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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 33 Pages
Author: Anna Purath
Subject: Film Science
Details
Institution/College: Free University of Berlin (Inst. für Theaterwissenschaft)
Tags: Masochismus, Fight Club, Freud, Psychoanalyse
Year: 2001
Pages: 33
Grade: 2
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-14337-0
File size: 99 KB
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Excerpt (computer-generated)
FU Berlin - Institut für Filmwissenschaft
SS 2001
HS: Körper- und Technikphantasmen:
Zur Darstellung des männlichen Körpers
im aktuellen Hollywood-Kino
Masochismus und The Fight Club
Vorgelegt von:
Anna Purath
Gliederung:
I Einleitung
II Masochismus als Selbstzweck?
III Zwischen Fragmentierung und heterokosmischem Impuls
IV Schluß
I Einleitung
In seinem Buch The Cinematic Body schlägt Shaviro eine neue Herangehensweise der Filmtheorie vor: "(...) a new approach to the dynamics of film viewing: one that is masochistic, mimetic, tactile, and corporeal, in contrast to the reigning psychoanalytic paradigm′s emphasis on sadism and separation" . Im Gegensatz zum psychoanalytischen Ansatz soll diese masochistische Lesart subversive Momente des Kinos greifbar machen, die unter konventionellen Gesichtspunkten unwirksam bleiben würden. Für einige seiner Argumente liefert der 1999 unter der Regie von David Fincher entstandene Film The Fight Club durchaus handfeste Beweise. Gleichzeitig münden aber viele seiner masochistischen Momente in einen intendierten Sadismus, Selbstzerstörung in Selbstfindung oder Zerstörung der Umwelt in einen Neuanfang. Aus diesen "Widersprüchen" lassen sich wiederum zahlreiche Parallelen ziehen, zu psychoanalytischen Modellen des Masochismus einerseits, und zu konventionellen Mustern des Actiongenres andererseits.
Die folgende Arbeit hat den Anspruch, Shaviros Thesen zum Masochismus anhand von Fight Club zu relativieren und zu zeigen, daß sie nicht im unbedingten Widerspruch zu psychoanalytischen Modellen stehen, wie sie uns beispielsweise Freud oder Reik geben. Anstatt das eine Paradigma gegen das andere auszuspielen, soll hier vielmehr die Koexistenz von Ansätzen hervorgehoben werden. Zwei Themen stehen hierbei im Mittelpunkt: Zum einen die Frage, ob die masochistische Erfahrung im Sinne Shaviros als Selbstzweck aufgefaßt werden kann; und zum anderen das daran anschließende Verhältnis zwischen Fragmentierung und Einheit des Subjekts.
Die Ausführungen beziehen sich neben Shaviro auf einen Text zum Masochismus von Kaja Silverman aus ihrem Buch Male Subjectivity at the Margins, sowie auf die Schlüsseltexte zum Masochismus von Sigmund Freud. Da die Hauptfigur in Fight Club, welche von Edward Norton gespielt wird, keinen eindeutigen Eigennamen hat und zudem das Problem der Auseinanderhaltung seiner beiden Hälften besteht, wird im Folgenden der Einfachheit halber zwischen "Norton" und "Tyler" (Brad Pitt) unterschieden.
II Masochismus als Selbstzweck?
Shaviro stellt in seinem Text den Schmerz des Masochisten als dessen eigentliches und letztes Lustziel dar: "It is impossible to reduce sexual passion, and within it the ‚passion for perceiving′ that animates the cinematic spectator, to a desire for self-identity, wholeness, security, and recognition. The masochist seeks not to reach a final consummation, but to hold it off, to prolong the frenzy, for as long as possible". Der Schmerz und die Zersetzung als solche werden in Fight Club verschiedentlich als Endziel thematisiert.
Das erste Beispiel dieser Art sind die Selbsthilfegruppen. Hier wird Schmerz bereits als etwas Heilendes, Trostspendendes dargestellt. In einer der Gruppen führt die Leiterin eine Meditation mit folgenden Worten ein: "Stellt euch euren Schmerz als weißen Ball vor aus heilendem Licht. Er bewegt sich über euren Körper und heilt euch". Auch das Weinen unter den Männern der Hodenkrebs-Selbsthilfegruppe hat diesen heilenden oder erlösenden Moment: Indem das Leid nicht verdrängt sondern betont wird, schafft es Linderung. Man könnte an dieser Stelle sagen, daß Norton seine Bedürfnisse in einem Schmerz erfüllt sieht, in den er sich freiwillig hineinbegibt. Aber hier stößt Shaviros Selbstzweck-Argument bereits an seine Grenzen. Die Erlösung durch Schmerz impliziert ein "Danach", welches sich von dem Schmerz als solchem differenziert. Der Schmerz ist kein wünschenswerter andauernder Zustand, er ergibt nur einen Sinn im Zusammenspiel mit einem schmerzfreien Zustand: "Jeden Abend starb ich, und jeden Abend wurde ich wiedergeboren, feierte Auferstehung". Diese Auferstehung ist zweifellos die befreiende Loslösung von Nortons Schmerzphantasie.
Weiter wissen wir auch, daß die Selbsthilfegruppen für Norton keinen Selbstzweck erfüllen: Das Hineinbegeben in den Schmerz und das ostentative Mit-teilen, mit der Garantie daß man gehört wird, spenden Trost. Für Norton ist es sogar das Hineinbegeben in einen Schmerz, den er nicht wirklich hat. Für ihn bedeuten die Gruppen mehr als Trost, sie sind seine selbstverordnete, abhängig machende Medikation, er ist "süchtig". Und diese Sucht besteht in der Verdrängung oder Abstumpfung des eigentlichen Leidens durch ein anderes stärkeres, wenn auch künstlich herbeigeführtes, und dann auch noch lediglich in der Vorstellung existierendes Leid. Bewußt ist es für Norton die Behandlung seiner Schlafstörungen, das Symptom, welches er durch die Gruppentherapien zum Abklingen bringt, aber fälschlicherweise für die eigentliche Krankheit hält. Unterbewußt weiß er genau, daß seine Sucht, wie jede andere auch, eine Flucht vor den Tatsachen ist, vor dem Entdecken der wahren Umstände seiner "Krankheit". Das Aufblitzen der "Tyler-Frames" an den Schlüsselstellen ist ein latenter Hinweis darauf.
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