beispielsweise ihre kritischen Überlegungen zu Identität und Individualität, zur Rolle des Soldaten, zum Weiblichkeitsverständnis, zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Mensch und Religion, Mensch und Literatur, Mensch und Musik, Mensch und Arbeit.


Excerpt (computer-generated)

Universität Essen
Sommersemester 2002
Fachbereich 2 - Pädagogik
Veranstaltung: Hauptstufenseminar: Mythos, Legende und historische Rekonstruktion am Beispiel der Gruppe ,,Weiße Rose"
Kategorie: Hauptstufenseminararbeit

Sophie Scholl: Eine junge Frau 
zwischen Begehren und Pflicht. 
Tagebücher, Briefe. Ein Interpretationsversuch.

Bewertung: sehr gut
Verfasserin: Isabel Ebber.

 

Inhaltsverzeichnis

I. Interpretationsversuch - Sophie Scholls Briefe und Tagebuchaufzeichnungen.
Seite 1 bis Seite 46.


0. Zum Geleit.
Seite 1 bis Seite 4.
1. Zitate von Sophie - Betreff: Malerei und Zeichnerei.
Seite 4 bis Seite 4.
2. Zitate von Sophie - Betreff: Literatur.
Seite 4 bis Seite 5.
3. Zitate von Sophie - Betreff: Musik und kulturelles Leben.
Seite 6 bis Seite 6.
4. Zitate von Sophie - Betreff: Sprachästhetik, sprachliche Exaktheit, Logik und rhetorische Auffälligkeiten.
Seite 7 bis Seite 9.
5. Zitate von Sophie - Betreff: Funktionen des Briefschreibens und Wirkungen.
Seite 9 bis Seite 11.
6. Zitate von Sophie - Betreff: Natur.
Seite 11 bis Seite 13.
7. Zitate von Sophie - Betreff: Wunsch nach Struktur und Berechenbarkeit von Gegenwart und Zukunft, Machtlosigkeit in Bezug auf Planbarkeit.
Seite 13 bis Seite 14.
8. Zitate von Sophie - Betreff: Der Umgang mit den Begriffen ,,Welt" und ,,Insel", die Funktionalisierung von Objekten und Gedanken zur Erstellung einer emotionalen Verbindung und Nähe, zur Erstellung eines Heimatgefühls.
Seite 14 bis Seite 16.
9. Zitate von Sophie - Betreff: Ausdruck von Emotionen.
Seite 16 bis Seite 18.
10. Zitate von Sophie - Betreff: Entwicklung ihres Menschenbildes.
Seite 18 bis Seite 21.
11. Zitate von Sophie: Betreff - Das Bedürfnis - Schönes zu teilen, Bescheidenheit und moralischer Anspruch.
Seite 21 bis Seite 22.
12. Zitate von Sophie - Betreff: Religion und Gott.
Seite 22 bis Seite 28.
13. Zitate von Sophie - Betreff: Zeit.
Seite 28 bis Seite 28.
14. Zitate von Sophie - Betreff: Bewährungs- und Erwartungshaltung in Bezug auf eine besondere Zukunft.
Seite 29 bis Seite 31.
15. Zitate von Sophie - Betreff: Arbeit und Lernen.
Seite 31 bis Seite 32.
16. Zitate von Sophie - Betreff: Erziehung und pädagogischer Beruf.
Seite 33 bis Seite 36.
17. Zitate von Sophie - Betreff: Weiblichkeitsbild und Geschlechterverhältnis.
Seite 36 bis Seite 40.
18. Zitate von Sophie - Betreff: Beziehung zu Fritz Hartnagel und Wandlungsprozesse.
Seite 40 bis Seite 44.

II. Zitatensammlung.
Seite 44 bis Seite 106.

 

I. Interpretationsversuch - Sophie Scholls Briefe und Tagebuchaufzeichnungen.

0. Zum Geleit.

Die folgende Interpretation beruht auf einer kategorischen Zitatensammlung, der Einbeziehung weiterer Zitate aus den Brief- und Tagebuchaufzeichnungen und den Vernehmungsprotokollen.
Durch einen selektiven Leseprozess der Publikation von
Jens, Inge (Hg.): Hans Scholl und Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen. Frankfurt am Main 1998.
sind Textfragmente aus Sophies Briefen und Tagebucheintragungen zusammengetragen worden, die thematische Parallelen aufweisen.
Mit dieser Lesemethode ist eine Zitatensammlung mit folgenden Kategorien entstanden:


