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Diploma Thesis, 2006, 166 Pages
Author: Dipl.-Sozialwiss. Doris Meißner
Subject: Psychology - Social Psychology
Details
Tags: Achsen, Differenz, Achsen, Ungleichheit, Race, Class, Gender, Diskussion
Year: 2006
Pages: 166
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 104 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-60042-2
File size: 1019 KB
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Excerpt (computer-generated)
Universität Hannover
Philosophische Fakultät
Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
„Achsen der Differenz – Achsen der Ungleichheit:
„Race, Class, Gender“ in der feministischen Diskussion“
Diplomarbeit im Studiengang Sozialwissenschaften
vorgelegt von: Doris Meißner
vorgelegt am: 26. April 2006
Inhaltsverzeichnis
Tabellenverzeichnis ... 3
Abkürzungsverzeichnis ... 3
1. Einleitung ... 4
1.1 Ziele und Fragen ... 7
1.2 Die Kapitel im Überblick ... 9
2. Annäherung an den Intersectionality-Ansatz ... 10
2.1. Intersectionality - Eine Theorieperspektive zu Race, Class, Gender? ... 10
2.1.1 Was bedeutet Intersectionality? ... 11
2.1.2 Unterschiedliche theoretische Herangehensweisen und soziologische Ebenen ... 17
2.1.3 Terminologische Diskussion zu Race, Class, Gender ... 25
2.1.3.1 Race – Rassismus und Sexismus ... 26
2.1.3.2 Ethnizität – Ethnische Gruppe – Nationaler Bezugsrahmen ... 30
2.1.3.3 Gender zwischen Differenz und Ungleichheit ... 35
2.1.3.4 Class – Klassische Ungleichheitsforschung – Gender and Class Debate ... 47
3. Black Feminist und Women of Color zu den Ursprüngen in den USA ... 52
3.1 Geschichtliche Rückblicke – Zeitliche Kontextualisierung ... 52
3.2 Auswahl von Autorinnenbeiträgen zum Intersectionality-Ansatz ... 58
3.2.1 Das Combahee River Collective: „neither solely racial nor solely sexual“ ... 59
3.2.2 Patricia Hill Collins – Wissenschaftskritik schwarzer Forscherinnen ... 65
3.2.3 Kimberlé Crenshaw: Politik u. Rechtsprechung im Zeichen v. Intersectionality..78
3.4 Zusammenfassungen der „Autorinnenschau“ in den USA ... 86
4. Diskurse über Intersektionalität von Geschlecht und Ethnie in Deutschland ... 89
4.1 Intersectionality oder Multiaxialität in der deutschen Diskussion? ... 89
4.2 Auswahl der Autorinnenbeiträge: Nationalkonstruktion und „Gastarbeit“ ... 90
4.2.1 FeMigra: Soziale Differenzen unter Frauen ... 96
4.2.2 Sedef Gümen: Nationalstaatlichkeit – „Ausblendung“ und „Besonderlichung“..101
4.2.3 Encarnación Gutiérrez Rodríguez: Postkoloniale Kritik u. Kontextualisierung..111
4.3 Zusammenfassungen der „Autorinnenschau“ in Deutschland ... 122
5. Zusammenschau: Felder der Rezeption von Race, Class, Gender ... 124
5.1 Themenkreise – Standpunkte und Perspektiven ... 124
5.1.1 US-amerikansiche Diskussion ... 124
5.1.2 Deutsche Diskussion ... 131
5.2 Lücken in der Intersectionality- Forschung ... 139
5.3 Weiterführendes und Fazit zur intersektionellen Forschung ... 143
Literaturverzeichnis ... 154
1. Einleitung
Während meines Aufenthalts in Mexiko machte ich die Beobachtung, dass Arbeitgeber der exportorientierten Maquila-Industrie1 Personal v.a. nach dem Geschlecht und nach der ethnischen Zugehörigkeit in prekäre Arbeitsverhältnisse rekrutieren. Der Lohn wird im Süden Mexikos noch weiter nach unten gedrückt, da hier überwiegend Menschen indigener Gruppen leben und im ganzen Land ist der Faktor Geschlecht gleich auch ein Lohnfaktor. Frauen verdienen weniger für vergleichbare Arbeit. Im Norden Mexikos gibt es dieses Phänomen prekärer Arbeitsverhältnisse v.a. für Frauen, denn qualifiziertere und technische Tätigkeiten sind den Männern in der Maquila-Industrie „vorbehalten“. Die ungleiche Behandlung von Menschen wiederfährt Mexikanerinnen in ihrem eigenen Land aber auch in dem reichen Nachbarstaat der USA. Ähnlich werden eingewanderte „Gastarbeiterinnen“ oder Osteuropäerinnen in Deutschland diskriminiert. Aufgrund ihrer ethnischen Herkunft und ihres Geschlechts werden sie in prekären niedrig entlohnten Arbeitsverhältnissen beschäftigt.
