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Scholarly Essay, 2005, 7 Pages
Author: Prof. Dr. Peter P. Pachl
Subject: Musicology
Details
Year: 2005
Pages: 7
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-61210-4
File size: 98 KB
Eine Bestandsaufnahme der Wieder- und Neubeschäftigung mit dem OEuvre von Siegfried Wagner (1869 - 1930), insbesondere seiner Bühnenwerke, bis zu seinem 75. Todestag im Jahre 2005.
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Excerpt (computer-generated)
Siegfried Wagner zum 75. Todestag - eine Bestandsaufnahme
Peter P. Pachl
Vor 75 Jahren, am 4. August 1930, starb Siegfried Wagner inmitten seiner Arbeit. Den triumphalen Erfolg seiner avantgardistischen „Tannhäuser“-Inszenierung erlebte er nicht mehr. Zu sehr hatte er Raubbau getrieben mit seiner schier unerschöpflichen Arbeitslust, die ihm kaum Zeit zum Schlafen ließ, kompensiert mit einem enormen Zigarettenkonsum. Allen Widerständen der Altwagnerianer zum Trotz hatte der Festspielleiter den exzentrischen Dirigenten Arturo Toscanini und damit erstmals einen Italiener als Orchesterleiter nach Bayreuth geholt und mit Rudolf von Laban einen ebenfalls ob seiner modernen Choreographien umstrittenen Partner für die umfangreiche Venusbergszene der Pariser Fassung engagiert. Ein Vierteljahr zuvor hatte Siegfried Wagner an der Mailänder Scala den „Ring des Nibelungen“ inszeniert und musikalisch geleitet. Dort erfuhr er vom bevorstehenden Tod seiner Mutter Cosima, jener Frau, die schon seit mehr als einem Jahrzehnt geistig abwesend war, aber deren aktive Teilnahme an ihrer Umwelt der Öffentlichkeit vorgegaukelt wurde. Cosima Wagner verstarb am 1. April 1930, im selben Jahr wie ihr Sohn, – und wurde so gedenktagsmäßig an ihn gekettet, wie auch die 1980 verstorbene Gattin des Komponisten, Winifred Wagner.
Sie übernahm nach dem Tode Siegfried Wagners die Festspielleitung, deren Neuorganisation sie hinter dem Rücken ihres Mannes schon lange vorbereitet hatte. Die Ablösung bedeutete eine Einlösung des Gesetzes der Folge, denn auch Cosima war ihren Gatten Richard Wagner als Festspielleiterin nachgefolgt.
Vom Architekten zum Komponisten, Dirigenten, Regisseur und Festspielleiter Der am 6. Juni 1869 geborene Enkel Franz Liszts und einzige Sohn Richard Wagners studierte zunächst Musik und dann Architektur. Auf einer Ostasienreise mit seinem Freund Clement Harris entschloss er sich jedoch, den künstlerischen Wettstreit mit den Vorfahren aufzunehmen. So arbeitete er ab dem Sommer 1892 in diversen Positionen – als Beleuchtungsassistent, Dirigent und Regisseur – bei den Bayreuther Festspielen, deren Leitung er 1907 übernahm. Der insbesondere im Ausland sehr gefeierte, beispielsweise von George Bernard Shaw hochgelobte Dirigent war ob seiner szenischen Neuerungen auch vielen Vorwürfen ausgesetzt, insbesondere als er auch neue Bühnenbilder für „Parsifal“ realisierte, dessen Uraufführungsdekorationen den Wagnerianern als unantastbar galten. Siegfried Wagners eigenwillige Inszenierungen, insbesondere seine polykinetische Chorführung, wurde häufig mit den Leistungen seines Zeitgenossen Max Reinhardt verglichen, dem größten Regisseur des 20. Jahrhunderts.
Nach dem ersten Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise und Inflation bewältigte Siegfried Wagner im Sommer 1924, die Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele nach zehnjähriger Unterbrechung ohne staatliche Subventionen. Neben seiner Arbeit als international gastierender Dirigent, Regisseur und Vortragsredner schuf Siegfried Wagner ein Oeuvre von achtzehn Bühnenwerken, drei sinfonischen Dichtungen, einer Symphonie und einer Reihe von Liedern.
Als Komponist überrundete er, zumindest in der Anzahl und zeitweise auch an Aufführungszahlen, das väterliche Oeuvre: er dichtete und komponierte 18 Opern, deren größter Teil zu seinen Lebzeiten mit wechselndem Erfolg gespielt wurde. Der Zeitzeuge einer spannenden Epoche gesellschaftlicher, kultureller und politischer Umwälzungen verarbeitete seine Erfahrungen und Erlebnisse in seinen achtzehn Opern, die gigantischen Tagebüchern gleichkommen.
In diesen Bühnenwerken erweist sich der Künstler als ein pazifistischer Kosmopolit und somit als ein Dissident gegenüber dem von Bayreuth und seiner eigenen Familie ausgerufenen, nationalistischen Kulturkampf. Die Themen seiner Opern klagen die Gewalt gegenüber Fremden und Außenseitern an. Weder inhaltlich noch thematisch entsprachen sie dem, was sich ein Publikum vom Wagner-Sohn erwartete, und so hatte Siegfried zwar nicht mit dem Drachen, aber als schaffender Künstler doch gleich auf zwei Fronten zu kämpfen: gegen die Wagnerianer, die ihren „Meister“ besser zu verstehen glaubten als dessen Sprössling, und gegen die erbitterten Wagnergegner, die in Wagner junior stets nur Wagner den Jüngeren erblickten. So erfüllte sich für Siegfried Wagner eine Prognose seines Vaters, kurz nach seiner Geburt, am 6. Juni 1869 in Tribschen am Vierwaldstättersee, „Er wird schwer an solchem Namen zu tragen haben“.
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