1. Malerei und Zeichnerei
2. Literatur
3. Musik und kulturelles Leben
4. Sprachästhetik, sprachliche Exaktheit, Logik und rhetorische Auffälligkeiten
5. Funktionen des Briefschreibens und Wirkungen
6. Natur
7. Wunsch nach Struktur und Berechenbarkeit von Gegenwart und Zukunft, Machtlosigkeit in Bezug auf Planbarkeit
8. Der Umgang mit den Begriffen ,,Welt" und ,,Insel", die Funktionalisierung von Objekten und Gedanken zur Erstellung einer emotionalen Verbindung und Nähe, zur Erstellung eines Heimatgefühls
9. Ausdruck von Emotionen
10. Entwicklung ihres Menschenbildes
11. Das Bedürfnis - Schönes zu teilen, Bescheidenheit und moralischer Anspruch
12. Religion und Gott
13. Zeit
14. Bewährungs- und Erwartungshaltung in Bezug auf eine besondere Zukunft
15. Arbeit und Lernen
16. Erziehung und pädagogischer Beruf
17. Weiblichkeitsbild und Geschlechterverhältnis
18. Beziehung zu Fritz Hartnagel und Wandlungsprozesse

Für den Nachvollzug der Interpretation ist mindestens ein oberflächliches Gelesenhaben der Publikation und biographischer Informationen obligat, insbesondere auch - weil die Interpretation keinen verlässlichen Aufbau von Hintergrundinformationen gewährleistet.
Angeraten ist, beim Lesen der Interpretation pro Kategorie jeweils die dazugehörende kategorische Zitatensammlung vergleichend heranzuziehen.
Zwar habe ich in der Interpretation Zitate häufig in den Text integriert - manchmal verweise ich jedoch nur auf das Briefdatum, so dass ein Zugang zur Quelle für den Nachvollzug des Interpretationszusammenhangs erstellt werden muss. Außerdem erfahren meine in der Interpretation aufgestellten Thesen über die Akkumulation von Zitaten - die eine Kategorie betreffen, starke Unterstützung. Damit steht ein in dieser Interpretation angeführtes Zitat funktional für die Untermauerung der von mir aufgestellten These, jedoch zumeist nur stellvertretend für die Kategorie oder einen Bereich der Kategorie, aus dem das Zitat entnommen wurde.
Die kategorische Zitatensammlung ist im Anschluss dieser Arbeit aufgeführt.
Als Einwand gegen die Methode des bewusst selektiven Lesens und darauf bauender Kategorisierung kann natürlich angeführt werden, dass damit Auslassungen von Themen entstehen, die Sophie nur vereinzelt verschriftlicht hat, denn eine Kategorisierung baut auf der kontinuierlichen Wiederholung eines Themas.
Da mit dieser Methode jedoch wichtige inhaltliche Schwerpunktthemen herauskristallisiert worden sind und es außerdem durch eine Aneinanderreihung der thematisch analogen Zitate möglich wurde, Denk- und Entwicklungsprozesse zu erschließen, halte ich das Vorgehen für sehr fruchtbar.
Ein weiterer Vorteil der Kategorisierungsmethode erschloss sich mir, als ich beim inhaltlichen Vergleich der Kategorien funktionale Parallelen aufweisen konnte.
Dass Sophie sehr bewusst Strategien zum Zwecke der Schaffung einer emotionalen Balance in einer von Harmonie-, Struktur- und Schönheitslosigkeit empfundenen Zeit entwickelt, wird in dieser Interpretation aufgewiesen und mit zahlreichen Belegen untermauert.
Nachgewiesen in diesem Sinne wird eine bewusste Funktionalisierung des Briefschreibens und Briefwechsels, der Arbeit und des Lernens, der Natur, der Musik, emotional besetzter Objekte und der Beziehung zu Fritz.
Der Begriff der Funktionalisierung wird folglich in dieser Arbeit eine große Rolle spielen.
Betont sei an dieser Stelle, dass ich diesen Begriff nicht in negativem Bezug gebrauche, das heißt - konnotiert mit dem Missbrauchs- und Ausbeutungsgedanken.
Ein solches Begriffsverständnis zu vermuten, liegt nahe, da man den Funktionalisierungsbegriff dem Bereich der Technik zuordnen kann und damit dem Bereich der mechanischen Leblosigkeit, der speziellen mechanischen Aufgabenerfüllung, des nutzenorientierten Dienstverhältnisses zwischen Mensch und technischem Objekt über das Funktionsgebot.
Ich verwende den Begriff der Funktionalisierung mit positiver Konnotierung.