Auch wenn die Ungleichheiten zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern in ihren Extremen schwanken, zeigen sich diese Formen als weltweites Muster in vielen Beispielen. In Deutschland arbeiten osteuropäische Frauen als saisonale Erntehelferinnen, türkische und osteuropäische Frauen als Reinigungspersonal oder osteuropäische Männer in Fleischereifabriken jeweils unter schwierigen und ungesicherten Arbeitsverhältnissen. Weitere Beispiele gäbe es unzählige. Ethnische und geschlechtliche Differenzen transformieren sich in Form der Lohnhöhe und Qualität des Arbeitsverhältnisses zur sozialen Ungleichheit.
Die Ungleichheit, die sich in materiellen ökonomischen Formen manifestiert, wird von ideologischen Diskursen begleitet und gestützt. So ist in Deutschland, wie in anderen Ländern Europas, und vermehrt seit dem 11.September 2001 von mangelnder Integrationswilligkeit von MigrantInnen die Rede. Die deutsche Sprache sei der Schlüssel zur Integration und Sanktionen über Sprache werden als Mittel symbolischer Machtausübung eingesetzt. Zur Zeit gibt es in politischen öffentlichen Diskursen etliche Berichte über Migrantengruppen, die zu Gewalt neigen. Im Mittelpunkt stehen bestimmte soziale und ethnische Gruppen, die als Problemgruppen ausgemacht werden. Ist es also so einfach mit der Identifikation der Problemursache? Oder statuiert man an dieser Stelle nicht nur ein Exempel, um von Versäumnissen der deutschen Gesellschaft abzulenken, die zeitlich weiter zurückreichen als die Momentaufnahme? Der alleinige Fokus auf bestimmte Migrationsgruppen blendet den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang und den geschichtlich entwickelten Rahmen der Sozialstruktur und symbolischer Gesellschaftsordnung aus. Die Präsentation von und politische Diskurse zu türkischen Bevölkerungsgruppen in Deutschland haben schon lange eine Schieflage, so dass im Prozess der Self-fulfilling Prophecy und der fehlenden Umschreibung dieser Gruppen die Abwertungsspirale nach unten losgetreten wird.
Es stellen sich Fragen nach Entstehung, Entwicklung und der Funktion symbolischer und materieller Machtanordnungen. Dieser Zusammenhang von gesellschaftlichen Ungleichheiten nach Ethnie, Geschlecht und Klasse muss belebt, diskutiert und untersucht werden, um so Diskriminierungen und strukturelle Ungleichheiten verstehen und verändern zu können. Dazu brauchen wir eine geeignete Gesellschaftstheorie und Beschreibungen, die erfassen, wie Diskriminierungen gleichzeitig über die ethnische Herkunft und die Geschlechtszugehörigkeit entstehen und wie die „deutsche Mehrheitsgesellschaft“ mit dem scheinbar ethnisch Differenten im Verhältnis steht. Beide „Pole“ des Verhältnisses gehören in die Betrachtung. Bestehende Ansätze mit dem Fokus auf den Verhältnissen ethnischer Gruppen, Geschlechterverhältnissen und Klassenverhältnissen und auf dem Zusammenspiel dieser Konstellationen müssen diskutiert und auf ihre Eignung geprüft werden. Auch sollte man sich von den vordergründig politischen Diskursen der individuellen „Unfähigkeit“ entfernen und wieder zu einer Diskussion über die gesellschaftliche Verantwortlichkeit zur Bekämpfung von Diskriminierungen gelangen, d.h. auch den „Zeitgeist der Individualisierung und Fragmentierung“ (Klinger 2003) zu überwinden. Die aktuelle gesellschaftliche Herausforderung ist die Wiederbelebung der sozialen Ungleichheitsdiskussion mit neuen Mitteln. Ein reiner Diskurs nach dem Motto der multikulturellen Vielfalt ist unangemessen, da dieser die Tatsache extremer Ungleichheiten in der Gesellschaft und prekärer Arbeitsverhältnisse ausblendet und die soziale Verantwortung v.a. auf die Subjektebene verlagert hat.