Mit diesem Begriff wird in dieser Arbeit aufgezeigt, wie Sophie verschiedenen Dingen der von ihr wahrgenommenen Umwelt Aufgaben zuweist, die ihrer Bedürfnislage entgegenkommen. Über den Nachweis dieser Form von Beziehungserstellung wird herauskristallisiert, dass Sophie die Dinge ihrer Umwelt ernsthaft, aufmerksam und reflektiert betrachtet, wobei sie das von ihr interpretierte Wesen der Dinge ehrt, indem sie den für sich erkannten Wert respektvoll in ihre Bedürfnisstruktur einbaut.
Mit dem Begriff der Funktionalisierung ist daher in meiner Arbeit ein Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt beschrieben, das sich über eine sehr nachdenkliche, intensive Auseinandersetzung mit der tendenziell subjektiven Bedeutung der Umwelt definiert.
Diese Tendenz Sophies zur Subjektbezogenheit wird über ihre Tagbucheintragungen und Briefe prägnant deutlich.
Einigen Lesern dieser Schriften mag Sophie sogar wie eine junge Frau wirken, welche sich nur egozentrisch abkapselt, wobei sie sich zumeist in Träumen bewegt.
Dieser Eindruck wird über ihre Empfindungen zur Natur bekräftigt, die sie in ihrem intensiven Erleben oftmals niederschreibt.
Teilweise mag der Eindruck der starken Subjektbezogenheit auch an der Funktion des Tagebuchs und der Briefe liegen, Ereignisse und damit zusammenhängende Gefühle und Denkvorgänge über das Niederschreiben meinungsfindend zu verarbeiten und über dieses hinterfragende Schreiben das Bild einer sich selbst bewussten Persönlichkeit zu behaupten, zu entwickeln und zu suchen.
Die Schriften des Tagebuchs und der Briefe sind damit sehr persönlich, da sie für Sophie ein funktionaler Bestandteil der gefühls- und verstandesgemäßen Selbstvergewisserung, des Findens, des Zweifelns und der Identitätssuche sind. Das Lesen der Preisgabe dieses intimen Bereichs, der normalerweise nur einem selbst und vertrautesten Mitmenschen sogar nur partiell zugänglich ist, sollte als Gedanke stets im Hinterkopf haften, um die Dokumente als einzigartige Zugänge zu Sophies Gefühls- und Gedankenwelt zu begreifen. Ihre Schriften offenbaren nicht nur ihre träumerischen und sehr emotionalen Zugänge, sondern auch ihre reflektierend analysierenden Zugänge zu ihrer Umwelt über beispielsweise ihre kritischen Überlegungen zu Identität und Individualität, zur Rolle des Soldaten, zum Weiblichkeitsverständnis, zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Mensch und Religion, Mensch und Literatur, Mensch und Musik, Mensch und Arbeit.
Das Lesen der Schriften Sophies prägen innerlich das Bild einer jungen Frau, welche mit feinfühliger, kritischer Ernsthaftigkeit, hohem kognitivem und moralischem Selbst- und Fremdanspruch Wege des humanen, intelligenten, schönen Miteinanderlebens beschreibt, mit Sehnsucht, Traurigkeit und über abkapselnden Rückzug in Buch-, Natur-, Musik- und Religionswelten protestierend einfordert, wobei sie an einen Punkt der Unerträglichkeit gelangt, an dem sie die Möglichkeit greift, diese Wege als Selbst- und Menschheitsbedürfnis mit systemwiderständischen Handeln realisierend einzuleiten.
Natürlich präsentiere ich nur ein Interpretationsangebot.
Ein solches will kritisch hinterfragt werden und soll der Anregung dienen.
Daher dient die umfassende Zitatensammlung nicht nur als Belegakkumulation meiner Thesen und der Legitimierung meiner Interpretation, sondern auch der selbsttätigen Auseinandersetzung.
Versucht habe ich mit der akribisch selektiven Sammlung vieler Zitate, der Interpretation einen adäquaten qualitativen Standard und damit Glaubwürdigkeit zu verleihen.
Dass die Kategorienüberschriften in einigen Fällen nicht nur mit einem Begriff die Kategorie benennen, sondern eine Thesenformulierung und damit bereits eine Interpretation der Zitatenakkumulation darstellen, verweist auf die Funktionalisierung der Kategorisierung als Belegtafel für meine Thesen.

1. Zitate von Sophie - Betreff: Malerei und Zeichnerei.

[...]


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