Die vorangegangenen Überlegungen verdeutlichen, dass eine empirisch geleitete Theorie sowohl globale als auch nationale und regionale Strukturen von Ungleichheit erfassen muss. Aus dem folgenden Zitat wird deutlich, dass die politischen Strukturen in die Erfahrungswelten der Subjekte eingelassen sind:
„We know that there is such a thing as racial-sexual oppression which is neither solely racial nor solely sexual, e.g., the history of rape of Black women by white men as a weapon of political repression.”
(Combahee River Collective 1982: 16; Hervorh. durch Verf.).
In diesem Auszug des Black Feminist Statement aus dem Jahr 1977 umschreiben schwarze Frauen und Feministinnen des Combahee River Collective ihre Erfahrung gleichzeitiger Unterdrückung durch Rassismus und Sexismus. Dieser Zusammenschluss politischer Aktivistinnen kritisierten, dass bisherige Gesellschaftstheorien und Sozialstrukturmodelle (z.B. marxistisch orientierte Modelle) die gleichzeitige Überschneidung beider Diskriminierungsformen nicht auszudrücken wissen. Es schließt sich die Frage an, warum Beschreibungen von Gesellschaft und deren Struktur nicht adäquat aufzeigen, wie und nach welchen Kriterien Herrschaft und Unterdrückung bzw. Ungleichheit funktionieren. Eine Antwort darauf soll in der vorliegenden Arbeit entwickelt werden. In vorherrschenden Theorien (z.B. klassentheoretischen Ansätzen) werden die sozialen Kategorien wie Race und Gender lediglich angefügt, d.h. simpel addiert. Grundverschieden zu dem additiven Vorgehen wird der Zusammenhang in der schwarzen Frauenbewegung in den USA diskutiert. Die Verknüpfung gesellschaftlicher Differenz und Ungleichheit durch Race, Class, Gender2 und die historische Entwicklung von Ungleichheitsverhältnissen für schwarze Frauen wird in den Mittelpunkt gerückt. Der Kontext dieser Debatte ist durch die schwarze Bürgerrechtsbewegung und die „weiße“ Frauenbewegung seit den 1970er Jahren geprägt, aus denen die schwarze Frauenbewegung hervorgeht, die sich aber durch ihre differenzierten Erkenntnisse abgrenzt. Es eröffnet sich ein Einblick in die sich überschneidenden Herrschaftsverhältnisse, der unterschiedlich betitelt wird. Vor allem der Begriff Intersectionality mit der Triade Race, Class, Gender hat sich bis heute durchgesetzt.
[...]
1 Unter Maquilas bzw. Maquiladoras sind Fabrikanlagen oder damit verbundene Dienstleistungen zu verstehen, die unter das spezielle mexikanische Exportförderprogramm der IME Programa de Industria de Maquiladora de Exportación fallen. Damit genehmigt die mexikanische Regierung bestimmte erleichternde Zollkonditionen auf temporäre Importe von Halbwaren, Komponenten, Kapital etc. für die Produktion und deren Reexport nach der Weiterverarbeitung in Mexiko. Genau genommen kann diese Verarbeitung nicht unter dem Begriff Industrie gefasst werden, da es sich in erster Linie um die Weiterverarbeitung von Einzelteilen zum Produkt handelt (vgl. Carrillo 2003: 1f.) Im mexikanischen Sprachgebrauch werden unter maquilar auch die Arbeitsschritte einer Produktion verstanden, die Handarbeit erfordern (vgl. Larousse 2003: 644).
2 Im vorliegenden Text wähle ich überwiegend die folgende kursive Schreibweise der Triade Race, Class, Gender oder Ethnie, Klasse, Geschlecht, da meiner Ansicht nach dadurch der Lesefluss gefördert wird. Auf die einzelnen Begriffe gehe ich später in der terminologischen Diskussion ein.
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